Aus meinem Leben

Dichtung und Wahrheit

 

 

 


Als Vorwort zu der gegenwŠrtigen Arbeit, welche desselben vielleicht mehr als eine andere bedŸrfen mšchte, stehe hier der Brief eines Freundes, durch den ein solches, immer bedenkliches Unternehmen veranla§t worden.

ÒWir haben, teurer Freund, nunmehr die zwšlf Teile Ihrer dichterischen Werke beisammen, und finden, indem wir sie durchlesen, manches Bekannte, manches Unbekannte; ja manches Vergessene wird durch diese Sammlung wieder angefrischt. Man kann sich nicht enthalten, diese zwšlf BŠnde, welche in einem Format vor uns stehen, als ein Ganzes zu betrachten, und man mšchte sich daraus gern ein Bild des Autors und seines Talents entwerfen. Nun ist nicht zu leugnen, da§ fŸr die Lebhaftigkeit, womit derselbe seine schriftstellerische Laufbahn begonnen, fŸr die lange Zeit, die seitdem verflossen, ein Dutzend BŠndchen zu wenig scheinen mŸssen. Ebenso kann man sich bei den einzelnen Arbeiten nicht verhehlen, da§ meistens besondere Veranlassungen dieselben hervorgebracht und sowohl Šu§ere bestimmte UmstŠnde als innere bestimmte Bildungsstufen daraus hervorscheinen, nicht minder auch gewisse temporŠre moralische und Šsthetische Maximen und †berzeugungen darin obwalten. Im ganzen aber bleiben diese Produktionen immer unzusammenhŠngend; ja oft sollte man kaum glauben, da§ sie von demselben Schriftsteller entsprungen seien.

Ihre Freunde haben indessen die Nachforschung nicht aufgegeben und suchen, als nŠher bekannt mit Ihrer Lebens- und Denkweise, manches RŠtsel zu erraten, manches Problem aufzulšsen; ja sie finden, da eine alte Neigung und ein verjŠhrtes VerhŠltnis ihnen beisteht, selbst in den vorkommenden Schwierigkeiten einigen Reiz. Doch wŸrde uns hie


und da eine Nachhilfe nicht unangenehm sein, welche Sie unseren freundlichen Gesinnungen nicht wohl versagen dŸrfen.

Das erste also, worum wir Sie ersuchen, ist, da§ Sie uns Ihre, bei der neuen Ausgabe, nach gewissen innern Beziehungen geordneten Dichtwerke in einer chronologischen Folge auffŸhren und sowohl die Lebens- und GefŸhlsumstŠnde, die den Stoff dazu hergegeben, als auch die Beispiele, welche auf Sie gewirkt, nicht weniger die theoretischen GrundsŠtze, denen Sie gefolgt, in einem gewissen Zusammenhange vertrauen mšchten. Widmen Sie diese BemŸhung einem engern Kreise, vielleicht entspringt daraus etwas, was auch einem gršßern angenehm und nŸtzlich werden kann. Der Schriftsteller soll bis in sein hšchstes Alter den Vorteil nicht aufgeben, sich mit denen, die eine Neigung zu ihm gefaßt, auch in die Ferne zu unterhalten; und wenn es nicht einem jedem verliehen sein mšchte, in gewissen Jahren mit unerwarteten, mŠchtig wirksamen Zeugnissen von neuem aufzutreten: so sollte doch gerade zu der Zeit, wo die Erkenntnis vollstŠndiger, das Bewußtsein deutlicher wird, das GeschŠft sehr unterhaltend und neubelebend sein, jenes Hervorgebrachte wieder als Stoff zu behandeln und zu einem Letzten zu bearbeiten, welches denen abermals zur Bildung gereiche, die sich frŸher mit und an dem KŸnstler gebildet haben.Ó

Dieses so freundlich geŠußerte Verlangen erweckte bei mir unmittelbar die Lust es zu befolgen. Denn wenn wir in frŸherer Zeit leidenschaftlich unsern eigenen Weg gehen, und, um nicht irre zu werden, die Anforderungen anderer ungeduldig ablehnen, so ist es uns in hšhern Tagen hšchst erwŸnscht, wenn irgendeine Teilnahme uns aufregen und zu einer neuen TŠtigkeit liebevoll bestimmen mag. Ich unterzog mich daher sogleich der vorlŠufigen Arbeit, die gršßeren und kleineren Dichtwerke meiner zwšlf BŠnde auszuzeichnen und den Jahren nach zu ordnen. Ich suchte mir Zeit und UmstŠnde zu vergegenwŠrtigen, unter welchen ich sie her-


vorgebracht. Allein das GeschŠft ward bald beschwerlicher, weil ausfŸhrliche Anzeigen und ErklŠrungen nštig wurden, um die LŸcken zwischen dem bereits Bekanntgemachten auszufŸllen. Denn zuvšrderst fehlt alles, woran ich mich zuerst geŸbt, es fehlt manches Angefangene und nicht Vollendete; ja sogar ist die Šu§ere Gestalt manches Vollendeten všllig verschwunden, indem es in der Folge gŠnzlich umgearbeitet und in eine andere Form gegossen worden. Außer diesem blieb mir auch noch zu gedenken, wie ich mich in Wissenschaften und andern KŸnsten bemŸht, und was ich in solchen fremd erscheinenden FŠchern, sowohl einzeln als in Verbindung mit Freunden, teils im stillen geŸbt, teils šffentlich bekannt gemacht.

Alles dieses wŸnschte ich nach und nach zu Befriedigung meiner Wohlwollenden einzuschalten; allein diese BemŸhungen und Betrachtungen fŸhrten mich immer weiter: denn indem ich jener sehr wohl Ÿberdachten Forderung zu entsprechen wŸnschte und mich bemŸhte, die innern Regungen, die Šu§ern EinflŸsse, die theoretisch und praktisch von mir betretenen Stufen der Reihe nach darzustellen: so ward ich aus meinem engen Privatleben in die weite Welt gerŸckt, die Gestalten von hundert bedeutenden Menschen, welche nŠher oder entfernter auf mich eingewirkt, traten hervor; ja die ungeheuren Bewegungen des allgemeinen politischen Weltlaufs, die auf mich, wie auf die ganze Masse der Gleichzeitigen, den grš§ten Einflu§ gehabt, mu§ten vorzŸglich beachtet werden. Denn dieses scheint die Hauptaufgabe der Biographie zu sein, den Menschen in seinen ZeitverhŠltnissen darzustellen, und zu zeigen, inwiefern ihm das Ganze widerstrebt, inwiefern es ihn begŸnstigt, wie er sich eine Welt- und Menschenansicht daraus gebildet und wie er sie, wenn er KŸnstler, Dichter, Schriftsteller ist, wieder nach au§en abgespiegelt. Hierzu wird aber ein kaum Erreichbares gefordert, da- nŠmlich das Individuum sich und sein Jahrhundert kenne, sich, inwiefern es unter allen UmstŠnden dasselbe geblieben, das Jahrhundert, als welches sowohl den


Willigen als Unwilligen mit sich fortrei§t, bestimmt und bildet, dergestalt, da§ man wohl sagen kann, ein jeder, nur zehn Jahre frŸher oder spŠter geboren, dŸrfte, was seine eigene Bildung und die Wirkung nach au§en betrifft, ein ganz anderer geworden sein.

Auf diesem Wege, aus dergleichen Betrachtungen und Versuchen, aus solchen Erinnerungen und †berlegungen entsprang die gegenwŠrtige Schilderung, und aus diesem Gesichtspunkt ihres Entstehens wird sie am besten genossen, genutzt und am billigsten beurteilt werden kšnnen. Was aber sonst noch, besonders Ÿber die halb poetische, halb historische Behandlung etwa zu sagen sein mšchte, dazu findet sich wohl im Laufe der ErzŠhlung mehrmals Gelegenheit.


ERSTER TEIL

Wer nicht geschunden wird, wird nicht erzogen


Erstes Buch

 

Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwšlf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glŸcklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau, und kulminierte fŸr den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwŠrtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgŸltig: nur der Mond, der soeben voll ward, Ÿbte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorŸbergegangen.

Diese guten Aspekten, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr hoch anzurechnen wu§ten, mšgen wohl Ursache an meiner Erhaltung gewesen sein: denn durch Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich fŸr tot auf die Welt, und nur durch vielfache BemŸhungen brachte man es dahin, da§ ich das Licht erblickte. Dieser Umstand, welcher die Meinigen in gro§e Not versetzt hatte, gereichte jedoch meinen MitbŸrgern zum Vorteil, indem mein Gro§vater, der Schulthei§ Johann Wolfgang Textor, daher Anla§ nahm, da§ ein Geburtshelfer angestellt, und der Hebammenunterricht eingefŸhrt oder erneuert wurde; welches denn manchem der Nachgebornen mag zugute gekommen sein.

Wenn man sich erinnern will, was uns in der frŸhsten Zeit der Jugend begegnet ist, so kommt man oft in den Fall dasjenige, was wir von andern gehšrt, mit dem zu verwechseln, was wir wirklich aus eigner anschauender Erfahrung besitzen. Ohne also hierŸber eine genaue Untersuchung anzustellen, welche ohnehin zu nichts fŸhren kann, bin ich mir bewu§t, da§ wir in einem alten Hause wohnten, welches eigentlich aus zwei durchgebrochenen HŠusern bestand.


Eine turmartige Treppe fŸhrte zu unzusammenhŠngenden Zimmern, und die Ungleichheit der Stockwerke war durch Stufen ausgeglichen. FŸr uns Kinder, eine jŸngere Schwester und mich, war die untere weitlŠuftige Hausflur der liebste Raum,welche neben der TŸre ein gro§es hšlzernes Gitterwerk hatte, wodurch man unmittelbar mit der Stra§e undder freien Luft in Verbindung kam. Einen solchen Vogelbauer, mit dem viele HŠuser versehen waren,nannte man ein GerŠms. Die Frauen sa§en darin, um zu nŠhen und zu stricken; die Kšchin las ihren Salat;die Nachbarinnen besprachen sich von daher miteinander, und die Stra§en gewannen dadurch in der guten Jahrszeit ein sŸdliches Ansehen. Man fŸhlte sich frei, indem man mit dem …ffentlichen vertraut war. So kamen auch durch diese GerŠmse die Kinder mit den Nachbarn in Verbindung, und mich gewannen drei gegenŸber wohnende BrŸder von Ochsenstein, hinterlassene Sšhne des verstorbenen Schulthei§en, gar lieb, und beschŠftigten und neckten sich mit mir auf mancherlei Weise.

Die Meinigen erzŠhlten gern allerlei Eulenspiegeleien, zu denen mich jene sonst ernsten und einsamen MŠnner angereizt. Ich fŸhre nur einen von diesen Streichen an. Es war eben Topfmarkt gewesen, und man hatte nicht allein die KŸche fŸr die nŠchste Zeit mit solchen Waren versorgt, sondern auch uns Kindern dergleichen Geschirr im kleinen zu spielender BeschŠftigung eingekauft. An einem schšnen Nachmittag, da alles ruhig im Hause war, trieb ich im GerŠms mit meinen SchŸsseln und Tšpfen mein Wesen, und da weiter nichts dabei herauskommen wollte, warf ich ein Geschirr auf die Stra§e und freute mich, da§ es so lustig zerbrach. Die von Ochsenstein, welche sahen, wie ich mich daran ergetzte, da§ ich so gar fršhlich in die HŠndchen putschte, riefen: "Noch mehr!" Ich sŠumte nicht, sogleich einen Topf, und auf immer fortwŠhrendes Rufen: "Noch mehr!" nach und nach sŠmtliche SchŸsselchen, Tiegelchen, KŠnnchen gegen das Pflaster zu schleudern. Meine Nachbarn


fuhren fort, ihren Beifall zu bezeigen, und ich war hšchlich froh, ihnen VergnŸgen zu machen. Mein Vorrat aber war aufgezehrt, und sie riefen immer: "Noch mehr!" Ich eilte daher stracks in die KŸche und holte die irdenen Teller, welchen nun freilich im Zerbrechen noch ein lustigeres Schauspiel gaben; und so lief ich hin und wider, brachte einen Teller nach dem andern, wie ich sie auf dem Topfbrett der Reihe nach erreichen konnte, und weil sich jene gar nicht zufrieden gaben, so stŸrzte ich alles, was ich von Geschirr erschleppen konnte, in gleiches Verderben. Nur spŠter erschien jemand, zu hindern und zu wehren. Das UnglŸck war geschehen, und man hatte fŸr so viel zerbrochene Tšpferware wenigstens eine lustige Geschichte, an der sich besonders die schalkischen Urheber bis an ihr Lebensende ergetzten.

Meines Vaters Mutter, bei der wir eigentlich im Hause wohnten, lebte in einem gro§en Zimmer hinten hinaus, unmittelbar an der Hausflur, und wir pflegten unsere Spiele bis an ihren Sessel, ja, wenn sie krank war, bis an ihr Bett hin auszudehnen. Ich erinnere mich ihrer gleichsam als eines Geistes, als einer schšnen, hagern, immer wei§ und reinlich gekleideten Frau. Sanft, freundlich, wohlwollend ist sie mir im GedŠchtnis geblieben.

Wir hatten die Stra§e, in welcher unser Haus lag, den Hirschgraben nennen hšren; da wir aber weder Graben noch Hirsche sahen, so wollten wir diesen Ausdruck erklŠrt wissen. Man erzŠhlte sodann, unser Haus stehe auf einem Raum, der sonst au§erhalb der Stadt gelegen, und da, wo jetzt die Stra§e sich befinde, sei ehmals ein Graben gewesen, in welchem eine Anzahl Hirsche unterhalten worden. Man habe diese Tiere hier bewahrt und genŠhrt, weil nach einem alten Herkommen der Senat alle Jahre einen Hirsch šffentlich verspeiset, den man denn fŸr einen solchen Festtag hier im Graben immer zur Hand gehabt, wenn auch auswŠrts FŸrsten und Ritter der Stadt ihre Jagdbefugnis verkŸmmerten und stšrten, oder wohl gar Feinde die Stadt eingeschlossen oder belagert hielten. Dies gefiel uns sehr, und wir wŸnschten, eine


solche zahme Wildbahn wŠre auch noch bei unsern Zeiten zu sehen gewesen.

Die Hinterseite des Hauses hatte, besonders aus dem oberen Stock, eine sehr angenehme Aussicht Ÿber eine beinah unabsehbare FlŠche von NachbarsgŠrten, die sich bis an die Stadtmauern verbreiteten. Leider aber war, bei Verwandlung der sonst hier befindlichen GemeindeplŠtze in HausgŠrten, unser Haus und noch einige andere, die gegen die Stra§enecke zu lagen, sehr verkŸrzt worden, indem die HŠuser vom Ro§markt her weitlŠufige HintergebŠude und gro§e GŠrten sich zueigneten, wir aber uns durch eine ziemlich hohe Mauer unsres Hofes von diesen so nah gelegenen Paradiesen ausgeschlossen sahen.

Im zweiten Stock befand sich ein Zimmer, welches man das Gartenzimmer nannte, weil man sich daselbst durch wenige GewŠchse vor dem Fenster den Mangel eines Gartens zu ersetzen gesucht hatte. Dort war, wie ich heranwuchs, mein liebster, zwar nicht trauriger, aber doch sehnsŸchtiger Aufenthalt. †ber jene GŠrten hinaus, Ÿber Stadtmauern und WŠlle sah man in eine schšne fruchtbare Ebene; es ist die welche sich nach Hšchst hinzieht. Dort lernte ich Sommerszeit gewšhnlich meine Lektionen, wartete die Gewitter ab, und konnte mich an der untergehenden Sonne, gegen welche die Fenster gerade gerichtet waren, nicht satt genug sehen. Da ich aber zu gleicher Zeit die Nachbarn in ihren GŠrten wandeln und ihre Blumen besorgen, die Kinder spielen, die Gesellschaften sich ergetzen sah, die Kegelkugeln rollen und die Kegel fallen hšrte: so erregte dies frŸhzeitig in mir ein GefŸhl der Einsamkeit und einer daraus entspringenden Sehnsucht, das, dem von der Natur in mich gelegten Ernsten und Ahndungsvollen entsprechend, seinen Einflu§ gar bald und in der Folge noch deutlicher zeigte.

Die alte, winkelhafte, an vielen Stellen dŸstere Beschaffenheit des Hauses war Ÿbrigens geeignet, Schauer und Furcht in kindlichen GemŸtern zu erwecken. UnglŸcklicherweise hatte man noch die Erziehungsmaxime, den Kindern frŸh-


zeitig alle Furcht vor dem Ahnungsvollen und Unsichtbaren zu benehmen und sie an das Schauderhafte zu gewšhnen. Wir Kinder sollten daher allein schlafen, und wenn uns dieses unmšglich fiel, und wir uns sacht aus den Betten hervormachten und die Gesellschaft der Bedienten und MŠgde suchten, so stellte sich, in umgewandtem Schlafrock und also fŸr uns verkleidet genug, der Vater in den Weg und schreckte uns in unsere RuhestŠtte zurŸck. Die daraus entspringende Ÿble Wirkung denkt sich jedermann. Wie soll derjenige die Furcht los werden, den man zwischen ein doppeltes Furchtbare einklemmt? Meine Mutter, stets heiter und froh, und andern das gleiche gšnnend, erfand eine bessere pŠdagogische Auskunft. Sie wu§te ihren Zweck durch Belohnungen zu erreichen. Es war die Zeit der Pfirschen, deren reichlichen Genu§ sie uns jeden Morgen versprach, wenn wir nachts die Furcht Ÿberwunden hŠtten. Es gelang, und beide Teile waren zufrieden.

Innerhalb des Hauses zog meinen Blick am meisten eine Reihe ršmischer Prospekte auf sich, mit welchen der Vater einen Vorsaal ausgeschmŸckt hatte, gestochen von einigen geschickten VorgŠngern des Piranesi, die sich auf Architektur und Perspektive wohl verstanden, und deren Nadel sehr deutlich und schŠtzbar ist. Hier sah ich tŠglich die Piazza del Popolo, das Coliseo, den Petersplatz, die Peterskirche von au§en und innen, die Engelsburg und so manches andere. Diese Gestalten drŸckten sich tief bei mir ein und der sonst sehr lakonische Vater hatte wohl manchmal die GefŠlligkeit, eine Beschreibung des Gegenstandes vernehmen zu lassen. Seine Vorliebe fŸr die italienische Sprache und fŸr alles, was sich auf jenes Land bezieht, war sehr ausgesprochen. Eine kleine Marmor - und Naturaliensammlung, die er von dorther mitgebracht, zeigte er uns auch manchmal vor, und einen gro§en Teil seiner Zeit verwendete er auf seine italienisch verfa§te Reisebeschreibung, deren Abschrift und Redaktion er eigenhŠndig, heftweise, langsam und genau ausfertigte. Ein alter heiterer italienischer Sprachmeister, Giovinazzi ge-


nannt, war ihm daran behŸlflich. Auch sang der Alte nicht Ÿbel, und meine Mutter mu§te sich bequemen, ihn und sich selbst mit dem Klaviere tŠglich zu akkompagnieren; da ich denn das " Solitario bosco ombroso" bald kennen lernte, und auswendig wu§te, ehe ich es verstand.

Mein Vater war Ÿberhaupt lehrhafter Natur, und bei seiner Entfernung von GeschŠften wollte er gern dasjenige, was er wu§te und vermochte, auf andre Ÿbertragen. So hatte er meine Mutter in den ersten Jahren ihrer Verheiratung zum flei§igen Schreiben angehalten, wie zum Klavierspielen und Singen; wobei sie sich genštigt sah, auch in der italienischen Sprache einige Kenntnis und notdŸrftige Fertigkeit zu erwerben.

Gewšhnlich hielten wir uns in allen unsern Freistunden zur Gro§mutter, in deren gerŠumigem Wohnzimmer wir hinlŠnglich Platz zu unsern Spielen fanden. Sie wu§te uns mit allerlei Kleinigkeiten zu beschŠftigen, und mit allerlei guten Bissen zu erquicken. An einem Weihnachtsabende jedoch setzte sie allen ihren Wohltaten die Krone auf, indem sie uns ein Puppenspiel vorstellen lie§, und so in dem alten Hause eine neue Welt erschuf. Dieses unerwartete Schauspiel zog die jungen GemŸter mit Gewalt an sich; besonders auf den Knaben machte es einen sehr starken Eindruck, der in eine gro§e langdauernde Wirkung nachklang.

Die kleine BŸhne mit ihrem stummen Personal, die man uns anfangs nur vorgezeigt hatte, nachher aber zu eigner †bung und dramatischer Belebung Ÿbergab, mu§te uns Kindern um so viel werter sein, als es das letzte VermŠchtnis unserer guten Gro§mutter war, die bald darauf durch zunehmende Krankheit unsern Augen erst entzogen, und dann fŸr immer durch den Tod entrissen wurde. Ihr Abscheiden war fŸr die Familie von desto grš§erer Bedeutung, als es eine všllige VerŠnderung in dem Zustande derselben nach sich zog.

Solange die Gro§mutter lebte, hatte mein Vater sich gehŸtet, nur das mindeste im Hause zu verŠndern oder zu er-


neuern; aber man wu§te wohl, da§ er sich zu einem Hauptbau vorbereitete, der nunmehr auch sogleich vorgenommen wurde. In Frankfurt, wie in mehrern alten StŠdten, hatte man bei AuffŸhrung hšlzerner GebŠude, um Platz zu gewinnen, sich erlaubt, nicht allein mit dem ersten, sondern auch mit den folgenden Stocken Ÿberzubauen, wodurch denn freilich besonders enge Stra§en etwas DŸsteres und €ngstliches bekamen. Endlich ging ein Gesetz durch, da§, wer ein neues Haus von Grund auf baue, nur mit dem ersten Stock Ÿber das Fundament herausrŸcken dŸrfe, die Ÿbrigen aber senkrecht auffŸhren mŸsse. Mein Vater, um den vorspringenden Raum im zweiten Stock auch nicht aufzugeben, wenig bekŸmmert um Šu§eres architektonisches Ansehen, und nur um innere gute und bequeme Einrichtung besorgt, bediente sich, wie schon mehrere vor ihm getan, der Ausflucht, die oberen Teile des Hauses zu unterstŸtzen und von unten herauf einen nach dem andern wegzunehmen, und das Neue gleichsam einzuschalten, so da§, wenn zuletzt gewisserma§en nichts von dem Alten Ÿbrig blieb, der ganz neue Bau noch immer fŸr eine Reparatur gelten konnte. Da nun also das Einrei§en und Aufrichten allmŠhlich geschah, so hatte mein Vater sich vorgenommen, nicht aus dem Hause zu weichen, um desto besser die Aufsicht zu fŸhren und die Anleitung geben zu kšnnen: denn aufs Technische des Baues verstand er sich ganz gut; dabei wollte er aber auch seine Familie nicht von sich lassen. Diese neue Epoche war den Kindern sehr Ÿberraschend und sonderbar. Die Zimmer, in denen man sie oft enge genug gehalten und mit wenig erfreulichem Lernen und Arbeiten geŠngstigt, die GŠnge, auf denen sie gespielt, die WŠnde, fŸr deren Reinlichkeit und Erhaltung man sonst so sehr gesorgt, alles das vor der Hacke des Maurers, vor dem Beile des Zimmermanns fallen zu sehen, und zwar von unten herauf, und indessen oben auf unterstŸtzten Balken gleichsam in der Luft zu schweben, und dabei immer noch zu einer gewissen Lektion, zu einer bestimmten Arbeit angehalten zu werden - dieses alles brachte


eine Verwirrung in den jungen Kšpfen hervor, die sich so leicht nicht wieder ins gleiche setzen lie§. Doch wurde die Unbequemlichkeit von der Jugend weniger empfunden, weil ihr etwas mehr Spielraum als bisher und manche Gelegenheit, sich auf Balken zu schaukeln und auf Brettern zu schwingen, gelassen ward.

HartnŠckig setzte der Vater die erste Zeit seinen Plan durch; doch als zuletzt auch das Dach teilweise abgetragen wurde, und, ohngeachtet alles Ÿbergespannten Wachstuches von abgenommenen Tapeten, der Regen bis zu unsern Betten gelangte: so entschlo§ er sich, obgleich ungern, die Kinder wohlwollenden Freunden, welche sich schon frŸher dazu erboten hatten, auf eine Zeitlang zu Ÿberlassen und sie in eine šffentliche Schule zu schicken.

Dieser †bergang hatte manches Unangenehme: denn indem man die bisher zu Hause abgesondert, reinlich, edel, obgleich streng gehaltenen Kinder unter eine rohe Masse von jungen Geschšpfen hinunterstie§, so hatten sie vom Gemeinen, Schlechten, ja NiedertrŠchtigen ganz unerwartet alles zu leiden, weil sie aller Waffen und aller FŠhigkeit ermangelten, sich dagegen zu schŸtzen.

Um diese Zeit war es eigentlich, da§ ich meine Vaterstadt zuerst gewahr wurde: wie ich denn nach und nach immer freier und ungehinderter, teils allein, teils mit muntern Gespielen, darin auf und ab wandelte. Um den Eindruck, den diese ernsten und wŸrdigen Umgebungen auf mich machten, einigerma§en mitzuteilen, mu§ ich hier mit der Schilderung meines Geburtsortes vorgreifen, wie er sich in seinen verschiedenen Teilen allmŠhlich vor mir entwickelte. Am liebsten spazierte ich auf der gro§en MainbrŸcke. Ihre LŠnge, ihre Festigkeit, ihr gutes Ansehen machte sie zu einem bemerkenswerten Bauwerk; auch ist es aus frŸherer Zeit beinahe das einzige Denkmal jener Vorsorge, welche die weltliche Obrigkeit ihren BŸrgern schuldig ist. Der schšne Flu§ auf und abwŠrts zog meine Blicke nach sich; und wenn auf dem BrŸckenkreuz der goldene Hahn im Sonnenschein


glŠnzte, so war es mir immer eine erfreuliche Empfindung. Gewšhnlich ward alsdann durch Sachsenhausen spaziert, und die †berfahrt fŸr einen Kreuzer gar behaglich genossen. Da befand man sich nun wieder diesseits, da schlich man zum Weinmarkte, bewunderte den Mechanismus der Krane, wenn Waren ausgeladen wurden; besonders aber unterhielt uns die Ankunft der Marktschiffe, wo man so mancherlei und mitunter so seltsame Figuren aussteigen sah. Ging es nun in die Stadt herein, so ward jederzeit der Saalhof, der wenigstens an der Stelle stand, wo die Burg Kaiser Karls des Gro§en und seiner Nachfolger gewesen sein sollte, ehrfurchtsvoll gegrŸ§t. Man verlor sich in die alte Gewerbstadt, und besonders Markttages gern in dem GewŸhl, das sich um die BartholomŠuskirche herum versammelte. Hier hatte sich, von den frŸhsten Zeiten an, die Menge der VerkŠufer und KrŠmer Ÿbereinander gedrŠngt, und wegen einer solchen Besitznahme konnte nicht leicht in den neuern Zeiten eine gerŠumige und heitere Anstalt Platz finden. Die Buden des sogenannten Pfarreisen waren uns Kindern sehr bedeutend, und wir trugen manchen Batzen hin, um uns farbige, mit goldenen Tieren bedruckte Bogen anzuschaffen. Nur selten aber mochte man sich Ÿber den beschrŠnkten, vollgepfropften und unreinlichen Marktplatz hindrŠngen. So erinnere ich mich auch, da§ ich immer mit Entsetzen vor den daransto§enden engen und hŠ§lichen FleischbŠnken geflohen bin. Der Ršmerberg war ein desto angenehmerer Spazierplatz. Der Weg nach der neuen Stadt, durch die Neue KrŠme, war immer aufheiternd und ergetzlich; nur verdro§ es uns, da§ nicht neben der Liebfrauenkirche eine Stra§e nach der Zeile zuging, und wir immer den gro§en Umweg durch die Hasengasse oder die Katharinenpforte machen mu§ten. Was aber die Aufmerksamkeit des Kindes am meisten an sich zog, waren die vielen kleinen StŠdte in der Stadt, die Festungen in der Festung, die ummauerten Klosterbezirke nŠmlich, und die aus frŸhern Jahrhunderten noch Ÿbrigen mehr oder minder burgartigen RŠume: so der NŸrnberger Hof, das


Kompostell, das Braunfels, das Stammhaus derer von Stallburg, und mehrere in den spŠtern Zeiten zu Wohnungen und Gewerbebenutzungen eingerichtete Festen. Nichts architektonisch Erhebendes war damals in Frankfurt zu sehen: alles deutete auf eine lŠngst vergangne, fŸr Stadt und Gegend sehr unruhige Zeit. Pforten und TŸrme, welche die Grenze der alten Stadt bezeichneten, dann weiterhin abermals Pforten, TŸrme, Mauern, BrŸcken, WŠlle, GrŠben, womit die neue Stadt umschlossen war, alles sprach noch zu deutlich aus, da§ die Notwendigkeit, in unruhigen Zeiten dem Gemeinwesen Sicherheit zu verschaffen, diese Anstalten hervorgebracht, da§ die PlŠtze, die Stra§en, selbst die neuen, breiter und schšner angelegten, alle nur dem Zufall und der WillkŸr und keinem regelnden Geiste ihren Ursprung zu danken hatten. Eine gewisse Neigung zum AltertŸmlichen setzte sich bei dem Knaben fest, welche besonders durch alte Chroniken, Holzschnitte, wie z. B. den Graveschen von der Belagerung von Frankfurt, genŠhrt und begŸnstigt wurde; wobei noch eine andre Lust, blo§ menschliche ZustŠnde in ihrer Mannigfaltigkeit und NatŸrlichkeit, ohne weitern Anspruch auf Interesse oder Schšnheit, zu erfassen, sich hervortat. So war es eine von unsern liebsten Promenaden, die wir uns des Jahrs ein paarmal zu verschaffen suchten, inwendig auf dem Gange der Stadtmauer herzuspazieren. GŠrten, Hšfe, HintergebŠude ziehen sich bis an den Zwinger heran, man sieht mehreren tausend Menschen in ihre hŠuslichen kleinen, abgeschlossenen, verborgenen ZustŠnde. Von dem Putz- und Schaugarten des Reichen zu den ObstgŠrten des fŸr seinen Nutzen besorgten BŸrgers, von da zu Fabriken, BleichplŠtzen und Šhnlichen Anstalten, ja bis zum Gottesacker selbst - denn eine kleine Welt lag innerhalb des Bezirks der Stadt - ging man an dem mannigfaltigsten, wunderlichsten, mit jedem Schritt sich verŠndernden Schauspiel vorbei, an dem unsere kindische Neugier sich nicht genug ergetzen konnte. Denn fŸrwahr, der bekannte hinkende Teufel, als er fŸr seinen Freund die


DŠcher von Madrid in der Nacht abhob, hat kaum mehr fŸr diesen geleistet, als hiervor uns unter freiem Himmel, bei hellem Sonnenschein, getan war. Die SchlŸssel, deren man sich auf diesem Wege bedienen mu§te, um durch mancherlei TŸrme, Treppen und Pfšrtchen durchzukommen, waren in den HŠnden der Zeugherren, und wir verfehlten nicht, ihren Subalternen aufs beste zu schmeicheln.

Bedeutender noch und in einem andern Sinne fruchtbarer blieb fŸr uns das Rathaus, der Ršmer genannt. In seinen untern, gewšlbŠhnlichen Hallen verloren wir uns gar zu gerne. Wir verschafften uns Eintritt in das gro§e, hšchst einfache Sessionszimmer des Rates. Bis auf eine gewisse Hšhe getŠfelt, waren Ÿbrigens die WŠnde so wie die Wšlbung wei§, und das Ganze ohne Spur von Malerei oder irgend einem Bildwerk. Nur an der mittelsten Wand in der Hšhe las man die kurze Inschrift:

Eines Manns Rede

Ist keines Manns Rede:

Man soll sie billig hšren beede.

 

Nach der altertŸmlichsten Art waren fŸr die Glieder dieser Versammlung BŠnke ringsumher an der VertŠfelung angebracht und um eine Stufe von dem Boden erhšht. Da begriffen wir leicht, warum die Rangordnung unsres Senats nach BŠnken eingeteilt sei. Von der TŸre linker Hand bis in die gegenŸberstehende Ecke, als auf der ersten Bank, sa§en die Schšffen, in der Ecke selbst der Schulthei§, der einzige, der ein kleines Tischchen vor sich hatte; zu seiner Linken bis gegen die Fensterseite sa§en nunmehr die Herren der zweiten Bank; an den Fenstern her zog sich die dritte Bank, welche die Handwerker einnahmen; in der Mitte des Saals stand ein Tisch fŸr den ProtokollfŸhrer.

Waren wir einmal im Ršmer, so mischten wir uns auch wohl in das GedrŠnge vor den burgemeisterlichen Audienzen. Aber grš§eren Reiz hatte alles, was sich auf Wahl und Kršnung der Kaiser bezog. Wir wu§ten uns die Gunst der


Schlie§er zu verschaffen, um die neue, heitre, in Fresko gemalte, sonst durch ein Gitter verschlossene Kaisertreppe hinaufsteigen zu dŸrfen. Das mit Purpurtapeten und wunderlich verschnšrkelten Goldleisten verzierte Wahlzimmer flš§te uns Ehrfurcht ein. Die TŸrstŸcke, auf welchen kleine Kinder oder Genien, mit dem kaiserlichen Ornat bekleidet, und belastet mit den Reichsinsignien, eine gar wunderliche Figur spielen, betrachteten wir mit gro§er Aufmerksamkeit, und hofften wohl auch noch einmal eine Kršnung mit Augen zu erleben. Aus dem gro§en Kaisersaale konnte man uns nur mit sehr vieler MŸhe wieder herausbringen, wenn es uns einmal geglŸckt war, hineinzuschlŸpfen; und wir hielten denjenigen fŸr unsern wahrsten Freund, der uns bei den Brustbildern der sŠmtlichen Kaiser, die in einer gewissen Hšhe umher gemalt waren, etwas von ihren Taten erzŠhlen mochte.

Von Karl dem Gro§en vernahmen wir manches MŠrchenhafte; aber das Historisch - Interessante fŸr uns fing erst mit Rudolf von Habsburg an, der durch seine Mannheit so gro§en Verwirrungen ein Ende gemacht. Auch Karl der Vierte zog unsre Aufmerksamkeit an sich. Wir hatten schon von der Goldnen Bulle und der Peinlichen Halsgerichtsordnung gehšrt, auch da§ er den Frankfurtern ihre AnhŠnglichkeit an seinen edlen Gegenkaiser, GŸnther von Schwarzburg, nicht entgelten lie§. Maximilianen hšrten wir als einen Menschen und BŸrgerfreund loben, und da§ von ihm prophezeit worden, er werde der letzte Kaiser aus einem deutschen Hause sein; welches denn auch leider eingetroffen, indem nach seinem Tode die Wahl nur zwischen dem Kšnig von Spanien, Karl dem FŸnften, und dem Kšnig von Frankreich, Franz dem Ersten, geschwankt habe. Bedenklich fŸgte man hinzu, da§ nun abermals eine solche Weissagung oder vielmehr Vorbedeutung umgehe: denn es sei augenfŠllig, da§ nur noch Platz fŸr das Bild eines Kaisers Ÿbrig bleibe; ein Umstand, der, obgleich zufŠllig scheinend, die Patriotisch gesinnten mit Besorgnis erfŸlle.


Wenn wir nun so einmal unsern Umgang hielten, verfehlten wir auch nicht, uns nach dem Dom zu begeben und daselbst das Grab jenes braven, von Freund und Feinden geschŠtzten GŸnther zu besuchen. Der merkwŸrdige Stein, der es ehmals bedeckte, ist in dem Chor aufgerichtet. Die gleich daneben befindliche TŸre, welche ins Konklave fŸhrt blieb uns lange verschlossen, bis wir endlich durch die obern Behšrden auch den Eintritt in diesen so bedeutenden Ort zu erlangen wu§ten. Allein wir hŠtten besser getan, ihn durch unsre Einbildungskraft, wie bisher, auszumalen: denn wir fanden diesen in der deutschen Geschichte so merkwŸrdigen Raum, wo die mŠchtigsten FŸrsten sich zu einer Handlung von solcher Wichtigkeit zu versammlen pflegten, keinesweges wŸrdig ausgeziert, sondern noch obenein mit Balken, Stangen, GerŸsten und anderem solchen Gesperr, das man beiseitesetzen wollte, verunstaltet. Desto mehr ward unsere Einbildungskraft angeregt und das Herz uns erhoben, als wir kurz nachher die Erlaubnis erhielten, beim Vorzeigen der Goldnen Bulle an einige vornehme Fremden auf dem Rathause gegenwŠrtig zu sein.

Mit vieler Begierde vernahm der Knabe sodann, was ihm die Seinigen so wie Šltere Verwandte und Bekannte gern erzŠhlten und wiederholten, die Geschichten der zuletzt kurz auf einander gefolgten Kršnungen: denn es war kein Frankfurter von einem gewissen Alter, der nicht diese beiden Ereignisse, und was sie begleitete, fŸr den Gipfel seines Lebens gehalten hŠtte. So prŠchtig die Kršnung Karls des Siebenten gewesen war, bei welcher besonders der franzšsische Gesandte, mit Kosten und Geschmack, herrliche Feste gegeben, so war doch die Folge fŸr den guten Kaiser desto trauriger, der seine Residenz MŸnchen nicht behaupten konnte und gewisserma§en die Gastfreiheit seiner ReichsstŠdter anflehen mu§te.

War die Kršnung Franz' des Ersten nicht so auffallend prŠchtig wie jene, so wurde sie doch durch die Gegenwart der Kaiserin Maria Theresia verherrlicht, deren Schšnheit


ebenso einen gro§en Eindruck auf die MŠnner scheint gemacht zu haben, als die ernste wŸrdige Gestalt und die blauen Augen Karls des Siebenten auf die Frauen. Wenigstens wetteiferten beide Geschlechter, dem aufhorchenden Knaben einen hšchst vorteilhaften Begriff von jenen beiden Personen beizubringen. Alle diese Beschreibungen und ErzŠhlungen geschahen mit heitrem und beruhigtem GemŸt: denn der Aachner Friede hatte fŸr den Augenblick aller Fehde ein Ende gemacht, und wie von jenen Feierlichkeiten, so sprach man mit Behaglichkeit von den vorŸbergegangenen KriegszŸgen, von der Schlacht bei Dettingen, und was die merkwŸrdigsten Begebenheiten der verflossenen Jahre mehr sein mochten; und alles Bedeutende und GefŠhrliche schien, wie es nach einem abgeschlossenen Frieden zu gehen pflegt, sich nur ereignet zu haben, um glŸcklichen und sorgenfreien Menschen zur Unterhaltung zu dienen.

Hatte man in einer solchen patriotischen BeschrŠnkung kaum ein halbes Jahr hingebracht, so traten schon die Messen wieder ein, welche in den sŠmtlichen Kinderkšpfen jederzeit eine unglaubliche GŠrung hervorbrachten. Eine durch Erbauung so vieler Buden innerhalb der Stadt in weniger Zeit entspringende neue Stadt, das Wogen und Treiben, das Abladen und Auspacken der Waren erregte von den ersten Momenten des Bewu§tseins an eine unbezwinglich tŠtige Neugierde und ein unbegrenztes Verlangen nach kindischem Besitz, das der Knabe mit wachsenden Jahren, bald auf diese bald auf jene Weise, wie es die KrŠfte seines kleinen Beutels erlauben wollten, zu befriedigen suchte. Zugleich aber bildete sich die Vorstellung von dem, was die Welt alles hervorbringt, was sie bedarf, und was die Bewohner ihrer verschiedenen Teile gegen einander auswechseln.

Diese gro§en, im FrŸhjahr und Herbst eintretenden Epochen wurden durch seltsame Feierlichkeiten angekŸndigt, welche um desto wŸrdiger schienen, als sie die alte Zeit, und was von dorther noch auf uns gekommen, lebhaft vergegenwŠrtigten. Am Geleitstag war das ganze Volk auf den Beinen,


drŠngte sich nach der Fahrgasse, nach der BrŸcke, bis Ÿber Sachsenhausen hinaus; alle Fenster waren besetzt, ohne da§ den Tag Ÿber was Besonderes vorging; die Menge schien nur da zu sein, um sich zu drŠngen, und die Zuschauer, um sich unter einander zu betrachten: denn das, worauf es eigentlich ankam, ereignete sich erst mit sinkender Nacht, und wurde mehr geglaubt als mit Augen gesehen.

In jenen Šltern unruhigen Zeiten nŠmlich, wo ein jeder nach Belieben Unrecht tat, oder nach Lust das Rechte befšrderte, wurden die auf die Messen ziehenden Handelsleute von Wegelagerern, edlen und unedlen Geschlechts, willkŸrlich geplagt und geplackt, so da§ FŸrsten und andre mŠchtige StŠnde die Ihrigen mit gewaffneter Hand bis nach Frankfurt geleiten lie§en. Hier wollten nun aber die ReichsstŠdter sich selbst und ihrem Gebiet nichts vergeben; sie zogen den Ankšmmlingen entgegen: da gab es denn manchmal Streitigkeiten, wie weit jene Geleitenden herankommen, oder ob sie wohl gar ihren Einritt in die Stadt nehmen kšnnten. Weil nun dieses nicht allein bei Handels- und Me§geschŠften stattfand, sondern auch wenn hohe Personen in Kriegs- und Friedenszeiten, vorzŸglich aber zu Wahltagen sich heranbegaben, und es auch šfters zu TŠtlichkeiten kam, sobald irgend ein Gefolge, das man in der Stadt nicht dulden wollte, sich mit seinem Herrn hereinzudrŠngen begehrte: so waren zeither darŸber manche Verhandlungen gepflogen, es waren viele Rezesse deshalb, obgleich stets mit beiderseitigen Vorbehalten, geschlossen worden, und man gab die Hoffnung nicht auf, den seit Jahrhunderten dauernden Zwist endlich einmal beizulegen, als die ganze Anstalt, weshalb er so lange und oft sehr heftig gefŸhrt worden war, beinah fŸr unnŸtz, wenigstens fŸr ŸberflŸssig angesehen werden konnte.

Unterdessen ritt die bŸrgerliche Kavallerie in mehreren Abteilungen, mit den OberhŠuptern an ihrer Spitze, an jenen Tagen zu verschiedenen Toren hinaus, fand an einer gewissen Stelle einige Reiter oder Husaren der zum Geleit berechtigten ReichsstŠnde, die nebst ihren AnfŸhrern wohl emp-


fangen und bewirtet wurden; man zšgerte bis gegen Abend, und ritt alsdann, kaum von der wartenden Menge gesehen, zur Stadt herein; da denn mancher bŸrgerliche Reiter weder sein Pferd noch sich selbst auf dem Pferde zu erhalten vermochte. Zu dem BrŸckentore kamen die bedeutendsten ZŸge herein, und deswegen war der Andrang dorthin am stŠrksten. Ganz zuletzt und mit sinkender Nacht langte der auf gleiche Weise geleitete NŸrnberger Postwagen an, und man trug sich mit der Rede, es mŸsse jederzeit, dem Herkommen gemŠ§, eine alte Frau darin sitzen, weshalb denn die Stra§enjungen bei Ankunft des Wagens in ein gellendes Geschrei auszubrechen pflegten, ob man gleich die im Wagen sitzenden Passagiere keineswegs mehr unterscheiden konnte. Unglaublich und wirklich die Sinne verwirrend war der Drang der Menge, die in diesem Augenblick durch das BrŸckentor herein dem Wagen nachstŸrzte; deswegen auch die nŠchsten HŠuser von den Zuschauern am meisten gesucht wurden.

Eine andere, noch viel seltsamere Feierlichkeit, welche am hellen Tage das Publikum aufregte, war das Pfeifergericht. Es erinnerte diese Zeremonie an jene ersten Zeiten, wo bedeutende HandelsstŠdte sich von den Zšllen, welche mit Handel und Gewerb in gleichem Ma§e zunahmen, wo nicht zu befreien, doch wenigstens eine Milderung derselben zu erlangen suchten. Der Kaiser, der ihrer bedurfte, erteilte eine solche Freiheit da, wo es von ihm abhing, gewšhnlich aber nur auf ein Jahr, und sie mu§te daher jŠhrlich erneuert werden. Dieses geschah durch symbolische Gaben, welche dem kaiserlichen Schulthei§en, der auch wohl gelegentlich Oberzšllner sein konnte, vor Eintritt der BartholomŠimesse gebracht wurden, und zwar des Anstandes wegen, wenn er mit den Schšffen zu Gericht sa§. Als der Schulthei§ spŠterhin nicht mehr vom Kaiser gesetzt, sondern von der Stadt selbst gewŠhlt wurde, behielt er doch diese Vorrechte, und sowohl die Zollfreiheiten der StŠdte, als die Zeremonien, womit die Abgeordneten von Worms, NŸrnberg und Alt-Bamberg diese uralte VergŸnstigung anerkannten, waren bis auf un-


sere Zeiten gekommen. Den Tag vor MariŠ Geburt ward ein šffentlicher Gerichtstag angekŸndigt. In dem gro§en Kaisersaale, in einem umschrŠnkten Raume, sa§en erhšht die Schšffen, und eine Stufe hšher der Schulthei§ in ihrer Mitte; die von den Parteien bevollmŠchtigten Prokuratoren unten zur rechten Seite. Der Aktuarius fŠngt an, die auf diesen Tag gesparten wichtigen Urteile laut vorzulesen; die Prokuratoren bitten um Abschrift, appellieren, oder was sie sonst zu tun nštig finden.

Auf einmal meldet eine wunderliche Musik gleichsam die Ankunft voriger Jahrhunderte. Es sind drei Pfeifer, deren einer eine alte Schalmei, der andere einen Ba§, der dritte einen Pommer oder Hoboe blŠst. Sie tragen blaue mit Gold verbrŠmte MŠntel, auf den €rmeln die Noten befestigt, und haben das Haupt bedeckt. So waren sie aus ihrem Gasthause, die Gesandten und ihre Begleitung hintendrein, Punkt zehn ausgezogen, von Einheimischen und Fremden angestaunt, und so treten sie in den Saal. Die Gerichtsverhandlungen halten inne, Pfeifer und Begleitung bleiben vor den Schranken, der Abgesandte tritt hinein und stellt sich dem Schulthei§en gegenŸber. Die symbolischen Gaben, welche auf das genauste nach dem alten Herkommen gefordert wurden, bestanden gewšhnlich in solchen Waren, womit die darbringende Stadt vorzŸglich zu handlen pflegte. Der Pfeffer galt gleichsam fŸr alle Waren, und so brachte auch hier der Abgesandte einen schšn gedrechselten hšlzernen Pokal mit Pfeffer angefŸllt. †ber demselben lagen ein Paar Handschuhe, wundersam geschlitzt, mit Seide besteppt und bequastet, als Zeichen einer gestatteten und angenommenen VergŸnstigung, dessen sich auch wohl der Kaiser selbst in gewissen FŠllen bediente. Daneben sah man ein wei§es StŠbchen, welches vormals bei gesetzlichen und gerichtlichen Handlungen nicht leicht fehlen durfte. Es waren noch einige kleine SilbermŸnzen hinzugefŸgt, und die Stadt Worms brachte einen alten Filzhut, den sie immer wieder einlšste, so da§ derselbe viele Jahre ein Zeuge dieser Zeremonien gewesen.


Nachdem der Gesandte seine Anrede gehalten, das Geschenk abgegeben, von dem Schulthei§en die Versicherung fortdauernder BegŸnstigung empfangen, so entfernte er sich aus dem geschlossenen Kreise, die Pfeifer bliesen, der Zug ging ab, wie er gekommen war, das Gericht verfolgte seine GeschŠfte, bis der zweite und endlich der dritte Gesandte eingefŸhrt wurden: denn sie kamen erst einige Zeit nach einander, teils damit das VergnŸgen des Publikums lŠnger daure, teils auch weil es immer dieselben altertŸmlichen Virtuosen waren, welche NŸrnberg fŸr sich und seine MitstŠdte zu unterhalten und jedes Jahr an Ort und Stelle zu bringen Ÿbernommen hatte.

Wir Kinder waren bei diesem Feste besonders interessiert, weil es uns nicht wenig schmeichelte, unsern Gro§vater an einer so ehrenvollen Stelle zu sehen, und weil wir gewšhnlich noch selbigen Tag ihn ganz bescheiden zu besuchen pflegten, um, wenn die Gro§mutter den Pfeffer in ihre GewŸrzladen geschŸttet hŠtte, einen Becher und StŠbchen, ein Paar Handschuh oder einen alten RŠderalbus zu erhaschen. Man konnte sich diese symbolischen, das Altertum gleichsam hervorzaubernden Zeremonien nicht erklŠren lassen, ohne in vergangene Jahrhunderte wieder zurŸckgefŸhrt zu werden, ohne sich nach Sitten, GebrŠuchen und Gesinnungen unserer Altvordern zu erkundigen, die sich durch wieder auferstandene Pfeifer und Abgeordnete, ja durch handgreifliche und fŸr uns besitzbare Gaben auf eine so wunderliche Weise vergegenwŠrtigten.

Solchen altehrwŸrdigen Feierlichkeiten folgte in guter Jahrszeit manches fŸr uns Kinder lustreichere Fest au§erhalb der Stadt unter freiem Himmel. An dem rechten Ufer des Mains unterwŠrts, etwa eine halbe Stunde vom Tor, quillt ein Schwefelbrunnen, sauber eingefa§t und mit uralten Linden umgeben. Nicht weit davon steht der "Hof zu den guten Leuten", ehmals ein um dieser Quelle willen erbautes Hospital. Auf den Gemeindeweiden umher versammelte man zu einem gewissen Tage des Jahres die Rindviehherden


aus der Nachbarschaft, und die Hirten samt ihren MŠdchen feierten ein lŠndliches Fest, mit Tanz und Gesang, mit mancherlei Lust und Ungezogenheit. Auf der andern Seite der Stadt lag ein Šhnlicher nur grš§erer Gemeindeplatz, gleichfalls durch einen Brunnen und durch noch schšnere Linden geziert. Dorthin trieb man zu Pfingsten die Schafherden, und zu gleicher Zeit lie§ man die armen verbleichten Waisenkinder aus ihren Mauern ins Freie: denn man sollte erst spŠter auf den Gedanken geraten, da§ man solche verlassene Kreaturen, die sich einst durch die Welt durchzuhelfen genštigt sind, frŸh mit der Welt in Verbindung bringen, anstatt sie auf eine traurige Weise zu hegen, sie lieber gleich zum Dienen und Dulden gewšhnen mŸsse, und alle Ursach habe, sie von Kindesbeinen an sowohl physisch als moralisch zu krŠftigen. Die Ammen und MŠgde, welche sich selbst immer gern einen Spaziergang bereiten, verfehlten nicht, von den frŸhsten Zeiten, uns an dergleichen Orte zu tragen und zu fŸhren, so da§ diese lŠndlichen Feste wohl mit zu den ersten EindrŸcken gehšren, deren ich mich erinnern kann.

Das Haus war indessen fertig geworden, und zwar in ziemlich kurzer Zeit, weil alles wohl Ÿberlegt, vorbereitet und fŸr die nštige Geldsumme gesorgt war. Wir fanden uns nun alle wieder versammelt und fŸhlten uns behaglich: denn ein wohlausgedachter Plan, wenn er ausgefŸhrt dasteht, lŠ§t alles vergessen, was die Mittel, um zu diesem Zweck zu gelangen, Unbequemes mšgen gehabt haben. Das Haus war fŸr Aussicht Ÿber die GŠrten aus mehrern Fenstern bequem zu genie§en. Der innere Ausbau, und was zur Vollendung und Zierde gehšrt, ward nach und nach vollbracht, und diente zugleich zur BeschŠftigung und zur Unterhaltung.

Das erste, was man in Ordnung brachte, war die BŸchersammlung des Vaters, von welcher die besten, in Franz oder Halbfranzband gebundenen BŸcher die WŠnde seines Arbeits- und Studierzimmers schmŸcken sollten. Er besa§ die schš-


nen hollŠndischen Ausgaben der lateinischen Schriftsteller, welche er der Šu§ern †bereinstimmung wegen sŠmtlich in Quart anzuschaffen suchte; sodann vieles, was sich auf die ršmischen AntiquitŠten und die elegantere Jurisprudenz bezieht. Die vorzŸglichsten italienischen Dichter fehlten nicht, und fŸr den Tasso bezeigte er eine gro§e Vorliebe. Die besten neusten Reisebeschreibungen waren auch vorhanden, und er selbst machte sich ein VergnŸgen daraus, den Key§ler und Nemeiz zu berichtigen und zu ergŠnzen Nicht weniger hatte er sich mit den nštigsten HŸlfsmitteln umgeben, mit WšrterbŸchern aus verschiedenen Sprachen, mit Reallexiken, da§ man sich also nach Belieben Rats erholen konnte, so wie mit manchem andern, was zum Nutzen und VergnŸgen gereicht.

Die andere HŠlfte dieser BŸchersammlung, in saubern PergamentbŠnden mit sehr schšn geschriebenen Titeln, ward in einem besondern Mansardzimmer aufgestellt. Das Nachschaffen der neuen BŸcher, so wie das Binden und Einreihen derselben, betrieb er mit gro§er Gelassenheit und Ordnung. Dabei hatten die gelehrten Anzeigen, welche diesem oder jenem Werk besondere VorzŸge beilegten, auf ihn gro§en Einflu§, seine Sammlung juristischer Dissertationen vermehrte sich jŠhrlich um einige BŠnde.

ZunŠchst aber wurden die GemŠlde, die sonst in dem alten Hause zerstreut herumgehangen, nunmehr zusammen an den WŠnden eines freundlichen Zimmers neben der Studierstube, alle in schwarzen, mit goldenen StŠbchen verzierten Rahmen, symmetrisch angebracht. Mein Vater hatte den Grundsatz, den er šfters und sogar leidenschaftlich aussprach, da§ man die lebenden Meister beschŠftigen, und weniger auf die abgeschiedenen wenden solle, bei deren SchŠtzung sehr viel Vorurteil mit unterlaufe. Er hatte die Vorstellung, da§ es mit den GemŠlden všllig wie mit den Rheinweinen beschaffen sei, die, wenn ihnen gleich das Alter einen vorzŸglichen Wert beilege, dennoch in jedem folgenden Jahre ebenso vortrefflich als in den vergangenen kšnnten hervorgebracht werden. Nach Verlauf einiger Zeit werde


der neue Wein auch ein alter, ebenso kostbar und vielleicht noch schmackhafter. In dieser Meinung bestŠtigte er sich vorzŸglich durch die Bemerkung, da§ mehrere alte Bilder hauptsŠchlich dadurch fŸr die Liebhaber einen gro§en Wert zu erhalten schienen, weil sie dunkler und brŠuner geworden, und der harmonische Ton eines solchen Bildes šfters gerŸhmt wurde. Mein Vater versicherte dagegen, es sei ihm gar nicht bange, da§ die neuen Bilder kŸnftig nicht auch schwarz werden sollten; da§ sie aber gerade dadurch gewonnen, wollte er nicht zugestehen.

Nach diesen GrundsŠtzen beschŠftigte er mehrere Jahre hindurch die sŠmtlichen Frankfurter KŸnstler: den Maler Hirt, welcher Eichen - und BuchenwŠlder und andere sogenannte lŠndliche Gegenden sehr wohl mit Vieh zu staffieren wu§te; desgleichen Trautmann, der sich den Rembrandt zum Muster genommen, und es in eingeschlossenen Lichtern und Widerscheinen, nicht weniger in effektvollen FeuersbrŸnsten weit gebracht hatte, so da§ er einstens aufgefordert wurde, einen Pendant zu einem Rembrandtischen Bilde zu malen; ferner SchŸtz, der auf dem Wege des Sachtleben die Rheingegenden flei§ig bearbeitete; nicht weniger Junckern, der Blumen- und FruchtstŸcke, Stilleben und ruhig beschŠftigte Personen, nach dem Vorgang der NiederlŠnder, sehr reinlich ausfŸhrte. Nun aber ward durch die neue Ordnung, durch einen bequemem Raum, und noch mehr durch die Bekanntschaft eines geschickten KŸnstlers die Liebhaberei wieder angefrischt und belebt. Dieses war Seekatz, ein SchŸler von Brinckmann, darmstŠdtischer Hofmaler, dessen Talent und Charakter sich in der Folge vor uns umstŠndlicher entwickeln wird.

Man schritt auf diese Weise mit Vollendung der Ÿbrigen Zimmer, nach ihren verschiedenen Bestimmungen, weiter. Reinlichkeit und Ordnung herrschten im ganzen; vorzŸglich trugen gro§e Spiegelscheiben das Ihrige zu einer vollkommenen Helligkeit bei, die in dem alten Hause aus mehrern Ursachen, zunŠchst aber auch wegen meist runder Fen-


sterscheiben gefehlt hatte. Der Vater zeigte sich heiter, weil ihm alles gut gelungen war; und wŠre der gute Humor nicht manchmal dadurch unterbrochen worden, da§ nicht immer der Flei§ und die Genauigkeit der Handwerker seinen Forderungen entsprachen, so hŠtte man kein glŸcklicheres Leben denken kšnnen, zumal da manches Gute teils in der Familie selbst entsprang, teils ihr von au§en zuflo§.

Durch ein au§erordentliches Weltereignis wurde jedoch die GemŸtsruhe des Knaben zum erstenmal im tiefsten erschŸttert. Am ersten November 1755 ereignete sich das Erdbeben von Lissabon, und verbreitete Ÿber die in Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welt einen ungeheuren Schrecken. Eine gro§e prŠchtige Residenz, zugleich Handels- und Hafenstadt, wird ungewarnt von dem furchtbarsten UnglŸck betroffen. Die Erde bebt und schwankt, das Meer braust auf, die Schiffe schlagen zusammen, die HŠuser stŸrzen ein, Kirchen und TŸrme darŸber her, der kšnigliche Palast zum Teil wird vom Meere verschlungen, die geborstene Erde scheint Flammen zu speien: denn Ÿberall meldet sich Rauch und Brand in den Ruinen. Sechzigtausend Menschen, einen Augenblick zuvor noch ruhig und behaglich, gehen mit einander zugrunde, und der GlŸcklichste darunter ist der zu nennen, dem keine Empfindung, keine Besinnung Ÿber das UnglŸck mehr gestattet ist. Die Flammen wŸten fort, und mit ihnen wŸtet eine Schar sonst verborgner, oder durch dieses Ereignis in Freiheit gesetzter Verbrecher. Die unglŸcklichen †briggebliebenen sind dem Raube, dem Morde, allen Mi§handlungen blo§gestellt; und so behauptet von allen Seiten die Natur ihre schrankenlose WillkŸr.

Schneller als die Nachrichten hatten schon Andeutungen von diesem Vorfall sich durch gro§e Landstrecken verbreitet; an vielen Orten waren schwŠchere ErschŸtterungen zu verspŸren, an manchen Quellen, besonders den heilsamen, ein ungewšhnliches Innehalten zu bemerken gewesen: um desto grš§er war die Wirkung der Nachrichten selbst, welche erst im allgemeinen, dann aber mit schrecklichen Einzelhei-


ten sich rasch verbreiteten. Hierauf lie§en es die GottesfŸrchtigen nicht an Betrachtungen, die Philosophen nicht an TrostgrŸnden, an Strafpredigten die Geistlichkeit nicht fehlen. So vieles zusammen richtete die Aufmerksamkeit der Welt eine Zeitlang auf diesen Punkt, und die durch fremdes UnglŸck aufgeregten GemŸter wurden durch Sorgen fŸr sich selbst und die Ihrigen um so mehr geŠngstigt, als Ÿber die weitverbreitete Wirkung dieser Explosion von allen Orten und Enden immer mehrere und umstŠndlichere Nachrichten einliefen. Ja vielleicht hat der DŠmon des Schreckens zu keiner Zeit so schnell und so mŠchtig seine Schauer Ÿber die Erde verbreitet.

Der Knabe, der alles dieses wiederholt vernehmen mu§te, war nicht wenig betroffen. Gott, der Schšpfer und Erhalter Himmels und der Erden, den ihm die ErklŠrung des ersten Glaubensartikels so weise und gnŠdig vorstellte, hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs vŠterlich bewiesen. Vergebens suchte das junge GemŸt sich gegen diese EindrŸcke herzustellen, welches Ÿberhaupt um so weniger mšglich war, als die Weisen und Schriftgelehrten selbst sich Ÿber die Art, wie man ein solches PhŠnomen anzusehen habe, nicht vereinigen konnten.

Der folgende Sommer gab eine nŠhere Gelegenheit, den zornigen Gott, von dem das Alte Testament so viel Ÿberliefert, unmittelbar kennen zu lernen. Unversehens brach ein Hagelwetter herein und schlug die neuen Spiegelscheiben der gegen Abend gelegenen Hinterseite des Hauses unter Donner und Blitzen auf das gewaltsamste zusammen, beschŠdigte die neuen Mšbeln, verderbte einige schŠzbare BŸcher und sonst werte Dinge, und war fŸr die Kinder um so fŸrchterlicher, als das ganz au§er sich gesetzte Hausgesinde sie in einen dunklen Gang mit fortri§, und dort auf den Knieen liegend durch schreckliches Geheul und Geschrei die erzŸrnte Gottheit zu versšhnen glaubte; indessen der Vater, ganz allein gefa§t, die FensterflŸgel aufri§ und aushob; wodurch er zwar


manche Scheiben rettete, aber auch dem auf den Hagel folgenden Regengu§ einen desto offnern Weg bereitete, so da§ man sich, nach endlicher Erholung, auf den VorsŠlen und Treppen von flutendem und rinnendem Wasser umgeben sah.

Solche VorfŠlle, wie stšrend sie auch im ganzen waren, unterbrachen doch nur wenig den Gang und die Folge des Unterrichts, den der Vater selbst uns Kindern zu geben sich einmal vorgenommen. Er hatte seine Jugend auf dem Koburger Gymnasium zugebracht, welches unter den deutschen Lehranstalten eine der ersten Stellen einnahm. Er hatte daselbst einen guten Grund in den Sprachen, und was man sonst zu einer gelehrten Erziehung rechnete, gelegt, nachher in Leipzig sich der Rechtswissenschaft beflissen, und zuletzt in Gie§en promoviert. Seine mit Ernst und Flei§ verfa§te Dissertation: "Electa de aditione hereditatis", wird, noch von den Rechtslehrern mit Lob angefŸhrt.

Es ist ein frommer Wunsch aller VŠter, das, was ihnen selbst abgegangen, an den Sšhnen realisiert zu sehen, so ohngefŠhr, als wenn man zum zweitenmal lebte und die Erfahrungen des ersten Lebenslaufes nun erst recht nutzen wollte. Im GefŸhl seiner Kenntnisse, in Gewi§heit einer treuen Ausdauer, und im Mi§trauen gegen die damaligen Lehrer nahm der Vater sich vor, seine Kinder selbst zu unterrichten, und nur so viel, als es nštig schien, einzelne Stunden durch eigentliche Lehrmeister zu besetzen. Ein pŠdagogischer Dilettantismus fing sich Ÿberhaupt schon zu zeigen an. Die Pedanterie und TrŸbsinnigkeit der an šffentlichen Schulen angestellten Lehrer mochte wohl die erste Veranlassung dazu geben. Man suchte nach etwas Besserem, und verga§, wie mangelhaft aller Unterricht sein mu§, der nicht durch Leute vom Metier erteilt wird.

Meinem Vater war sein eigner Lebensgang bis dahin ziemlich nach Wunsch gelungen; ich sollte denselben Weg gehen, aber bequemer und weiter. Er schŠtzte meine angeborenen Gaben um so mehr, als sie ihm mangelten: denn er hatte alles nur durch unsŠglichen Flei§, Anhaltsamkeit und


Wiederholung erworben. Er versicherte mir šfters, frŸher und spŠter, im Ernst und Scherz, da§ er mit meinen Anlagen sich ganz anders wŸrde benommen, und nicht so liederlich damit wŸrde gewirtschaftet haben.

Durch schnelles Ergreifen, Verarbeiten und Festhalten entwuchs ich sehr bald dem Unterricht, den mir mein Vater und die Ÿbrigen Lehrmeister geben konnten, ohne da§ ich doch in irgend etwas begrŸndet gewesen wŠre. Die Grammatik mi§fiel mir, weil ich sie nur als ein willkŸrliches Gesetz ansah; die Regeln schienen mir lŠcherlich, weil sie durch so viele Ausnahmen aufgehoben wurden, die ich alle wieder besonders lernen sollte. Und wŠre nicht der gereimte angehende Lateiner gewesen, so hŠtte es schlimm mit mir ausgesehen; doch diesen trommelte und sang ich mir gern vor. So hatten wir auch eine Geographie in solchen GedŠchtnisversen, wo uns die abgeschmacktesten Reime das zu Behaltende am besten einprŠgten, z. B.:

 

Oberyssel: viel Morast

Macht das gute Land verha§t.

 

Die Sprachformen und Wendungen fa§te ich leicht; so auch entwickelte ich mir schnell, was in dem Begriff einer Sache lag. In rhetorischen Dingen, Chrien und dergleichen tat es mir niemand zuvor, ob ich schon wegen Sprachfehler oft hintanstehen mu§te. Solche AufsŠtze waren es jedoch, die meinem Vater besondre Freude machten, und wegen deren er mich mit manchem fŸr einen Knaben bedeutenden Geldgeschenk belohnte.

Mein Vater lehrte die Schwester in demselben Zimmer Italienisch, wo ich den Cellarius auswendig zu lernen hatte. Indem ich nun mit meinem Pensum bald fertig war und doch still sitzen sollte, horchte ich Ÿber das Buch weg und fa§te das Italienische, das mir als eine lustige Abweichung des Lateinischen auffiel, sehr behende.

Andere FrŸhzeitigkeiten in Absicht auf GedŠchtnis und Kombination hatte ich mit jenen Kindern gemein, die da-


durch einen frŸhen Ruf erlangt haben. Deshalb konnte mein Vater kaum erwarten, bis ich auf Akademie gehen wŸrde. Sehr bald erklŠrte er, da§ ich in Leipzig, fŸr welches er eine gro§e Vorliebe behalten, gleichfalls Jura studieren, alsdann noch eine andre UniversitŠt besuchen und promovieren sollte. Was diese zweite betraf, war es ihm gleichgŸltig, welche ich wŠhlen wŸrde; nur gegen Gšttingen hatte er, ich wei§ nicht warum, einige Abneigung, zu meinem Leidwesen: denn ich hatte gerade auf diese viel Zutrauen und gro§e Hoffnungen gesetzt.

Ferner erzŠhlte er mir, da§ ich nach Wetzlar und Regensburg, nicht weniger nach Wien und von da nach Italien gehen sollte; ob er gleich wiederholt behauptete, man mŸsse Paris voraus sehen, weil man aus Italien kommend sich an nichts mehr ergetze.

Dieses MŠrchen meines kŸnftigen Jugendganges lie§ ich mir gern wiederholen, besonders da es in eine ErzŠhlung von Italien und zuletzt in eine Beschreibung von Neapel auslief. Sein sonstiger Ernst und Trockenheit schien sich jederzeit aufzulšsen und zu beleben, und so erzeugte sich in uns Kindern der leidenschaftliche Wunsch, auch dieser Paradiese teilhaft zu werden.

Privatstunden, welche sich nach und nach vermehrten, teilte ich mit Nachbarskindern. Dieser gemeinsame Unterricht fšrderte mich nicht; die Lehrer gingen ihren Schlendrian, und die Unarten, ja manchmal die Bšsartigkeiten meiner Gesellen brachten Unruh, Verdru§ und Stšrung in die kŠrglichen Lehrstunden. Chrestomathien, wodurch die Belehrung heiter und mannigfaltig wird, waren noch nicht bis zu uns gekommen. Der fŸr junge Leute so starre Cornelius Nepos, das allzu leichte, und durch Predigten und Religionsunterricht sogar trivial gewordne Neue Testament, Cellarius und Pasor konnten uns kein Interesse geben; dagegen hatte sich eine gewisse Reim- und Versewut, durch Lesung der damaligen deutschen Dichter, unser bemŠchtigt. Mich hatte sie schon frŸher ergriffen, als ich es lustig fand, von der


rhetorischen Behandlung der Aufgaben zu der poetischen Ÿberzugehen.

Wir Knaben hatten eine sonntŠgliche Zusammenkunft, wo jeder von ihm selbst verfertigte Verse produzieren sollte. Und hier begegnete mir etwas Wunderbares, was mich sehr lange in Unruh setzte. Meine Gedichte, wie sie auch sein mochten, mu§te ich immer fŸr die bessern halten. Allein ich bemerkte bald, da§ meine Mitwerber, welche sehr lahme Dinge vorbrachten, in dem gleichen Falle waren und sich nicht weniger dŸnkten; ja, was mir noch bedenklicher schien, ein guter, obgleich zu solchen Arbeiten všllig unfŠhiger Knabe, dem ich Ÿbrigens gewogen war, der aber seine Reime sich vom Hofmeister machen lie§, hielt diese nicht allein fŸr die allerbesten, sondern war všllig Ÿberzeugt, er habe sie selbst gemacht; wie er mir, in dem vertrauteren VerhŠltnis, worin ich mit ihm stand, jederzeit aufrichtig behauptete. Da ich nun solchen Irrtum und Wahnsinn offenbar vor mir sah, fiel es mir eines Tages aufs Herz, ob ich mich vielleicht selbst in dem Falle befŠnde, ob nicht jene Gedichte wirklich besser seien als die meinigen, und ob ich nicht mit Recht jenen Knaben ebenso toll als sie mir vorkommen mšchte? Dieses beunruhigte mich sehr und lange Zeit: denn es war mir durchaus unmšglich, ein Šu§eres Kennzeichen der Wahrheit zu finden; ja ich stockte sogar in meinen Hervorbringungen, bis mich endlich Leichtsinn und SelbstgefŸhl und zuletzt eine Probearbeit beruhigten, die uns Lehrer und Eltern, welche auf unsere Scherze aufmerksam geworden aus dem Stegreif aufgaben, wobei ich gut bestand und allgemeines Lob davontrug.

Man hatte zu der Zeit noch keine Bibliotheken fŸr Kinder veranstaltet. Die Alten hatten selbst noch kindliche Gesinnungen, und fanden es bequem, ihre eigene Bildung der Nachkommenschaft mitzuteilen. Au§er dem "Orbis pictus" des Amos Comenius kam uns kein Buch dieser Art in die HŠnde; aber die gro§e Foliobibel, mit Kupfern von Merlan, ward hŠufig von uns durchblŠttert; Gottfrieds Chronik, mit Kupfern


desselben Meisters, belehrte uns von den merkwŸrdigsten FŠllen der Weltgeschichte; die Acerra philologica tat noch allerlei Fabeln, Mythologien und Seltsamkeiten hinzu; und da ich gar bald die Ovidischen Verwandlungen gewahr wurde, und besonders die ersten BŸcher flei§ig studierte: so war mein junges Gehirn schnell genug mit einer Masse von Bildern und Begebenheiten, von bedeutenden und wunderbaren Gestalten und Ereignissen angefŸllt, und ich konnte niemals Langeweile haben, indem ich mich immerfort beschŠftigte, diesen Erwerb zu verarbeiten, zu wiederholen, wieder hervorzubringen.

Einen fršmmern, sittlichern Effekt als jene mitunter rohen und gefŠhrlichen AltertŸmlichkeiten machte FŽnelons "Telemach", den ich erst nur in der Neukirchischen †bersetzung kennen lernte, und der, auch so unvollkommen Ÿberliefert, eine gar sŸ§e und wohltŠtige Wirkung auf mein GemŸt Šu§erte. Da§ "Robinson Crusoe" sich zeitig angeschlossen, liegt wohl in der Natur der Sache; da§ die "Insel Felsenburg" nicht gefehlt habe, lŠ§t sich denken. Lord Ansons "Reise um die Welt" verband das WŸrdige der Wahrheit mit dem Phantasiereichen des MŠrchens, und indem wir diesen trefflichen Seemann mit den Gedanken begleiteten wurden wir weit in alle Welt hinausgefŸhrt, und versuchten, ihm mit unsern Fingern auf dem Globus zu folgen. Nun sollte mir auch noch eine reichlichere Ernte bevorstehen, indem ich an eine Masse Schriften geriet, die zwar in ihrer gegenwŠrtigen Gestalt nicht vortrefflich genannt werden kšnnen, deren Inhalt jedoch uns manches Verdienst voriger Zeiten in einer unschuldigen Weise nŠher bringt.

Der Verlag oder vielmehr die Fabrik jener BŸcher, welche in der folgenden Zeit unter dem Titel "Volksschriften", "VolksbŸcher" bekannt und sogar berŸhmt geworden, war in Frankfurt selbst, und sie wurden, wegen des gro§en Abgangs, mit stehenden Lettern auf das schrecklichste Lšschpapier fast unleserlich gedruckt. Wir Kinder hatten also das GlŸck, diese schŠtzbaren †berreste der Mittelzeit auf einem Tischchen vor


der HaustŸre eines BŸchertršdlers tŠglich zu finden, und sie uns fŸr ein paar Kreuzer zuzueignen. Der Eulenspiegel, Die vier Haimonskinder, Die schšne Melusine, Der Kaiser Oktavian, Die schšne Magelone, Fortunatus, mit der ganzen Sippschaft bis auf den Ewigen Juden, alles stand uns zu Diensten, sobald uns gelŸstete, nach diesen Werken anstatt nach irgend einer NŠscherei zu greifen. Der grš§te Vorteil dabei war, da§, wenn wir ein solches Heft zerlesen oder sonst beschŠdigt hatten, es bald wieder angeschafft und aufs neue verschlungen werden konnte.

Wie eine Familienspazierfahrt im Sommer durch ein plštzliches Gewitter auf eine hšchst verdrie§liche Weise gestšrt, und ein froher Zustand in den widerwŠrtigsten verwandelt wird, so fallen auch die Kinderkrankheiten unerwartet in die schšnste Jahrszeit des FrŸhlebens. Mir erging es auch nicht anders. Ich hatte mir eben den "Fortunalus" mit seinem SŠckel und WŸnschhŸtlein gekauft, als mich ein Mi§behagen und ein Fieber Ÿberfiel, wodurch die Pocken sich ankŸndigten. Die Einimpfung derselben ward bei uns noch immer fŸr sehr problematisch angesehen, und ob sie gleich populŠre Schriftsteller schon fa§lich und eindringlich empfohlen, so zauderten doch die deutschen €rzte mit einer Operation, welche der Natur vorzugreifen schien. Spekulierende EnglŠnder kamen daher aufs feste Land und impften, gegen ein ansehnliches Honorar, die Kinder solcher Personen, die sie wohlhabend und frei von Vorurteil fanden. Die Mehrzahl jedoch war noch immer dem alten Unheil ausgesetzt; die Krankheit wŸtete durch die Familien, tštete und entstellte viele Kinder, und wenige Eltern wagten es, nach einem Mittel zu greifen, dessen wahrscheinliche HŸlfe doch schon durch den Erfolg mannigfaltig bestŠtigt war. Das †bel betraf nun auch unser Haus, und Ÿberfiel mich mit ganz besonderer Heftigkeit. Der ganze Kšrper war mit Blattern ŸbersŠt, das Gesicht zugedeckt, und ich lag mehrere Tage blind und in gro§en Leiden. Man suchte die mšglichste Linderung, und versprach mir goldene Berge, wenn ich mich ruhig ver-


halten und das †bel nicht durch Reiben und Kratzen vermehren wollte. Ich gewann es Ÿber mich; indessen hielt man uns, nach herrschendem Vorurteil, so warm als mšglich, und schŠrfte dadurch nur das †bel. Endlich, nach traurig verflossener Zeit, fiel es mir wie eine Maske vom Gesicht, ohne da§ die Blattern eine sichtbare Spur auf der Haut zurŸckgelassen; aber die Bildung war merklich verŠndert. Ich selbst war zufrieden, nur wieder das Tageslicht zu sehen, und nach und nach die fleckige Haut zu verlieren; aber andere waren unbarmherzig genug, mich šfters an den vorigen Zustand zu erinnern; besonders eine sehr lebhafte Tante, die frŸher Abgštterei mit mir getrieben hatte, konnte mich, selbst noch in spŠteren Jahren, selten ansehen, ohne auszurufen: "Pfui Teufel! Vetter, wie garstig ist Er geworden!" Dann erzŠhlte sie mir umstŠndlich, wie sie sich sonst an mir ergetzt, welches Aufsehen sie erregt, wenn sie mich umhergetragen; und so erfuhr ich frŸhzeitig, da§ uns die Menschen fŸr das VergnŸgen, das wir ihnen gewŠhrt haben, sehr oft empfindlich bŸ§en lassen.

Weder von Masern, noch Windblattern, und wie die QuŠlgeister der Jugend hei§en mšgen, blieb ich verschont, und jedesmal versicherte man mir, es wŠre ein GlŸck, da§ dieses †bel nun fŸr immer vorŸber sei; aber leider drohte schon wieder ein andres im Hintergrund und rŸckte heran. Alle diese Dinge vermehrten meinen Hang zum Nachdenken, und da ich, um das Peinliche der Ungeduld von mir zu entfernen, mich schon šfter im Ausdauern geŸbt hatte, so schienen mir die Tugenden, welche ich an den Stoikern hatte rŸhmen hšren, hšchst nachahmenswert, um so mehr, als durch die christliche Duldungslehre ein €hnliches empfohlen wurde.

Bei Gelegenheit dieses Familienleidens will ich auch noch eines Bruders gedenken, welcher, um drei Jahr jŸnger als ich, gleichfalls von jener Ansteckung ergriffen wurde und nicht wenig davon litt. Er war von zarter Natur, still und eigensinnig, und wir hatten niemals ein eigentliches Ver-


hŠltnis zusammen. Auch Ÿberlebte er kaum die Kinderjahre. Unter mehrern nachgebornen Geschwistern, die gleichfalls nicht lange am Leben blieben, erinnere ich mich nur eines sehr schšnen und angenehmen MŠdchens, die aber auch bald verschwand, da wir denn nach Verlauf einiger Jahre, ich und meine Schwester, uns allein Ÿbrig sahen, und nur um so inniger und liebevoller verbanden.

Jene Krankheiten und andere unangenehme Stšrungen wurden in ihren Folgen doppelt lŠstig: denn mein Vater, der sich einen gewissen Erziehungs- und Unterrichtskalender gemacht zu haben schien, wollte jedes VersŠumnis unmittelbar wieder einbringen, und belegte die Genesenden mit doppelten Lektionen, welche zu leisten mir zwar nicht schwer, aber insofern beschwerlich fiel, als es meine innere Entwicklung, die eine entschiedene Richtung genommen hatte, aufhielt und gewisserma§en zurŸckdrŠngte.

Vor diesen didaktischen und pŠdagogischen BedrŠngnissen flŸchteten wir gewšhnlich zu den Gro§eltern. Ihre Wohnung lag auf der Friedberger Gasse und schien ehmals eine Burg gewesen zu sein: denn wenn man herankam, sah man nichts als ein gro§es Tor mit Zinnen, welches zu beiden Seiten an zwei NachbarhŠuser stie§. Trat man hinein, so gelangte man durch einen schmalen Gang endlich in einen ziemlich breiten Hof, umgeben von ungleichen GebŠuden, welche nunmehr alle zu einer Wohnung vereinigt waren. Gewšhnlich eilten wir sogleich in den Garten, der sich ansehnlich lang und breit hinter den GebŠuden hin erstreckte und sehr gut unterhalten war; die GŠnge meistens mit RebgelŠnder eingefa§t, ein Teil des Raums den KŸchengewŠchsen, ein andrer den Blumen gewidmet, die vom FrŸhjahr bis in den Herbst, in reichlicher Abwechslung, die Rabatten so wie die Beete schmŸckten. Die lange gegen Mittag gerichtete Mauer war zu wohl gezogenen Spalier-PfirsichbŠumen genŸtzt, von denen uns die verbotenen FrŸchte den Sommer Ÿber gar appetitlich entgegenreiften. Doch vermieden wir lieber diese Seite, weil wir unsere GenŠschigkeit hier nicht befriedigen durften,


und wandten uns zu der entgegengesetzten, wo eine unabsehbare Reihe Johannis- und StachelbeerbŸsche unserer Gierigkeit eine Folge von Ernten bis in den Herbst eršffnete. Nicht weniger war uns ein alter, hoher, weitverbreiteter Maulbeerbaum bedeutend, sowohl wegen seiner FrŸchte als auch, weil man uns erzŠhlte, da§ von seinen BlŠttern die SeidenwŸrmer sich ernŠhrten. In diesem friedlichen Revier fand man jeden Abend den Gro§vater mit behaglicher GeschŠftigkeit eigenhŠndig die feinere Obst- und Blumenzucht besorgend, indes ein GŠrtner die gršbere Arbeit verrichtete. Die vielfachen BemŸhungen, welche nštig sind, um einen schšnen Nelkenflor zu erhalten und zu vermehren, lie§ er sich niemals verdrie§en. Er selbst band sorgfŠltig die Zweige der PfirsichbŠume fŠcherartig an die Spaliere, um einen reichlichen und bequemen Wachstum der FrŸchte zu befšrdern. Das Sortieren der Zwiebeln von Tulpen, Hyazinthen und verwandter GewŠchse so wie die Sorge fŸr Aufbewahrung derselben Ÿberlie§ er niemanden; und noch erinnere ich mich gern, wie emsig er sich mit dem Okulieren der verschiedenen Rosenarten beschŠftigte. Dabei zog er, um sich vor den Dornen zu schŸtzen, jene altertŸmlichen ledernen Handschuhe an, die ihm beim Pfeifergericht jŠhrlich in Triplo Ÿberreicht wurden, woran es ihm deshalb niemals mangelte. So trug er auch immer einen tatarŠhnlichen Schlafrock, und auf dem Haupt eine faltige schwarze SamtmŸtze, so da§ er eine mittlere Person zwischen Alkinous und Laertes hŠtte vorstellen kšnnen.

Alle diese Gartenarbeiten betrieb er ebenso regelmŠ§ig und genau als seine AmtsgeschŠfte: denn eh er herunterkam, hatte er immer die Registrande seiner Proponenden fŸr den andern Tag in Ordnung gebracht und die Akten gelesen. Ebenso fuhr er morgens aufs Rathaus, speiste nach seiner RŸckkehr, nickte hierauf in seinem Gro§vaterstuhl, und so ging alles einen Tag wie den andern. Er sprach wenig, zeigte keine Spur von Heftigkeit; ich erinnere mich nicht, ihn zornig gesehen zu haben. Alles, was ihn umgab, war alter-


tŸmlich. In seiner getŠfelten Stube habe ich niemals irgend eine Neuerung wahrgenommen, seine Bibliothek enthielt au§er juristischen Werken nur die ersten Reisebeschreibungen, Seefahrten und LŠnderentdeckungen. †berhaupt erinnere ich mich keines Zustandes, der so wie dieser das GefŸhl eines unverbrŸchlichen Friedens und einer ewigen Dauer gegeben hŠtte.

Was jedoch die Ehrfurcht, die wir fŸr diesen wŸrdigen Greis empfanden, bis zum Hšchsten steigerte, war die †berzeugung, da§ derselbe die Gabe der Weissagung besitze, besonders in Dingen, die ihn selbst und sein Schicksal betrafen. Zwar lie§ er sich gegen niemand als gegen die Gro§mutter entschieden und umstŠndlich heraus; aber wir alle wu§ten doch, da§ er durch bedeutende TrŠume von dem, was sich ereignen sollte, unterrichtet werde. So versicherte er z. B. seiner Gattin, zur Zeit als er noch unter die jŸngern Ratsherren gehšrte, da§ er bei der nŠchsten Vakanz auf der Schšffenbank zu der erledigten Stelle gelangen wŸrde. Und als wirklich bald darauf einer der Schšffen vom Schlage gerŸhrt starb, verordnete er am Tage der Wahl und Kugelung, da§ zu Hause im Stillen alles zum Empfang der GŠste und Gratulanten solle eingerichtet werden, und die entscheidende goldne Kugel ward wirklich fŸr ihn gezogen. Den einfachen Traum, der ihn hievon belehrt, vertraute er seiner Gattin folgenderma§en: Er habe sich in voller gewšhnlicher Ratsversammlung gesehen, wo alles nach hergebrachter Weise vorgegangen. Auf einmal habe sich der nun verstorbene Schšff von seinem Sitz erhoben, sei herabgestiegen und habe ihm auf eine verbindliche Weise das Kompliment gemacht er mšge den verlassenen Platz einnehmen, und sei darauf zur TŸre hinausgegangen.

Etwas €hnliches begegnete, als der Schulthei§ mit Tode abging. Man zaudert in solchem Falle nicht lange mit Besetzung dieser Stelle, weil man immer zu fŸrchten hat, der Kaiser werde sein altes Recht, einen Schulthei§en zu bestellen, irgend einmal wieder hervorrufen. Diesmal ward um


Mitternacht eine au§erordentliche Sitzung auf den andern Morgen durch den Gerichtsboten angesagt. Weil diesem nun das Licht in der Laterne verlšschen wollte, so erbat er sich ein StŸmpfchen, um seinen Weg weiter fortsetzen zu kšnnen. "Gebt ihm ein ganzes", sagte der Gro§vater zu den Frauen, "er hat ja doch die MŸhe um meinetwillen." Dieser €u§erung entsprach auch der Erfolg: er wurde wirklich Schulthei§; wobei der Umstand noch besonders merkwŸrdig war, da§, obgleich sein ReprŠsentant bei der Kugelung an der dritten und letzten Stelle zu ziehen hatte, die zwei silbernen Kugeln zuerst herauskamen, und also die goldne fŸr ihn auf dem Grunde des Beutels liegen blieb.

Všllig prosaisch, einfach und ohne Spur von Phantastischem oder Wundersamem waren auch die Ÿbrigen der uns bekannt gewordenen TrŠume. Ferner erinnere ich mich, da§ ich als Knabe unter seinen BŸchern und Schreibkalendern gestšrt, und darin unter andern auf GŠrtnerei bezŸglichen Anmerkungen aufgezeichnet gefunden: "Heute nacht kam N. N. zu mir und sagte..." Name und Offenbarung waren in Chiffern geschrieben. Oder es stand auf gleiche Weise: "Heute nacht sah ich..." Das Ÿbrige war wieder in Chiffern, bis auf die Verbindungs- und andre Worte, aus denen sich nichts abnehmen lie§.

Bemerkenswert bleibt es hiebei, da§ Personen, welche sonst keine Spur von Ahndungsvermšgen zeigten, in seiner SphŠre fŸr den Augenblick die FŠhigkeit erlangten, da§ sie von gewissen gleichzeitigen, obwohl in der Entfernung vorgehenden Kranheits- und Todesereignissen durch sinnliche Wahrzeichen eine Vorempfindung hatten. Aber auf keines seiner Kinder und Enkel hat eine solche Gabe fortgeerbt; vielmehr waren sie meistenteils rŸstige Personen, lebensfroh und nur aufs Wirkliche gestellt.

Bei dieser Gelegenheit gedenk ich derselben mit Dankbarkeit fŸr vieles Gute, das ich von ihnen in meiner Jugend empfangen, so waren wir zum Beispiel auf gar mannigfaltige Weise beschŠftigt und unterhalten, wenn wir die an einen


MaterialhŠndler Melber verheiratete zweite Tochter besuchten, deren Wohnung und Laden mitten im lebhaftesten, gedrŠngtesten Teile der Stadt an dem Markte lag. Hier sahen wir nun dem GewŸhl und GedrŠnge, in welches wir uns scheuten zu verfieren, sehr vergnŸglich aus den Fenstern zu; und wenn uns im Laden unter so vielerlei Waren anfŠnglich nur das SŸ§holz und die daraus bereiteten braunen gestempelten Zeltlein vorzŸglich interessierten, so wurden wir doch allmŠhlich mit der gro§en Menge von GegenstŠnden bekannt, welche bei einer solchen Handlung aus und ein flie§en. Diese Tante war unter den Geschwistern die lebhafteste. Wenn meine Mutter, in JŸngern Jahren, sich in reinlicher Kleidung bei einer zierlichen weiblichen Arbeit oder im Lesen eines Buches gefiel, so fuhr jene in der Nachbarschaft umher, um sich dort versŠumter Kinder anzunehmen, sie zu warten, zu kŠmmen und herumzutragen, wie sie es denn auch mit mir eine gute Weile so getrieben. Zur Zeit šffentlicher Feierlichkeiten, wie bei Kršnungen, war sie nicht zu Hause zu halten. Als kleines Kind schon hatte sie nach dem bei solchen Gelegenheiten ausgeworfenen Gelde gehascht, und man erzŠhlte sich: wie sie einmal eine gute Partie beisammen gehabt und solches vergnŸglich in der flachen Hand beschaut, habe ihr einer dagegen geschlagen, wodurch denn die wohlerworbene Beute auf einmal verloren gegangen. Nicht weniger wu§te sie sich viel damit, da§ sie dem vorbeifahrenden Kaiser Karl dem Siebenten, wŠhrend eines Augenblicks, da alles Volk schwieg, auf einem Prallsteine stehend, ein heftiges Vivat in die Kutsche gerufen und ihn veranla§t habe, den Hut vor ihr abzuziehen und fŸr diese kecke Aufmerksamkeit gar gnŠdig zu danken.

Auch in ihrem Hause war um sie her alles bewegt, lebenslustig und munter, und wir Kinder sind ihr manche frohe Stunde schuldig geworden.

In einem ruhigern, aber auch ihrer Natur angemessenen Zustande befand sich eine zweite Tante, welche mit dem bei der St.-Katharinen-Kirche angestellten Pfarrer Starck ver-


heiratet war. Er lebte seiner Gesinnung und seinem Stande gemŠ§ sehr einsam, und besa§ eine schšne Bibliothek. Hier lernte ich zuerst den Homer kennen, und zwar in einer prosaischen †bersetzung, wie sie im siebenten Teil der durch Herrn von Loen besorgten "Neuen Sammlung der merkwŸrdigsten Reisegeschichten", unter dem Titel "Homers Beschreibung der Eroberung des Trojanischen Reichs", zu finden ist, mit Kupfern im franzšsischen Theatersinne geziert. Diese Bilder verdarben mir derma§en die Einbildungskraft, da§ ich lange Zeit die Homerischen Helden mir nur unter diesen Gestalten vergegenwŠrtigen konnte. Die Begebenheiten selbst gefielen mir unsŠglich; nur hatte ich an dem Werke sehr auszusetzen, da§ es uns von der Eroberung Trojas keine Nachricht gebe, und so stumpf mit dem Tode Hektors endige. Mein Oheim, gegen den ich diesen Tadel Šu§erte, verwies mich auf den Virgil, welcher denn meiner Forderung vollkommen GenŸge tat.

Es versteht sich von selbst, da§ wir Kinder, neben den Ÿbrigen Lehrstunden, auch eines fortwŠhrenden und fortschreitenden Religionsunterrichts genossen. Doch war der kirchliche Protestantismus, den man uns Ÿberlieferte, eigentlich nur eine Art von trockner Moral: an einen geistreichen Vortrag ward nicht gedacht, und die Lehre konnte weder der Seele noch dem Herzen zusagen. Deswegen ergaben sich gar mancherlei Absonderungen von der gesetzlichen Kirche. Es entstanden die Separatisten, Pietisten, Herrnhuter, die "Stillen im Lande", und wie man sie sonst zu nennen und zu bezeichnen pflegte, die aber alle blo§ die Absicht hatten, sich der Gottheit, besonders durch Christum, mehr zu nŠhern, als es ihnen unter der Form der šffentlichen Religion mšglich zu sein schien.

Der Knabe hšrte von diesen Meinungen und Gesinnungen unaufhšrlich sprechen: denn die Geistlichkeit sowohl als die Laien teilten sich in das FŸr und Wider. Die mehr oder weniger Abgesonderten waren immer die Minderzahl; aber ihre Sinnesweise zog an durch OriginalitŠt, Herzlich-


keit, Beharren und SelbststŠndigkeit. Man erzŠhlte von diesen Tugenden und ihren €u§erungen allerlei Geschichten. Besonders ward die Antwort eines frommen Klempnermeisters bekannt, den einer seiner Zunftgenossen durch die Frage zu beschŠmen gedachte: wer denn eigentlich sein Beichtvater sei? Mit Heiterkeit und Vertrauen auf seine gute Sache erwiderte jener: "Ich habe einen sehr vornehmen, es ist niemand Geringeres als der Beichtvater des Kšnigs David."

Dieses und dergleichen mag wohl Eindruck auf den Knaben gemacht und ihn zu Šhnlichen Gesinnungen aufgefordert haben. Genug, er kam auf den Gedanken, sich dem gro§en Gotte der Natur, dem Schšpfer und Erhalter Himmels und der Erden, dessen frŸhere ZornŠu§erungen schon lange Ÿber die Schšnheit der Welt und das mannigfaltige Gute, das uns darin zuteil wird, vergessen waren, unmittelbar zu nŠhern; der Weg dazu aber war sehr sonderbar.

Der Knabe hatte sich Ÿberhaupt an den ersten Glaubensartikel gehalten. Der Gott, der mit der Natur in unmittelbarer Verbindung stehe, sie als sein Werk anerkenne und liebe, dieser schien ihm der eigentliche Gott, der jawohl auch mit dem Menschen wie mit allem Ÿbrigen in ein genaueres VerhŠltnis treten kšnne, und fŸr denselben ebenso wie fŸr die Bewegung der Sterne, fŸr Tages- und Jahrszeiten, fŸr Pflanzen und Tiere Sorge tragen werde. Einige Stellen des Evangeliums besagten dieses ausdrŸcklich. Eine Gestalt konnte der Knabe diesem Wesen nicht verleihen; er suchte ihn also in seinen Werken auf, und wollte ihm auf gut alttestamentliche Weise einen Altar errichten. Naturprodukte sollten die Welt im Gleichnis vorstellen, Ÿber diesen sollte eine Flamme brennen und das zu seinem Schšpfer sich aufsehnende GemŸt des Menschen bedeuten. Nun wurden aus der vorhandnen und zufŠllig vermehrten Naturaliensammlung die besten Stufen und Exemplare herausgesucht; allein wie solche zu schichten und aufzubauen sein mšchten, das war nun die Schwierigkeit. Der Vater hatte einen schšnen, rotlackierten, goldgeblŸmten Musikpult, in


Gestalt einer vierseitigen Pyramide mit verschiedenen Abstufungen, den man zu Quartetten sehr bequem fand, ob er gleich in der letzten Zeit nur wenig gebraucht wurde. Dessen bemŠchtigte sich der Knabe, und baute nun stufenweise die Abgeordneten der Natur Ÿbereinander, so da§ es recht heiter und zugleich bedeutend genug aussah. Nun sollte bei einem frŸhen Sonnenaufgang die erste Gottesverehrung angestellt werden; nur war der junge Priester nicht mit sich einig, auf welche Weise er eine Flamme hervorbringen sollte, die doch auch zu gleicher Zeit einen guten Geruch von sich geben mŸsse. Endlich gelang ihm ein Einfall, beides zu verbinden, indem er RŠucherkerzchen besa§, welche, wo nicht flammend, doch glimmend den angenehmsten Geruch verbreiteten. Ja dieses gelinde Verbrennen und Verdampfen schien noch mehr das, was im GemŸt vorgeht, auszudrŸcken als eine offene Flamme. Die Sonne war schon lŠngst aufgegangen, aber NachbarhŠuser verdeckten den Osten. Endlich erschien sie Ÿber den DŠchern; sogleich ward ein Brennglas zur Hand genommen, und die in einer schšnen Porzellanschale auf dem Gipfel stehenden RŠucherkerzen angezŸndet. Alles gelang nach Wunsch, und die Andacht war vollkommen. Der Altar blieb als eine besondre Zierde des Zimmers, das man ihm im neuen Hause eingerŠumt hatte, stehen. Jedermann sah darin nur eine wohl aufgeputzte Naturaliensammlung; der Knabe hingegen wu§te besser, was er verschwieg. Er sehnte sich nach der Wiederholung jener Feierlichkeit. UnglŸcklicherweise war eben, als die gelegenste Sonne hervorstieg, die Porzellantasse nicht bei der Hand; er stellte die RŠucherkerzchen unmittelbar auf die obere FlŠche des Musikpultes; sie wurden angezŸndet, und die Andacht war so gro§, da§ der Priester nicht merkte, welchen Schaden sein Opfer anrichtete, als bis ihm nicht mehr abzuhelfen war. Die Kerzen hatten sich nŠmlich in den roten Lack und in die schšnen goldnen Blumen auf eine schmŠhliche Weise eingebrannt und, gleich als wŠre ein bšser Geist verschwunden, ihre schwarzen unauslšschlichen Fu§tapfen zurŸckgelassen. HierŸber


kam der junge Priester in die Šu§erste Verlegenheit. Zwar wu§te er den Schaden durch die grš§esten Prachtstufen zu bedecken, allein der Mut zu neuen Opfern war ihm vergangen, und fast mšchte man diesen Zufall als eine Andeutung und Warnung betrachten, wie gefŠhrlich es Ÿberhaupt sei, sich Gott auf dergleichen Wegen nŠhern zu wollen.


 

Zweites Buch

 

Alles bisher Vorgetragene deutet auf jenen glŸcklichen und gemŠchlichen Zustand, in welchem sich die LŠnder wŠhrend eines langen Friedens befinden. Nirgends aber genie§t man eine solche schšne Zeit wohl mit grš§erem Behagen als in StŠdten, die nach ihren eigenen Gesetzen leben, die gro§ genug sind, eine ansehnliche Menge BŸrger zu fassen, und wohl gelegen, um sie durch Handel und Wandel zu bereichern. Fremde finden ihren Gewinn, da aus- und einzuziehen, und sind genštigt, Vorteil zu bringen, um Vorteil zu erlangen. Beherrschen solche StŠdte auch kein weites Gebiet, so kšnnen sie desto mehr im Innern WohlhŠbigkeit bewirken, weil ihre VerhŠltnisse nach au§en sie nicht zu kostspieligen Unternehmungen oder Teilnahmen verpflichten. Auf diese Weise verflo§ den Frankfurtern wŠhrend meiner Kindheit eine Reihe glŸcklicher Jahre. Aber kaum hatte ich am 28. August 1756 mein siebentes Jahr zurŸckgelegt, als gleich darauf jener weltbekannte Krieg ausbrach, welcher auf die nŠchsten sieben Jahre meines Lebens auch gro§en Einflu§ haben sollte. Friedrich der Zweite, Kšnig von Preu§en, war mit 60000 Mann in Sachsen eingefallen, und statt einer vorgŠngigen KriegserklŠrung folgte ein Manifest, wie man sagte, von ihm selbst verfa§t, welches die Ursachen enthielt, die ihn zu einem solchen ungeheuren Schritt bewogen und berechtigt. Die Welt, die sich nicht nur als Zuschauer, sondern auch als Richter aufgefordert fand, spaltete sich sogleich in zwei Parteien, und unsere Familie war ein Bild des gro§en Ganzen.

Mein Gro§vater, der als Schšff von Frankfurt Ÿber Franz dem Ersten den Kršnungshimmel getragen, und von der


Kaiserin eine gewichtige goldene Kette mit ihrem Bildnis erhalten hatte, war mit einigen Schwiegersšhnen und Tšchtern auf šstreichischer Seite. Mein Vater, von Karl dem Siebenten zum kaiserlichen Rat ernannt, und an dem Schicksale dieses unglŸcklichen Monarchen gemŸtlich teilnehmend, neigte sich mit der kleinem FamilienhŠlfte gegen Preu§en. Gar bald wurden unsere ZusammenkŸnfte, die man seit mehrern Jahren Sonntags ununterbrochen fortgesetzt hatte, gestšrt. Die unter VerschwŠgerten gewšhnlichen Mi§helligkeiten fanden nun erst eine Form, in der sie sich aussprechen konnten. Man stritt, man Ÿberwarf sich, man schwieg, man brach los. Der Gro§vater, sonst ein heitrer, ruhiger und bequemer Mann, ward ungeduldig. Die Frauen suchten vergebens das Feuer zu tŸschen, und nach einigen unangenehmen Szenen blieb mein Vater zuerst aus der Gesellschaft. Nun freuten wir uns ungestšrt zu Hause der preu§ischen Siege, welche gewšhnlich durch jene leidenschaftliche Tante mit gro§em Jubel verkŸndigt wurden. Alles andere Interesse mu§te diesem weichen und wir brachten den †berrest des Jahres in bestŠndiger Agitation zu. Die Besitznahme von Dresden, die anfŠngliche MŠ§igung des Kšnigs, die zwar langsamen aber sichern Fortschritte, der Sieg bei Lowositz, die Gefangennehmung der Sachsen waren fŸr unsere Partei ebenso viele Triumphe. Alles, was zum Vorteil der Gegner angefŸhrt werden konnte, wurde geleugnet oder verkleinert; und da die entgegengesetzten Familienglieder das gleiche taten, so konnten sie einander nicht auf der Stra§e begegnen, ohne da§ es HŠndel setzte, wie in "Romeo und Julie ". Und so war ich denn auch preu§isch oder, um richtiger zu reden, fritzisch gesinnt: denn was ging uns Preu§en an. Es war die Persšnlichkeit des gro§en Kšnigs, die auf alle GemŸter wirkte. Ich freute mich mit dem Vater unserer Siege, schrieb sehr gern die Siegeslieder ab, und fast noch lieber die Spottlieder auf die Gegenpartei, so platt die Reime auch sein mochten.


Als Šltester Enkel und Pate hatte ich seit meiner Kindheit jeden Sonntag bei den Gro§eltern gespeist: es waren meine vergnŸgtesten Stunden der ganzen Woche. Aber nun wollte mir kein Bissen mehr schmecken: denn ich mu§te meinen Helden aufs greulichste verleumden hšren. Hier wehte ein anderer Wind, hier klang ein anderer Ton als zu Hause. Die Neigung, ja die Verehrung fŸr meine Gro§eltern nahm ab. Bei den Eltern durfte ich nichts davon erwŠhnen, ich unterlie§ es aus eigenem GefŸhl und auch, weil die Mutter mich gewarnt hatte. Dadurch war ich auf mich selbst zurŸckgewiesen, und wie mir in meinem sechsten Jahre, nach dem Erdbeben von Lissabon, die GŸte Gottes einigerma§en verdŠchtig geworden war, so fing ich nun, wegen Friedrichs des Zweiten, die Gerechtigkeit des Publikums zu bezweifeln an. Mein GemŸt war von Natur zur Ehrerbietung geneigt und es gehšrte eine gro§e ErschŸtterung dazu, um meinen Glauben an irgend ein EhrwŸrdiges wanken zu machen. Leider hatte man uns die guten Sitten, ein anstŠndiges Betragen, nicht um ihrer selbst, sondern um der Leute willen anempfohlen; was die Leute sagen wŸrden, hie§ es immer, und ich dachte, die Leute mŸ§ten auch rechte Leute sein, wŸrden auch alles und jedes zu schŠtzen wissen. Nun aber erfuhr ich das Gegenteil. Die grš§ten und augenfŠlligsten Verdienste wurden geschmŠht und angefeindet, die hšchsten Taten, wo nicht geleugnet, doch wenigstens entstellt und verkleinert; und ein so schnšdes Unrecht geschah dem einzigen, offenbar Ÿber alle seine Zeitgenossen erhabenen Manne, der tŠglich bewies und dartat, was er vermšge; und dies nicht etwa vom Pšbel, sondern von vorzŸglichen MŠnnern, wofŸr ich doch meinen Gro§vater und meine Oheime zu halten hatte. Da§ es Parteien geben kšnne, ja da§ er selbst zu einer Partei gehšrte, davon hatte der Knabe keinen Begriff. Er glaubte um so viel mehr recht zu haben und seine Gesinnung fŸr die bessere erklŠren zu dŸrfen, da er und die Gleichgesinnten Marien Theresien, ihre Schšnheit und Ÿbrigen guten Eigenschaften ja gelten lie§en, und dem Kaiser Franz


seine Juwelen- und Geldliebhaberei weiter auch nicht verargten; da§ Graf Daun manchmal eine SchlafmŸtze gehei§en wurde, glaubten sie verantworten zu kšnnen.

Bedenke ich es aber jetzt genauer, so finde ich hier den Keim der Nichtachtung, ja der Verachtung des Publikums, die mir eine ganze Zeit meines Lebens anhing und nur spŠt durch Einsicht und Bildung ins gleiche gebracht werden konnte. Genug, schon damals war das Gewahrwerden parteiischer Ungerechtigkeit dem Knaben sehr unangenehm, ja schŠdlich, indem es ihn gewšhnte, sich von geliebten und geschŠtzten Personen zu entfernen. Die immer auf einander folgenden Kriegstaten und Begebenheiten lie§en den Parteien weder Ruhe noch Rast. Wir fanden ein verdrie§liches Behagen, jene eingebildeten †bel und willkŸrlichen HŠndel immer von frischem wieder zu erregen und zu schŠrfen, und so fuhren wir fort, uns unter einander zu quŠlen, bis einige Jahre darauf die Franzosen Frankfurt besetzten und uns wahre Unbequemlichkeit in die HŠuser brachten.

Ob nun gleich die meisten sich dieser wichtigen, in der Ferne vorgehenden Ereignisse nur zu einer leidenschaftlichen Unterhaltung bedienten, so waren doch auch andre, welche den Ernst dieser Zeiten wohl einsahen, und befŸrchteten, da§ bei einer Teilnahme Frankreichs der Kriegsschauplatz sich auch in unsern Gegenden auftun kšnne. Man hielt uns Kinder mehr als bisher zu Hause, und suchte uns auf mancherlei Weise zu beschŠftigen und zu unterhalten. Zu solchem Ende hatte man das von der Gro§mutter hinterlassene Puppenspiel wieder aufgestellt, und zwar dergestalt eingerichtet, da§ die Zuschauer in meinem Giebelzimmer sitzen, die spielenden und dirigierenden Personen aber, so wie das Theater selbst vom Proszenium an, in einem Nebenzimmer Platz und Raum fanden. Durch die besondere VergŸnstigung, bald diesen bald jenen Knaben als Zuschauer einzulassen, erwarb ich mir anfangs viele Freunde; allein die Unruhe, die in den Kindern steckt, lie§ sie nicht lange geduldige Zuschauer bleiben. Sie stšrten das Spiel, und wir


mu§ten uns ein jŸngeres Publikum aussuchen, das noch allenfalls durch Ammen und MŠgde in der Ordnung gehalten werden konnte. Wir hatten das ursprŸngliche Hauptdrama, worauf die Puppengesellschaft eigentlich eingerichtet war, auswendig gelernt, und fŸhrten es anfangs auch ausschlie§lich auf; allein dies ermŸdete uns bald, wir verŠnderten die Garderobe, die Dekorationen und wagten uns an verschiedene StŸcke, die freilich fŸr einen so kleinen Schauplatz zu weitlŠuftig waren. Ob wir uns nun gleich durch diese Anma§ung dasjenige, was wir wirklich hŠtten leisten kšnnen, verkŸmmerten und zuletzt gar zerstšrten, so hat doch diese kindliche Unterhaltung und BeschŠftigung auf sehr mannigfaltige Weise bei mir das Erfindungs- und Darstellungsvermšgen, die Einbildungskraft und eine gewisse Technik geŸbt und befšrdert, wie es vielleicht auf keinem andern Wege in so kurzer Zeit, in einem so engen Raume, mit so wenigem Aufwand hŠtte geschehen kšnnen.

Ich hatte frŸh gelernt, mit Zirkel und Lineal umzugehen, indem ich den ganzen Unterricht, den man uns in der Geometrie erteilte, sogleich in das TŠtige verwandte, und Pappenarbeiten konnten mich hšchlich beschŠftigen. Doch blieb ich nicht bei geometrischen Kšrpern, bei KŠstchen und solchen Dingen stehen, sondern ersann mir artige LusthŠuser, welche mit Pilastern, Freitreppen und flachen DŠchern ausgeschmŸckt wurden; wovon jedoch wenig zustande kam.

Weit beharrlicher hingegen war ich, mit HŸlfe unsers Bedienten, eines Schneiders von Profession, eine RŸstkammer auszustatten, welche zu unsern Schau- und Trauerspielen dienen sollte, die wir, nachdem wir den Puppen Ÿber den Kopf gewachsen waren, selbst aufzufŸhren Lust hatten. Meine Gespielen verfertigten sich zwar auch solche RŸstungen und hielten sie fŸr ebenso schšn und gut als die meinigen; allein ich hatte es nicht bei den BedŸrfnissen einer Person bewenden lassen, sondern konnte mehrere des kleinen Heeres mit allerlei Requisiten ausstatten, und machte mich daher unserm kleinen Kreise immer notwendiger. Da§


solche Spiele auf Parteiungen, Gefechte und SchlŠge hinwiesen, und gewšhnlich auch mit HŠndeln und Verdru§ ein schreckliches Ende nahmen, lŠ§t sich denken. In solchen FŠllen hielten gewšhnlich gewisse bestimmte Gespielen an mir, andre auf der Gegenseite, ob es gleich šfter manchen Parteiwechsel gab. Ein einziger Knabe, den ich Pylades nennen will, verlie§ nur ein einzigmal, von den andern aufgehetzt, meine Partei, konnte es aber kaum eine Minute aushalten, mir feindselig gegenŸberzustehen; wir versšhnten uns unter vielen TrŠnen, und haben eine ganze Weile treulich zusammengehalten.

Diesen so wie andre Wohlwollende konnte ich sehr glŸcklich machen, wenn ich ihnen MŠrchen erzŠhlte, und besonders liebten sie, wenn ich in eigner Person sprach, und hatten eine gro§e Freude, da§ mir als ihrem Gespielen so wunderliche Dinge kšnnten begegnet sein, und dabei gar kein Arges, wie ich Zeit und Raum zu solchen Abenteuern finden kšnnen, da sie doch ziemlich wu§ten, wie ich beschŠftigt war und wo ich aus und ein ging. Nicht weniger waren zu solchen Begebenheiten LokalitŠten, wo nicht aus einer andern Welt, doch gewi§ aus einer andern Gegend nštig, und alles war doch erst heut oder gestern geschehen, sie mu§ten sich daher mehr selbst betrŸgen, als ich sie zum besten haben konnte. Und wenn ich nicht nach und nach, meinem Naturell gemŠ§, diese Luftgestalten und Windbeuteleien zu kunstmŠ§igen Darstellungen hŠtte verarbeiten lernen, so wŠren solche aufschneiderische AnfŠnge gewi§ nicht ohne schlimme Folgen fŸr mich geblieben.

Betrachtet man diesen Trieb recht genau, so mšchte man in ihm diejenige Anma§ung erkennen, womit der Dichter selbst das Unwahrscheinlichste gebieterisch ausspricht, und von einem jeden fordert, er solle dasjenige fŸr wirklich erkennen, was ihm, dem Erfinder, auf irgend eine Weise als wahr erscheinen konnte.

Was jedoch hier nur im allgemeinen und betrachtungsweise vorgetragen worden, wird vielleicht durch ein Bei-


spiel, durch ein MusterstŸck angenehmer und anschaulicher werden. Ich fŸge daher ein solches MŠrchen bei, welches mir, da ich es meinen Gespielen oft wiederholen mu§te, noch ganz wohl vor der Einbildungskraft und im GedŠchtnis schwebt.

 

Der neue Paris

 

KnabenmŠrchen

 

Mir trŠumte neulich in der Nacht vor Pfingstsonntag, als stŸnde ich vor einem Spiegel und beschŠftigte mich mit den neuen Sommerkleidern, welche mir die lieben Eltern auf das Fest hatten machen lassen. Der Anzug bestand, wie ihr wi§t, in Schuhen von sauberem Leder, mit gro§en silbernen Schnallen, feinen baumwollenen StrŸmpfen, schwarzen Unterkleidern von Sarsche, und einem Rock von grŸnem Berkan mit goldnen Balletten. Die Weste dazu, von Goldstoff, war aus meines Vaters BrŠutigamsweste geschnitten. Ich war frisiert und gepudert, die Locken standen mir wie FlŸgelchen vom Kopfe; aber ich konnte mit dem Anziehen nicht fertig werden, weil ich immer die KleidungsstŸcke verwechselte, und weil mir immer das erste vom Leibe fiel, wenn ich das zweite umzunehmen gedachte. In dieser gro§en Verlegenheit trat ein junger schšner Mann zu mir und begrŸ§te mich aufs freundlichste. "Ei, seid mir willkommen!" sagte ich, "es ist mir ja gar lieb, da§ ich Euch hier sehe." - "Kennt Ihr mich denn?" versetzte jener lŠchelnd. - "Warum nicht?" war meine gleichfalls lŠchelnde Antwort. "Ihr seid Merkur, und ich habe Euch oft genug abgebildet gesehen." - "Das bin ich", sagte jener, "und von den Gšttern mit einem wichtigen Auftrag an dich gesandt, siehst du diese drei €pfel?" - Er reichte seine Hand her und zeigte mir drei €pfel, die sie kaum fassen konnte, und die ebenso wundersam schšn als gro§ waren, und zwar der eine von


roter, der andere von gelber, der dritte von grŸner Farbe. Man mu§te sie fŸr Edelsteine halten, denen man die Form von FrŸchten gegeben. Ich wollte darnach greifen; er aber zog zurŸck und sagte: "Du mu§t erst wissen, da§ sie nicht fŸr dich sind. Du sollst sie den drei schšnsten jungen Leuten von der Stadt geben, welche sodann, jeder nach seinem Lose, Gattinnen finden sollen, wie sie solche nur wŸnschen kšnnen. Nimm, und mach deine Sachen gut!" sagte er scheidend und gab mir die €pfel in meine offnen HŠnde; sie schienen mir noch grš§er geworden zu sein. Ich hielt sie darauf in die Hšhe, gegen das Licht, und fand sie ganz durchsichtig; aber gar bald zogen sie sich aufwŠrts in die LŠnge und wurden zu drei schšnen, schšnen Frauenzimmerchen in mŠ§iger Puppengrš§e, deren Kleider von der Farbe der vorherigen €pfel waren. So gleiteten sie sacht an meinen Fingern hinauf, und als ich nach ihnen haschen wollte um wenigstens eine festzuhalten, schwebten sie schon weit in der Hšhe und Ferne, da§ ich nichts als das Nachsehen hatte. Ich stand ganz verwundert und versteinert da, hatte die HŠnde noch in der Hšhe und beguckte meine Finger, als wŠre daran etwas zu sehen gewesen. Aber mit einmal erblickte ich auf meinen Fingerspitzen ein allerliebstes MŠdchen herumtanzen, kleiner als jene, aber gar niedlich und munter; und weil sie nicht wie die andern fortflog, sondern verweilte, und bald auf diese bald auf jene Fingerspitze tanzend hin und her trat, so sah ich ihr eine Zeitlang verwundert zu. Da sie mir aber gar so wohl gefiel, glaubte ich sie endlich haschen zu kšnnen und dachte geschickt genug zuzugreifen; allein in dem Augenblick fŸhlte ich einen Schlag an den Kopf, so da§ ich ganz betŠubt niederfiel, und aus dieser BetŠubung nicht eher erwachte, als bis es Zeit war mich anzuziehen und in die Kirche zu gehen.

Unter dem Gottesdienst wiederholte ich mir jene Bilder oft genug; auch am gro§elterlichen Tische, wo ich zu Mittag speiste. Nachmittags wollte ich einige Freunde besuchen, sowohl um mich in meiner neuen Kleidung, den Hut unter


dem Arm und den Degen an der Seite, sehen zu lassen, als auch weil ich ihnen Besuche schuldig war. Ich fand niemanden zu Hause, und da ich hšrte, da§ sie in die GŠrten gegangen, so gedachte ich ihnen zu folgen und den Abend vergnŸgt zuzubringen. Mein Weg fŸhrte mich den Zwinger hin, und ich kam in die Gegend, welche mit Recht den Namen "schlimme Mauer " fŸhrt: denn es ist dort niemals ganz geheuer. Ich ging nur langsam und dachte an meine drei Gšttinnen, besonders aber an die kleine Nymphe, und hielt meine Finger manchmal in die Hšhe, in Hoffnung, sie wŸrde so artig sein, wieder darauf zu balancieren. In diesen Gedanken VorwŠrts gehend erblickte ich, linker Hand, in der Mauer ein Pfšrtchen, das ich mich nicht erinnerte je gesehen zu haben. Es schien niedrig, aber der Spitzbogen drŸber hŠtte den grš§ten Mann hindurch gelassen. Bogen und GewŠnde waren aufs zierlichste vom Steinmetz und Bildhauer ausgemei§elt, die TŸre selbst aber zog erst recht meine Aufmerksamkeit an sich. Braunes uraltes Holz, nur wenig verziert, war mit breiten, sowohl erhaben als vertieft gearbeiteten BŠndern von Erz beschlagen, deren Laubwerk, worin die natŸrlichsten Všgel sa§en, ich nicht genug bewundern konnte. Doch was mir das MerkwŸrdigste schien, kein SchlŸsselloch war zu sehen, keine Klinke, kein Klopfer, und ich vermutete daraus, da§ diese TŸre nur von innen aufgemacht werde. Ich hatte mich nicht geirrt: denn als ich ihr nŠher trat, um die Zieraten zu befŸhlen, tat sie sich hineinwŠrts auf, und es erschien ein Mann, dessen Kleidung etwas Langes, Weites und Sonderbares hatte. Auch ein ehrwŸrdiger Bart umwšlkte sein Kinn; daher ich ihn fŸr einen Juden zu halten geneigt war. Er aber, eben als wenn er meine Gedanken erraten hŠtte, machte das Zeichen des heiligen Kreuzes, wodurch er mir zu erkennen gab, da§ er ein guter katholischer Christ sei. - "Junger Herr, wie kommt Ihr hierher, und was macht Ihr da?" sagte er mit freundlicher Stimme und GebŠrde. - "Ich bewundre", versetzte ich, "die Arbeit dieser Pforte: denn ich habe dergleichen noch nie-


mals gesehen; es mŸ§te denn sein auf kleinen StŸcken in den Kunstsammlungen der Liebhaber." - "Es freut mich", versetzte er darauf, "da§ Ihr solche Arbeit liebt. Inwendig ist die Pforte noch viel schšner: tretet herein, wenn es Euch gefŠllt." Mir war bei der Sache nicht ganz wohl zu Mute. Die wunderliche Kleidung des Pfšrtners, die Abgelegenheit und ein sonst ich wei§ nicht was, das in der Luft zu liegen schien, beklemmte mich. Ich verweilte daher, unter dem Vorwunde, die Au§enseite noch lŠnger zu betrachten, und blickte dabei verstohlen in den Garten: denn ein Garten war es, der sich vor mir eršffnet hatte. Gleich hinter der Pforte sah ich einen gro§en beschatteten Platz; alte Linden, regelmŠ§ig von einander abstehend, bedeckten ihn všllig mit ihren dicht in einander greifenden €sten, so da§ die zahlreichsten Gesellschaften in der grš§ten Tageshitze sich darunter hŠtten erquicken kšnnen, schon war ich auf die Schwelle getreten, und der Alte wu§te mich immer um einen Schritt weiter zu locken. Ich widerstand auch eigentlich nicht: denn ich hatte jederzeit gehšrt, da§ ein Prinz oder Sultan in solchem Falle niemals fragen mŸsse, ob Gefahr vorhanden sei. Hatte ich doch auch meinen Degen an der Seite; und sollte ich mit dem Alten nicht fertig werden, wenn er sich feindlich erweisen wollte? Ich trat also ganz gesichert hinein; der Pfšrtner drŸckte die TŸre zu, die so leise einschnappte, da§ ich es kaum spŸrte. Nun zeigte er mir die inwendig angebrachte, wirklich noch viel kunstreichere Arbeit, legte sie mir aus, und bewies mir dabei ein besonderes Wohlwollen. Hiedurch nun všllig beruhigt, lie§ ich mich in dem belaubten Raume an der Mauer, die sich ins Runde zog, weiter fŸhren, und fand manches an ihr zu bewundern. Nischen, mit Muscheln, Korallen und Metallstufen kŸnstlich ausgeziert, gaben aus TritonenmŠulern reichliches Wasser in marmorne Becken; dazwischen waren VogelhŠuser angebracht und andre Vergitterungen, worin Eichhšrnchen herumhŸpften, Meerschweinchen hin und wider liefen, und was man nur sonst von artigen Geschšpfen


wŸnschen kann. Die Všgel riefen und sangen uns an, wie wir vorschritten; die Stare besonders schwŠtzten das nŠrrischste Zeug; der eine rief immer: "Paris, Paris", und der andre: "Narzi§, Narzi§," so deutlich, als es ein Schulknabe nur aussprechen kann. Der Alte schien mich immer ernsthaft anzusehen, indem die Všgel dieses riefen; ich tat aber nicht, als wenn ich's merkte, und hatte auch wirklich nicht Zeit, auf ihn Acht zu geben: denn ich konnte wohl gewahr werden, da§ wir in die Runde gingen, und da§ dieser beschattete Raum eigentlich ein gro§er Kreis sei, der einen andern viel bedeutendern umschlie§e. Wir waren auch wirklich wieder bis ans Pfšrtchen gelangt, und es schien, als wenn der Alte mich hinauslassen wolle; allein meine Augen blieben auf ein goldnes Gitter gerichtet, welches die Mitte dieses wunderbaren Gartens zu umzŠunen schien, und das ich auf unserm Gange hinlŠnglich zu beobachten Gelegenheit fand, ob mich der Alte gleich immer an der Mauer und also ziemlich entfernt von der Mitte zu halten wu§te. Als er nun eben auf das Pfšrtchen losging, sagte ich zu ihm, mit einer Vorbeugung: "Ihr seid so Šu§erst gefŠllig gegen mich gewesen, da§ ich wohl noch eine Bitte wagen mšchte, ehe ich von Euch scheide. DŸrfte ich nicht jenes goldne Gitter nŠher besehen, das in einem sehr weiten Kreise das Innere des Gartens einzuschlie§en scheint?"- "Recht gern," versetzte jener; "aber sodann mŸ§t Ihr Euch einigen Bedingungen unterwerfen." - "Worin bestehen sie?" fragte ich hastig. - "Ihr mŸ§t Euren Hut und Degen hier zurŸcklassen, und dŸrft mir nicht von der Hand, indem ich Euch begleite."- "Herzlich gern!" erwiderte ich, und legte Hut und Degen auf die erste beste steinerne Bank. Sogleich ergriff er mit seiner Rechten meine Linke, hielt sie fest, und fŸhrte mich mit einiger Gewalt gerade vorwŠrts. Als wir ans Gitter kamen, verwandelte sich meine Verwunderung in Erstaunen: so etwas hatte ich nie gesehen. Auf einem hohen Sockel von Marmor standen unzŠhlige Spie§e und Partisanen neben einander gereiht, die durch ihre seltsam verzierten oberen Enden zusammen-


hingen und einen ganzen Kreis bildeten. Ich schaute durch die ZwischenrŠume, und sah gleich dahinter ein sanft flie§endes Wasser, auf beiden Seiten mit Marmor eingefa§t, das in seinen klaren Tiefen eine gro§e Anzahl von Gold- und Silberfischen sehen lie§, die sich bald sachte bald geschwind, bald einzeln bald zugweise hin und her bewegten. Nun hŠtte ich aber auch gern Ÿber den Kanal gesehen, um zu erfahren, wie es in dem Herzen des Gartens beschaffen sei; allein da fand ich zu meiner gro§en BetrŸbnis, da§ an der Gegenseite das Wasser mit einem gleichen Gitter eingefa§t war, und zwar so kŸnstlicher Weise, da§ auf einen Zwischenraum diesseits gerade ein Spie§ oder eine Partisane jenseits pa§te, und man also, die Ÿbrigen Zieraten mitgerechnet, nicht hindurchsehen konnte, man mochte sich stellen, wie man wollte. †berdies hinderte mich der Alte, der mich noch immer festhielt, da§ ich mich nicht frei bewegen konnte. Meine Neugier wuchs indes, nach allem, was ich gesehen, immer mehr, und ich nahm mir ein Herz, den Alten zu fragen, ob man nicht auch hinŸber kommen kšnne. - "Warum nicht?" versetzte jener; "aber auf neue Bedingungen." - Als ich nach diesen fragte, gab er mir zu erkennen, da§ ich mich umkleiden mŸsse. Ich war es sehr zufrieden; er fŸhrte mich zurŸck nach der Mauer in einen kleinen reinlichen Saal, an dessen WŠnden mancherlei Kostbarkeiten hingen, die sich sŠmtlich dem orientalischen KostŸm zu nŠhern schienen. Ich war geschwind umgekleidet; er streifte meine gepuderten Haare unter ein buntes Netz, nachdem er sie zu meinem Entsetzen gewaltig ausgestŠubt hatte. Nun fand ich mich vor einem gro§en Spiegel in meiner Vermummung gar hŸbsch, und gefiel mir besser als in meinem steifen Sonntagskleide. Ich machte einige GebŠrden und SprŸnge, wie ich sie von den TŠnzern auf dem Me§theater gesehen hatte. Unter diesem sah ich in den Spiegel und erblickte zufŠllig das Bild einer hinter mir befindlichen Nische. Auf ihrem wei§en Grunde hingen drei grŸne Strickchen, jedes in sich auf eine Weise verschlungen, die mir in der Ferne nicht deutlich


werden wollte. Ich kehrte mich daher etwas hastig um, und fragte den Alten nach der Nische so wie nach den Strickchen. Er, ganz gefŠllig, holte eins herunter und zeigte es mir. Es war eine grŸnseidene Schnur von mŠ§iger StŠrke, deren beide Enden, durch ein zwiefach durchschnittenes grŸnes Leder geschlungen, ihr das Ansehn gaben, als sei es ein Werkzeug zu einem eben nicht sehr erwŸnschten Gebrauch. Die Sache schien mir bedenklich, und ich fragte den Alten nach der Bedeutung. Er antwortete mir ganz gelassen und gŸtig: es sei dieses fŸr diejenigen, welche das Vertrauen mi§brauchten, das man ihnen hier zu schenken bereit sei. Er hing die Schnur wieder an ihre Stelle und verlangte sogleich, da§ ich ihm folgen solle: denn diesmal fa§te er mich nicht an, und so ging ich frei neben ihm her.

Meine grš§te Neugier war nunmehr, wo die TŸre, wo die BrŸcke sein mšchte, um durch das Gitter, um Ÿber den Kanal zu kommen: denn ich hatte dergleichen bis jetzt noch nicht ausfindig machen kšnnen. Ich betrachtete daher die goldene UmzŠunung sehr genau, als wir darauf zueilten; allein augenblicklich verging mir das Gesicht: denn unerwartet begannen Spie§e, Speere, Hellebarden, Partisanen sich zu rŸtteln und zu schŸtteln, und diese seltsame Bewegung endigte damit, da§ die sŠmtlichen Spitzen sich gegen einander senkten, eben als wenn zwei altertŸmliche, mit Piken bewaffnete Heerhaufen gegen einander losgehen wollten. Die Verwirrung fŸrs Auge, das Geklirr fŸr die Ohren war kaum zu ertragen, aber unendlich Ÿberraschend der Anblick, als sie všllig niedergelassen den Kreis des Kanals bedeckten und die herrlichste BrŸcke bildeten, die man sich denken kann: denn nun lag das bunteste Gartenparterre vor meinem Blick. Es war in verschlungene Beete geteilt, welche zusammen betrachtet ein Labyrinth von Zieraten bildeten; alle mit grŸnen Einfassungen von einer niedrigen, wollig wachsenden Pflanze, die ich nie gesehen; alle mit Blumen, jede Abteilung von verschiedener Farbe, die, ebenfalls niedrig und am Boden, den vorgezeichneten Grundri§ leicht


verfolgen lie§en. Dieser kšstliche Anblick, den ich in vollem Sonnenschein geno§, fesselte ganz meine Augen; aber ich wu§te fast nicht, wo ich den Fu§ hinsetzen sollte: denn die schlŠngelnden Wege waren aufs reinlichste von blauem Sande gezogen, der einen dunklem Himmel, oder einen Himmel im Wasser, an der Erde zu bilden schien; und so ging ich, die Augen auf den Boden gerichtet, eine Zeitlang, neben meinem FŸhrer, bis ich zuletzt gewahr ward, da§ in der Mitte von diesem Beeten- und Blumenrund ein gro§er Kreis von Zypressen oder pappelartigen BŠumen stand, durch den man nicht hindurchsehen konnte, weil die untersten Zweige aus der Erde hervorzutreiben schienen. Mein FŸhrer, ohne mich gerade auf den nŠchsten Weg zu drŠngen, leitete mich doch unmittelbar nach jener Mitte, und wie war ich Ÿberrascht, als ich, in den Kreis der hohen BŠume tretend, die SŠulenhalle eines kšstlichen GartengebŠudes vor mir sah, das nach den Ÿbrigen Seiten hin Šhnliche Ansichten und EingŠnge zu haben schien. Noch mehr aber als dieses Muster der Baukunst entzŸckte mich eine himmlische Musik, die aus dem GebŠude hervordrang. Bald glaubte ich eine Laute, bald eine Harfe, bald eine Zither zu hšren, und bald noch etwas Klimperndes, das keinem von diesen drei Instrumenten gemŠ§ war. Die Pforte, auf die wir zugingen, eršffnete sich bald nach einer leisen BerŸhrung des Alten; aber wie erstaunt war ich, als die heraustretende Pfšrtnerin ganz vollkommen dem niedlichen MŠdchen glich, das mir im Traume auf den Fingern getanzt hatte, sie grŸ§te mich auch auf eine Weise, als wenn wir schon bekannt wŠren, und bat mich hereinzutreten. Der Alte blieb zurŸck, und ich ging mit ihr durch einen gewšlbten und schšn verzierten kurzen Gang nach dem Mittelsaal, dessen herrliche domartige Hšhe beim Eintritt meinen Blick auf sich zog und mich in Verwunderung setzte. Doch konnte mein Auge nicht lange dort verweilen, denn es ward durch ein reizenderes Schauspiel herabgelockt. Auf einem Teppich, gerade unter der Mitte der Kuppel, sa§en drei Frauenzimmer im Dreieck,


in drei verschiedene Farben gekleidet, die eine rot, die andre gelb, die dritte grŸn; die Sessel waren vergoldet, und der Teppich ein vollkommenes Blumenbeet. In ihren Armen lagen die drei Instrumente, die ich drau§en hatte unter scheiden kšnnen: denn durch meine Ankunft gestšrt, hatten sie mit Spielen inne gehalten. - "Seid uns willkommen!" sagte die mittlere, die nŠmlich, welche mit dem Gesicht nach der TŸre sa§, im roten Kleide und mit der Harfe. "Setzt Euch zu Alerten und hšrt zu, wenn Ihr Liebhaber von der Musik seid." Nun sah ich erst, da§ unten quervor ein ziemlich langes BŠnkchen stand, worauf eine Mandoline lag. Das artige MŠdchen nahm sie auf, setzte sich und zog mich an ihre Seite. Jetzt betrachtete ich auch die zweite Dame zu meiner Rechten; sie hatte das gelbe Kleid an, und eine Zither in der Hand; und wenn jene Harfenspielerin ansehnlich von Gestalt, gro§ von GesichtszŸgen, und in ihrem Betragen majestŠtisch war, so konnte man der Zitherspielerin ein leicht anmutiges heitres Wesen anmerken, sie war eine schlanke Blondine, da jene dunkelbraunes Haar schmŸckte. Die Mannigfaltigkeit und †bereinstimmung ihrer Musik konnte mich nicht abhalten, nun auch die dritte Schšnheit im grŸnen Gewande zu betrachten, deren Lautenspiel etwas RŸhrendes und zugleich Auffallendes fŸr mich hatte. Sie war diejenige, die am meisten auf mich Acht zu geben und ihr Spiel an mich zu richten schien; nur konnte ich aus ihr nicht klug werden: denn sie kam mir bald zŠrtlich, bald wunderlich, bald offen, bald eigensinnig vor, je nachdem sie die Mienen und ihr Spiel verŠnderte. Bald schien sie mich rŸhren, bald mich necken zu wollen. Doch mochte sie sich stellen wie sie wollte, so gewann sie mir wenig ab: denn meine kleine Nachbarin, mit der ich Ellbogen an Ellbogen sa§, hatte mich ganz fŸr sich eingenommen; und wenn ich in jenen drei Damen ganz deutlich die Sylphiden meines Traums und die Farben der €pfel erblickte, so begriff ich wohl, da§ ich keine Ursache hŠtte, sie festzuhalten. Die artige Kleine hŠtte ich lieber angepackt, wenn mir nur nicht


der Schlag, den sie mir im Traume versetzt hatte, gar zu erinnerlich gewesen wŠre. Sie hielt sich bisher mit ihrer Mandoline ganz ruhig, als aber ihre Gebieterinnen aufgehšrt hatten, so befahlen sie ihr, einige lustige StŸckchen zum besten zu geben. Kaum hatte sie einige Tanzmelodien gar aufregend abgeklimpert, so sprang sie in die Hšhe; ich tat das gleiche, sie spielte und tanzte; ich ward hingerissen, ihre Schritte zu begleiten, und wir fŸhrten eine Art von kleinem Ballett auf, womit die Damen zufrieden zu sein schienen: denn sobald wir geendigt, befahlen sie der Kleinen, mich derweil mit etwas Gutem zu erquicken, bis das Nachtessen herankŠme. Ich hatte freilich vergessen, da§ au§er diesem Paradiese noch etwas anderes in der Welt wŠre. Alerte fŸhrte mich sogleich in den Gang zurŸck, durch den ich hereingekommen war. An der Seite hatte sie zwei wohleingerichtete Zimmer; in dem einen, wo sie wohnte, setzte sie mir Orangen, Feigen, Pfirschen und Trauben vor, und ich geno§ sowohl die FrŸchte fremder LŠnder, als auch die der erst kommenden Monate mit gro§em Appetit. Zuckerwerk war im †berflu§, auch fŸllte sie einen Pokal von geschliffnem Kristall mit schŠumendem Wein: doch zu trinken bedurfte ich nicht, denn ich hatte mich an den FrŸchten hinreichend gelabt. - "Nun wollen wir spielen," sagte sie und fŸhrte mich in das andere Zimmer. Hier sah es nun aus wie auf einem Christmarkt; aber so kostbare und feine Sachen hat man niemals in einer Weihnachtsbude gesehen. Da waren alle Arten von Puppen, Puppenkleidern und PuppengerŠtschaften; KŸchen, Wohnstuben und LŠden; und einzelne Spielsachen in Unzahl, sie fŸhrte mich an allen GlasschrŠnken herum: denn in solchen waren diese kŸnstlichen Arbeiten aufbewahrt. Die ersten SchrŠnke verschlo§ sie aber bald wieder und sagte: "Das ist nichts fŸr Euch, ich wei§ es wohl. Hier aber," sagte sie, "kšnnten wir Baumaterialien finden, Mauern und TŸrme, HŠuser, PalŠste, Kirchen, um eine gro§e Stadt zusammenzustellen. Das unterhŠlt mich aber nicht; wir wollen zu etwas anderem greifen, das fŸr


Euch und mich gleich vergnŸglich ist." - Sie brachte darauf einige Kasten hervor, in denen ich kleines Kriegsvolk Ÿber einander geschichtet erblickte, von dem ich sogleich bekennen mu§te, da§ ich niemals so etwas Schšnes gesehen hŠtte. Sie lie§ mir die Zeit nicht, das einzelne nŠher zu betrachten, sondern nahm den einen Kasten unter den Arm, und ich packte den andern auf. "Wir wollen auf die goldne BrŸcke gehen," sagte sie; "dort spielt sich's am besten mit Soldaten: die Spie§e geben gleich die Richtung, wie man die Armeen gegen einander zu stellen hat." Nun waren wir auf dem goldnen schwankenden Boden angelangt; unter mir hšrte ich das Wasser rieseln und die Fische plŠtschern, indem ich niederkniete, meine Linien aufzustellen. Es war alles Reiterei, wie ich nunmehr sah, sie rŸhmte sich, die Kšnigin der Amazonen zum FŸhrer ihres weiblichen Heeres zu besitzen; ich dagegen fand den Achill und eine sehr stattliche griechische Reiterei. Die Heere standen gegen einander, und man konnte nichts Schšneres sehen. Es waren nicht etwa flache bleierne Reiter, wie die unsrigen, sondern Mann und Pferd rund und kšrperlich, und auf das feinste gearbeitet; auch konnte man kaum begreifen, wie sie sich im Gleichgewicht hielten: denn sie standen fŸr sich, ohne ein Fu§brettchen zu haben.

Wir hatten nun jedes mit gro§er Selbstzufriedenheit unsere Heerhaufen beschaut, als sie mir den Angriff verkŸndigte. Wir hatten auch GeschŸtz in unsern KŠsten gefunden; es waren nŠmlich Schachteln voll kleiner wohlpolierter Achatkugeln. Mit diesen sollten wir aus einer gewissen Entfernung gegen einander kŠmpfen, wobei jedoch ausdrŸcklich bedungen war, da§ nicht stŠrker geworfen werde, als nštig sei, die Figuren umzustŸrzen: denn beschŠdigt sollte keine werden. Wechselseitig ging nun die Kanonade los, und im Anfang wirkte sie zu unser beider Zufriedenheit. Allein als meine Gegnerin bemerkte, da§ ich doch besser zielte als sie, und zuletzt den Sieg, der von der †berzahl der Stehngebliebenen abhing, gewinnen mšchte, trat sie nŠher, und ihr


mŠdchenhaftes Werfen hatte denn auch den erwŸnschten Erfolg, sie streckte mir eine Menge meiner besten Truppen nieder, und je mehr ich protestierte, desto eifriger warf sie. Dies verdro§ mich zuletzt, und ich erklŠrte, da§ ich ein gleiches tun wŸrde. Ich trat auch wirklich nicht allein nŠher heran, sondern warf im Unmut viel heftiger, da es denn nicht lange wŠhrte, als ein paar ihrer kleinen Zentaurinnen in StŸcke sprangen. In ihrem Eifer bemerkte sie es nicht gleich; aber ich stand versteinert, als die zerbrochnen FigŸrchen sich von selbst wieder zusammenfŸgten, Amazone und Pferd wieder ein Ganzes, auch zugleich všllig lebendig wurden, im Galopp von der goldnen BrŸcke unter die Linden setzten, und, in Karriere hin und wider rennend, sich endlich gegen die Mauer, ich wei§ nicht wie, verloren. Meine schšne Gegnerin war das kaum gewahr worden, als sie in ein lautes Weinen und Jammern ausbrach und rief: da§ ich ihr einen unersetzlichen Verlust zugefŸgt, der weit grš§er sei, als es sich aussprechen lasse. Ich aber, der ich schon erbost war, freute mich ihr etwas zu Leide zu tun, und warf noch ein paar mir Ÿbrig gebliebene Achatkugeln blindlings mit Gewalt unter ihren Heerhaufen. UnglŸcklicherweise traf ich die Kšnigin, die bisher bei unserm regelmŠ§igen Spiel ausgenommen gewesen. Sie sprang in StŸcken, und ihre nŠchsten Adjutanten wurden auch zerschmettert; aber schnell stellten sie sich wieder her und nahmen Rei§aus wie die ersten, galoppierten sehr lustig unter den Linden herum und verloren sich gegen die Mauer.

Meine Gegnerin schalt und schimpfte; ich aber, nun einmal im Gange, bŸckte mich, einige Achatkugeln aufzuheben, welche an den goldnen Spie§en herumrollten. Mein ergrimmter Wunsch war, ihr ganzes Heer zu vernichten; sie dagegen, nicht faul, sprang auf mich los und gab mir eine Ohrfeige, da§ der Kopf summte. Ich, der ich immer gehšrt hatte, auf die Ohrfeige eines MŠdchens gehšre ein derber Ku§, fa§te sie bei den Ohren und kŸ§te sie zu wiederholten Malen. Sie aber tat einen solchen durchdringenden


Schrei, der mich selbst erschreckte; ich lie§ sie fahren, und das war mein GlŸck: denn in dem Augenblick wu§te ich nicht, wie mir geschah. Der Boden unter mir fing an zu beben und zu rasseln; ich merkte geschwind, da§ sich die Gitter wieder in Bewegung setzten: allein ich hatte nicht Zeit zu Ÿberlegen, noch konnte ich Fu§ fassen, um zu fliehen. Ich fŸrchtete jeden Augenblick gespie§t zu werden: denn die Partisanen und Lanzen, die sich aufrichteten, zerschlitzten mir schon die Kleider; genug, ich wei§ nicht, wie mir geschah, mir verging Hšren und Sehen, und ich erholte mich aus meiner BetŠubung, von meinem Schrecken am Fu§ einer Linde, wider den mich das aufschnellende Gitter geworfen hatte. Mit dem Erwachen erwachte auch meine Bosheit, die sich noch heftig vermehrte, als ich von drŸben die Spottworte und das GelŠchter meiner Gegnerin vernahm, die an der andern Seite, etwas gelinder als ich, mochte zur Erde gekommen sein. Daher sprang ich auf, und als ich rings um mich das kleine Heer nebst seinem AnfŸhrer Achill, welche das auffahrende Gitter mit mir herŸber geschnellt hatte, zerstreut sah, ergriff ich den Helden zuerst und warf ihn wider einen Baum. Seine Wiederherstellung und seine Flucht gefielen mir nun doppelt, weil sich die Schadenfreude zu dem artigsten Anblick von der Welt gesellte, und ich war im Begriff, die sŠmtlichen Griechen ihm nachzuschicken, als auf einmal zischende Wasser von allen Seiten her, aus Steinen und Mauern, aus Boden und Zweigen hervorsprŸhten, und, wo ich mich hinwendete, kreuzweise auf mich lospeitschten. Mein leichtes Gewand war in kurzer Zeit všllig durchnŠ§t; zerschlitzt war es schon, und ich sŠumte nicht, es mir ganz vom Leibe zu rei§en. Die Pantoffeln warf ich von mir, und so eine HŸlle nach der andern; ja ich fand es endlich bei dem warmen Tage sehr angenehm, ein solches Strahlbad Ÿber mich ergehen zu lassen. Ganz nackt schritt ich nun gravitŠtisch zwischen diesen willkommnen GewŠssern einher, und dachte, mich lange so wohl befinden zu kšnnen. Mein Zorn verkŸhlte sich, und ich wŸnschte nichts


mehr als eine Versšhnung mit meiner kleinen Gegnerin. Doch in einem Nu schnappten die Wasser ab, und ich stand nun feucht auf einem durchnŠ§ten Boden. Die Gegenwart des alten Mannes, der unvermutet vor mich trat, war mir keineswegs willkommen; ich hŠtte gewŸnscht, mich, wo nicht verbergen, doch wenigstens verhŸllen zu kšnnen. Die BeschŠmung, der Frostschauer, das Bestreben, mich einigerma§en zu bedecken, lie§en mich eine hšchst erbŠrmliche Figur spielen; der Alte benutzte den Augenblick, um mir die grš§esten VorwŸrfe zu machen. "Was hindert mich," rief er aus, "da§ ich nicht eine der grŸnen Schnuren ergreife und sie, wo nicht Eurem Hals, doch Eurem RŸcken anmesse!" Diese Drohung nahm ich hšchst Ÿbel. "HŸtet Euch," rief ich aus, "vor solchen Worten, ja nur vor solchen Gedanken: denn sonst seid Ihr und Eure Gebieterinnen verloren!" - "Wer bist denn du," fragte er trutzig, "da§ du so reden darfst?" - "Ein Liebling der Gštter," sagte ich, "von dem es abhŠngt, ob jene Frauenzimmer wŸrdige Gatten finden und ein glŸckliches Leben fŸhren sollen, oder ob er sie will in ihrem Zauberkloster verschmachten und veralten lassen." - Der Alte trat einige Schritte zurŸck. "Wer hat dir das offenbart?" fragte er erstaunt und bedenklich. - "Drei €pfel," sagte ich, "drei Juwelen." - "Und was verlangst du zum Lohn?" rief er aus. - "Vor allen Dingen das kleine Geschšpf," versetzte ich, "die mich in diesen verwŸnschten Zustand gebracht hat." - Der Alte warf sich vor mir nieder, ohne sich vor der noch feuchten und schlammigen Erde zu scheuen; dann stand er auf, ohne benetzt zu sein, nahm mich freundlich bei der Hand, fŸhrte mich in jenen Saal, kleidete mich behend wieder an, und bald war ich wieder sonntŠgig geputzt und frisiert wie vorher. Der Pfšrtner sprach kein Wort weiter aber ehe er mich Ÿber die Schwelle lie§, hielt er mich an, und deutete mir auf einige GegenstŠnde an der Mauer drŸben Ÿber den Weg, indem er zugleich rŸckwŠrts auf das Pfšrtchen zeigte. Ich verstand ihn wohl, er wollte nŠmlich, da§ ich mir die GegenstŠnde


einprŠgen mšchte, um das Pfšrtchen desto gewisser wieder zu finden, welches sich unversehens hinter mir zuschlo§. Ich merkte mir nun wohl, was mir gegenŸber stand. †ber eine hohe Mauer ragten die €ste uralter Nu§bŠume herŸber, und bedeckten zum Teil das Gesims, womit sie endigte. Die Zweige reichten bis an eine steinerne Tafel, deren verzierte Einfassung ich wohl erkennen, deren Inschrift ich aber nicht lesen konnte. Sie ruhte auf dem Kragstein einer Nische, in welcher ein kŸnstlich gearbeiteter Brunnen, von Schale zu Schale, Wasser in ein gro§es Becken go§, das wie einen kleinen Teich bildete und sich in die Erde verlor. Brunnen, Inschrift, Nu§bŠume alles stand senkrecht Ÿber einander; ich wollte es malen, wie ich es gesehn habe.

Nun lŠ§t sich wohl denken, wie ich diesen Abend und manchen folgenden Tag zubrachte, und wie oft ich mir diese Geschichten, die ich kaum selbst glauben konnte wiederholte. Sobald mir's nur irgend mšglich war, ging ich wieder zur "schlimmen Mauer," um wenigstens jene Merkzeichen im GedŠchtnis anzufrischen und das kšstliche Pfšrtchen zu beschauen. Allein zu meinem grš§ten Erstaunen fand ich alles verŠndert. Nu§bŠume ragten wohl Ÿber die Mauer, aber sie standen nicht unmittelbar neben einander. Eine Tafel war auch eingemauert, aber von den BŠumen weit rechts, ohne Verzierung, und mit einer leserlichen Inschrift. Eine Nische mit einem Brunnen findet sich weit links, der aber jenem, den ich gesehen, durchaus nicht zu vergleichen ist; so da§ ich beinahe glauben mu§, das zweite Abenteuer sei so gut als das erste ein Traum gewesen: denn von dem Pfšrtchen findet sich Ÿberhaupt gar keine Spur. Das einzige, was mich tršstet, ist die Bemerkung, da§ jene drei GegenstŠnde stets den Ort zu verŠndern scheinen: denn bei wiederholtem Besuch jener Gegend glaube ich bemerkt zu haben, da§ die Nu§bŠume etwas zusammenrŸcken, und da§ Tafel und Brunnen sich ebenfalls zu nŠhern scheinen. Wahrscheinlich, wenn alles wieder zusammentrifft, wird auch die Pforte von neuem sichtbar sein, und ich werde mein mšgliches tun, das


Abenteuer wieder anzuknŸpfen. Ob ich euch erzŠhlen kann, was weiter begegnet, oder ob es mir ausdrŸcklich verboten wird, wei§ ich nicht zu sagen.

 

Dieses MŠrchen, von dessen Wahrheit meine Gespielen sich leidenschaftlich zu Ÿberzeugen trachteten, erhielt gro§en Beifall. Sie besuchten, jeder allein, ohne es mir oder den andern zu vertrauen, den angedeuteten Ort, fanden die Nu§bŠume, die Tafel und den Brunnen, aber immer entfernt von einander: wie sie zuletzt bekannten, weil man in jenen Jahren nicht gern ein Geheimnis verschweigen mag. Hier ging aber der Streit erst an. Der eine versicherte: die GegenstŠnde rŸckten nicht vom Flecke und blieben immer in gleicher Entfernung unter einander. Der zweite behauptete: sie bewegten sich, aber sie entfernten sich von einander. Mit diesem war der dritte Ÿber den ersten Punkt der Bewegung einstimmig, doch schienen ihm Nu§bŠume, Tafel und Brunnen sich vielmehr zu nŠhern. Der vierte wollte noch was MerkwŸrdigeres gesehen haben: die Nu§bŠume nŠmlich in der Mitte, die Tafel aber und den Brunnen auf den entgegengesetzten Seiten, als ich angegeben. In Absicht auf die Spur des Pfšrtchens variierten sie auch. Und so gaben sie mir ein frŸhes Beispiel, wie die Menschen von einer ganz einfachen und leicht zu eršrternden Sache die widersprechendsten Ansichten haben und behaupten kšnnen. Als ich die Fortsetzung meines MŠrchens hartnŠckig verweigerte, ward dieser erste Teil šfters wieder begehrt. Ich hŸtete mich, an den UmstŠnden viel zu verŠndern, und durch die Gleichfšrmigkeit meiner ErzŠhlung verwandelte ich in den GemŸtern meiner Zuhšrer die Fabel in Wahrheit.

†brigens war ich den LŸgen und der Verstellung abgeneigt, und Ÿberhaupt keineswegs leichtsinnig; vielmehr zeigte sich der innere Ernst, mit dem ich schon frŸh mich und die Welt betrachtete, auch in meinem €u§ern, und ich ward, oft freundlich, oft auch spšttisch, Ÿber eine gewisse


WŸrde berufen, die ich mir herausnahm. Denn ob es mir zwar an guten ausgesuchten Freunden nicht fehlte, so waren wir doch immer die Minderzahl gegen jene, die uns mit rohem Mutwillen anzufechten ein VergnŸgen fanden, und uns freilich oft sehr unsanft aus jenen mŠrchenhaften selbstgefŠlligen TrŠumen aufweckten, in die wir uns, ich erfindend und meine Gespielen teilnehmend, nur allzugern verloren. Nun wurden wir abermals gewahr, da§ man, anstatt sich der Weichlichkeit und phantastischen VergnŸgungen hinzugeben, wohl eher Ursache habe, sich abzuhŠrten, um die unvermeidlichen †bel entweder zu ertragen, oder ihnen entgegen zu wirken.

Unter die †bungen des Stoizismus, den ich deshalb, so ernstlich als es einem Knaben mšglich ist, bei mir ausbildete, gehšrten auch die Duldungen kšrperlicher Leiden. Unsere Lehrer behandelten uns oft sehr unfreundlich und ungeschickt mit SchlŠgen und PŸffen, gegen die wir uns um so mehr verhŠrteten, als Widersetzlichkeit oder Gegenwirkung aufs hšchste verpšnt war. Sehr viele Scherze der Jugend beruhen auf einem Wettstreit solcher Erfragungen: zum Beispiel, wenn man mit zwei Fingern oder der ganzen Hand sich wechselsweise bis zur BetŠubung der Glieder schlŠgt, oder die bei gewissen Spielen verschuldeten SchlŠge mit mehr oder weniger Gesetztheit aushŠlt; wenn man sich beim Ringen und Balgen durch die Kniffe der HalbŸberwundenen nicht irre machen lŠ§t; wenn man einen aus Neckerei zugefŸgten Schmerz unterdrŸckt, ja selbst das Zwicken und Kitzeln, womit junge Leute so geschŠftig gegen einander sind, als etwas GleichgŸltiges behandelt. Dadurch setzt man sich in einen gro§en Vorteil, der uns von andern so geschwind nicht abgewonnen wird.

Da ich jedoch von einem solchen Leidenstrotz gleichsam Profession machte, so wuchsen die Zudringlichkeiten der andern; und wie eine unartige Grausamkeit keine Grenzen kennt, so wu§te sie mich doch aus meiner Grenze hinauszutreiben. Ich erzŠhle einen Fall statt vieler. Der Lehrer war


eine Stunde nicht gekommen; solange wir Kinder alle beisammen waren, unterhielten wir uns recht artig; als aber die mir wohlwollenden, nachdem sie lange genug gewartet, hinweggingen, und ich mit drei mi§wollenden allein blieb, so dachten diese mich zu quŠlen, zu beschŠmen und zu vertreiben, sie hatten mich einen Augenblick im Zimmer verlassen und kamen mit Ruten zurŸck, die sie sich aus einem geschwind zerschnittenen Besen verschafft hatten. Ich merkte ihre Absicht, und weil ich das Ende der Stunde nahe glaubte, so setzte ich aus dem Stegreife bei mir fest, mich bis zum Glockenschlage nicht zu wehren, sie fingen darauf unbarmherzig an, mir die Beine und Waden auf das grausamste zu peitschen. Ich rŸhrte mich nicht, fŸhlte aber bald, da§ ich mich verrechnet hatte, und da§ ein solcher Schmerz die Minuten sehr verlŠngert. Mit der Duldung wuchs meine Wut, und mit dem ersten Stundenschlag fuhr ich dem einen, der sich's am wenigsten versah, mit der Hand in die Nackenhaare und stŸrzte ihn augenblicklich zu Boden, indem ich mit dem Knie seinen RŸcken drŸckte; den andern, einen JŸngeren und SchwŠcheren, der mich von hinten anfiel, zog ich bei dem Kopfe durch den Arm und erdrosselte ihn fast, indem ich ihn an mich pre§te. Nun war der Letzte noch Ÿbrig und nicht der SchwŠchste, und mir blieb nur die linke Hand zu meiner Verteidigung. Allein ich ergriff ihn beim Kleide, und durch eine geschickte Wendung von meiner Seite, durch eine Ÿbereilte von seiner brachte ich ihn nieder und stie§ ihn mit dem Gesicht gegen den Boden, sie lie§en es nicht an Bei§en, Kratzen und Treten fehlen; aber ich hatte nur meine Rache im Sinn und in den Gliedern. In dem Vorteil, in dem ich mich befand, stie§ ich sie wiederholt mit den Kšpfen zusammen, sie erhuben zuletzt ein entsetzliches Zetergeschrei, und wir sahen uns bald von allen Hausgenossen umgeben. Die umhergestreuten Ruten und meine Beine, die ich von den StrŸmpfen entblš§te, zeugten bald fŸr mich. Man behielt sich die Strafe vor und lie§ mich aus dem Hause; ich erklŠrte aber, da§ ich kŸnftig bei der


geringsten Beleidigung einem oder dem andern die Augen auskratzen, die Ohren abrei§en, wo nicht gar ihn erdrosseln wŸrde.

Dieser Vorfall, ob man ihn gleich, wie es in kindischen Dingen zu geschehen pflegt, bald wieder verga§ und sogar belachte, war jedoch Ursache, da§ diese gemeinsamen Unterrichtsstunden seltner wurden und zuletzt ganz aufhšrten. Ich war also wieder wie vorher mehr ans Haus gebannt, wo ich an meiner Schwester Cornelia, die nur ein Jahr weniger zŠhlte als ich, eine an Annehmlichkeit immer wachsende Gesellschafterin fand.

Ich will jedoch diesen Gegenstand nicht verlassen, ohne noch einige Geschichten zu erzŠhlen, wie mancherlei Unangenehmes mir von meinen Gespielen begegnet: denn das ist ja eben das Lehrreiche solcher sittlichen Mitteilungen, da§ der Mensch erfahre, wie es andern ergangen, und was auch er vom Leben zu erwarten habe, und da§ er, es mag sich ereignen was will, bedenke, dieses widerfahre ihm als Menschen und nicht als einem besonders GlŸcklichen oder UnglŸcklichen. NŸtzt ein solches Wissen nicht viel, um die †bel zu vermeiden, so ist es doch sehr dienlich, da§ wir uns in die ZustŠnde finden, sie ertragen, ja sie Ÿberwinden lernen.

Noch eine allgemeine Bemerkung steht hier an der rechten Stelle, da§ nŠmlich bei dem Emporwachsen der Kinder aus den gesitteten StŠnden ein sehr gro§er Widerspruch zum Vorschein kommt, ich meine den, da§ sie von Eltern und Lehrern angemahnt und angeleitet werden, sich mŠ§ig, verstŠndig, ja vernŸnftig zu betragen, niemanden aus Mutwillen oder †bermut ein Leids zuzufŸgen und alle gehŠssigen Regungen, die sich an ihnen entwickeln mšchten, zu unterdrŸcken; da§ nun aber im Gegenteil, wŠhrend die jungen Geschšpfe mit einer solchen †bung beschŠftigt sind, sie von andern das zu leiden haben, was an ihnen gescholten wird und hšchlich verpšnt ist. Dadurch kommen die armen Wesen zwischen dem Naturzustande und dem der Zivilisation gar erbŠrmlich in die Klemme, und werden, je nachdem


die Charakter sind, entweder tŸckisch, oder gewaltsam aufbrausend, wenn sie eine Zeitlang an sich gehalten haben.

Gewalt ist eher mit Gewalt zu vertreiben; aber ein gut gesinntes, zur Liebe und Teilnahme geneigtes Kind wei§ dem Hohn und dem bšsen Willen wenig entgegenzusetzen. Wenn ich die TŠtlichkeiten meiner Gesellen so ziemlich abzuhalten wu§te, so war ich doch keineswegs ihren Sticheleien und Mi§reden gewachsen, weil in solchen FŠllen derjenige, der sich verteidigt, immer verlieren mu§. Es wurden also auch Angriffe dieser Art, insofern sie zum Zorn reizten, mit physischen KrŠften zurŸckgewiesen, oder sie regten wundersame Betrachtungen in mir auf, die denn nicht ohne Folgen bleiben konnten. Unter andern VorzŸgen mi§gšnnten mir die †belwollenden auch, da§ ich mir in einem VerhŠltnis gefiel, welches aus dem Schulthei§enamt meines Gro§vaters fŸr die Familie entsprang: denn indem er als der Erste unter seinesgleichen dastand, hatte dieses doch auch auf die Seinigen nicht geringen Einflu§. Und als ich mir einmal nach gehaltenem Pfeifergerichte etwas darauf einzubilden schien, meinen Gro§vater in der Mitte des Schšffenrats, eine Stufe hšher als die andern, unter dem Bilde des Kaisers gleichsam thronend gesehen zu haben, so sagte einer der Knaben hšhnisch: ich sollte doch, wie der Pfau auf seine FŸ§e, so auf meinen Gro§vater vŠterlicher Seite hinsehen, welcher Gastgeber zum Weidenhof gewesen und wohl an die Thronen und Kronen keinen Anspruch gemacht hŠtte. Ich erwiderte darauf, da§ ich davon keineswegs beschŠmt sei, weil gerade darin das Herrliche und Erhebende unserer Vaterstadt bestehe, da§ alle BŸrger sich einander gleich halten dŸrften, und da§ einem jeden seine TŠtigkeit nach seiner Art fšrderlich und ehrenvoll sein kšnne. Es sei mir nur leid, da§ der gute Mann schon so lange gestorben: denn ich habe mich auch ihn persšnlich zu kennen šfters gesehnt, sein Bildnis vielmals betrachtet, ja sein Grab besucht und mich wenigstens bei der Inschrift an dem einfachen Denkmal seines vorŸbergegangenen Daseins gefreut, dem ich das


meine schuldig geworden. Ein anderer Mi§wollender, der tŸckischste von allen, nahm jenen ersten bei Seite und flŸsterte ihm etwas in die Ohren, wobei sie mich immer spšttisch ansahen, schon fing die Galle mir an zu kochen, und ich forderte sie auf, laut zu reden. - "Nun, was ist es denn weiter," sagte der erste, "wenn du es wissen willst: dieser da meint, du kšnntest lange herumgehen und suchen, bis du deinen Gro§vater fŠndest." - Ich drohte nun noch heftiger, wenn sie sich nicht deutlicher erklŠren wŸrden, sie brachten darauf ein MŠrchen vor, das sie ihren Eltern wollten abgelauscht haben: mein Vater sei der Sohn eines vornehmen Mannes, und jener gute BŸrger habe sich willig finden lassen, Šu§erlich Vaterstelle zu vertreten, sie hatten die UnverschŠmtheit, allerlei Argumente vorzubringen, z.B. da§ unser Vermšgen blo§ von der Gro§mutter herrŸhre, da§ die Ÿbrigen Seitenverwandten, die sich in Friedberg und sonst aufhielten, gleichfalls ohne Vermšgen seien, und was noch andre solche GrŸnde waren, die ihr Gewicht blo§ von der Bosheit hernehmen konnten. Ich hšrte ihnen ruhiger zu, als sie erwarteten, denn sie standen schon auf dem Sprung zu entfliehen, wenn ich Miene machte, nach ihren Haaren zu greifen. Aber ich versetzte ganz gelassen: auch dieses kšnne mir recht sein. Das Leben sei so hŸbsch, da§ man všllig fŸr gleichgŸltig achten kšnne, wem man es zu verdanken habe: denn es schriebe sich doch zuletzt von Gott her, vor welchem wir alle gleich wŠren, so lie§en sie, da sie nichts ausrichten konnten, die Sache fŸr diesmal gut sein; man spielte zusammen weiter fort, welches unter Kindern immer ein erprobtes Versšhnungsmittel bleibt.

Mir war jedoch durch diese hŠmischen Worte eine Art von sittlicher Krankheit eingeimpft, die im stillen fortschlich. Es wollte mir gar nicht mi§fallen, der Enkel irgend eines vornehmen Herrn zu sein, wenn es auch nicht auf die gesetzlichste Weise gewesen wŠre. Meine SpŸrkraft ging auf dieser FŠhrte, meine Einbildungskraft war angeregt und mein Scharfsinn aufgefordert. Ich fing nun an, die Angaben


jener zu untersuchen, fand und erfand neue GrŸnde der Wahrscheinlichkeit. Ich hatte von meinem Gro§vater wenig reden hšren, au§er da§ sein Bildnis mit dem meiner Gro§mutter in einem Besuchzimmer des alten Hauses gehangen hatte, welche beide, nach Erbauung des neuen, in einer obern Kammer aufbewahrt wurden. Meine Gro§mutter mu§te eine sehr schšne Frau gewesen sein, und von gleichem Alter mit ihrem Manne. Auch erinnerte ich mich, in ihrem Zimmer das Miniaturbild eines schšnen Herrn, in Uniform mit Stern und Orden, gesehen zu haben, welches nach ihrem Tode mit vielen andern kleinen GerŠtschaften, wŠhrend des alles umwŠlzenden Hausbaues, verschwunden war, solche wie manche andre Dinge baute ich mir in meinem kindischen Kopfe zusammen, und Ÿbte frŸhzeitig genug jenes moderne Dichtertalent, welches durch eine abenteuerliche VerknŸpfung der bedeutenden ZustŠnde des menschlichen Lebens sich die Teilnahme der ganzen kultivierten Welt zu verschaffen wei§.

Da ich nun aber einen solchen Fall niemanden zu vertrauen, oder auch nur von ferne nachzufragen mich nŠher zu kommen. Ich hatte nŠmlich ganz bestimmt behaupten hšren, da§ die Sšhne den VŠtern oder Gro§vŠtern oft entschieden Šhnlich zu sein pflegten. Mehrere unserer Freunde, besonders auch Rat Schneider, unser Hausfreund, hatten GeschŠftsverbindungen mit allen FŸrsten und Herren der Nachbarschaft, deren, sowohl regierender als nachgeborner, keine geringe Anzahl am Rhein und Main und in dem Raume zwischen beiden ihre Besitzungen hatten, und die aus besonderer Gunst ihre treuen GeschŠftstrŠger zuweilen wohl mit ihren Bildnissen beehrten. Diese, die ich von Jugend auf vielmals an den WŠnden gesehen, betrachtete ich nunmehr mit doppelter Aufmerksamkeit, forschend, ob ich nicht eine €hnlichkeit mit meinem Vater oder gar mit mir entdecken kšnnte; welches aber zu oft gelang, als da§ es mich zu


einiger Gewi§heit hŠtte fŸhren kšnnen. Denn bald waren es die Augen von diesem, bald die Nase von jenem, die mir auf einige Verwandtschaft zu deuten schienen. So fŸhrten mich diese Kennzeichen trŸglich genug hin und wider. Und ob ich gleich in der Folge diesen Vorwurf als ein durchaus leeres MŠrchen betrachten mu§te, so blieb mir doch der Eindruck, und ich konnte nicht unterlassen, die sŠmtlichen Herren, deren Bildnisse mir sehr deutlich in der Phantasie geblieben waren, von Zeit zu Zeit im stillen bei mir zu mustern und zu prŸfen, so wahr ist es, da§ alles, was den Menschen innerlich in seinem DŸnkel bestŠrkt, seiner heimlichen Eitelkeit schmeichelt, ihm dergestalt hšchlich erwŸnscht ist, da§ er nicht weiter fragt, ob es ihm sonst auf irgend eine Weise zur Ehre oder zur Schmach gereichen kšnne.

Doch anstatt hier ernsthafte, ja rŸgende Betrachtungen einzumischen, wende ich lieber meinen Blick von jenen schšnen Zeiten hinweg: denn wer wŠre imstande, von der FŸlle der Kindheit wŸrdig zu sprechen! Wir kšnnen die kleinen Geschšpfe, die vor uns herumwandeln, nicht anders, als mit VergnŸgen, ja mit Bewunderung ansehen: denn meist versprechen sie mehr als sie halten, und es scheint, als wenn die Natur unter andern schelmischen Streichen, die sie uns spielt, auch hier sich ganz besonders vorgesetzt, uns zum besten zu haben. Die ersten Organe, die sie Kindern mit auf die Welt gibt, sind dem nŠchsten unmittelbaren Zustande des Geschšpfs gemŠ§; es bedient sich derselben kunst- und anspruchslos, auf die geschickteste Weise zu den nŠchsten Zwecken. Das Kind, an und fŸr sich betrachtet, mit seinesgleichen und in Beziehungen, die seinen KrŠften angemessen sind, scheint so verstŠndig, so vernŸnftig, da§ nichts drŸber geht, und zugleich so bequem, heiter und gewandt, da§ man keine weitre Bildung fŸr dasselbe wŸnschen mšchte. WŸchsen die Kinder in der Art fort, wie sie sich andeuten, so hŠtten wir lauter Genies. Aber das Wachstum ist nicht blo§ Entwicklung; die verschiednen organischen Systeme, die den einen Menschen ausmachen, entspringen auseinan-


der, folgen einander, verwandeln sich ineinander, verdrŠngen einander, ja zehren einander auf, so da§ von manchen FŠhigkeiten, von manchen KraftŠu§erungen nach einer gewissen Zeit kaum eine Spur mehr zu finden ist. Wenn auch die menschlichen Anlagen im ganzen eine entschiedene Richtung haben, so wird es doch dem grš§ten und erfahrensten Kenner schwer sein, sie mit ZuverlŠssigkeit voraus zu verkŸnden; doch kann man hintendrein wohl bemerken, was auf ein KŸnftiges hingedeutet hat.

Keineswegs gedenke ich daher in diesen ersten BŸchern meine Jugendgeschichten všllig abzuschlie§en, sondern ich werde vielmehr noch spŠterhin manchen Faden aufnehmen und fortleiten, der sich unbemerkt durch die ersten Jahre schon hindurchzog. Hier mu§ ich aber bemerken, welchen stŠrkeren Einflu§ nach und nach die Kriegsbegebenheiten auf unsere Gesinnungen und unsre Lebensweise ausŸbten.

Der ruhige BŸrger steht zu den gro§en Weltereignissen in einem wunderbaren VerhŠltnis. Schon aus der Ferne regen sie ihn auf und beunruhigen ihn, und er kann sich, selbst wenn sie ihn nicht berŸhren, eines Urteils, einer Teilnahme nicht enthalten, schnell ergreift er eine Partei, nachdem ihn sein Charakter oder Šu§ere AnlŠsse bestimmen. RŸcken so gro§e Schicksale, so bedeutende VerŠnderungen nŠher, dann bleibt ihm bei manchen Šu§ern Unbequemlichkeiten noch immer jenes innre Mi§behagen, verdoppelt und schŠrft das †bel meistenteils und zerstšrt das noch mšgliche Gute. Dann hat er von Freunden und Feinden wirklich zu leiden, oft mehr von jenen als von diesen, und er wei§ weder, wie er seine Neigung, noch wie er seinen Vorteil wahren und erhalten soll.

Das Jahr 1757, das wir noch in všllig bŸrgerlicher Ruhe verbrachten, wurde dem ungeachtet in gro§er GemŸtsbewegung verlebt. Reicher an Begebenheiten als dieses war vielleicht kein anderes. Die Siege, die Gro§taten, die UnglŸcksfŠlle, die Wiederherstellungen folgten aufeinander, verschlangen sich und schienen sich aufzuheben; immer


aber schwebte die Gestalt Friedrichs, sein Name, sein Ruhm, in kurzem wieder oben. Der Enthusiasmus seiner Verehrer ward immer grš§er und belebter, der Ha§ seiner Feinde bitterer, und die Verschiedenheit der Ansichten, welche selbst Familien zerspaltete, trug nicht wenig dazu bei, die ohnehin schon auf mancherlei Weise von einander getrennten BŸrger noch mehr zu isolieren. Denn in einer Stadt wie Frankfurt, wo drei Religionen die Einwohner in drei ungleiche Massen teilen, wo nur wenige MŠnner, selbst von der herrschenden, zum Regiment gelangen kšnnen, mu§ es gar manchen Wohlhabenden und Unterrichteten geben, der sich auf sich zurŸckzieht und durch Studien und Liebhabereien sich eine eigne und abgeschlossene Existenz bildet. Von solchen wird gegenwŠrtig und auch kŸnftig die Rede sein mŸssen, wenn man sich die Eigenheiten eines Frankfurter BŸrgers aus jener Zeit vergegenwŠrtigen soll.

Mein Vater hatte, sobald er von Reisen zurŸckgekommen, nach seiner eigenen Sinnesart den Gedanken gefa§t, da§ er, um sich zum Dienste der Stadt fŠhig zu machen, eins der subalternen €mter Ÿbernehmen und solches ohne Emolumente fŸhren wolle, wenn man es ihm ohne Ballotage ŸbergŠbe. Er glaubte nach seiner Sinnesart, nach dem Begriffe, den er von sich selbst hatte, im GefŸhl seines guten Willens, eine solche Auszeichnung zu verdienen, die freilich weder gesetzlich noch herkšmmlich war. Daher, als ihm sein Gesuch abgeschlagen wurde, geriet er in €rger und Mi§mut, verschwur, jemals irgend eine Stelle anzunehmen, und um es unmšglich zu machen, verschaffte er sich den Charakter eines Kaiserlichen Rates, den der Schulthei§ und die Šltesten Schšffen als einen besonderen Ehrentitel tragen. Dadurch hatte er sich zum Gleichen der Obersten gemacht und konnte nicht mehr von unten anfangen. Derselbe Beweggrund fŸhrte ihn auch dazu, um die Šlteste Tochter des Schulthei§en zu werben, wodurch er auch auf dieser Seite von dem Rate ausgeschlossen werd. Er gehšrte nun unter die ZurŸckgezogenen, welche niemals unter sich eine SozietŠt machen. Sie


stehen so isoliert gegen einander wie gegen das Ganze, und um so mehr, als sich in dieser Abgeschiedenheit das EigentŸmliche der Charakter immer schroffer ausbildet. Mein Vater mochte sich auf Reisen und in der freien Welt, die er gesehen, von einer elegantern und liberalern Lebensweise einen Begriff gemacht haben, als sie vielleicht unter seinen MitbŸrgern gewšhnlich war. Zwar fand er darin VorgŠnger und Gesellen.

Der Name von Uffenbach ist bekannt. Ein Schšff von Uffenbach lebte damals in gutem Ansehen. Er war in Italien gewesen, hatte sich besonders auf Musik gelegt, sang einen angenehmen Tenor, und da er eine schšne Sammlung von Musikalien mitgebracht hatte, wurden Konzerte und Oratorien bei ihm aufgefŸhrt. Weil er nun dabei selbst sang und die Musiker begŸnstigte, so fand man es nicht ganz seiner WŸrde gemŠ§, und die eingeladenen GŠste sowohl als die Ÿbrigen Landsleute erlaubten sich darŸber manche lustige Anmerkung.

Ferner erinnere ich mich eines Barons von HŠckel, eines reichen Edelmanns, der, verheiratet aber kinderlos, ein schšnes Haus in der Antoniusgasse bewohnte, mit allem Zubehšr eines anstŠndigen Lebens ausgestattet. Auch besa§ er gute GemŠlde, Kupferstiche, Antiken und manches andre, wie es bei Sammlern und Liebhabern zusammenflie§t. Von Zeit zu Zeit lud er die Honoratioren zum Mittagessen, und war auf eine eigne achtsame Weise wohltŠtig, indem er in seinem Hause die Armen kleidete, ihre alten Lumpen aber zurŸckbehielt, und ihnen nur unter der Bedingung ein wšchentliches Almosen reichte, da§ sie in jenen geschenkten Kleidern sich ihm jedesmal sauber und ordentlich vorstellten. Ich erinnere mich seiner nur dunkel als eines freundlichen, wohlgebildeten Mannes; desto deutlicher aber seiner Auktion, der ich vom Anfang bis zu Ende beiwohnte, und teils auf Befehl meines Vaters, teils aus eigenem Antrieb manches erstand, was sich noch unter meinen Sammlungen befindet.


FrŸher, und von mir kaum noch mit Augen gesehen, machte Johann Michael von Loen in der literarischen Welt so wie in Frankfurt ziemliches Aufsehen. Nicht von Frankfurt gebŸrtig, hatte er sich daselbst niedergelassen und war mit der Schwester meiner Gro§mutter Textor, einer gebornen Lindheimer, verheiratet. Bekannt mit der Hof- und Staatswelt, und eines erneuten Adels sich erfreuend, erlangte er dadurch einen Namen, da§ er in die verschiedenen Regungen, welche in Kirche und Staat zum Vorschein kamen, einzugreifen den Mut hatte. Er schrieb den "Grafen von Rivera," einen didaktischen Roman, dessen Inhalt aus dem zweiten Titel: "oder der ehrliche Mann am Hofe " ersichtlich ist. Dieses Werk wurde gut aufgenommen, weil es auch von den Hšfen, wo sonst nur Klugheit zu Hause ist, Sittlichkeit verlangte; und so brachte ihm seine Arbeit Beifall und Ansehen. Ein zweites Werk sollte dagegen desto gefŠhrlicher fŸr ihn werden. Er schrieb: "Die einzige wahre Religion," ein Buch, das die Absicht hatte, Toleranz, besonders zwischen Lutheranern und Calvinisten, zu befšrdern. HierŸber kam er mit den Theologen in Streit; besonders schrieb Dr. Benner in Gie§en gegen ihn. Von Loen erwiderte; der Streit wurde heftig und persšnlich, und die daraus entspringenden Unannehmlichkeiten veranla§ten den Verfasser, die Stelle eines PrŠsidenten zu Lingen anzunehmen, die ihm Friedrich der Zweite anbot, der in ihm einen aufgeklŠrten, und den Neuerungen, die in Frankreich schon viel weiter gediehen waren, nicht abgeneigten vorurteilsfreien Mann zu erkennen glaubte, seine ehemaligen Landsleute, die er mit einigem Verdru§ verlassen, behaupteten, da§ er dort nicht zufrieden sei, ja nicht zufrieden sein kšnne, weil sich ein Ort wie Lingen mit Frankfurt keineswegs messen dŸrfe. Mein Vater zweifelte auch an dem Behagen des PrŠsidenten, und versicherte, der gute Oheim hŠtte besser getan, sich mit dem Kšnige nicht einzulassen, weil es Ÿberhaupt gefŠhrlich sei, sich demselben zu nŠhern, so ein au§erordentlicher Herr er auch Ÿbrigens sein mšge. Denn man habe ja gesehen, wie schmŠhlich der


berŸhmte Voltaire, auf Requisition des preu§ischen Residenten Freitag, in Frankfurt sei verhaftet worden, da er doch vorher so hoch in Gunsten gestanden und als des Kšnigs Lehrmeister in der franzšsischen Poesie anzusehen gewesen. Es mangelte bei solchen Gelegenheiten nicht an Betrachtungen und Beispielen, um vor Hšfen und Herrendienst zu warnen, wovon sich Ÿberhaupt ein geborner Frankfurter kaum einen Begriff machen konnte.

Eines vortrefflichen Mannes, Doktor Orth, will ich nur dem Namen nach gedenken, indem ich verdienten Frankfurtern hier nicht sowohl ein Denkmal zu errichten habe, vielmehr derselben nur insofern erwŠhne, als ihr Ruf oder ihre Persšnlichkeit auf mich in den frŸhsten Jahren einigen Einflu§ gehabt. Doktor Orth war ein reicher Mann und gehšrte auch unter die, welche niemals teil am Regimente genommen, ob ihn gleich seine Kenntnisse und Einsichten wohl dazu berechtigt hŠtten. Die deutschen und besonders die frankfurtischen AltertŸmer sind ihm sehr viel schuldig geworden; er gab die Anmerkungen zu der sogenannten "Frankfurter Reformation " heraus, ein Werk, in welchem die Statuten der Reichsstadt gesammelt sind. Die historischen Kapitel desselben habe ich in meinen JŸnglingsjahren flei§ig studiert.

Von Ochsenstein, der Šltere jener drei BrŸder, deren ich oben als unserer Nachbarn gedacht, war, bei seiner eingezogenen Art zu sein, wŠhrend seines Lebens nicht merkwŸrdig geworden, desto merkwŸrdiger aber nach seinem Tode, indem er eine Verordnung hinterlie§, da§ er morgens frŸh ganz im stillen und ohne Begleitung und Gefolg, von Handwerksleuten zu Grabe gebracht sein wolle. Es geschah, und diese Handlung erregte in der Stadt, wo man an prunkhafte LeichenbegŠngnisse gewšhnt war, gro§es Aufsehn. Alle diejenigen, die bei solchen Gelegenheiten einen herkšmmlichen Verdienst hatten, erhuben sich gegen die Neuerung. Allein der wackre Patrizier fand Nachfolger in allen StŠnden, und ob man schon dergleichen BegŠngnisse spottweise Ochsenleichen nannte, so nahmen sie doch zum Besten


mancher wenig bemittelten Familien Ÿberhand, und die PrunkbegŠngnisse verloren sich immer mehr. Ich fŸhre diesen Umstand an, weil er eins der frŸhern Symptome jener Gesinnungen von Demut und Gleichstellung darbietet, die sich in der zweiten HŠlfte des vorigen Jahrhunderts von obenherein auf so manche Weise gezeigt haben und in so unerwartete Wirkungen ausgeschlagen sind.

Auch fehlte es nicht an Liebhabern des Altertums. Es fanden sich GemŠldekabinette, Kupferstichsammlungen, besonders aber wurden vaterlŠndische MerkwŸrdigkeiten mit Eifer gesucht und aufgehoben. Die Šlteren Verordnungen und Mandate der Reichsstadt, von denen keine Sammlung veranstaltet war, wurden in Druck und Schrift sorgfŠltig aufgesucht, nach der Zeitfolge geordnet und als ein Schatz vaterlŠndischer Rechte und Herkommen mit Ehrfurcht verwahrt. Auch die Bildnisse von Frankfurtern, die in gro§er Anzahl existierten, wurden zusammengebracht und machten eine besondre Abteilung der Kabinette.

Solche MŠnner scheint mein Vater sich Ÿberhaupt zum Muster genommen zu haben. Ihm fehlte keine der Eigenschaften, die zu einem rechtlichen und angesehnen BŸrger gehšren. Auch brachte er, nachdem er sein Haus erbaut, seine Besitzungen von jeder Art in Ordnung. Eine vortreffliche Landkartensammlung der Schenkischen und anderer damals vorzŸglicher geographischen BlŠtter, jene oberwŠhnten Verordnungen und Mandate, jene Bildnisse, ein Schrank alter Gewehre, ein Schrank merkwŸrdiger venezianischer GlŠser, Becher und Pokale, Naturalien, Elfenbeinarbeiten, Bronzen und hundert andere Dinge wurden gesondert und aufgestellt, und ich verfehlte nicht, bei vorfallenden Auktionen mir jederzeit einige AuftrŠge zu Vermehrung des Vorhandenen zu erbitten.

Noch einer bedeutenden Familie mu§ ich gedenken, von der ich seit meiner frŸhsten Jugend viel Sonderbares vernahm und von einigen ihrer Glieder selbst noch manches Wunderbare erlebte; es war die Senckenbergische. Der Vater,


von dem ich wenig zu sagen wei§, war ein wohlhabender Mann. Er hatte drei Sšhne, die sich in ihrer Jugend schon durchgŠngig als Sonderlinge auszeichneten. Dergleichen wird in einer beschrŠnkten Stadt, wo sich niemand weder im Guten noch im Bšsen hervortun soll, nicht zum besten aufgenommen. Spottnamen und seltsame, sich lang im GedŠchtnis erhaltende MŠrchen sind meistens die Frucht einer solchen Sonderbarkeit. Der Vater wohnte an der Ecke der Hasengasse, die von dem Zeichen des Hauses, das einen, wo nicht gar drei Hasen vorstellt, den Namen fŸhrte. Man nannte daher diese drei BrŸder nur die drei Hasen, welchen Spitznamen sie lange Zeit nicht los wurden. Allein, wie gro§e VorzŸge sich oft in der Jugend durch etwas Wunderliches und Unschickliches ankŸndigen, so geschah es auch hier. Der Šlteste war der nachher so rŸhmlich bekannte Reichshofrat von Senckenberg. Der zweite ward in den Magistrat aufgenommen und zeigte vorzŸgliche Talente, die er aber auf eine rabulistische, ja verruchte Weise, wo nicht zum Schaden seiner Vaterstadt, doch wenigstens seiner Kollegen in der Folge mi§brauchte. Der dritte Bruder, ein Arzt und ein Mann von gro§er Rechtschaffenheit, der aber wenig und nur in vornehmen HŠusern praktizierte, behielt bis in sein hšchstes Alter immer ein etwas wunderliches €u§ere. Er war immer sehr nett gekleidet, und man sah ihn nie anders auf der Stra§e als in Schuh und StrŸmpfen und einer wohlgepuderten LockenperŸcke, den Hut unterm Arm. Er ging schnell, doch mit einem seltsamen Schwanken vor sich hin, so da§ er bald auf dieser bald auf jener Seite der Stra§e sich befand, und im Gehen ein Zickzack bildete. Spottvšgel sagten: er suche durch diesen abweichenden Schritt den abgeschiedenen Seelen aus dem Wege zu gehen, die ihn in grader Linie wohl verfolgen mšchten, und ahme diejenigen nach, die sich vor einem Krokodil fŸrchten. Doch aller dieser Scherz und manche lustige Nachrede verwandelte sich zuletzt in Ehrfurcht gegen ihn, als er seine ansehnliche Wohnung mit Hof, Garten und allem Zubehšr, auf der Eschen-


heimer Gasse, zu einer medizinischen Stiftung widmete, wo neben der Anlage eines blo§ fŸr Frankfurter BŸrger bestimmten Hospitals ein botanischer Garten, ein anatomisches Theater, ein chemisches Laboratorium, eine ansehnliche Bibliothek und eine Wohnung fŸr den Direktor eingerichtet werd, auf eine Weise, deren keine Akademie sich hŠtte schŠmen dŸrfen.

Ein andrer vorzŸglicher Mann, dessen Persšnlichkeit nicht sowohl als seine Wirkung in der Nachbarschaft und seine Schriften einen sehr bedeutenden Einflu§ auf mich gehabt haben, war Karl Friedrich von Moser, der seiner GeschŠftstŠtigkeit wegen in unserer Gegend immer genannt wurde. Auch er hatte einen grŸndlich-sittlichen Charakter der, weil die Gebrechen der menschlichen Natur ihm wohl manchmal zu schaffen machten, ihn sogar zu den sogenannten Frommen hinzog; und so wollte er, wie von Loen das Hofleben, ebenso das GeschŠftsleben einer gewissenhafteren Behandlung entgegenfŸhren. Die gro§e Anzahl der kleinen deutschen Hšfe stellte eine Menge von Herren und Dienern dar, wovon die ersten unbedingten Gehorsam verlangten und die andern meistenteils nur nach ihren †berzeugungen wirken und dienen wollten. Es entstand daher ein ewiger Konflikt und schnelle VerŠnderungen und Explosionen, weil die Wirkungen des unbedingten Handelns im kleinen viel geschwinder merklich und schŠdlich werden als im gro§en. Viele HŠuser waren verschuldet und kaiserliche Debitkommissionen ernannt; andre fanden sich langsamer oder geschwinder auf demselben Wege, wobei die Diener entweder gewissenlos Vorteil zogen, oder gewissenhaft sich unangenehm und verha§t machten. Moser wollte als Staatsund GeschŠftsmann wirken; und hier gab sein ererbtes, bis zum Metier ausgebildetes Talent ihm eine entschiedene Ausbeute, aber er wollte auch zugleich als Mensch und BŸrger handeln und seiner sittlichen WŸrde so wenig als mšglich vergeben, sein "Herr und Diener," sein "Daniel in der Lšwengrube," seine "Reliquien " schildern durchaus die Lage, in wel-


cher er sich zwar nicht gefoltert, aber doch immer geklemmt fŸhlte. Sie deuten sŠmtlich auf eine Ungeduld in einem Zustand, mit dessen VerhŠltnissen man sich nicht versšhnen und den man doch nicht los werden kann. Bei dieser Art zu denken und zu empfinden mu§te er freilich mehrmals andere Dienste suchen, an welchen es ihm seine gro§e Gewandtheit nicht fehlen lie§. Ich erinnere mich seiner als eines angenehmen, beweglichen und dabei zarten Mannes.

Aus der Ferne machte jedoch der Name Klopstock auch schon auf uns eine gro§e Wirkung. Im Anfang wunderte man sich, wie ein so vortrefflicher Mann so wunderlich hei§en kšnne; doch gewšhnte man sich bald daran und dachte nicht mehr an die Bedeutung dieser Silben. In meines Vaters Bibliothek hatte ich bisher nur die frŸheren, besonders die zu seiner Zeit nach und nach heraufgekommenen und gerŸhmten Dichter gefunden. Alle diese hatten gereimt, und mein Vater hielt den Reim fŸr poetische Werke unerlŠ§lich. Canitz, Hagedorn, Drollinger, Geliert, Creuz, Haller standen in schšnen FranzbŠnden in einer Reihe. An diese schlossen sich Neukirchs "Telemach," Koppens "Befreites Jerusalem " und andre †bersetzungen. Ich hatte diese sŠmtlichen BŠnde von Kindheit auf flei§ig durchgelesen und teilweise memoriert, weshalb ich denn zur Unterhaltung der Gesellschaft šfters aufgerufen wurde. Eine verdrie§liche Epoche im Gegenteil eršffnete sich fŸr meinen Vater, als durch Klopstocks "Messias " Verse, die ihm keine Verse schienen, ein Gegenstand der šffentlichen Bewunderung wurden. Er selbst hatte sich wohl gehŸtet, dieses Werk anzuschaffen; aber unser Hausfreund, Rat Schneider, schwŠrzte es ein und steckte es der Mutter und den Kindern zu.

Auf diesen geschŠftstŠtigen Mann, welcher wenig las, hatte der "Messias " gleich bei seiner Erscheinung einen mŠchtigen Eindruck gemacht. Diese so natŸrlich ausgedrŸckten und doch so schšn veredelten frommen GefŸhle, diese gefŠllige Sprache, wenn man sie auch nur fŸr harmonische Prosa gelten lie§, hatten den Ÿbrigens trocknen GeschŠftsmann so ge-


wonnen, da§ er die zehn ersten GesŠnge, denn von diesen ist eigentlich die Rede, als das herrlichste Erbauungsbuch betrachtete, und solches alle Jahre einmal in der Karwoche, in welcher er sich von allen GeschŠften zu entbinden wu§te, fŸr sich im stillen durchlas und sich daran fŸrs ganze Jahr erquickte. Anfangs dachte er seine Empfindungen seinem alten Freunde mitzuteilen; allein er fand sich sehr bestŸrzt, als er eine unheilbare Abneigung vor einem Werke von so kšstlichem Gehalt, wegen einer, wie es ihm schien, gleichgŸltigen Šu§ern Form, gewahr werden mu§te. Es fehlte, wie sich leicht denken lŠ§t, nicht an Wiederholung des GesprŠchs Ÿber diesen Gegenstand; aber beide Teile entfernten sich immer weiter von einander, es gab heftige Szenen, und der nachgiebige Mann lie§ sich endlich gefallen, von seinem Lieblingswerke zu schweigen, damit er nicht zugleich einen Jugendfreund und eine gute Sonntagssuppe verlšre.

Proselyten zu machen ist der natŸrlichste Wunsch eines jeden Menschen, und wie sehr fand sich unser Freund im Stillen belohnt, als er in der Ÿbrigen Familie fŸr seinen Heiligen so offen gesinnte GemŸter entdeckte. Das Exemplar, das er jŠhrlich nur eine Woche brauchte, war uns fŸr die Ÿbrige Zeit gewidmet. Die Mutter hielt es heimlich, und wir Geschwister bemŠchtigten uns desselben, wann wir konnten, um in Freistunden, in irgend einem Winkel verborgen, die auffallendsten Stellen auswendig zu lernen, und besonders die zartesten und heftigsten so geschwind als mšglich ins GedŠchtnis zu fassen.

Portias Traum rezitierten wir um die Wette, und in das wilde verzweifelnde GesprŠch zwischen Satan und Adramelech, welche ins Rote Meer gestŸrzt worden, hatten wir uns geteilt. Die erste Rolle, als die gewaltsamste, war auf mein Teil gekommen, die andere, um ein wenig klŠglicher, Ÿbernahm meine Schwester. Die wechselseitigen, zwar grŠ§lichen aber doch wohlklingenden VerwŸnschungen flossen nur so vom Munde, und wir ergriffen jede Gelegenheit, uns mit diesen hšllischen Redensarten zu begrŸ§en.


Es war ein Samstagsabend im Winter- der Vater lie§ sich immer bei Licht rasieren, um Sonntags frŸh sich zur Kirche bequemlich anziehen zu kšnnen - wir sa§en auf einem Schemel hinter dem Ofen und murmelten, wŠhrend der Barbier einseifte, unsere herkšmmlichen FlŸche ziemlich leise. Nun so hatte aber Adramelech den Satan mit eisernen HŠnden zu fassen; meine Schwester packte mich gewaltig an, und rezitierte, zwar leise genug, aber doch mit steigender Leidenschaft:

Hilf mir! ich flehe dich an, ich bete, wenn du es forderst,

Ungeheuer, dich an! Verworfner, schwarzer Verbrecher,

Hilf mir! ich leide die Pein des rŠchenden ewigen Todes!...

Vormals konnt' ich mit hei§em, mit grimmigem Hasse dich hassen!

Jetzt vermag ich's nicht mehr! Auch dies ist stechender Jammer!

 

Bisher war alles leidlich gegangen; aber laut, mit fŸrchterlicher Stimme rief sie die folgenden Worte: O wie bin ich zermalmt!.. Der gute Chirurgus erschrak und go§ dem Vater das Seifenbecken in die Brust. Da gab es einen gro§en Aufstand, und eine strenge Untersuchung ward gehalten, besonders in Betracht des UnglŸcks, das hŠtte entstehen kšnnen, wenn man schon im Rasieren begriffen gewesen wŠre. Um allen Verdacht des Mutwillens von uns abzulehnen, bekannten wir uns zu unsern teuflischen Rollen, und das UnglŸck, das die Hexameter angerichtet hatten, war zu offenbar, als da§ man sie nicht aufs neue hŠtte verrufen und verbannen sollen.

So pflegen Kinder und Volk das Gro§e, das Erhabene in ein Spiel, ja in eine Posse zu verwandeln; und wie sollten sie auch sonst imstande sein, es auszuhalten und zu ertragen!


 

Drittes Buch

 

Der Neujahrstag ward zu jener Zeit durch den allgemeinen Umlauf von persšnlichen GlŸckwŸnschungen fŸr die Stadt sehr belebend. Wer sonst nicht leicht aus dem Hause kam, warf sich in seine besten Kleider, um Gšnnern und Freunden einen Augenblick freundlich und hšflich zu sein. FŸr uns Kinder war besonders die Festlichkeit in dem Hause des Gro§vaters an diesem Tage ein hšchst erwŸnschter Genu§. Mit dem frŸhsten Morgen waren die Enkel schon daselbst versammelt, um die Trommeln, die Hoboen und Klarinetten, die Posaunen und Zinken, wie sie das MilitŠr, die Stadtmusici und wer sonst alles ertšnen lie§, zu vernehmen. Die versiegelten und Ÿberschriebenen Neujahrsgeschenke wurden von den Kindern unter die geringern Gratulanten ausgeteilt, und wie der Tag wuchs, so vermehrte sich die Anzahl der Honoratioren. Erst erschienen die Vertrauten und Verwandten, dann die untern Staatsbeamten; die Herren vom Rate selbst verfehlten nicht ihren Schulthei§ zu begrŸ§en, und eine auserwŠhlte Anzahl wurde abends in Zimmern bewirtet, welche das ganze Jahr Ÿber kaum sich šffneten. Die Torten, Biskuitkuchen, Marzipane, der sŸ§e Wein Ÿbte den grš§ten Reiz auf die Kinder aus, wozu noch kam, da§ der Schulthei§ sowie die beiden Burgemeister aus einigen Stiftungen jŠhrlich etwas Silberzeug erhielten, welches denn den Enkeln und Paten nach einer gewissen Abstufung verehrt werd; genug, es fehlte diesem Feste im kleinen an nichts, was die grš§ten zu verherrlichen pflegt.

Der Neujahrstag 1759 kam heran, fŸr uns Kinder erwŸnscht und vergnŸglich wie die vorigen, aber den altern Personen bedenklich und ahnungsvoll. Die DurchmŠrsche der Franzosen war man zwar gewohnt, und sie ereigneten


sich šfters und hŠufig, aber doch am hŠufigsten in den letzten Tagen des vergangenen Jahres. Nach alter reichsstŠdtischer Sitte posaunte der TŸrmer des Hauptturms, so oft Truppen heranrŸckten, und an diesem Neujahrstage wollte er gar nicht aufhšren, welches ein Zeichen war, da§ grš§ere HeereszŸge von mehreren Seiten in Bewegung seien. Wirklich zogen sie auch in grš§eren Massen an diesem Tage durch die Stadt; man lief, sie vorbeipassieren zu sehen, sonst war man gewohnt, da§ sie nur in kleinen Partien durchmarschierten; diese aber vergrš§erten sich nach und nach, ohne da§ man es verhindern konnte oder wollte. Genug, am 2. Januar, nachdem eine Kolonne durch Sachsenhausen Ÿber die BrŸcke durch die Fahrgasse bis an die Konstablerwache gelangt war, machte sie Halt, ŸberwŠltigte das kleine, sie durchfŸhrende Kommando, nahm Besitz von gedachter Wache, zog die Zeil hinunter, und nach einem geringen Widerstand mu§te sich auch die Hauptwache ergeben. Augenblicks waren die friedlichen Stra§en in einen Kriegsschauplatz verwandelt. Dort verweilten und biwakierten die Truppen, bis durch regelmŠ§ige Einquartierung fŸr ihr Unterkommen gesorgt wŠre.

Diese unerwartete, seit vielen Jahren unerhšrte Last drŸckte die behaglichen BŸrger gewaltig, und niemanden konnte sie beschwerlicher sein als dem Vater, der in sein kaum vollendetes Haus fremde milit'rische Bewohner aufnehmen, ihnen seine wohlausgeputzten und meist verschlossenen Staatszimmer einrŠumen, und das, was er so genau zu ordnen und zu regieren pflegte, fremder WillkŸr preisgeben sollte; er, ohnehin preu§isch gesinnt, sollte sich nun von Franzosen in seinen Zimmern belagert sehen: es war das Traurigste was ihm nach seiner Denkweise begegnen konnte. WŠre es ihm jedoch mšglich gewesen, die Sache leichter yu nehmen, da er gut franzšsisch sprach und sich im Leben wohl mit WŸrde und Anmut betragen konnte, so hŠtte er sich und uns manche trŸbe Stunde ersparen mšgen; denn man quartierte bei uns den Kšnigsleutnant, der obgleich MilitŠrperson, doch nur die ZivilvorfŠlle, die Streitigkeiten zwischen Soldaten und


BŸrgern, Schuldensachen und HŠndel zu schlichten hatte. Es war Graf Thoranc, von Grasse in der Provence unweit Antibes gebŸrtig, eine lange, hagre, ernste Gestalt, das Gesicht durch die Blattern sehr entstellt, mit schwarzen feurigen Augen, und von einem wŸrdigen zusammengenommenen Betragen. Gleich sein Eintritt war fŸr den Hausbewohner gŸnstig, Man sprach von den verschiedenen Zimmern, welche teils abgegeben werden, teils der Familie verbleiben sollten, und als der Graf ein GemŠldezimmer erwŠhnen hšrte, so erbat er sich gleich, ob es schon Nacht war, mit Kerzen die Bilder wenigstens flŸchtig zu besehen. Er hatte an diesen Dingen eine Ÿbergro§e Freude, bezeigte sich gegen den ihn begleitenden Vater auf das verbindlichste, und als er vernahm, da§ die meisten KŸnstler noch lebten, sich in Frankfurt und in der Nachbarschaft aufhielten, so versicherte er, da§ er nichts mehr wŸnsche, als sie baldigst kennen zu lernen und sie zu beschŠftigen.

Aber auch diese AnnŠherung von seiten der Kunst vermochte nicht die Gesinnung meines Vaters zu Šndern, noch seinen Charakter zu beugen. Er lie§ geschehen was er nicht verhindern konnte, hielt sich aber in unwirksamer Entfernung, und das Au§erordentliche was nun um ihn vorging, war ihm bis auf die geringste Kleinigkeit unertrŠglich.

Graf Thoranc indessen betrug sich musterhaft. Nicht einmal seine Landkarten wollte er an die WŠnde genagelt haben, um die neuen Tapeten nicht zu verderben. Seine Leute waren gewandt, still und ordentlich; aber freilich, da den ganzen Tag und einen Teil der Nacht nicht Ruhe bei ihm ward, da ein Klagender dem anderen folgte, Arrestanten gebracht und fortgefŸhrt, alle Offiziere und Adjutanten vorgelassen wurden, da der Graf noch Ÿberdies tŠglich offne Tafel hielt: so gab es in dem mŠ§ig gro§en, nur fŸr eine Familie eingerichteten Hause, das nur eine durch alle Stockwerke unverschlossen durchgehende Treppe hatte, eine Bewegung und ein Gesumme, wie in einem Bienenkorbe,obgleich alles sehr gemŠ§igt, ernsthaft und streng zuging.


Zum Vermittler zwischen einem verdrie§lichen, tŠglich mehr sich hypochondrisch quŠlenden Hausherrn und einem zwar wohlwollenden aber sehr ernsten und genauen MilitŠrgast fand sich glŸcklicherweise ein behaglicher Dolmetscher, ein schšner, wohlbeleibter, heitrer Mann, der BŸrger von Frankfurt war und gut franzšsisch sprach, sich in alles zu schicken wu§te und mit mancherlei kleinen Unannehmlichkeiten nur seinen Spa§ trieb. Durch diesen hatte meine Mutter dem Grafen ihre Lage bei dem GemŸtszustande ihres Gatten vorstellen lassen; er hatte die Sache so klŸglich ausgemalt, das neue noch nicht einmal gnaz eingerichtete Haus, die natŸrliche ZurŸckgezogenheit des Besitzers, die BeschŠftigung mit der Erziehung seiner Familie und was sich alles sonst noch sagen lie§, zu bedenken gegeben; so da§ der Graf, der an seiner Stelle auf die hšchste Gerechtigkeit, Unbestechlichkeit und ehrenvollen Wandel den grš§ten Stolz setzte, auch hier sich als Einquartierter sich musterhaft zu betragen vornahm, und es wirklich die einigen Jahre seines Dableibens unter mancherlei UmstŠnden unverbrŸchlich gehalten hat.

Meine Mutter besa§ einige Kenntnis des Italienischen, welche Sprache Ÿberhaupt niemandem von der Familie fremd war; sie entschlo§ sich daher sogleich Franzšsisch zu lernen, zu welchem Zweck der Dolmetscher, dem sie unter diesen stŸrmischen Ereignissen ein kind aus der Taufe gehoben hatte, und der nun auch als Gevatter yu dem Hause eine doppelte Neigung spŸrte, seiner Gevatterin jeden abgemŸ§igten Augenblick schenkte (denn er wohnte grade gegenŸber) und ihr vor allen Dingen diejenigen Phrasen einlernte, welche sie persšnlich dem Grafen vorzutragen habe; welches denn zum besten geriet. Der Graf war geschmeichelt von der MŸhe, welche die Hausfrau sich in ihren Jahren gab, und weil er einen heitern geistreichen Zug in seinem Charakter hatte, auch eine gewisse trockne Galanterie gern ausŸbte, so entstand daraus das beste VerhŠltnis, und die verbŸndeten Gevattern konnten erlangen, was sie wollten.


WŠre es, wie schon gesagt, mšglich gewesen, den Vater zu erheitern, so hŠtte dieser verŠnderte Zustand wenig DrŸckendes gehabt. Der Graf Ÿbte die strengste UneigennŸtzigkeit; selbst Gaben, die seiner Stelle gebŸhrten, lehnte er ab; das Geringste, was einer Bestechung hŠtte Šhnlich sehen kšnnen, wurde mit Zorn, ja mit Strafe weggewiesen; seinen Leuten war aufs strengste befohlen, dem Hausbesitzer nicht die mindesten Unkosten zu machen. Dagegen wurde uns Kindern reichlich vom Nachtische mitgeteilt. Bei dieser Gelegenheit mu§ ich, um von der Unschuld jener Zeiten einen Begriff zu geben, anfŸhren, da§ die Mutter uns eines Tages hšchlich betrŸbte, indem sie das Gefrorene, das man uns von der Tafel sendete, weggo§, weil es ihr unmšglich vorkam, da§ der Magen ein wahrhaftes Eis, wenn es auch noch so durchzuckert sei, vertragen kšnne.

Au§er diesen Leckereien, die wir denn doch allmŠhlich ganz gut genie§en und vertragen lernten, deuchte es uns Kindern auch noch gar behaglich, von genauen Lehrstunden und strenger Zucht einigerma§en entbunden zu sein. Des Vaters Ÿble Laune nahm zu, er konnte sich nicht in das Unvermeidliche ergeben. Wie sehr quŠlte er sich, die Mutter und den Gevatter, die Ratsherren, alle seine Freunde, nur um den Grafen los zu werden! Vergebens stellte man ihm vor, da§ die Gegenwart eines solchen Mannes im Hause, unter den gegebenen UmstŠnden, eine wahre Wohltat sei, da§ ein ewiger Wechsel, es sei nun von Offizieren oder Gemeinen, auf die Umquartierung des Grafen folgen wŸrde. Keins von diesen Argumenten wollte bei ihm greifen. Das GegenwŠrtige schien ihm so unertrŠglich, da§ ihn sein Unmut ein Schlimmeres, das folgen kšnnte, nicht gewahr werden lie§.

Auf diese Weise ward seine TŠtigkeit gelŠhmt, die er sonst hauptsŠchlich auf uns zu wenden gewohnt war. Das, was er uns aufgab, forderte er nicht mehr mit der sonstigen Genauigkeit, und wir suchten, wie es nur mšglich schien, unsere Neugierde an militŠrischen und andern šffentlichen Dingen


zu befriedigen, nicht allein im Hause, sondern auch auf den Stra§en, welches um so leichter anging, da die Tag und Nacht unverschlossene HaustŸre von Schildwachen besetzt war, die sich um das Hin-und Widerlaufen unruhiger Kinder nicht bekŸmmerten.

Die mancherlei Angelegenheiten, die vor dem Richterstuhle des Kšnigslieutenants geschlichtet wurden, hatten dadurch noch einen ganz besondern Reiz, da§ er einen eigenen Wert darauf legte, seine Entscheidungen zugleich mit einer witzigen, geistreichen, heitern Wendung zu begleiten. Was er befahl, war streng gerecht; die Art, wie er es ausdrŸckte, war launig und pikant. Er schien sich den Herzog von Osuna zum Vorbilde genommen zu haben. Es verging kaum ein Tag, da§ der Dolmetscher nicht eine oder die andere solche Anekdote uns und der Mutter zur Aufheiterung erzŠhlte. Es hatte dieser muntere Mann eine kleine Sammlung solcher salomonischen Entscheidungen gemacht; ich erinnere mich aber nur des Eindrucks im allgemeinen, ohne im GedŠchtnis ein Besonderes wieder zu finden.

Den wunderbaren Charakter des Grafen lernte man nach und nach immer mehr kennen. Dieser Mann war sich selbst seiner Eigenheiten aufs deutlichste bewu§t, und weil er gewisse Zeiten haben mochte, wo ihn eine Art von Unmut, Hypochondrie, oder wie man den bšsen DŠmon nennen soll, Ÿberfiel, so zog er sich in solchen Stunden, die sich manchmal zu Tagen verlŠngerten, in sein Zimmer zurŸck, sah niemanden als seinen Kammerdiener, und war selbst in dringenden FŠllen nicht zu bewegen, da§ er Audienz gegeben hŠtte. Sobald aber der bšse Geist von ihm gewichen war, erschien er nach wie vor mild, heiter und tŠtig. Aus den Reden seines Kammerdieners, Saint-Jean, eines kleinen hagern Mannes von muntrer GutmŸtigkeit, konnte man schlie§en, da§ er in frŸhern Jahren, von solcher Stimmung ŸberwŠltigt, gro§es UnglŸck angerichtet, und sich nun vor Šhnlichen Abwegen, bei einer so wichtigen, den Blicken aller Welt ausgesetzten Stelle, zu hŸten ernstlich vornehme.


Gleich in den ersten Tagen der Anwesenheit des Grafen wurden die sŠmtlichen Frankfurter Maler, als Hirt, SchŸtz, Trautmann, Nothnagel, Juncker, zu ihm berufen. Sie zeigten ihre fertigen GemŠlde vor, und der Graf eignete sich das VerkŠufliche zu. Ihm wurde mein hŸbsches helles Giebelzimmer in der Mansarde eingerŠumt und sogleich in ein Kabinett und Atelier umgewandelt: denn er war willens, die sŠmtlichen KŸnstler, vor allen aber Seekatz in Darmstadt, dessen Pinsel ihm besonders bei natŸrlichen und unschuldigen Vorstellungen hšchlich gefiel, fŸr eine ganze Zeit in Arbeit zu setzen. Er lie§ daher von Grasse, wo sein Šlterer Bruder ein schšnes GebŠude besitzen mochte, die sŠmtlichen Ma§e aller Zimmer und Kabinette herbeikommen, Ÿberlegte sodann mit den KŸnstlern die Wandabteilungen, und bestimmte die Grš§e der hiernach zu verfertigenden ansehnlichen …lbilder, welche nicht in Rahmen eingefa§t, sondern als Tapetenteile auf die Wand befestigt werden sollten. Hier ging nun die Arbeit eifrig an. Seekatz Ÿbernahm lŠndliche Szenen, worin die Greise und Kinder, unmittelbar nach der Natur gemalt, ganz herrlich glŸckten; die JŸnglinge wollten ihm nicht ebenso geraten, sie waren meist zu hager; und die Frauen mi§fielen aus der entgegengesetzten Ursache. Denn da er eine kleine dicke, gute aber unangenehme Person zur Frau hatte, die ihm au§er sich selbst nicht wohl ein Modell zulie§, so wollte nichts GefŠlliges zustande kommen. Zudem war er genštigt gewesen, Ÿber das Ma§ seiner Figuren hinauszugehen. Seine BŠume hatten Wahrheit, aber ein kleinliches BlŠtterwerk. Er war ein SchŸler von Brinckmann, dessen Pinsel in StaffeleigemŠlden nicht zu schelten ist.

SchŸtz, der Landschaftmaler, fand sich vielleicht am besten in die Sache. Die Rheingegenden hatte er ganz in seiner Gewalt, sowie den sonnigen Ton, der sie in der schšnen Jahreszeit belebt. Er war nicht ganz ungewohnt, in einem grš§ern Ma§stabe zu arbeiten, und auch da lie§ er es an AusfŸhrung und Haltung nicht fehlen. Er lieferte sehr heitre Bilder.


Trautmann rembrandtisierte einige Auferweckungswunder des Neuen Testaments, und zŸndete nebenher Dšrfer und MŸhlen an. Auch ihm war, wie ich aus den Aufrissen der Zimmer bemerken konnte, ein eigenes Kabinett zugeteilt worden. Hirt malte einige gute Eichen- und BuchenwŠlder. Seine Herden waren lobenswert. Juncker, an die Nachahmung der ausfŸhrlichsten NiederlŠnder gewšhnt, konnte sich am wenigsten in diesen Tapetenstil finden; jedoch bequemte er sich, fŸr gute Zahlung, mit Blumen und FrŸchten manche Abteilung zu verzieren.

Da ich alle diese MŠnner von meiner frŸhsten Jugend an gekannt, und sie oft in ihren WerkstŠtten besucht hatte, auch der Graf mich gern um sich leiden mochte, so war ich bei den Aufgaben, Beratschlagungen und Bestellungen wie auch bei den Ablieferungen gegenwŠrtig, und nahm mir, zumal wenn Skizzen und EntwŸrfe eingereicht wurden, meine Meinung zu eršffnen gar wohl heraus. Ich hatte mir schon frŸher bei GemŠldeliebhabern, besonders aber auf Auktionen, denen ich flei§ig beiwohnte, den Ruhm erworben, da§ ich gleich zu sagen wisse, was irgend ein historisches Bild vorstelle, es sei nun aus der biblischen oder der Profangeschichte oder aus der Mythologie genommen; und wenn ich auch den Sinn der allegorischen Bilder nicht immer traf, so war doch selten jemand gegenwŠrtig, der es besser verstand als ich. So hatte ich auch šfters die KŸnstler vermocht, diesen oder jenen Gegenstand vorzustellen, und solcher Vorteile bediente ich mich gegenwŠrtig mit Lust und Liebe. Ich erinnere mich noch, da§ ich einen umstŠndlichen Aufsatz verfertigte, worin ich zwšlf Bilder beschrieb, welche die Geschichte Josephs darstellen sollten: einige davon wurden ausgefŸhrt.

Nach diesen fŸr einen Knaben allerdings lšblichen Verrichtungen will ich auch einer kleinen BeschŠmung, die mir innerhalb dieses KŸnstlerkreises begegnete, ErwŠhnung tun. Ich war nŠmlich mit allen Bildern wohl bekannt, welche man nach und nach in jenes Zimmer gebracht hatte. Meine jugendliche Neugierde lie§ nichts ungesehen und ununter-


sucht. Einst fand ich hinter dem Ofen ein schwarzes KŠstchen; ich ermangelte nicht, zu forschen, was darin verborgen sei, und ohne mich lange zu besinnen, zog ich den Schieber weg. Das darin enthaltene GemŠlde war freilich von der Art, die man den Augen nicht auszustellen pflegt, und ob ich es gleich alsobald wieder zuzuschieben Anstalt machte, so konnte ich doch nicht geschwind genug damit fertig werden. Der Graf trat herein und ertappte mich. - "Wer hat Euch erlaubt, dieses KŠstchen zu eršffnen?" sagte er mit seiner Kšnigslieutenantsmiene. Ich hatte nicht viel darauf zu antworten, und er sprach sogleich die Strafe sehr ernsthaft aus: "Ihr werdet in acht Tagen," sagte er, "dieses Zimmer nicht betreten." - Ich machte eine Verbeugung und ging hinaus. Auch gehorchte ich diesem Gebot aufs pŸnktlichste, so da§ es dem guten Seekatz, der eben in dem Zimmer arbeitete, sehr verdrie§lich war: denn er hatte mich gern um sich; und ich trieb aus einer kleinen TŸcke den Gehorsam so weit, da§ ich Seekatzen seinen Kaffee, den ich ihm gewšhnlich brachte, auf die Schwelle setzte; da er denn von seiner Arbeit aufstehen und ihn holen mu§te, welches er so Ÿbel empfand, da§ er mir fast gram geworden wŠre.

Nun aber scheint es nštig, umstŠndlicher anzuzeigen und begreiflich zu machen, wie ich mir in solchen FŠllen in der franzšsischen Sprache, die ich doch nicht gelernt, mit mehr oder weniger Bequemlichkeit durchgeholfen. Auch hier kam mir die angeborne Gabe zustatten, da§ ich leicht den Schall und Klang einer Sprache, ihre Bewegung, ihren Akzent, den Ton und was sonst von Šu§ern EigentŸmlichkeiten, fassen konnte. Aus dem Lateinischen waren mir viele Worte bekannt; das Italienische vermittelte noch mehr, und so horchte ich in kurzer Zeit von Bedienten und Soldaten, Schildwachen und Besuchen so viel heraus, da§ ich mich, wo nicht ins GesprŠch mischen, doch wenigstens einzelne Fragen und Antworten bestehen konnte. Aber dieses war alles nur wenig gegen den Vorteil, den mir das Theater


brachte. Von meinem Gro§vater hatte ich ein Freibillett erhalten, dessen ich mich, mit Widerwillen meines Vaters, unter dem Beistand meiner Mutter, tŠglich bediente. Hier sa§ ich nun im Parterre vor einer fremden BŸhne, und pa§te um so mehr auf Bewegung, mimischen und RedeAusdruck, als ich wenig oder nichts von dem verstand, was da oben gesprochen wurde, und also meine Unterhaltung nur vom GebŠrdenspiel und Sprachton nehmen konnte. Von der Komšdie verstand ich am wenigsten, weil sie geschwind gesprochen wurde und sich auf Dinge des gemeinen Lebens bezog, deren AusdrŸcke mir gar nicht bekannt waren. Die Tragšdie kam seltner vor, und der gemessene Schritt, das Taktartige der Alexandriner, das Allgemeine des Ausdrucks machten sie mir in jedem Sinne fa§licher. Es dauerte nicht lange, so nahm ich den Racine, den ich in meines Vaters Bibliothek antraf, zur Hand, und deklamierte mir die StŸcke nach theatralischer Art und Weise, wie sie das Organ meines Ohrs und das ihm so genau verwandte Sprachorgan gefa§t hatte, mit gro§er Lebhaftigkeit, ohne da§ ich noch eine ganze Rede im Zusammenhang hŠtte verstehen kšnnen. Ja ich lernte ganze Stellen auswendig und rezitierte sie, wie ein eingelernter Sprachvogel; welches mir um so leichter ward, als ich frŸher die fŸr ein Kind meist unverstŠndlichen biblischen Stellen auswendig gelernt und sie in dem Ton der protestantischen Prediger zu rezitieren mich gewšhnt hatte. Das versifizierte franzšsische Lustspiel war damals sehr beliebt; die StŸcke von Destouches, Marivaux, La Chaussee kamen hŠufig vor, und ich erinnere mich noch deutlich mancher charakteristischen Figuren. Von den Molirischen ist mir weniger im Sinn geblieben. Was am meisten Eindruck auf mich machte, war die "Hypermnestra" von Lemierre, die als ein neues StŸck mit Sorgfalt aufgefŸhrt und wiederholt gegeben wurde. Hšchst anmutig war der Eindruck, den der "Devin du Village", "Rose et Colas", "Annette et Lubin" auf mich machten. Ich kann mir die bebŠnderten Buben und MŠdchen und ihre Bewegungen noch jetzt zu-


rŸckrufen. Es dauerte nicht lange, so regte sich der Wunsch bei mir, mich auf dem Theater selbst umzusehen, wozu sich mir so mancherlei Gelegenheit darbot. Denn da ich nicht immer die ganzen StŸcke auszuhšren Geduld hatte, und manche Zeit in den Korridors, auch wohl bei gelinderer Jahrszeit vor der TŸre, mit andern Kindern meines Alters allerlei Spiele trieb, so gesellte sich ein schšner munterer Knabe zu uns, der zum Theater gehšrte, und den ich in manchen kleinen Rollen, obwohl nur beilŠufig, gesehen hatte. Mit mir konnte er sich am besten verstŠndigen, indem ich mein Franzšsisch bei ihm geltend zu machen wu§te; und er knŸpfte sich um so mehr an mich, als kein Knabe seines Alters und seiner Nation beim Theater oder sonst in der NŠhe war. Wir gingen auch au§er der Theaterzeit zusammen, und selbst wŠhrend der Vorstellungen lie§ er mich selten in Ruhe. Er war ein allerliebster kleiner Aufschneider, schwŠtzte charmant und unaufhšrlich, und wu§te so viel von seinen Abenteuern, HŠndeln und andern Sonderbarkeiten zu erzŠhlen, da§ er mich au§erordentlich unterhielt, und ich von ihm, was Sprache und Mitteilung durch dieselbe betrifft, in vier Wochen mehr lernte, als man sich hŠtte vorstellen kšnnen; so da§ niemand wu§te, wie ich auf einmal, gleichsam durch Inspiration, zu der fremden Sprache gelangt war.

Gleich in den ersten Tagen unserer Bekanntschaft zog er mich mit sich aufs Theater, und fŸhrte mich besonders in die Foyers, wo die Schauspieler und Schauspielerinnen in der Zwischenzeit sich aufhielten und sich an- und auskleideten. Das Lokal war weder gŸnstig noch bequem, indem man das Theater in einen Konzertsaal hineingezwŠngt hatte, so da§ fŸr die Schauspieler hinter der BŸhne keine besonderen Abteilungen stattfanden. In einem ziemlich gro§en Nebenzimmer, das ehedem zu Spielpartien gedient hatte, waren nun beide Geschlechter meist beisammen und schienen sich so wenig unter einander selbst als vor uns Kindern zu scheuen, wenn es beim Anlegen oder VerŠndern der KleidungsstŸcke nicht immer zum anstŠndigsten herging. Mir war derglei-


chen niemals vorgekommen, und doch fand ich es bald durch Gewohnheit, bei wiederholtem Besuch, ganz natŸrlich.

Es wŠhrte nicht lange, so entspann sich aber fŸr mich ein eignes und besondres Interesse. Der junge Derones, so will ich den Knaben nennen, mit dem ich mein VerhŠltnis immer fortsetzte, war au§er seinen Aufschneidereien ein Knabe von guten Sitten und recht artigem Betragen. Er machte mich mit seiner Schwester bekannt, die ein paar Jahre Šlter als wir und ein gar angenehmes MŠdchen war, gut gewachsen, von einer regelmŠ§igen Bildung, brauner Farbe, schwarzen Haaren und Augen; ihr ganzes Betragen hatte etwas Stilles, ja Trauriges. Ich suchte ihr auf alle Weise gefŠllig zu sein; allein ich konnte ihre Aufmerksamkeit nicht auf mich lenken. Junge MŠdchen dŸnken sich gegen jŸngere Knaben sehr weit vorgeschritten, und nehmen, indem sie nach den JŸnglingen hinschauen, ein tantenhaftes Betragen gegen den Knaben an, der ihnen seine erste Neigung zuwendet. Mit einem jŸngern Bruder hatte ich kein VerhŠltnis.

Manchmal, wenn die Mutter auf den Proben oder in Gesellschaft war, fanden wir uns in ihrer Wohnung zusammen, um zu spielen oder uns zu unterhalten. Ich ging niemals hin, ohne der Schšnen eine Blume, eine Frucht oder sonst etwas zu Ÿberreichen, welches sie zwar jederzeit mit sehr guter Art annahm und auf das hšflichste dankte; allein ich sah ihren traurigen Blick sich niemals erheitern, und fand keine Spur, da§ sie sonst auf mich geachtet hŠtte. Endlich glaubte ich ihr Geheimnis zu entdecken. Der Knabe zeigte mir hinter dem Bette seiner Mutter, das mit eleganten seidnen VorhŠngen aufgeputzt war, ein Pastellbild, das PortrŠt eines schšnen Mannes, und bemerkte zugleich mit schlauer Miene: das sei eigentlich nicht der Papa, aber ebensogut wie der Papa; und indem er diesen Mann rŸhmte, und nach seiner Art umstŠndlich und prahlerisch manches erzŠhlte, so glaubte ich herauszufinden, da§ die Tochter wohl dem Vater, die beiden andern Kinder aber dem Hausfreund angehšren mochten. Ich erklŠrte mir nun ihr trauriges Ansehen und hatte sie nur um desto lieber.


Die Neigung zu diesem MŠdchen half mir die Schwindeleien des Bruders Ÿbertragen, der nicht immer in seinen Grenzen blieb. Ich hatte oft die weitlŠuftigen ErzŠhlungen seiner Gro§taten auszuhalten, wie er sich schon šfter geschlagen, ohne jedoch dem andern schaden zu wollen: es sei alles blo§ der Ehre wegen geschehen, stets habe er gewu§t, seinen Widersacher zu entwaffnen, und ihm alsdann verziehen; ja er verstehe sich aufs Ligieren so gut, da§ er einst selbst in gro§e Verlegenheit geraten, als er den Degen seines Gegners auf einen hohen Baum geschleudert, so da§ man ihn nicht leicht wieder habhaft werden kšnnen.

Was mir meine Besuche auf dem Theater sehr erleichterte, war, da§ mir mein Freibillett, als aus den HŠnden des Schulthei§en, den Weg zu allen PlŠtzen eršffnete, und also auch zu den Sitzen im Proszenium. Dieses war nach franzšsischer Art sehr tief und an beiden Seiten mit Sitzen eingefa§t, die, durch eine niedrige Barriere beschrŠnkt, sich in mehreren Reihen hinter einander aufbauten, und zwar dergestalt, da§ die ersten Sitze nur wenig Ÿber die BŸhne erhoben waren. Das Ganze galt fŸr einen besondern Ehrenplatz; nur Offiziere bedienten sich gewšhnlich desselben, obgleich die NŠhe der Schauspieler, ich will nicht sagen jede Illusion, sondern gewisserma§en jedes Gefallen aufhob. Sogar jenen Gebrauch oder Mi§brauch, Ÿber den sich Voltaire so sehr beschwert, habe ich noch erlebt und mit Augen gesehen. Wenn bei sehr vollem Hause, und etwa zur Zeit von DurchmŠrschen, angesehene Offiziere nach jenem Ehrenplatz strebten, der aber gewšhnlich schon besetzt war, so stellte man noch einige Reihen BŠnke und StŸhle ins Proszenium auf die BŸhne selbst, und es blieb den Helden und Heldinnen nichts Ÿbrig, als in einem sehr mŠ§igen Raume zwischen den Uniformen und Orden ihre Geheimnisse zu enthŸllen. Ich habe die "Hypermnestra" selbst unter solchen UmstŠnden auffŸhren sehen.

Der Vorhang fiel nicht zwischen den Akten; und ich erwŠhne noch eines seltsamen Gebrauchs, den ich sehr auf-


fallend finden mu§te, da mir als einem guten deutschen Knaben das Kunstwidrige daran ganz unertrŠglich war. Das Theater nŠmlich ward als das grš§te Heiligtum betrachtet, und eine vorfallende Stšrung auf demselben hŠtte als das grš§te Verbrechen gegen die MajestŠt des Publikums sogleich mŸssen gerŸgt werden. Zwei Grenadiere, das Gewehr beim Fu§, standen daher in allen Lustspielen ganz šffentlich zu beiden Seiten des hintersten Vorhangs, und waren Zeugen von allem, was im Innersten der Familie vorging. Da, wie gesagt, zwischen den Akten der Vorhang nicht niedergelassen wurde, so lšsten, bei einfallender Musik, zwei andere dergestalt ab, da§ sie aus den Kulissen ganz strack vor jene hintraten, welche sich dann ebenso gemessentlich zurŸckzogen. Wenn nun eine solche Anstalt recht dazu geeignet war, alles, was man beim Theater Illusion nennt, aufzuheben, so fŠllt es um so mehr auf, da dieses zu einer Zeit geschah, wo nach Diderots GrundsŠtzen und Beispielen die natŸrlichste NatŸrlichkeit auf der BŸhne gefordert, und eine vollkommene TŠuschung als das eigentliche Ziel der theatralischen Kunst angegeben wurde. Von einer solchen militŠrischen Polizeianstalt war jedoch die Tragšdie entbunden, und die Helden des Altertums hatten das Recht, sich selbst zu bewachen; die gedachten Grenadiere standen indes nahe genug hinter den Kulissen. So will ich denn auch noch anfŸhren, da§ ich Diderots "Hausvater" und die "Philosophen" von Palissot gesehen habe, und mich im letztem StŸck der Figur des Philosophen, der auf allen vieren geht und in ein rohes Salathaupt bei§t, noch wohl erinnre.

Alle diese theatralische Mannigfaltigkeit konnte jedoch uns Kinder nicht immer im Schauspielhause festhalten. Wir spielten bei schšnem Wetter vor demselben und in der NŠhe, und begingen allerlei Torheiten, welche besonders an Sonn- und Festtagen keineswegs zu unsrem €u§eren pa§ten: denn ich und meinesgleichen erschienen alsdann, angezogen wie man mich in jenem MŠrchen gesehen, den Hut unterm Arm, mit einem kleinen Degen, dessen BŸgel mit einer gro§en


seidenen Bandschleife geziert war. Einst, als wir eine ganze Zeit unser Wesen getrieben und Derones sich unter uns gemischt hatte, fiel es diesem ein, mir zu beteuern, ich hŠtte ihn beleidigt und mŸsse ihm Satisfaktion geben. Ich begriff zwar nicht, was ihm Anla§ geben konnte, lie§ mir aber seine Ausforderung gefallen und wollte ziehen. Er versicherte mir aber, es sei in solchen FŠllen gebrŠuchlich, da§ man an einsame …rter gehe, um die Sache desto bequemer ausmachen zu kšnnen. Wir verfŸgten uns deshalb hinter einige Scheunen, und stellten uns in gehšrige Positur. Der Zweikampf erfolgte auf eine etwas theatralische Weise, die Klingen klirrten, und die Stš§e gingen nebenaus; doch im Feuer der Aktion blieb er mit der Spitze seines Degens an der Bandschleife meines BŸgels hangen, sie ward durchbohrt, und er versicherte mir, da§ er nun die vollkommenste Satisfaktion habe, umarmte mich sodann, gleichfalls recht theatralisch, und wir gingen in das nŠchste Kaffeehaus, um uns mit einem Glase Mandelmilch von unserer GemŸtsbewegung zu erholen und den alten Freundschaftsbund nur desto fester zu schlie§en.

Ein andres Abenteuer, das mir auch im Schauspielhause, obgleich spŠter, begegnet, will ich bei dieser Gelegenheit erzŠhlen. Ich sa§ nŠmlich mit einem meiner Gespielen ganz ruhig im Parterre, und wir sahen mit VergnŸgen einem Solotanze zu, den ein hŸbscher Knabe, ungefŠhr von unserm Alter, der Sohn eines durchreisenden franzšsischen Tanzmeisters, mit vieler Gewandtheit und Anmut auffŸhrte. Nach Art der TŠnzer war er mit einem knappen WŠmschen von roter Seide bekleidet, welches, in einen kurzen Reifrock ausgehend, gleich den LauferschŸrzen, bis Ÿber die Knie schwebte. Wir hatten diesem angehenden KŸnstler mit dem ganzen Publikum unsern Beifall gezollt, als mir, ich wei§ nicht wie, einfiel, eine moralische Reflexion zu machen. Ich sagte zu meinem Begleiter: "Wie schšn war dieser Knabe geputzt und wie gut nahm er sich aus; wer wei§, in was fŸr einem zerrissenen JŠckchen er heute nacht schlafen mag!"


- Alles war schon aufgestanden, nur lie§ uns die Menge noch nicht vorwŠrts. Eine Frau, die neben mir gesessen hatte und nun hart an mir stand, war zufŠlligerweise die Mutter dieses jungen KŸnstlers, die sich durch meine Reflexion sehr beleidigt fŸhlte. Zu meinem UnglŸck konnte sie Deutsch genug, um mich verstanden zu haben, und sprach es gerade so viel, als nštig war, um schelten zu kšnnen. Sie machte mich gewaltig herunter: Wer ich denn sei, meinte sie, da§ ich Ursache hŠtte, an der Familie und an der Wohlhabenheit dieses jungen Menschen zu zweifeln. Auf alle FŠlle dŸrfe sie ihn fŸr so gut halten als mich, und seine Talente kšnnten ihm wohl ein GlŸck bereiten, wovon ich mir nicht wŸrde trŠumen lassen. Diese Strafpredigt hielt sie mir im GedrŠnge und machte die Umstehenden aufmerksam, welche wunder dachten, was ich fŸr eine Unart mŸ§te begangen haben. Da ich mich weder entschuldigen, noch von ihr entfernen konnte, so war ich wirklich verlegen, und als sie einen Augenblick inne hielt, sagte ich, ohne etwas dabei zu denken: "Nun, wozu der LŠrm? heute rot, morgen tot!" - Auf diese Worte schien die Frau zu verstummen, sie sah mich an und entfernte sich von mir, sobald es nur einigerma§en mšglich war. Ich dachte nicht weiter an meine Worte. Nur einige Zeit hernach fielen sie mir auf, als der Knabe, anstatt sich nochmals sehen zu lassen, krank ward, und zwar sehr gefŠhrlich. Ob er gestorben ist, wei§ ich nicht zu sagen.

Dergleichen Vordeutungen durch ein unzeitig, ja unschicklich ausgesprochenes Wort standen bei den Alten schon in Ansehen, und es bleibt hšchst merkwŸrdig, da§ die Formen des Glaubens und Aberglaubens bei allen Všlkern und zu allen Zeiten immer dieselben geblieben sind.

Nun fehlte es von dem ersten Tage der Besitznehmung unserer Stadt, zumal Kindern und jungen Leuten, nicht an immerwŠhrender Zerstreuung. Theater und BŠlle, Paraden und DurchmŠrsche zogen unsere Aufmerksamkeit hin und her. Die letztern besonders nahmen immer zu, und das Soldatenleben schien uns ganz lustig und vergnŸglich.


Der Aufenthalt des Kšnigslieutenants in unserm Hause verschaffte uns den Vorteil, alle bedeutenden Personen der franzšsischen Armee nach und nach zu sehen, und besonders die Ersten, deren Name schon durch den Ruf zu uns gekommen war, in der NŠhe zu betrachten. So sahen wir von Treppen und Podesten, gleichsam wie von Galerien, sehr bequem die GeneralitŠt bei uns vorŸbergehn. Vor allen erinnere ich mich des Prinzen Soubise als eines schšnen leutseligen Herrn; am deutlichsten aber des Marschalls von Broglio als eines jŸngern, nicht gro§en aber wohlgebauten, lebhaften, geistreich um sich blickenden, behenden Mannes.

Er kam mehrmals zum Kšnigslieutenant, und man merkte wohl, da§ von wichtigen Dingen die Rede war. Wir hatten uns im ersten Vierteljahr der Einquartierung kaum in diesen neuen Zustand gefunden, als schon die Nachricht sich dunkel verbreitete: die Alliierten seien im Anmarsch, und Herzog Ferdinand von Braunschweig komme, die Franzosen vom Main zu vertreiben. Man hatte von diesen, die sich keines besondern KriegsglŸckes rŸhmen konnten, nicht die grš§te Vorstellung, und seit der Schlacht von Ro§bach glaubte man sie verachten zu dŸrfen; auf den Herzog Ferdinand setzte man das grš§te Vertrauen, und alle preu§isch Gesinnten erwarteten mit Sehnsucht ihre Befreiung von der bisherigen Last. Mein Vater war etwas heiterer, meine Mutter in Sorgen. Sie war klug genug einzusehen, da§ ein gegenwŠrtiges geringes †bel leicht mit einem gro§en Ungemach vertauscht werden kšnne: denn es zeigte sich nur allzu deutlich, da§ man dem Herzog nicht entgegengehen, sondern einen Angriff in der NŠhe der Stadt abwarten werde. Eine Niederlage der Franzosen, eine Flucht, eine Verteidigung der Stadt, wŠre es auch nur, um den RŸckzug zu decken und um die BrŸcke zu behalten, ein Bombardement, eine PlŸnderung, alles stellte sich der erregten Einbildungskraft dar, und machte beiden Parteien Sorge. Meine Mutter, welche alles, nur nicht die Sorge ertragen konnte, lie§ durch den Dolmetscher ihre Furcht bei dem Grafen anbringen; worauf sie die in solchen


FŠllen gebrŠuchliche Antwort erhielt: sie solle ganz ruhig sein, es sei nichts zu befŸrchten, sich Ÿbrigens still halten und mit niemand von der Sache sprechen.

Mehrere Truppen zogen durch die Stadt; man erfuhr, da§ sie bei Bergen Halt machten. Das Kommen und Gehen, das Reiten und Laufen vermehrte sich immer, und unser Haus war Tag und Nacht in Aufruhr. In dieser Zeit habe ich den Marschall Broglio gesehen, immer heiter, ein wie das andere Mal an GebŠrden und Betragen všllig gleich, und es hat mich auch nachher gefreut, den Mann, dessen Gestalt einen so guten und dauerhaften Eindruck gemacht hatte, in der Geschichte rŸhmlich erwŠhnt zu finden.

So kam denn endlich, nach einer unruhigen Karwoche 1759 der Karfreitag heran. Eine gro§e Stille verkŸndigte den nahen Sturm. Uns Kindern war verboten, aus dem Hause zu gehen; der Vater hatte keine Ruhe und ging aus. Die Schlacht begann; ich stieg auf den obersten Boden, wo ich zwar die Gegend zu sehen verhindert war, aber den Donner der Kanonen und das Massenfeuer des kleinen Gewehrs recht gut vernehmen konnte. Nach einigen Stunden sahen wir die ersten Zeichen der Schlacht an einer Reihe Wagen, auf welchen Verwundete in mancherlei traurigen VerstŸmmelungen und GebŠrden sachte bei uns vorbeigefahren wurden, um in das zum Lazarett umgewandelte Liebfrauenkloster gebracht zu werden. Sogleich regte sich die Barmherzigkeit der BŸrger. Bier, Wein, Brot, Geld ward denjenigen hingereicht, die noch etwas empfangen konnten. Als man aber einige Zeit darauf blessierte und gefangne Deutsche unter diesem Zug gewahr wurde, fand das Mitleid keine Grenze, und es schien, als wollte jeder sich von allem entblš§en, was er nur Bewegliches besa§, um seinen bedrŠngten Landsleuten beizustehen.

Diese Gefangenen waren jedoch Anzeichen einer fŸr die Alliierten unglŸcklichen Schlacht. Mein Vater, in seiner Parteilichkeit ganz sicher, da§ diese gewinnen wŸrden, hatte die leidenschaftliche Verwegenheit, den gehofften Siegern entgegen zu gehen, ohne zu bedenken, da§ die geschlagene Partei


erst Ÿber ihn wegfliehen mŸ§te. Erst begab er sich in seinen Garten, vor dem Friedberger Tore, wo er alles einsam und ruhig fand; dann wagte er sich auf die Bornheimer Heide, wo er aber bald verschiedene zerstreute NachzŸgler und Tro§knechte ansichtig ward, die sich den Spa§ machten, nach den Grenzsteinen zu schie§en, so da§ dem neugierigen Wandrer das abprallende Blei um den Kopf sauste. Er hielt es deshalb doch fŸr geratner, zurŸckzugehen, und erfuhr, bei einiger Nachfrage, was ihm schon der Schall des Feuerns hŠtte klar machen sollen, da§ alles fŸr die Franzosen gut stehe und an kein Weichen zu denken sei. Nach Hause gekommen, voll Unmut, geriet er beim Erblicken der verwundeten und gefangenen Landsleute ganz aus der gewšhnlichen Fassung. Auch er lie§ den Vorbeiziehenden mancherlei Spende reichen; aber nur die Deutschen sollten sie erhalten, welches nicht immer mšglich war, weil das Schicksal Freunde und Feinde zusammen aufgepackt hatte.

Die Mutter und wir Kinder, die wir schon frŸher auf des Grafen Wort gebaut und deshalb einen ziemlich beruhigten Tag hingebracht hatten, waren hšchlich erfreut, und die Mutter doppelt getršstet, da sie des Morgens, als sie das Orakel ihres "SchatzkŠstleins" durch einen Nadelstich befragt, eine fŸr die Gegenwart sowohl als fŸr die Zukunft sehr tršstliche Antwort erhalten hatte. Wir wŸnschten unserm Vater gleichen Glauben und gleiche Gesinnung, wir schmeichelten ihm, was wir konnten, wir baten ihn, etwas Speise zu sich zu nehmen, die er den ganzen Tag entbehrt hatte; er verweigerte unsre Liebkosungen und jeden Genu§, und begab sich auf sein Zimmer. Unsre Freude ward indessen nicht gestšrt; die Sache war entschieden; der Kšnigslieutenant, der diesen Tag gegen seine Gewohnheit zu Pferde gewesen, kehrte endlich zurŸck, seine Gegenwart zu Hause war nštiger als je. Wir sprangen ihm entgegen, kŸ§ten seine HŠnde und bezeigten ihm unsre Freude. Es schien ihm sehr zu gefallen. "Wohl!" sagte er freundlicher als sonst, "ich bin auch um euertwillen vergnŸgt, liebe Kinder!" Er befahl sogleich, uns Zuckerwerk, sŸ§en


Wein, Ÿberhaupt das Beste zu reichen, und ging auf sein Zimmer, schon von einer gro§en Masse Dringender und Bittender umgeben.

Wir hielten nun eine kšstliche Kollation, bedauerten den guten Vater, der nicht teil daran nehmen mochte, und drangen in die Mutter, ihn herbeizurufen; sie aber, klŸger als wir, wu§te wohl, wie unerfreulich ihm solche Gaben sein wŸrden. Indessen hatte sie etwas Abendbrot zurecht gemacht und hŠtte ihm gern eine Portion auf das Zimmer geschickt; aber eine solche Unordnung litt er nie, auch nicht in den Šu§ersten FŠllen; und nachdem man die sŸ§en Gaben bei Seite geschafft, suchte man ihn zu bereden, herab in das gewšhnliche Speisezimmer zu kommen. Endlich lie§ er sich bewegen, ungern, und wir ahndeten nicht, welches Unheil wir ihm und uns bereiteten. Die Treppe lief frei durchs ganze Haus an allen VorsŠlen vorbei. Der Vater mu§te, indem er herabstieg, unmittelbar an des Grafen Zimmer vorŸbergehn. Sein Vorsaal stand so voller Leute, da§ der Graf sich entschlo§, um mehrers auf einmal abzutun, herauszutreten; und dies geschah leider in dem Augenblick, als der Vater herabkam. Der Graf ging ihm heiter entgegen, begrŸ§te ihn und sagte: "Ihr werdet uns und Euch GlŸckwŸnschen, da§ diese gefŠhrliche Sache so glŸcklich abgelaufen ist." - "Keineswegs!" versetzte mein Vater, mit Ingrimm; "ich wollte, sie hŠtten Euch zum Teufel gejagt, und wenn ich hŠtte mitfahren sollen." - Der Graf hielt einen Augenblick inne, dann aber fuhr er mit Wut auf: "Dieses sollt Ihr bŸ§en!" rief er; "Ihr sollt nicht umsonst der gerechten Sache und mir eine solche Beleidigung zugefŸgt haben!"

Der Vater war indes gelassen heruntergestiegen, setzte sich zu uns, schien heitrer als bisher, und fing an zu essen. Wir freuten uns darŸber, und wu§ten nicht, auf welche bedenkliche Weise er sich den Stein vom Herzen gewŠlzt hatte. Kurz darauf wurde die Mutter herausgerufen, und wir hatten gro§e Lust, dem Vater auszuplaudern, was uns der Graf fŸr SŸ§ig-


keiten verehrt habe. Die Mutter kam nicht zurŸck. Endlich trat der Dolmetscher herein. Auf seinen Wink schickte man uns zu Bette; es war schon spŠt, und wir gehorchten gern. Nach einer ruhig durchschlafenen Nacht erfuhren wir die gewaltsame Bewegung, die gestern abend das Haus erschŸttert hatte. Der Kšnigslieutenant hatte sogleich befohlen, den Vater auf die Wache zu fŸhren. Die Subalternen wu§ten wohl, da§ ihm niemals zu widersprechen war; doch hatten sie sich manchmal Dank verdient, wenn sie mit der AusfŸhrung zauderten. Diese Gesinnung wu§te der Gevatter Dolmetsch, den die Geistesgegenwart niemals verlie§, aufs lebhafteste bei ihnen rege zu machen. Der Tumult war ohnehin so gro§, da§ eine Zšgerung sich von selbst versteckte und entschuldigte. Er hatte meine Mutter herausgerufen, und ihr den Adjutanten gleichsam in die HŠnde gegeben, da§ sie durch Bitten und Vorstellungen nur einigen Aufschub erlangen mšchte. Er selbst eilte schnell hinauf zum Grafen, der sich bei der gro§en Beherrschung seiner selbst sogleich ins innre Zimmer zurŸckgezogen hatte, und das dringendste GeschŠft lieber einen Augenblick stocken lie§, als da§ er den einmal in ihm erregten bšsen Mut an einem Unschuldigen gekŸhlt und eine seiner WŸrde nachteilige Entscheidung gegeben hŠtte.

Die Anrede des Dolmetschers an den Grafen, die FŸhrung des ganzen GesprŠchs hat uns der dicke Gevatter, der sich auf den glŸcklichen Erfolg nicht wenig zugute tat, oft genug wiederholt, so da§ ich sie aus dem GedŠchtnis wohl noch aufzeichnen kann.

Der Dolmetsch hatte gewagt, das Kabinett zu eršffnen und hineinzutreten, eine Handlung, die hšchst verpšnt war. "Was wollt Ihr?" rief ihm der Graf zornig entgegen. "Hinaus mit Euch! Hier hat niemand das Recht hereinzutreten als Saint-Jean."

"So haltet mich einen Augenblick fŸr Saint-Jean," versetzte der Dolmetsch.

"Dazu gehšrt eine gute Einbildungskraft, seiner zwei machen noch nicht einen wie Ihr seid. Entfernt Euch!"


"Herr Graf, Ihr habt eine gro§e Gabe vorn Himmel empfangen und an die appelliere ich."

"Ihr denkt mir zu schmeicheln! Glaubt nicht, da§ es Euch gelingen werde." "Ihr habt die gro§e Gabe, Herr Graf, auch in Augenblicken der Leidenschaft, in Augenblicken des Zorns die Gesinnungen anderer anzuhšren."

"Wohl, wohl! Von Gesinnungen ist eben die Rede, die ich zu lange angehšrt habe. Ich wei§ nur zu gut, da§ man uns hier nicht liebt, da§ uns diese BŸrger scheel ansehn."

"Nicht alle!"

"Sehr viele! Was! diese StŠdter, ReichsstŠdter wollen sie sein? Ihren Kaiser haben sie wŠhlen und kršnen sehen, und wenn dieser, ungerecht angegriffen, seine LŠnder zu ver-lieren und einem Usurpator zu unterliegen Gefahr lŠuft, wenn er glŸcklicherweise getreue Alliierte findet, die ihr Geld, ihr Blut zu seinem Vorteil verwenden, so wollen sie die ge-ringe Last nicht tragen, die zu ihrem Teil sie trifft, da§ der Reichsfeind gedemŸtigt werde."

"Freilich kennt Ihr diese Gesinnungen schon lange, und habt sie als ein weiser Mann geduldet; auch ist es nur die geringere Zahl. Wenige, verblendet durch die glŠnzenden Eigenschaften des Feindes, den Ihr ja selbst als einen au§erordentlichen Mann schŠtzt, wenige nur, Ihr wi§t es!"

"Ja wohl! zu lange habe ich es gewu§t und geduldet, sonst hŠtte dieser sich nicht unterstanden, mir in den bedeutendsten Augenblicken solche Beleidigungen ins Gesicht zu sagen. Es mšgen sein so viel ihrer wollen, sie sollen in diesem ihrem kŸhnen ReprŠsen-tanten gestraft werden, und sich merken, was sie zu erwarten haben."

"Nur Aufschub, Herr Graf!"

"In gewissen Dingen kann man nicht zu geschwind verfahren."

"Nur einen kurzen Aufschub!"

"Nachbar! Ihr denkt mich zu einem falschen Schritt zu verleiten; es soll Euch nicht gelingen."


"Weder verleiten will ich Euch zu einem falschen Schritt, noch von einem falschen zurŸckhalten; Euer Entschlu§ ist gerecht: er geziemt dem Franzosen, dem Kšnigslieutenant; aber bedenkt, da§ Ihr auch Graf Thoranc seid."

"Der hat hier nicht mitzusprechen."

"Man sollte den braven Mann doch auch hšren."

"Nun, was wŸrde er denn sagen?"

"Herr Kšnigslieutenant! wŸrde er sagen, Ihr habt so lange mit so viel dunklen, unwilligen, ungeschickten Menschen Geduld gehabt, wenn sie es Euch nur nicht gar zu arg machten. Dieser hat's freilich sehr arg gemacht; aber gewinnt es Ÿber Euch, Herr Kšnigslieutenant! und jedermann wird Euch deswegen loben und preisen."

"Ihr wi§t, da§ ich Eure Possen manchmal leiden kann, aber mi§braucht nicht mein Wohlwollen. Diese Menschen, sind sie denn ganz verblendet? HŠtten wir die Schlacht verloren, in diesem Augenblick, was wŸrde ihr Schicksal sein? Wir schlagen uns bis vor die Tore, wir sperren die Stadt, wir halten, wir verteidigen uns, um unsere Retirade Ÿber die BrŸcke zu decken. Glaubt Ihr, da§ der Feind die HŠnde in den Scho§ gelegt hŠtte? Er wirft Granaten und was er bei der Hand hat, und sie zŸnden, wo sie kšnnen. Dieser Hausbesitzer da, was will er? In diesen Zimmern hier platzte jetzt wohl eine Feuerkugel und eine andere folgte hintendrein; in diesen Zimmern, deren vermaledeite Pekingtapeten ich geschont, mich geniert habe, meine Landkarten nicht aufzunageln! Den ganzen Tag hŠtten sie auf den Knien liegen sollen."

"Wie viele haben das getan!"

"Sie hŠtten sollen den Segen fŸr uns erflehen; den Generalen und Offizieren mit Ehren- und Freudenzeichen, den ermatteten Gemeinen mit Erquickung entgegengehen. Anstatt dessen verdirbt mir der Gift dieses Parteigeistes die schšnsten, glŸcklichsten, durch so viel Sorgen und Anstrengungen erworbenen Augenblicke meines Lebens!"

"Es ist ein Parteigeist; aber Ihr werdet ihn durch die Bestrafung dieses Mannes nur vermehren. Die mit ihm Gleich-


gesinnten werden Euch als einen Tyrannen, als einen Barbaren ausschreien; sie werden ihn als einen MŠrtyrer betrachten, der fŸr die gute Sache gelitten hat; und selbst die anders Gesinnten, die jetzt seine Gegner sind, werden in ihm nur den MitbŸrger sehen, werden ihn bedauern und, indem sie Euch recht geben, dennoch finden, da§ Ihr zu hart verfahren seid."

"Ich habe Euch schon zu lange angehšrt; macht, da§ Ihr fortkommt!"

"So hšrt nur noch dieses! Bedenkt, da§ es das Unerhšrteste ist, was diesem Manne, was dieser Familie begegnen kšnnte. Ihr hattet nicht Ursache, von dem guten Willen des Hausherrn erbaut zu sein; aber die Hausfrau ist allen Euren WŸnschen zuvorgekommen, und die Kinder haben Euch als ihren Oheim betrachtet. Mit diesem einzigen Schlag werdet Ihr den Frieden und das GlŸck dieser Wohnung auf ewig zerstšren. Ja, ich kann wohl sagen, eine Bombe, die ins Haus gefallen wŠre, wŸrde nicht grš§ere VerwŸstungen darin angerichtet haben. Ich habe Euch so oft Ÿber Eure Fassung bewundert, Herr Graf; gebt mir diesmal Gelegenheit, Euch anzubeten. Ein Krieger ist ehrwŸrdig, der sich selbst in Feindes Haus als einen Gastfreund betrachtet; hier ist kein Feind, nur ein Verirrter. Gewinnt es Ÿber Euch, und es wird Euch zu ewigem Ruhme gereichen!"

"Das mŸ§te wunderlich zugehen," versetzte der Graf mit einem LŠcheln.

"Nur ganz natŸrlich," erwiderte der Dolmetscher. "Ich habe die Frau, die Kinder nicht zu Euren FŸ§en geschickt: denn ich wei§, da§ Euch solche Szenen verdrie§lich sind aber ich will Euch die Frau, die Kinder schildern, wie sie Euch danken; ich will sie Euch schildern, wie sie sich zeitlebens von dem Tage der Schlacht bei Bergen und von Eurer Gro§mut an diesem Tage unterhalten, wie sie es Kindern und Kindeskindern erzŠhlen, und auch Fremden ihr Interesse fŸr Euch einzuflš§en wissen: eine Handlung dieser Art kann nicht untergehen!"


"Ihr trefft meine schwache Seite nicht, Dolmetscher. An den Nachruhm pfleg' ich nicht zu denken, der ist fŸr andere, nicht fŸr mich; aber im Augenblick recht zu tun, meine Pflicht nicht zu versŠumen, meiner Ehre nichts zu vergeben, das ist meine Sorge. Wir haben schon zu viel Worte gemacht; jetzt geht hin - und la§t Euch von den Undankbaren danken, die ich verschone!"

Der Dolmetsch, durch diesen unerwartet glŸcklichen Ausgang Ÿberrascht und bewegt, konnte sich der TrŠnen nicht enthalten, und wollte dem Grafen die HŠnde kŸssen; der Graf wies ihn ab und sagte streng und ernst: "Ihr wi§t, da§ ich dergleichen nicht leiden kann!" Und mit diesen Worten trat er auf den Vorsaal, um die andringenden GeschŠfte zu besorgen, und das Begehren so vieler wartenden Menschen zu vernehmen. So ward die Sache beigelegt, und wir feierten den andern Morgen, bei den †berbleibseln der gestrigen Zuckergeschenke, das VorŸbergehen eines †bels, dessen Androhen wir glŸcklich verschlafen hatten.

Ob der Dolmetsch wirklich so weise gesprochen, oder ob er sich die Szene nur so ausgemalt, wie man es wohl nach einer guten und glŸcklichen Handlung zu tun pflegt, will ich nicht entscheiden; wenigstens hat er bei WiedererzŠhlung derselben niemals variiert. Genug, dieser Tag dŸnkte ihm, so wie der sorgenvollste, so auch der glorreichste seines Lebens.

Wie sehr Ÿbrigens der Graf alles falsche Zeremoniell abgelehnt, keinen Titel, der ihm nicht gebŸhrte, jemals angenommen, und wie er in seinen heitern Stunden immer geistreich gewesen, davon soll eine kleine Begebenheit ein Zeugnis ablegen.

Ein vornehmer Mann, der aber auch unter die abstrusen einsamen Frankfurter gehšrte, glaubte sich Ÿber seine Einquartierung beklagen zu mŸssen. Er kam persšnlich, und der Dolmetsch bot ihm seine Dienste an; jener aber meinte derselben nicht zu bedŸrfen. Er trat vor den Grafen mit einer anstŠndigen Verbeugung und sagte: "Exzellenz!" Der Graf gab ihm die Verbeugung zurŸck, so wie die Exzellenz.


Betroffen von dieser Ehrenbezeigung, nicht anders glaubend, als der Titel sei zu gering, bŸckte er sich tiefer, und sagte: "Monseigneur!" - "Mein Herr," sagte der Graf ganz ernsthaft, "wir wollen nicht weiter gehen, denn sonst kšnnten wir es leicht bis zur MajestŠt bringen." - Der andere war Šu§erst verlegen und wu§te kein Wort zu sagen. Der Dolmetsch, in einiger Entfernung stehend und von der ganzen Sache unterrichtet, war boshaft genug, sich nicht zu rŸhren; der Graf aber, mit gro§er Heiterkeit, fuhr fort: "Zum Beispiel, mein Herr, wie hei§en sie?" - "Spangenberg," versetzte jener- "Und ich," sagte der Graf, "hei§e Thoranc. Spangenberg, was wollt Ihr von Thoranc? und nun setzen wir uns, die Sache soll gleich abgetan sein."

Und so wurde die Sache auch gleich zu gro§er Zufriedenheit desjenigen abgetan, den ich hier Spangenberg genannt habe, und die Geschichte noch an selbigem Abend von dem schadenfrohen Dolmetsch in unserm Familienkreise nicht nur erzŠhlt, sondern mit allen UmstŠnden und GebŠrden aufgefŸhrt.

Nach solchen Verwirrungen, Unruhen und BedrŠngnissen fand sich gar bald die vorige Sicherheit und der Leichtsinn wieder, mit welchem besonders die Jugend von Tag zu Tag lebt, wenn es nur einigerma§en angehen will. Meine Leidenschaft zu dem franzšsischen Theater wuchs mit jeder Vorstellung; ich versŠumte keinen Abend, ob ich gleich jedesmal, wenn ich nach dem Schauspiel mich zur speisenden Familie an den Tisch setzte und mich gar oft nur mit einigen Resten begnŸgte, die steten VorwŸrfe des Vaters zu dulden hatte: das Theater sei zu gar nichts nŸtze, und kšnne zu gar nichts fŸhren. Ich rief in solchem Falle gewšhnlich alle und jede Argumente hervor, welche den Verteidigern des Schauspiels zur Hand sind, wenn sie in eine gleiche Not wie die meinige geraten. Das Laster im GlŸck, die Tugend im UnglŸck wurden zuletzt durch die poetische Gerechtigkeit wieder ins Gleichgewicht gebracht. Die schšnen Beispiele von bestraften Vergehungen, "Mi§ Sara Sampson" und der "Kaufmann von Lon-


don", wurden sehr lebhaft von mir hervorgehoben; aber ich zog dagegen šfters den kŸrzern, wenn die "Schelmstreiche Scapins" und dergleichen auf dem Zettel standen, und ich mir das Behagen mu§te vorwerfen lassen, das man Ÿber die BetrŸgereien rŠnkevoller Knechte und Ÿber den guten Erfolg der Torheiten ausgelassener JŸnglinge im Publikum empfinde. Beide Parteien Ÿberzeugten einander nicht; doch wurde mein Vater sehr bald mit der BŸhne ausgesšhnt, als er sah, da§ ich mit unglaublicher Schnelligkeit in der franzšsischen Sprache zunahm.

Die Menschen sind nun einmal so, da§ jeder, was er tun sieht, lieber selbst vornŠhme, er habe nun Geschick dazu oder nicht. Ich hatte nun bald den ganzen Kursus der franzšsischen BŸhne durchgemacht; mehrere StŸcke kamen schon zum zweiten- und drittenmal; von der wŸrdigsten Tragšdie bis zum leichtfertigsten Nachspiel war mir alles vor Augen und Geist vorbeigegangen; und wie ich als Kind den Terenz nachzuahmen wagte, so verfehlte ich nunmehr nicht als Knabe, bei einem viel lebhafter dringenden Anla§, auch die franzšsischen Formen nach meinem Vermšgen und Unvermšgen zu wiederholen. Es wurden damals einige halb mythologische, halb allegorische StŸcke im Geschmack des Piron gegeben; sie hatten etwas von der Parodie und gefielen sehr. Diese Vorstellungen zogen mich besonders an: die goldnen FlŸgelchen eines heitern Merkur, der Donnerkeil des verkappten Jupiter, eine galante Danae, oder wie eine von Gšttern besuchte Schšne hei§en mochte, wenn es nicht gar eine SchŠferin oder JŠgerin war, zu der sie sich herunterlie§en. Und da mir dergleichen Elemente aus Ovids "Verwandlungen" und Pomeys "Pantheon mythicum" sehr hŠufig im Kopfe herumsummten, so hatte ich bald ein solches StŸckchen in meiner Phantasie zusammengestellt, wovon ich nur so viel zu sagen wei§, da§ die Szene lŠndlich war, da§ es aber doch darin weder an Kšnigstšchtern, noch Prinzen, noch Gšttern fehlte. Der Merkur besonders war mir dabei so lebhaft im Sinne, da§ ich noch schwšren wollte, ich hŠtte ihn mit Augen gesehen.


Eine von mir selbst sehr reinlich gefertigte Abschrift legte ich meinem Freund Derones vor, welcher sie mit ganz besonderem Anstand und einer wahrhaften Gšnnermiene aufnahm, das Manuskript flŸchtig durchsah, mir einige Sprachfehler nachwies, einige Reden zu lang fand, und zuletzt versprach, das Werk bei gehšriger Mu§e nŠher zu betrachten und zu beurteilen. Auf meine bescheidene Frage, ob das StŸck wohl aufgefŸhrt werden kšnne, versicherte er mir, da§ es gar nicht unmšglich sei. Sehr vieles komme beim Theater auf Gunst an, und er beschŸtze mich von ganzem Herzen; nur mŸsse man die Sache geheim halten: denn er habe selbst einmal mit einem von ihm verfertigten StŸck die Direktion Ÿberrascht, und es wŠre gewi§ aufgefŸhrt worden, wenn man nicht zu frŸh entdeckt hŠtte, da§ er der Verfasser sei. Ich versprach ihm alles mšgliche Stillschweigen, und sah schon im Geist den Titel meiner Piece an den Ecken der Stra§en und PlŠtze mit gro§en Buchstaben angeschlagen.

So leichtsinnig Ÿbrigens der Freund war, so schien ihm doch die Gelegenheit, den Meister zu spielen, allzu erwŸnscht. Er las das StŸck mit Aufmerksamkeit durch, und indem er sich mit mir hinsetzte, um einige Kleinigkeiten zu Šndern, kehrte er im Laufe der Unterhaltung das ganze StŸck um und um, so da§ auch kein Stein auf dem andern blieb. Er strich aus, setzte zu, nahm eine Person weg, substituierte eine andere, genug, er verfuhr mit der tollsten WillkŸr von der Welt, da§ mir die Haare zu Berge standen. Mein Vorurteil, da§ er es doch verstehen mŸsse, lie§ ihn gewŠhren: denn er hatte mir schon šfter von den drei Einheiten des Aristoteles, von der RegelmŠ§igkeit der franzšsischen BŸhne, von der Wahrscheinlichkeit, von der Harmonie der Verse und allem, was daran hŠngt, so viel vorerzŠhlt, da§ ich ihn nicht nur fŸr unterrichtet, sondern auch fŸr begrŸndet halten mu§te. Er schalt auf die EnglŠnder und verachtete die Deutschen; genug, er trug mir die ganze dramaturgische Litanei vor, die ich in meinem Leben so oft mu§te wiederholen hšren.


Ich nahm, wie der Knabe in der Fabel, meine zerfetzte Geburt mit nach Hause, und suchte sie wieder herzustellen, aber vergebens. Weil ich sie jedoch nicht ganz aufgeben wollte, so lie§ ich aus meinem ersten Manuskript, nach wenigen VerŠnderungen, eine saubere Abschrift durch unsern Schreibenden anfertigen, die ich denn meinem Vater Ÿberreichte und dadurch so viel erlangte, da§ er mich nach vollendetem Schauspiel meine Abendkost eine Zeitlang ruhig verzehren lie§.

Dieser mi§lungene Versuch hatte mich nachdenklich gemacht, und ich wollte nunmehr diese Theorien, diese Gesetze, auf die sich jedermann berief, und die mir besonders durch die Unart meines anma§lichen Meisters verdŠchtig geworden waren, unmittelbar an den Quellen kennen lernen, welches mir zwar nicht schwer, doch mŸhsam wurde. Ich las zunŠchst Corneilles "Abhandlung Ÿber die drei Einheiten" und ersah wohl daraus, wie man es haben wollte; warum man es aber so verlangte, ward mir keineswegs deutlich, und, was das Schlimmste war, ich geriet sogleich in noch grš§ere Verwirrung, indem ich mich mit den HŠndeln Ÿber den "Cid" bekannt machte und die Vorreden las, in welchen Corneille und Racine sich gegen Kritiker und Publikum zu verteidigen genštigt sind. Hier sah ich wenigstens auf das deutlichste, da§ kein Mensch wu§te, was er wollte; da§ ein StŸck wie "Cid", das die herrlichste Wirkung hervorgebracht, auf Befehl eines allmŠchtigen Kardinals absolut sollte fŸr schlecht erklŠrt werden; da§ Racine, der Abgott der zu meiner Zeit lebenden Franzosen, der nun auch mein Abgott geworden war (denn ich hatte ihn nŠher kennen lernen, als Schšff von Olenschlager durch uns Kinder den "Britannicus" auffŸhren lie§, worin mir die Rolle des Nero zuteil ward), da§ Racine, sage ich, auch zu seiner Zeit weder mit Liebhabern noch Kunstrichtern fertig werden kšnnen. Durch alles dieses ward ich verworrener als jemals, und nachdem ich mich lange mit diesem Hin- und Herreden, mit dieser theoretischen Salbaderei des vorigen Jahrhunderts gequŠlt hatte, schŸttete ich das Kind mit dem Bade aus, und warf den ganzen Plunder desto entschiedener von mir, je mehr


ich zu bemerken glaubte, da§ die Autoren selbst, welche vortreffliche Sachen hervorbrachten, wenn sie darŸber zu reden anfingen, wenn sie den Grund ihres Handelns angaben, wenn sie sich verteidigen, entschuldigen, beschšnigen wollten, doch auch nicht immer den rechten Fleck zu treffen wu§ten. Ich eilte daher wieder zu dem lebendig Vorhandenen, besuchte das Schauspiel weit eifriger, las gewissenhafter und ununterbrochner, so da§ ich in dieser Zeit Racine und Mollire ganz, und von Corneille einen gro§en Teil durchzuarbeiten die Anhaltsamkeit hatte.

Der Kšnigslieutenant wohnte noch immer in unserm Hause. Er hatte sein Betragen in nichts geŠndert, besonders gegen uns; allein es war merklich, und der Gevatter Dolmetsch wu§te es uns noch deutlicher zu machen, da§ er sein Amt nicht mehr mit der Heiterkeit, nicht mehr mit dem Eifer verwaltete wie anfangs, obgleich immer mit derselben Rechtschaffenheit und Treue. Sein Wesen und Betragen, das eher einen Spanier als einen Franzosen ankŸndigte, seine Launen, die doch mitunter Einflu§ auf ein GeschŠft hatten, seine Unbiegsamkeit gegen die UmstŠnde, seine Reizbarkeit gegen alles, was seine Person oder Charakter berŸhrte, dieses zusammen mochte ihn doch zuweilen mit seinen Vorgesetzten in Konflikt bringen. Hiezu kam noch, da§ er in einem Duell, welches sich im Schauspiel entsponnen hatte, verwundet wurde, und man dem Kšnigslieutenant Ÿbel nahm, da§ er selbst eine verpšnte Handlung als oberster Polizeimeister begangen. Alles dieses mochte, wie gesagt, dazu beitragen, da§ er in sich gezogner lebte und hier und da vielleicht weniger energisch verfuhr.

Indessen war nun schon eine ansehnliche Partie der bestellten GemŠlde abgeliefert. Graf Thoranc brachte seine Freistunden mit der Betrachtung derselben zu, indem er sie in gedachtem Giebelzimmer, Bahne fŸr Bahne, breiter und schmŠler, neben einander und, weil es an Platz mangelte, sogar Ÿber einander nageln, wieder abnehmen und aufrollen lie§. Immer wurden die Arbeiten aufs neue untersucht, man erfreute


sich wiederholt an den Stellen, die man fŸr die gelungensten hielt; aber es fehlte auch nicht an WŸnschen, dieses oder jenes anders geleistet zu sehen.

Hieraus entsprang eine neue und ganz wundersame Operation. Da nŠmlich der eine Maler Figuren, der andere die MittelgrŸnde und Fernen, der dritte die BŠume, der vierte die Blumen am besten arbeitete, so kam der Graf auf den Gedanken, ob man nicht diese Talente in den Bildern vereinigen, und auf diesem Wege vollkommene Werke hervorbringen kšnne. Der Anfang ward sogleich damit gemacht, da§ man z.B. in eine fertige Landschaft noch schšne Herden hineinmalen lie§. Weil nun aber nicht immer der gehšrige Platz dazu da war, es auch dem Tiermaler auf ein paar Schafe mehr oder weniger nicht ankam, so war endlich die weiteste Landschaft zu enge. Nun hatte der Menschenmaler auch noch die Hirten und einige Wandrer hineinzubringen; diese nahmen sich wiederum einander gleichsam die Luft, und man war verwundert, wie sie nicht sŠmtlich in der freiesten Gegend erstickten. Man konnte niemals voraussehen, was aus der Sache werden wŸrde, und wenn sie fertig war, befriedigte sie nicht. Die Maler wurden verdrie§lich. Bei den ersten Bestellungen hatten sie gewonnen, bei diesen Nacharbeiten verloren sie, obgleich der Graf auch diese sehr gro§mŸtig bezahlte. Und da die von mehrern auf einem Bilde durch einander gearbeiteten Teile, bei aller MŸhe, keinen guten Effekt hervorbrachten, so glaubte zuletzt ein jeder, da§ seine Arbeit durch die Arbeiten der andern verdorben und vernichtet worden; daher wenig fehlte, die KŸnstler hŠtten sich hierŸber entzweit und wŠren in unversšhnliche Feindschaft geraten. Dergleichen VerŠnderungen oder vielmehr Zutaten wurden in gedachtem Atelier, wo ich mit den KŸnstlern ganz allein blieb, ausgefertiget; und es unterhielt mich, aus den Studien, besonders der Tiere, dieses und jenes Einzelne, diese oder jene Gruppe auszusuchen, und sie fŸr die NŠhe oder die Ferne in Vorschlag zu bringen; worin man mir denn manchmal aus †berzeugung oder Geneigtheit zu willfahren pflegte.


Die Teilnehmenden an diesem GeschŠft wurden also hšchst mutlos, besonders Seekatz, ein sehr hypochondrischer und in sich gezogner Mann, der zwar unter Freunden durch eine unvergleichlich heitre Laune sich als den besten Gesellschafter bewies, aber, wenn er arbeitete, allein, in sich gekehrt und všllig frei wirken wollte. Dieser sollte nun, wenn er schwere Aufgaben gelšst, sie mit dem grš§ten Flei§ und der wŠrmsten Liebe, deren er immer fŠhig war, vollendet hatte, zu wiederholten Malen von Darmstadt nach Frankfurt reisen, um entweder an seinen eigenen Bildern etwas zu verŠndern, oder fremde zu staffieren, oder gar unter seinem Beistand durch einen Dritten seine Bilder ins Buntscheckige arbeiten wo zu lassen. Sein Mi§mut nahm zu, sein Widerstand entschied sich, und es brauchte gro§er BemŸhungen von unserer Seite, um diesen Gevatter - denn auch er war's geworden - nach des Grafen WŸnschen zu lenken. Ich erinnere mich noch, da§, als schon die Kasten bereit standen, um die sŠmtlichen Bilder in der Ordnung einzupacken, in welcher sie an dem Ort ihrer Bestimmung der Tapezierer ohne weiteres aufheften konnte, da§, sage ich, nur eine kleine doch unumgŠngliche Nacharbeit erfordert wurde, Seekatz aber nicht zu bewegen war herŸberzukommen. Er hatte freilich noch zu guter Letzt das Beste getan, was er vermochte, indem er die vier Elemente in Kindern und Knaben, nach dem Leben, in TŸrstŸcken dargestellt, und nicht allein auf die Figuren, sondern auch auf die Beiwerke den grš§ten Flei§ gewendet hatte. Diese waren abgeliefert, bezahlt, und er glaubte auf immer aus der Sache geschieden zu sein; nun aber sollte er wieder herŸber, um einige Bilder, deren Ma§e etwas zu klein genommen worden, mit wenigen PinselzŸgen zu erweitern. Ein anderer, glaubte er, kšnne das auch tun; er hatte sich schon zu neuer Arbeit eingerichtet; kurz, er wollte nicht kommen. Die Absendung war vor der TŸre, trocknen sollte es auch noch, jeder Verzug war mi§lich; der Graf, in Verzweiflung, wollte ihn militŠrisch abholen lassen. Wir alle wŸnschten die Bilder endlich fort zu sehen, und fanden zuletzt keine Auskunft, als da§ der


Gevatter Dolmetsch sich in einen Wagen setzte und den Widerspenstigen mit Frau und Kind herŸberholte, der dann von dem Grafen freundlich empfangen, wohl gepflegt, und zuletzt reichlich beschenkt entlassen wurde.

Nach den fortgeschafften Bildern zeigte sich ein gro§er Friede im Hause. Das Giebelzimmer im Mansard wurde gereinigt und mir Ÿbergeben, und mein Vater, wie er die Kasten fortschaffen sah, konnte sich des Wunsches nicht erwehren, den Grafen hinterdrein zu schicken. Denn wie sehr die Neigung des Grafen auch mit der seinigen Ÿbereinstimmte; wie sehr es den Vater freuen mu§te, seinen Grundsatz, fŸr lebende Meister zu sorgen, durch einen Reicheren so fruchtbar befolgt zu sehen; wie sehr es ihn schmeicheln konnte, da§ seine Sammlung Anla§ gegeben, einer Anzahl braver KŸnstler in bedrŠngter Zeit einen so ansehnlichen Erwerb zu verschaffen: so fŸhlte er doch eine solche Abneigung gegen den Fremden, der in sein Haus eingedrungen, da§ ihm an dessen Handlungen nichts recht dŸnken konnte. Man solle KŸnstler beschŠftigen, aber nicht zu Tapetenmalern erniedrigen; man solle mit dem, was sie nach ihrer †berzeugung und FŠhigkeit geleistet, wenn es einem auch nicht durchgŠngig behage, zufrieden sein und nicht immer daran markten und mŠkeln: genug, es gab, ungeachtet des Grafen eigner liberaler BemŸhung, ein fŸr allemal kein VerhŠltnis. Mein Vater besuchte jenes Zimmer blo§, wenn sich der Graf bei Tafel befand, und ich erinnere mich nur ein einziges Mal, als Seekatz sich selbst Ÿbertroffen hatte und das Verlangen, diese Bilder zu sehen, das ganze Haus herbeitrieb, da§ mein Vater und der Graf zusammentreffend an diesen Kunstwerken ein gemeinsames Gefallen bezeigten, das sie an einander selbst nicht finden konnten.

Kaum hatten also die Kisten und Kasten das Haus gerŠumt, als der frŸher eingeleitete aber unterbrochne Betrieb, den Grafen zu entfernen, wieder angeknŸpft wurde. Man suchte durch Vorstellungen die Gerechtigkeit, die Billigkeit durch Bitten, durch Einflu§ die Neigung zu gewinnen, und brachte es


endlich dahin, da§ die Quartierherren den Beschlu§ fa§ten: es solle der Graf umlogiert, und unser Haus, in Betracht der seit einigen Jahren unausgesetzt Tag und Nacht getragnen Last, kŸnftig mit Einquartierung verschont werden. Damit sich aber hierzu ein scheinbarer Vorwand finde, so solle man in eben den ersten Stock, den bisher der Kšnigslieutenant besetzt gehabt, Mietleute einnehmen und dadurch eine neue Bequartierung gleichsam unmšglich machen. Der Graf, der nach der Trennung von seinen geliebten GemŠlden kein besonderes Interesse mehr am Hause fand, auch ohnehin bald abgerufen und versetzt zu werden hoffte, lie§ es sich ohne Widerrede gefallen, eine andere gute Wohnung zu beziehen, und schied von uns in Frieden und gutem Willen. Auch verlie§ er bald darauf die Stadt und erhielt stufenweise noch verschiedene Chargen, doch, wie man hšrte, nicht zu seiner Zufriedenheit. Er hatte indes das VergnŸgen, jene so emsig von ihm besorgten GemŠlde in dem Schlosse seines Bruders glŸcklich angebracht zu sehen; schrieb einige Male, sendete Ma§e und lie§ von den mehr genannten KŸnstlern verschiedenes nacharbeiten. Endlich vernahmen wir nichts weiter von ihm, au§er da§ man uns nach mehreren Jahren versichern wollte, er sei in Westindien, auf einer der franzšsischen Kolonien, als Gouverneur gestorben.


 

Viertes Buch

 

So viel Unbequemlichkeit uns auch die franzšsische Einquartierung mochte verursacht haben, so waren wir sie doch zu gewohnt geworden, als da§ wir sie nicht hŠtten vermissen, da§ uns Kindern das Haus nicht hŠtte tot scheinen sollen. Auch war es uns nicht bestimmt, wieder zur všlligen Familieneinheit zu gelangen. Neue Mietleute waren schon besprochen, und nach einigem Kehren und Scheuern, Hobeln und Bohnen, Malen und Anstreichen war das Haus všllig wieder hergestellt. Der Kanzleidirektor Moritz mit den Seinigen, sehr werte Freunde meiner Eltern, zogen ein. Dieser, kein geborner Frankfurter, aber ein tŸchtiger Jurist und GeschŠftsmann, besorgte die Rechtsangelegenheiten mehrerer kleinen FŸrsten, Grafen und Herren. Ich habe ihn niemals anders als heiter und gefŠllig und Ÿber seinen Akten emsig gesehen. Frau und Kinder, sanft, still und wohlwollend, vermehrten zwar nicht die Geselligkeit in unserm Hause: denn sie blieben fŸr sich; aber es war eine Stille, ein Friede zurŸckgekehrt, den wir lange Zeit nicht genossen hatten. Ich bewohnte nun wieder mein Mansardzimmer, in welchem die Gespenster der vielen GemŠlde mir zuweilen vorschwebten, die ich denn durch Arbeiten und Studien zu verscheuchen suchte.

Der Legationsrat Moritz, ein Bruder des Kanzleidirektors, kam von jetzt an auch šfters in unser Haus. Er war schon mehr Weltmann, von einer ansehnlichen Gestalt und dabei von bequem gefŠlligem Betragen. Auch er besorgte die Angelegenheiten verschiedener Standespersonen, und kam mit meinem Vater, bei Anla§ von Konkursen und kaiserlichen Kommissionen, mehrmals in BerŸhrung. Beide hielten viel auf einander, und standen gemeiniglich auf der Seite der Kre-


ditoren, mu§ten aber zu ihrem Verdru§ gewšhnlich erfahren, da§ die Mehrheit der bei solcher Gelegenheit Abgeordneten fŸr die Seite der Debitoren gewonnen zu werden pflegt. Der Legationsrat teilte seine Kenntnisse gern mit, war ein Freund der Mathematik, und weil diese in seinem gegenwŠrtigen Lebensgange gar nicht vorkam, so machte er sich ein VergnŸgen daraus, mir in diesen Kenntnissen weiter zu helfen. Dadurch ward ich in den Stand gesetzt, meine architektonischen Risse genauer als bisher auszuarbeiten, und den Unterricht eines Zeichenmeisters, der uns jetzt auch tŠglich eine Stunde beschŠftigte, besser zu nutzen.

Dieser gute alte Mann war freilich nur ein HalbkŸnstler. Wir mu§ten Striche machen und sie zusammensetzen, woraus denn Augen und Nasen, Lippen und Ohren, ja zuletzt ganze Gesichter und Kšpfe entstehen sollten; allein es war dabei weder an natŸrliche noch kŸnstliche Form gedacht. Wir wurden eine Zeitlang mit diesem Qui pro Quo der menschlichen Gestalt gequŠlt, und man glaubte uns zuletzt sehr weit gebracht zu haben, als wir die sogenannten Affekten von Lebrun zur Nachzeichnung erhielten. Aber auch diese Zerrbilder fšrderten uns nicht. Nun schwankten wir zu den Landschaften, zum Baumschlag und zu allen den Dingen, die im gewšhnlichen Unterricht ohne Folge und ohne Methode geŸbt werden. Zuletzt fielen wir auf die genaue Nachahmung und auf die Sauberkeit der Striche, ohne uns weiter um den Wert des Originals oder dessen Geschmack zu bekŸmmern. In diesem Bestreben ging uns der Vater auf eine musterhafte Weise vor. Er hatte nie gezeichnet, wollte nun aber, da seine Kinder diese Kunst trieben, nicht zurŸckbleiben, sondern ihnen, selbst in seinem Alter, ein Beispiel geben, wie sie in ihrer Jugend verfahren sollten. Er kopierte also einige Kšpfe des Piazzetta, nach dessen bekannten BlŠttern in klein Oktav, mit englischem Bleistift auf das feinste hollŠndische Papier. Er beobachtete dabei nicht allein die grš§te Reinlichkeit im Umri§, sondern ahmte auch die Schraffierung des Kupferstichs aufs genauste nach, mit einer leichten


Hand, nur allzu leise, da er denn, weil er die HŠrte vermeiden wollte, keine Haltung in seine BlŠtter brachte. Doch waren sie durchaus zart und gleichfšrmig. Sein anhaltender unermŸdlicher Flei§ ging so weit, da§ er die ganze ansehnliche Sammlung nach allen ihren Nummern durchzeichnete, indessen wir Kinder von einem Kopf zum andern sprangen und uns nur die auswŠhlten, die uns gefielen.

Um diese Zeit ward auch der schon lŠngst in Beratung gezogne Vorsatz, uns in der Musik unterrichten zu lassen, ausgefŸhrt; und zwar verdient der letzte Ansto§ dazu wohl einige ErwŠhnung. Da§ wir das Klavier lernen sollten, war ausgemacht; allein Ÿber die Wahl des Meisters war man immer streitig gewesen. Endlich komme ich einmal zufŠlligerweise in das Zimmer eines meiner Gesellen, der eben Klavierstunde nimmt, und finde den Lehrer als einen ganz allerliebsten Mann. FŸr jeden Finger der rechten und linken Hand hat er einen Spitznamen, womit er ihn aufs lustigste bezeichnet, wenn er gebraucht werden soll. Die schwarzen und wei§en Tasten werden gleichfalls bildlich benannt, ja die Tšne selbst erscheinen unter figŸrlichen Namen. Eine solche bunte Gesellschaft arbeitet nun ganz vergnŸglich durcheinander. Applikatur und Takt scheinen ganz leicht und anschaulich zu werden, und indem der SchŸler zu dem besten Humor aufgeregt wird, geht auch alles zum schšnsten vonstatten.

Kaum war ich nach Hause gekommen, als ich den Eltern anlag, nunmehr Ernst zu machen und uns diesen unvergleichlichen Mann zum Klaviermeister zu geben. Man nahm noch einigen Anstand, man erkundigte sich; man hšrte zwar nichts †bles von dem Lehrer, aber auch nichts sonderlich Gutes. Ich hatte indessen meiner Schwester alle die lustigen Benennungen erzŠhlt, wir konnten den Unterricht kaum erwarten, und setzten es durch, da§ der Mann angenommen wurde.

Das Notenlesen ging zuerst an, und als dabei kein Spa§ vorkommen wollte, tršsteten wir uns mit der Hoffnung, da§, wenn es erst ans Klavier gehen wŸrde, wenn es an die Finger


kŠme, das scherzhafte Wesen seinen Anfang nehmen wŸrde. Allein weder Tastatur noch Fingersetzung schien zu einigem Gleichnis Gelegenheit zu geben. So trocken wie die Noten, mit ihren Strichen auf und zwischen den fŸnf Linien, blieben auch die schwarzen und wei§en Claves, und weder von einem DŠumerling noch Deuterling noch Goldfinger war mehr eine Silbe zu hšren; und das Gesicht verzog der Mann so wenig beim trocknen Unterricht, als er es vorher beim trocknen Spa§ verzogen hatte. Meine Schwester machte mir die bittersten VorwŸrfe, da§ ich sie getŠuscht habe, und glaubte wirklich, es sei nur Erfindung von mir gewesen. Ich war aber selbst betŠubt und lernte wenig, ob der Mann gleich ordentlich genug zu Werke ging: denn ich wartete immer noch, die frŸhern SpŠ§e sollten zum Vorschein kommen, und vertršstete meine Schwester von einem Tage zum andern. Aber sie blieben aus, und ich hŠtte mir dieses RŠtsel niemals erklŠren kšnnen, wenn es mir nicht gleichfalls ein Zufall aufgelšst hŠtte.

Einer meiner Gespielen trat herein, mitten in der Stunde, und auf einmal eršffneten sich die sŠmtlichen Ršhren des humoristischen Springbrunnens; die DŠumerlinge und Deuterlinge, die Krabler und Zabler, wie er die Finger zu bezeichnen pflegte, die Fakchen und Gakchen, wie er z.B. die Noten f und g, die Fiekchen und Giekchen, wie er fis und gis benannte, waren auf einmal wieder vorhanden und machten die wundersamsten MŠnnerchen. Mein junger Freund kam nicht aus dem Lachen, und freute sich, da§ man auf eine so lustige Weise so viel lernen kšnne. Er schwur, da§ er seinen Eltern keine Ruhe lassen wŸrde, bis sie ihm einen solchen vortrefflichen Mann zum Lehrer gegeben.

Und so war mir, nach den GrundsŠtzen einer neuern Erziehungslehre, der Weg zu zwei KŸnsten frŸh genug eršffnet, blo§ auf gut GlŸck, ohne †berzeugung, da§ ein angebornes Talent mich darin weiter fšrdern kšnne. Zeichnen mŸsse jedermann lernen, behauptete mein Vater, und verehrte deshalb besonders Kaiser Maximilian, welcher dieses ausdrŸcklich solle befohlen haben. Auch hielt er mich ernst-


licher dazu an als zur Musik, welche er dagegen meiner Schwester vorzŸglich empfahl, ja dieselbe au§er ihren Lehrstunden eine ziemliche Zeit des Tages am Klaviere festhielt.

Je mehr ich aber auf diese Weise zu treiben veranla§t wurde, desto mehr wollte ich treiben, und selbst die Freistunden wurden zu allerlei wunderlichen BeschŠftigungen verwendet. Schon seit meinen frŸhsten Zeiten fŸhlte ich einen Untersuchungstrieb gegen natŸrliche Dinge. Man legt es manchmal als eine Anlage zur Grausamkeit aus, da§ Kinder solche GegenstŠnde, mit denen sie eine Zeitlang gespielt, die sie bald so, bald so gehandhabt, endlich zerstŸcken, zerrei§en und zerfetzen. Doch pflegt sich auch die Neugierde, das Verlangen, zu erfahren wie solche Dinge zusammenhŠngen, wie sie inwendig aussehen, auf diese Weise an den Tag zu legen. Ich erinnere mich, da§ ich als Kind Blumen zerpflŸckt, um zu sehen, wie die BlŠtter in den Kelch, oder auch Všgel berupft, um zu beobachten, wie die Federn in die FlŸgel eingefŸgt waren. Ist doch Kindern dieses nicht zu verdenken, da ja selbst Naturforscher šfter durch Trennen und Sondern als durch Vereinigen und VerknŸpfen, mehr durch Tšten als durch Beleben sich zu unterrichten glauben.

Ein bewaffneter Magnetstein, sehr zierlich in Scharlachtuch eingenŠht, mu§te auch eines Tages die Wirkung einer solchen Forschungslust erfahren. Denn diese geheime Anziehungskraft, die er nicht allein gegen das ihm angepa§te EisenstŠbchen ausŸbte, sondern die noch Ÿberdies von der Art war, da§ sie sich verstŠrken und tŠglich ein grš§res Gewicht tragen konnte, diese geheimnisvolle Tugend hatte mich dergestalt zur Bewunderung hingerissen, da§ ich mir lange Zeit blo§ im Anstaunen ihrer Wirkung gefiel. Zuletzt aber glaubte ich doch einige nŠhere AufschlŸsse zu erlangen, wenn ich die Šu§ere HŸlle wegtrennte. Dies geschah, ohne da§ ich dadurch klŸger geworden wŠre: denn die nackte Armatur belehrte mich nicht weiter. Auch diese nahm ich herab und behielt nun den blo§en Stein in HŠnden, mit dem ich durch FeilspŠne und NŠhnadeln mancherlei Versuche zu


machen nicht ermŸdete, aus denen jedoch mein jugendlicher Geist, au§er einer mannigfaltigen Erfahrung, keinen weiteren Vorteil zog. Ich wu§te die ganze Vorrichtung nicht wieder zusammenzubringen, die Teile zerstreuten sich, und ich verlor das eminente PhŠnomen zugleich mit dem Apparat.

Nicht glŸcklicher ging es mir mit der Zusammensetzung einer Elektrisiermaschine. Ein Hausfreund, dessen Jugend in die Zeit gefallen war, in welcher die ElektrizitŠt alle Geister beschŠftigte, erzŠhlte uns šfter, wie er als Knabe eine solche Maschine zu besitzen gewŸnscht, wie er sich die Hauptbedingungen abgesehen, und mit HŸlfe eines alten Spinnrades und einiger ArzneiglŠser ziemliche Wirkungen hervorgebracht. Da er dieses gern und oft wiederholte, und uns dabei von der ElektrizitŠt Ÿberhaupt unterrichtete, so fanden wir Kinder die Sache sehr plausibel, und quŠlten uns mit einem alten Spinnrade und einigen ArzneiglŠsern lange Zeit herum, ohne auch nur die mindeste Wirkung hervorbringen zu kšnnen. Wir hielten demungeachtet am Glauben fest, und waren sehr vergnŸgt, als zur Me§zeit, unter andern RaritŠten, Zauber- und TaschenspielerkŸnsten, auch eine Elektrisiermaschine ihre KunststŸcke machte, welche, so wie die magnetischen, fŸr jene Zeit schon sehr vervielfŠltigt waren.

Das Mi§trauen gegen den šffentlichen Unterricht vermehrte sich von Tage zu Tage. Man sah sich nach Hauslehrern um, und weil einzelne Familien den Aufwand nicht bestreiten konnten, so traten mehrere zusammen, um eine solche Absicht zu erreichen. Allein die Kinder vertrugen sich selten; der junge Mann hatte nicht AutoritŠt genug, und nach oft wiederholtem Verdru§ gab es nur gehŠssige Trennungen. Kein Wunder daher, da§ man auf andere Anstalten dachte, welche sowohl bestŠndiger als vorteilhafter sein sollten.

Auf den Gedanken, Pensionen zu errichten, war man durch die Notwendigkeit gekommen, welche jedermann empfand, da§ die franzšsische Sprache lebendig gelehrt und Ÿberliefert werden mŸsse. Mein Vater hatte einen jungen Menschen er-


zogen, der bei ihm Bedienter, Kammerdiener, SekretŠr, genug, nach und nach alles in allem gewesen war. Dieser, namens Pfeil, sprach gut Franzšsisch und verstand es grŸndlich. Nachdem er sich verheiratet hatte und seine Gšnner fŸr ihn auf einen Zustand denken mu§ten, so fielen sie auf den Gedanken, ihn eine Pension errichten zu lassen, die sich nach und nach zu einer kleinen Schulanstalt erweiterte, in der man alles Notwendige, ja zuletzt sogar Lateinisch und Griechisch lehrte. Die weitverbreiteten Konnexionen von Frankfurt gaben Gelegenheit, da§ junge Franzosen und EnglŠnder, um Deutsch zu lernen und sonst sich auszubilden, dieser Anstalt anvertraut wurden. Pfeil, der ein Mann in seinen besten Jahren, von der wundersamsten Energie und TŠtigkeit war, stand dem Ganzen sehr lobenswŸrdig vor, und weil er nie genug beschŠftigt sein konnte, so warf er sich bei Gelegenheit, da er seinen SchŸlern Musikmeister halten mu§te, selbst in die Musik, und betrieb das Klavierspielen mit solchem Eifer, da§ er, der niemals vorher eine Taste angerŸhrt hatte, sehr bald recht fertig und brav spielte. Er schien die Maxime meines Vaters angenommen zu haben, da§ junge Leute nichts mehr aufmuntern und anregen kšnne, als wenn man selbst schon in gewissen Jahren sich wieder zum SchŸler erklŠrte, und in einem Alter, worin man sehr schwer neue Fertigkeiten erlangt, dennoch durch Eifer und Anhaltsamkeit JŸngern, von der Natur mehr BegŸnstigten, den Rang abzulaufen suche.

Durch diese Neigung zum Klavierspielen ward Pfeil auf die Instrumente selbst gefŸhrt, und indem er sich die besten zu verschaffen hoffte, kam er in VerhŠltnisse mit Friederici in Gera, dessen Instrumente weit und breit berŸhmt waren. Er nahm eine Anzahl davon in Kommission, und hatte nun die Freude, nicht nur etwa einen FlŸgel, sondern mehrere in seiner Wohnung aufgestellt zu sehen, sich darauf zu Ÿben und hšren zu lassen.

Auch in unser Haus brachte die Lebendigkeit dieses Mannes einen grš§ern Musikbetrieb. Mein Vater blieb mit ihm, bis auf die strittigen Punkte, in einem dauernden guten Ver-


hŠltnisse. Auch fŸr uns ward ein gro§er Friedericischer FlŸgel angeschafft, den ich, bei meinem Klavier verweilend, wenig berŸhrte, der aber meiner Schwester zu desto grš§erer Qual gedieh, weil sie, um das neue Instrument gehšrig zu ehren, tŠglich noch einige Zeit mehr auf ihre †bungen zu wenden hatte; wobei mein Vater als Aufseher, Pfeil aber als Musterbild und antreibender Hausfreund abwechselnd zur Seite standen.

Eine besondere Liebhaberei meines Vaters machte uns Kindern viel Unbequemlichkeit. Es war nŠmlich die Seidenzucht, von deren Vorteil, wenn sie allgemeiner verbreitet wŸrde, er einen gro§en Begriff hatte. Einige Bekanntschaften in Hanau, wo man die Zucht der WŸrmer sehr sorgfŠltig betrieb, gaben ihm die nŠchste Veranlassung. Von dorther wurden ihm zu rechter Zeit die Eier gesendet; und sobald die MaulbeerbŠume genŸgsames Laub zeigten, lie§ man sie ausschlŸpfen, und wartete der kaum sichtbaren Geschšpfe mit gro§er Sorgfalt. In einem Mansardzimmer waren Tische und Gestelle mit Brettern aufgeschlagen, um ihnen mehr Raum und Unterhalt zu bereiten: denn sie wuchsen schnell, und waren nach der letzten HŠutung so hei§hungrig, da§ man kaum BlŠtter genug herbeischaffen konnte, sie zu nŠhren; ja sie mu§ten Tag und Nacht gefŸttert werden, weil eben alles darauf ankommt, da§ sie der Nahrung ja nicht zu einer Zeit ermangeln, wo die gro§e und wundersame VerŠnderung in ihnen vorgehen soll. War die Witterung gŸnstig, so konnte man freilich dieses GeschŠft als eine lustige Unterhaltung ansehen; trat aber KŠlte ein, da§ die MaulbeerbŠume litten, so machte es gro§e Not. Noch unangenehmer aber war es, wenn in der letzten Epoche Regen einfiel: denn diese Geschšpfe kšnnen die Feuchtigkeit gar nicht vertragen; und so mu§ten die benetzten BlŠtter sorgfŠltig abgewischt und getrocknet werden, welches denn doch nicht immer so genau geschehen konnte, und aus dieser oder vielleicht auch einer andern Ursache kamen mancherlei Krankheiten unter die Herde, wodurch die armen Kreaturen zu Tausenden hin-


gerafft wurden. Die daraus entstehende FŠulnis erregte einen wirklich pestartigen Geruch, und da man die toten und kranken wegschaffen und von den gesunden absondern mu§te, um nur einige zu retten, so war es in der Tat ein Šu§erst beschwerliches und widerliches GeschŠft, das uns Kindern manche bšse Stunde verursachte.

Nachdem wir nun eines Jahrs die schšnsten FrŸhlings und Sommerwochen mit Wartung der SeidenwŸrmer hingebracht, mu§ten wir dem Vater in einem andern GeschŠft beistehen, das, obgleich einfacher, uns dennoch nicht weniger beschwerlich ward. Die ršmischen Prospekte nŠmlich, welche in dem alten Hause, in schwarze StŠbe oben und so unten eingefa§t, an den WŠnden mehrere Jahre gehangen hatten, waren durch Licht, Staub und Rauch sehr vergilbt, und durch die Fliegen nicht wenig unscheinbar geworden. War nun eine solche Unreinlichkeit in dem neuen Hause nicht zulŠssig, so hatten diese Bilder fŸr meinen Vater auch durch seine lŠngere Entferntheit von den vorgestellten Gegenden an Wert gewonnen. Denn im Anfange dienen uns dergleichen Abbildungen, die erst kurz vorher empfangenen EindrŸcke aufzufrischen und zu beleben. Sie scheinen uns gering gegen diese und meistens nur ein trauriges Surrogat. Verlischt hingegen das Andenken der Urgestalten immer mehr und mehr, so treten die Nachbildungen unvermerkt an ihre Stelle, sie werden uns so teuer, als es jene waren, und was wir anfangs mi§geachtet, erwirbt sich nunmehr unsre SchŠtzung und Neigung. So geht es mit allen Abbildungen, besonders auch mit PortrŠten. Nicht leicht ist jemand mit dem Konterfei eines GegenwŠrtigen zufrieden, und wie erwŸnscht ist uns jeder Schattenri§ eines Abwesenden oder gar Abgeschiedenen.

Genug, in diesem GefŸhl seiner bisherigen Verschwendung wollte mein Vater jene Kupferstiche so viel wie mšglich wieder hergestellt wissen. Da§ dieses durch Bleichen mšglich sei, war bekannt; und diese bei gro§en BlŠttern immer bedenkliche Operation wurde unter ziemlich ungŸnstigen LokalumstŠnden vorgenommen. Denn die gro§en Bretter,


worauf die angerauchten Kupfer befeuchtet und der Sonne ausgestellt wurden, standen vor Mansardfenstern in den Dachrinnen an das Dach gelehnt, und waren daher manchen UnfŠllen ausgesetzt. Dabei war die Hauptsache, da§ das Papier niemals austrocknen durfte, sondern immer feucht gehalten werden mu§te. Diese Obliegenheit hatte ich und meine Schwester, wobei uns denn wegen der Langenweile und Ungeduld, wegen der Aufmerksamkeit, die uns keine Zerstreuung zulie§, ein sonst so sehr erwŸnschter MŸ§iggang zur hšchsten Qual gereichte. Die Sache ward gleichwohl durchgesetzt, und der Buchbinder, der jedes Blatt auf starkes Papier aufzog, tat sein Bestes, die hier und da durch unsre FahrlŠssigkeit zerrissenen RŠnder auszugleichen und herzustellen. Die sŠmtlichen BlŠtter wurden in einen Band zusammengefa§t und waren fŸr diesmal gerettet.

Damit es uns Kindern aber ja nicht an dem Allerlei des Lebens und Lernens fehlen mšchte, so mu§te sich gerade um diese Zeit ein englischer Sprachmeister melden, welcher sich anheischig machte, innerhalb vier Wochen einen jeden, der nicht ganz roh in Sprachen sei, die englische zu lehren und ihn so weit zu bringen, da§ er sich mit einigem Flei§ weiter helfen kšnne. Er nahm ein mŠ§iges Honorar; die Anzahl der SchŸler in einer Stunde war ihm gleichgŸltig. Mein Vater entschlo§ sich auf der Stelle, den Versuch zu machen, und nahm mit mir und meiner Schwester bei dem expediten Meister Lektion. Die Stunden wurden treulich gehalten, am Repetieren fehlte es auch nicht; man lie§ die vier Wochen Ÿber eher einige andere †bungen liegen; der Lehrer schied von uns und wir von ihm mit Zufriedenheit. Da er sich lŠnger in der Stadt aufhielt und viele Kunden fand, so kam er von Zeit zu Zeit nachzusehen und nachzuhelfen, dankbar, da§ wir unter die ersten gehšrten, welche Zutrauen ihm gehabt, und stolz, uns den Ÿbrigen als Muster anfŸhren zu kšnnen.

In Gefolg von diesem hegte mein Vater eine neue Sorgfalt, da§ auch das Englische hŸbsch in der Reihe der Ÿbrigen SprachbeschŠftigungen bliebe. Nun bekenne ich, da§ es mir


immer lŠstiger wurde, bald aus dieser bald aus jener Grammatik oder Beispielsammlung, bald aus diesem oder jenem Autor den Anla§ zu meinen Arbeiten zu nehmen, und so meinen Anteil an den GegenstŠnden zugleich mit den Stunden zu verzetteln. Ich kam daher auf den Gedanken, alles mit einmal abzutun, und erfand einen Roman von sechs bis sieben Geschwistern, die, von einander entfernt und in der Welt zerstreut, sich wechselseitig Nachricht von ihren ZustŠnden und Empfindungen mitteilen. Der Šlteste Bruder gibt in gutem Deutsch Bericht von allerlei GegenstŠnden und Ereignissen seiner Reise. Die Schwester, in einem frauenzimmerlichen Stil, mit lauter Punkten und in kurzen SŠtzen, ungefŠhr wie nachher "Siegwart" geschrieben wurde, erwidert bald ihm, bald den andern Geschwistern, was sie teils von hŠuslichen VerhŠltnissen, teils von Herzensangelegenheiten zu erzŠhlen hat. Ein Bruder studiert Theologie und schreibt ein sehr fšrmliches Latein, dem er manchmal ein griechisches Postskript hinzufŸgt. Einem folgenden, in Hamburg als Handlungsdiener angestellt, ward natŸrlich die englische Korrespondenz zuteil, so wie einem jŸngern, der sich in Marseille aufhielt, die franzšsische. Zum Italienischen fand sich ein Musikus auf seinem ersten Ausflug in die Welt, und der jŸngste, eine Art von naseweisem Nestquackelchen, hatte, da ihm die Ÿbrigen Sprachen abgeschnitten waren, sich aufs Judendeutsch gelegt, und brachte durch seine schrecklichen Chiffern die Ÿbrigen in Verzweiflung und die Eltern Ÿber den guten Einfall zum Lachen.

FŸr diese wunderliche Form suchte ich mir einigen Gehalt, indem ich die Geographie der Gegenden, wo meine Geschšpfe sich aufhielten, studierte, und zu jenen trockenen LokalitŠten allerlei Menschlichkeiten hinzu erfand, die mit dem Charakter der Personen und ihrer BeschŠftigung einige Verwandtschaft hatten. Auf diese Weise wurden meine ExerzitienbŸcher viel voluminšser; der Vater war zufriedener, und ich ward eher gewahr, was mir an eigenem Vorrat und an Fertigkeiten abging.


Wie nun dergleichen Dinge, wenn sie einmal im Gange sind, kein Ende und keine Grenzen haben, so ging es auch hier: denn indem ich mir das barocke Judendeutsch zuzueignen und es ebenso gut zu schreiben suchte, als ich es lesen konnte, fand ich bald, da§ mir die Kenntnis des HebrŠischen fehlte, wovon sich das moderne verdorbene und verzerrte allein ableiten und mit einiger Sicherheit behandeln lie§. Ich eršffnete daher meinem Vater die Notwendigkeit, HebrŠisch zu lernen, und betrieb sehr lebhaft seine Einwilligung: denn ich hatte noch einen hšhern Zweck. †berall hšrte ich sagen, da§ zum VerstŠndnis des Alten Testaments so wie des Neuen die Grundsprachen nštig wŠren. Das letzte las ich ganz bequem, weil die sogenannten Evangelien und Episteln, damit es ja auch Sonntags nicht an †bung fehle, nach der Kirche rezitiert, Ÿbersetzt und einigerma§en erklŠrt werden mu§ten. Ebenso dachte ich es nun auch mit dem Alten Testamente zu halten, das mir wegen seiner EigentŸmlichkeit ganz besonders von jeher zugesagt hatte.

Mein Vater, der nicht gern etwas halb tat, beschlo§, den Rektor unseres Gymnasiums, Doktor Albrecht, um Privatstunden zu ersuchen, die er mir wšchentlich so lange geben sollte, bis ich von einer so einfachen Sprache das Nštigste gefa§t hŠtte; denn er hoffte, sie werde, wo nicht so schnell, doch wenigstens in doppelter Zeit als die englische sich abtun lassen.

Der Rektor Albrecht war eine der originalsten Figuren von der Welt, klein, nicht dick aber breit, unfšrmlich ohne verwachsen zu sein, kurz ein €sop mit Chorrock und PerŸcke. Sein Ÿber-siebzigjŠhriges Gesicht war durchaus zu einem sarkastischen LŠcheln verzogen, wobei seine Augen immer gro§ blieben und, obgleich rot, doch immer leuchtend und geistreich waren. Er wohnte in dem alten Kloster zu den BarfŸ§ern, dem Sitz des Gymnasiums. Ich hatte schon als Kind, meine Eltern begleitend, ihn manchmal besucht, und die langen dunklen GŠnge, die in Visitenzimmer verwandelten Kapellen, das unterbroche


ne treppen- und winkelhafte Lokal mit schaurigem Behagen durchstrichen. Ohne mir unbequem zu sein, examinierte er mich, so oft er mich sah, und lobte und ermunterte mich. Eines Tages, bei der Translokation nach šffentlichem Examen, sah er mich als einen auswŠrtigen Zuschauer, wŠhrend er die silbernen praemia virtutis et diligentize austeilte, nicht weit von seinem Katheder stehen. Ich mochte gar sehnlich nach dem Beutelchen blicken, aus welchem er die SchaumŸnzen hervorzog; er winkte mir, trat eine Stufe herunter und reichte mir einen solchen Silberling. Meine Freude war gro§, obgleich andre wo diese einem Nicht Schulknaben gewŠhrte Gabe au§er aller Ordnung fanden. Allein daran war dem guten Alten wenig gelegen, der Ÿberhaupt den Sonderling und zwar in einer auffallenden Weise spielte. Er hatte als Schulmann einen sehr guten Ruf und verstand sein Handwerk, ob ihm gleich das Alter solches auszuŸben nicht mehr ganz gestattete. Aber beinahe noch mehr als durch eigene Gebrechlichkeit fŸhlte er sich durch Šu§ere UmstŠnde gehindert, und wie ich schon frŸher wu§te, war er weder mit dem Konsistorium, noch den Scholarchen, noch den Geistlichen, noch auch den Lehrern zufrieden. Seinem Naturell, das sich zum Aufpassen auf Fehler und MŠngel und zur Satire hinneigte, lie§ er sowohl in Programmen als in šffentlichen Reden freien Lauf, und wie Lucian fast der einzige Schriftsteller war, den er las und schŠtzte, so wŸrzte er alles, was er sagte und schrieb, mit beizenden Ingredienzien.

GlŸcklicherweise fŸr diejenigen, mit welchen er unzufrieden war, ging er niemals direkt zu Werke, sondern schraubte nur mit BezŸgen, Anspielungen, klassischen Stellen und biblischen SprŸchen auf die MŠngel hin, die er zu rŸgen gedachte. Dabei war sein mŸndlicher Vortrag (er las seine Reden jederzeit ab) unangenehm, unverstŠndlich, und Ÿber alles dieses manchmal durch einen Husten, šfters aber durch ein hohles bauchschŸtterndes Lachen unterbrochen, womit er die bei§enden Stellen anzukŸndigen und zu begleiten pflegte. Diesen seltsamen Mann fand ich mild und willig, als ich an-


fing, meine Stunden bei ihm zu nehmen. Ich ging nun tŠglich abends um 6 Uhr zu ihm, und fŸhlte immer ein heimliches Behagen wenn sich die KlingeltŸre hinter mir schlo§, und ich nun den langen dŸsteren Klostergang durchzuwandeln hatte. Wir sa§en in seiner Bibliothek an einem mit Wachstuch beschlagenen Tische; ein sehr durchlesener Lucian kam nie von seiner Seite.

Ungeachtet alles Wohlwollens gelangte ich doch nicht ohne Einstand zur Sache: denn mein Lehrer konnte gewisse spšttische Anmerkungen, und was es denn mit dem HebrŠischen eigentlich solle, nicht unterdrŸcken. Ich verschwieg ihm die Absicht auf das Judendeutsch, und sprach von besserem VerstŠndnis des Grundtextes. Darauf lŠchelte er und meinte, ich solle schon zufrieden sein, wenn ich nur lesen lernte. Dies verdro§ mich im stillen, und ich nahm alle meine Aufmerksamkeit zusammen, als es an die Buchstaben kam. Ich fand ein Alphabet, das ungefŠhr dem griechischen zur Seite ging, dessen Gestalten fa§lich, dessen Benennungen mir zum grš§ten Teil nicht fremd waren. Ich hatte dies alles sehr bald begriffen und behalten, und dachte, es sollte nun ans Lesen gehen. Da§ dieses von der rechten zur linken Seite geschehe, war mir wohl bewu§t. Nun aber trat auf einmal ein neues Heer von kleinen BuchstŠbchen und Zeichen hervor, von Punkten und Strichelchen aller Art welche eigentlich die Vokale vorstellen sollten, worŸber ich mich um so mehr verwunderte, als sich in dem grš§ern Alphabete offenbar Vokale befanden, und die Ÿbrigen nur unter fremden Benennungen verborgen zu sein schienen. Auch ward gelehrt, da§ die jŸdische Nation, solange sie geblŸht, wirklich sich mit jenen ersten Zeichen begnŸgt und keine andere Art zu schreiben und zu lesen gekannt habe. Ich wŠre nun gar zu gern auf diesem altertŸmlichen, wie mir schien bequemeren Wege gegangen; allein mein Alter erklŠrte etwas streng: man mŸsse nach der Grammatik verfahren, wie sie einmal beliebt und verfa§t worden. Das Lesen ohne diese Punkte und Striche sei eine sehr


schwere Aufgabe, und kšnne nur von Gelehrten und den GeŸbtesten geleistet werden. Ich mu§te mich also bequemen, auch diese kleinen Merkzeichen kennen zu lernen; aber die Sache ward mir immer verworrner. Nun sollten einige der ersten grš§ern Urzeichen an ihrer Stelle gar nichts gelten, damit ihre kleinen Nachgebornen doch ja nicht umsonst dastehen mšchten. Dann sollten sie einmal wieder einen leisen Hauch, dann einen mehr oder weniger harten Kehllaut andeuten, bald gar nur als StŸtze und Widerlage dienen. Zuletzt aber, wenn man sich alles wohl gemerkt zu haben glaubte, wurden einige der gro§en sowohl als der kleinen Personnagen in den Ruhestand versetzt, so da§ das Auge immer sehr viel und die Lippe sehr wenig zu tun hatte.

Indem ich nun dasjenige, was mir dem Inhalt nach schon bekannt war, in einem fremden kauderwelschen Idiom herstottern sollte, wobei mir denn ein gewisses NŠseln und Gurgeln als ein Unerreichbares nicht wenig empfohlen wurde, so kam ich gewisserma§en von der Sache ganz ab, und amŸsierte mich auf eine kindische Weise an den seltsamen Namen dieser gehŠuften Zeichen. Da waren Kaiser, Kšnige und Herzoge, die, als Akzente hie und da dominierend, mich nicht wenig unterhielten. Aber auch diese schalen SpŠ§e verloren bald ihren Reiz. Doch wurde ich dadurch schadlos gehalten, da§ mir beim Lesen, †bersetzen, Wiederholen, Auswendiglernen der Inhalt des Buchs um so lebhafter entgegentrat, und dieser war es eigentlich, Ÿber welchen ich von meinem alten Herrn AufklŠrung verlangte. Denn schon vorher waren mir die WidersprŸche der †berlieferung mit dem Wirklichen und Mšglichen sehr auffallend gewesen, und ich hatte meine Hauslehrer durch die Sonne, es die zu Gibeon, und den Mond, der im Tal Ajalon still stand, in manche Not versetzt; gewisser anderer Unwahrscheinlichkeiten und Inkongruenzen nicht zu gedenken. Alles dergleichen ward nun aufgeregt, indem ich mich, um von dem HebrŠischen Meister zu werden, mit dem Alten Testament ausschlie§lich beschŠftigte, und solches nicht mehr in Lu-


thers †bersetzung, sondern in der wšrtlichen beigedruckten Version des Sebastian Schmid, den mir mein Vater sogleich angeschafft hatte, durchstudierte. Hier fingen unsere Stunden leider an, was die SprachŸbungen betrifft, lŸckenhaft zu werden. Lesen, Exponieren, Grammatik, Aufschreiben und Hersagen von Wšrtern dauerte selten eine všllige halbe Stunde: denn ich fing sogleich an, auf den Sinn der Sache loszugehen, und, ob wir gleich noch in dem ersten Buche Mosis befangen waren, mancherlei Dinge zur Sprache zu bringen, welche mir aus den spŠtern BŸchern im Sinne lagen. Anfangs suchte der gute Alte mich von solchen Abschweifungen zurŸckzufŸhren, zuletzt aber schien es ihn selbst zu unterhalten. Er kam nach seiner Art nicht aus dem Husten und Lachen, und wiewohl er sich sehr hŸtete, mir eine Auskunft zu geben, die ihn hŠtte kompromittieren kšnnen, so lie§ meine Zudringlichkeit doch nicht nach; ja da mir mehr daran gelegen war, meine Zweifel vorzubringen als die Auflšsung derselben zu erfahren, so wurde ich immer lebhafter und kŸhner, wozu er mich durch sein Betragen zu berechtigen schien. †brigens konnte ich nichts aus ihm bringen, als da§ er ein Ÿber das andre Mal mit seinem bauchschŸtternden Lachen ausrief: "Er nŠrrischer Kerl! Er nŠrrischer Junge!"

Indessen mochte ihm meine die Bibel nach allen Seiten durchkreuzende, kindische Lebhaftigkeit doch ziemlich ernsthaft und einiger NachhŸlfe wert geschienen haben. Er verwies mich daher nach einiger Zeit auf das gro§e engIische Bibelwerk, welches in seiner Bibliothek bereitstand, und in welchem die Auslegung schwerer und bedenklicher Stellen auf eine verstŠndige und kluge Weise unternommen war. Die †bersetzung hatte durch die gro§en BemŸhungen deutscher Gottesgelehrten VorzŸge vor dem Original erhalten. Die verschiedenen Meinungen waren angefŸhrt, und zuletzt eine Art von Vermittelung versucht, wobei die WŸrde des Buchs, der Grund der Religion und der Menschenverstand einigerma§en neben einander bestehen konnten. So oft ich


nun gegen Ende der Stunde mit hergebrachten Fragen und Zweifeln auftrat, so oft deutete er auf das Repositorium; ich holte mir den Band, er lie§ mich lesen, blŠtterte in seinem Lucian, und wenn ich Ÿber das Buch meine Anmerkungen machte, war sein gewšhnliches Lachen alles, wodurch er meinen Scharfsinn erwiderte. In den langen Sommertagen lie§ er mich sitzen, solange ich lesen konnte, manchmal allein; nur dauerte es eine Weile, bis er mir erlaubte, einen Band nach dem andern mit nach Hause zu nehmen.

Der Mensch mag sich wenden wohin er will, er mag unternehmen was es auch sei, stets wird er auf jenen Weg wieder zurŸckkehren, den ihm die Natur einmal vorgezeichnet hat. So erging es auch mir im gegenwŠrtigen Falle. Die BemŸhungen um die Sprache, um den Inhalt der Heiligen Schriften selbst endigten zuletzt damit, da§ von jenem schšnen und viel gepriesenen Lande, seiner Umgebung und Nachbarschaft, sowie von den Všlkern und Ereignissen, welche jenen Fleck der Erde durch Jahrtausende hindurch verherrlichten, eine lebhaftere Vorstellung in meiner Einbildungskraft hervorging.

Dieser kleine Raum sollte den Ursprung und das Wachstum des Menschengeschlechts sehen; von dorther sollten die ersten und einzigsten Nachrichten der Urgeschichte zu uns gelangen, und ein solches Lokal sollte zugleich so einfach und fa§lich, als mannigfaltig und zu den wundersamsten Wanderungen und Ansiedelungen geeignet vor unserer Einbildungskraft liegen. Hier zwischen vier benannten FlŸssen war aus der ganzen zu bewohnenden Erde ein kleiner, hšchst anmutiger Raum dem jugendlichen Menschen ausgesondert. Hier sollte er seine ersten FŠhigkeiten entwickeln, und hier sollte ihn zugleich das Los treffen, das seiner ganzen Nachkommenschaft beschieden war, seine Ruhe zu verlieren, indem er nach Erkenntnis strebte. Das Paradies war verscherzt; die Menschen mehrten und verschlimmerten sich; die an die Unarten dieses Geschlechte noch nicht gewohnten Elohim wurden ungeduldig und vernichteten es von Grund


aus. Nur wenige wurden aus der allgemeinen †berschwemmung gerettet; und kaum hatte sich diese greuliche Flut verlaufen, als der bekannte vaterlŠndische Boden schon wieder vor den Blicken der dankbaren Geretteten lag.

Zwei FlŸsse von vieren, Euphrat und Tigris, flossen noch in ihren Betten. Der Name des ersten blieb; den andern schien sein Lauf zu bezeichnen. Genauere Spuren des Paradieses wŠren nach einer so gro§en UmwŠlzung nicht zu fordern gewesen. Das erneute Menschengeschlecht ging von hier zum zweitenmal aus; es fand Gelegenheit, sich auf alle Arten zu nŠhren und zu beschŠftigen, am meisten aber gro§e Herden zahmer Geschšpfe um sich zu versammeln und mit ihnen nach allen Seiten hinzuziehen.

Diese Lebensweise sowie die Vermehrung der StŠmme nštigte die Všlker bald, sich von einander zu entfernen. Sie konnten sich sogleich nicht entschlie§en, ihre Verwandten und Freunde fŸr immer fahren zu lassen; sie kamen auf den Gedanken, einen hohen Turm zu bauen, der ihnen aus weiter Ferne den Weg wieder zurŸck weisen sollte. Aber dieser Versuch mi§lang wie jenes erste Bestreben. Sie sollten nicht zugleich glŸcklich und klug, zahlreich und einig sein. Die Elohim verwirrten sie, der Bau unterblieb, die Menschen zerstreuten sich; die Welt war bevšlkert, aber entzweit.

Unser Blick, unser Anteil bleibt aber noch immer an diese Gegenden geheftet. Endlich geht abermals ein Stammvater von hier aus, der so glŸcklich ist, seinen Nachkommen einen entschiedenen Charakter aufzuprŠgen, und sie dadurch fŸr ewige Zeiten zu einer gro§en, und bei allem GlŸcks- und Ortswechsel zusammenhaltenden Nation zu vereinigen.

Vom Euphrat aus, nicht ohne gšttlichen Fingerzeig, wandert Abraham gegen Westen. Die WŸste setzt seinem Zug kein entschiedenes Hindernis entgegen; er gelangt an den Jordan, zieht Ÿber den Flu§ und verbreitet sich in den schšnen mittŠgigen Gegenden von PalŠstina. Dieses Land war schon frŸher in Besitz genommen und ziemlich bewohnt. Berge, nicht allzu hoch aber steinicht und unfrucht-


bar, waren von vielen bewŠsserten, dem Anbau gŸnstigen TŠlern durchschnitten. StŠdte, Flecken, einzelne Ansiedelungen lagen zerstreut auf der FlŠche, auf AbhŠngen des gro§en Tals, dessen Wasser sich im Jordan sammeln, so bewohnt, so bebaut war das Land, aber die Welt noch gro§ genug, und die Menschen nicht auf den Grad sorgfŠltig, bedŸrfnisvoll und tŠtig, um sich gleich aller ihrer Umgebungen zu bemŠchtigen. Zwischen jenen Besitzungen erstreckten sich gro§e RŠume, in welchen weidende ZŸge sich bequem hin und her bewegen konnten. In solchen RŠumen hŠlt sich Abraham auf, sein Bruder Lot ist bei ihm; aber sie kšnnen nicht lange an solchen Orten verbleiben. Eben jene Verfassung des Landes, dessen Bevšlkerung bald zubald abnimmt, und dessen Erzeugnisse sich niemals mit dem BedŸrfnis im Gleichgewicht erhalten, bringt unversehens eine Hungersnot hervor, und der Eingewanderte leidet mit dem Einheimischen, dem er durch seine zufŠllige Gegenwart die eigne Nahrung verkŸmmert hat. Die beiden chaldŠischen BrŸder ziehen nach €gypten, und so ist uns der Schauplatz vorgezeichnet, auf dem einige tausend Jahre die bedeutendsten Begebenheiten der Welt vorgehen sollten. Vom Tigris zum Euphrat, vom Euphrat zum Nil sehen wir die Erde bevšlkert, und in diesem Raume einen bekannten, den Gšttern geliebten, uns schon wert gewordnen Mann mit Herden und GŸtern hin und wider ziehen und sie in kurzer Zeit aufs reichlichste vermehren. Die BrŸder kommen zurŸck; allein gewitzigt durch die ausgestandene Not, fassen sie den Entschlu§, sich von einander zu trennen. Beide verweilen zwar im mittŠgigen Kanaan; aber indem Abraham zu Hebron gegen den Hain Mamre bleibt, zieht sich Lot nach dem Tale Siddim, das, wenn unsere Einbildungskraft kŸhn genug ist, dem Jordan einen unterirdischen Ausflu§ zu geben, um an der Stelle des gegenwŠrtigen Asphaltsees einen trocknen Boden zu gewinnen, uns als ein zweites Paradies erscheinen kann und mu§; um so mehr, weil die Bewohner und Umwohner desselben, als Weichlinge und Frevler berŸchtigt,


uns dadurch auf ein bequemes und Ÿppiges Leben schlie§en lassen. Lot wohnt unter ihnen, jedoch abgesondert.

Aber Hebron und der Hain Mamre erscheinen uns als die wichtige StŠtte, wo der Herr mit Abraham spricht und ihm alles Land verhei§t, so weit sein Blick nur in vier Weltgegenden reichen mag. Aus diesen stillen Bezirken, von diesen Hirtenvšlkern, die mit den Himmlischen umgehen dŸrfen, sie als GŠste bewirten und manche Zwiesprache mit ihnen halten, werden wir genštigt den Blick abermals gegen Osten zu wenden, und an die Verfassung der Nebenwelt zu denken, die im ganzen wohl der einzelnen Verfassung von Kanaan gleichen mochte.

Familien halten zusammen; sie vereinigen sich, und die Lebensart der StŠmme wird durch das Lokal bestimmt, das sie sich zugeeignet haben oder zueignen. Auf den Gebirgen, die ihr Wasser nach dem Tigris hinuntersenden, finden wir kriegerische Všlker, die schon sehr frŸhe auf jene Welteroberer und Weltbeherrscher hindeuten, und in einem fŸr jene Zeiten ungeheuren Feldzug uns ein Vorspiel kŸnftiger Gro§taten geben. Kedor Laomor, Kšnig von Elam, wirkt schon mŠchtig auf VerbŸndete. Er herrscht lange Zeit: denn schon zwšlf Jahre vor Abrahams Ankunft in Kanaan hatte er bis an den Jordan die Všlker zinsbar gemacht. Sie waren endlich abgefallen, und die VerbŸndeten rŸsten sich zum Kriege. Wir finden sie unvermutet auf einem Wege, auf dem wahrscheinlich auch Abraham nach Kanaan gelangte. Die Všlker an der linken und untern Seite des Jordan werden bezwungen. Kedor Laomor richtet seinen Zug sŸdwŠrts nach den Všlkern der WŸste, sodann sich nordwŠrts wendend schlŠgt er die Amalekiter, und als er auch die Amoriter Ÿberwunden, gelangt er nach Kanaan, ŸberfŠllt die Kšnige des Tals Siddim, schlŠgt und zerstreut sie, und zieht mit gro§er Beute den Jordan aufwŠrts, um seinen Siegerzug bis gegen den Libanon auszudehnen.

Unter den Gefangenen, Beraubten, mit ihrer Habe Fortgeschleppten befindet sich auch Lot, der das Schicksal des


Landes teilt, worin er als Gast sich befindet. Abraham vernimmt es, und hier sehen wir sogleich den Erzvater als Krieger und Helden. Er rafft seine Knechte zusammen, teilt sie in Haufen, fŠllt auf den beschwerlichen Beutetro§, verwirrt die Sieghaften, die im RŸcken keinen Feind mehr vermuten konnten, und bringt seinen Bruder und dessen Habe nebst manchem von der Habe der Ÿberwundenen Kšnige zurŸck. Durch diesen kurzen Kriegszug nimmt Abraham gleichsam von dem Lande Besitz. Den Einwohnern erscheint er als BeschŸtzer, als Retter, und durch UneigennŸtzigkeit als Kšnig. Dankbar empfangen ihn die Kšnige des Tals, segnend Melchisedek der Kšnig und Priester.

Nun werden die Weissagungen einer unendlichen Nachkommenschaft erneut, ja sie gehen immer mehr ins Weite. Vom Wasser des Euphrat bis zum Flu§ €gyptens werden ihm die sŠmtlichen Landstrecken versprochen; aber noch sieht es mit seinen unmittelbaren Leibeserben mi§lich aus. Er ist achtzig Jahr alt und hat keinen Sohn. Sara, weniger den Gšttern vertrauend als er, wird ungeduldig: sie will nach orientalischer Sitte durch ihre Magd einen Nachkommen haben. Aber kaum ist Hagar dem Hausherrn vertraut, kaum ist Hoffnung zu einem Sohne, so zeigt sich der Zwiespalt im Hause. Die Frau begegnet ihrer eignen BeschŸtzten Ÿbel genug, und Hagar flieht, um bei andern Horden einen bessern Zustand zu finden. Nicht ohne hšheren Wink kehrt sie zurŸck, und Ismael wird geboren.

Abraham ist nun neunundneunzig Jahr alt, und die Verhei§ungen einer zahlreichen Nachkommenschaft werden noch immer wiederholt, so da§ am Ende beide Gatten sie lŠcherlich finden. Und doch wird Sara zuletzt guter Hoffnung und bringt einen Sohn, dem der Name Isaak zuteil wird.

Auf gesetzmŠ§iger Fortpflanzung des Menschengeschlechts ruht grš§tenteils die Geschichte. Die bedeutendsten Weltbegebenheiten ist man bis in die Geheimnisse der Familien zu verfolgen genštigt; und so geben uns auch die Ehen der ErzvŠter zu eignen Betrachtungen Anla§. Es ist,


als ob die Gottheiten, welche das Schicksal der Menschen zu leiten beliebten, die ehelichen Ereignisse jeder Art hier gleichsam im Vorbilde hŠtten darstellen wollen. Abraham, so lange Jahre mit einer schšnen, von vielen umworbenen Frau in kinderloser Ehe, findet sich in seinem hundertsten als Gatte zweier Frauen, als Vater zweier Sšhne, und in diesem Augenblick ist sein Hausfriede gestšrt. Zwei Frauen neben einander sowie zwei Sšhne von zwei MŸttern gegen einander Ÿber vertragen sich unmšglich. Derjenige Teil, der durch Gesetze, Herkommen und Meinung weniger begŸnstigt ist, mu§ weichen. Abraham mu§ die Neigung zu Hagar, zu Ismael aufopfern; beide werden entlassen und Hagar genštigt, den Weg, den sie auf einer freiwilligen Flucht eingeschlagen, nunmehr wider Willen anzutreten, anfangs, wie es scheint, zu des Kindes und ihrem Untergang; aber der Engel des Herrn, der sie frŸher zurŸckgewiesen, rettet sie auch diesmal, damit Ismael auch zu einem gro§en Volk werde, und die unwahrscheinlichste aller Verhei§ungen selbst Ÿber ihre Grenzen hinaus in ErfŸllung gehe.

Zwei Eltern in Jahren und ein einziger spŠtgeborner Sohn: hier sollte man doch endlich eine hŠusliche Ruhe, ein irdisches GlŸck erwarten! Keineswegs. Die Himmlischen bereiten dem Erzvater noch die schwerste PrŸfung. Doch von dieser kšnnen wir nicht reden, ohne vorher noch mancherlei Betrachtungen anzustellen.

Sollte eine natŸrliche allgemeine Religion entspringen, und sich eine besondere geoffenbarte daraus entwickeln, so waren die LŠnder, in denen bisher unsere Einbildungskraft verweilt, die Lebensweise, die Menschenart wohl am geschicktesten dazu; wenigstens finden wir nicht, da§ in der ganzen Welt sich etwas Šhnlich GŸnstiges und Heitres hervorgetan hŠtte. Schon zur natŸrlichen Religion, wenn wir annehmen, da§ sie frŸher in dem menschlichen GemŸte entsprungen, gehšrt viel Zartheit der Gesinnung: denn sie ruht auf der †berzeugung einer allgemeinen Vorsehung, welche die Weltordnung im ganzen leite. Eine besondre


Religion, eine von den Gšttern diesem oder jenem Volk geoffenbarte, fŸhrt den Glauben an eine besondre Vorsehung mit sich, die das gšttliche Wesen gewissen begŸnstigten Menschen, Familien, StŠmmen und Všlkern zusagt. Diese scheint sich schwer aus dem Innern des Menschen zu entwickeln, sie verlangt †berlieferung, Herkommen, BŸrgschaft aus uralter Zeit.

Schšn ist es daher, da§ die israelitische †berlieferung gleich die ersten MŠnner, welche dieser besondern Vorsehung vertrauen, als Glaubenshelden darstellt, welche von jenem hohen Wesen, dem sie sich abhŠngig erkennen, alle und jede Gebote ebenso blindlings befolgen, als sie, ohne zu zweifeln, die spŠten ErfŸllungen seiner Verhei§ungen abzuwarten nicht ermŸden.

So wie eine besondere geoffenbarte Religion den Begriff zum Grunde legt, da§ einer mehr von den Gšttern begŸnstigt sein kšnne als der andre, so entspringt sie auch vorzŸglich aus der Absonderung der ZustŠnde. Nahe verwandt schienen sich die ersten Menschen, aber ihre BeschŠftigungen trennten sie bald. Der JŠger war der freieste von allen; aus ihm entwickelte sich der Krieger und der Herrscher. Der Teil, der den Acker baute, sich der Erde verschrieb, Wohnungen und Scheuern auffŸhrte, um das Erworbene zu erhalten, konnte sich schon etwas dŸnken, weil sein Zustand Dauer und Sicherheit versprach. Dem Hirten an seiner Stelle schien der ungemessenste Zustand sowie ein grenzenloser Besitz zuteil geworden. Die Vermehrung der Herden ging ins Unendliche, und der Raum, der sie ernŠhren sollte, erweiterte sich nach allen Seiten. Diese drei StŠnde scheinen sich gleich anfangs mit Verdru§ und Verachtung angesehn zu haben und wie der Hirte dem StŠdter ein Greuel war, so sonderte er auch sich wieder von diesem ab. Die JŠger verlieren sich aus unsern Augen in die Gebirge, und kommen nur als Eroberer wieder zum Vorschein.

Zum Hirtenstande gehšrten die ErzvŠter. Ihre Lebensweise auf dem Meere der WŸsten und Weiden gab ihren


Gesinnungen Breite und Freiheit, das Gewšlbe des Himmels, unter dem sie wohnten, mit allen seinen nŠchtlichen Sternen ihren GefŸhlen Erhabenheit, und sie bedurften mehr als der tŠtige gewandte JŠger, mehr als der sichte sorgfŠltige hausbewohnende Ackersmann des unerschŸtterlichen Glaubens, da§ ein Gott ihnen zur Seite ziehe, da§ er sie besuche, an ihnen Anteil nehme, sie fŸhre und rette.

Zu noch einer andern Betrachtung werden wir genštigt, indem wir zur Geschichtsfolge Ÿbergehen. So menschlich, schšn und heiter auch die Religion der ErzvŠter erscheint, so gehen doch ZŸge von Wildheit und Grausamkeit hindurch, aus welcher der Mensch herankommen, oder worein er wieder versinken kann.

Da§ der Ha§ sich durch das Blut, durch den Tod des Ÿberwundenen Feindes versšhne, ist natŸrlich; da§ man auf dem Schlachtfelde zwischen den Reihen der Getšteten einen Frieden schlo§, lŠ§t sich wohl denken, da§ man ebenso durch geschlachtete Tiere ein BŸndnis zu befestigen glaubte, flie§t aus dem Vorhergehenden; auch da§ man die Gštter, die man doch immer als Partei, als Widersacher oder als Beistand, ansah, durch Getštetes herbeiziehen, sie versšhnen, sie gewinnen kšnne, Ÿber diese Vorstellung hat man sich gleichfalls nicht zu verwundern. Bleiben wir aber bei den Opfern stehen, und betrachten die Art, wie sie in jener Urzeit dargebracht wurden, so finden wir einen seltsamen, fŸr uns ganz widerlichen Gebrauch, der wahrscheinlich auch aus dem Kriege hergenommen, diesen nŠmlich: die geopferten Tiere jeder Art, und wenn ihrer noch so viel gewidmet wurden, mu§ten in zwei HŠlften zerhauen, an zwei Seiten gelegt werden, und in der Stra§e dazwischen befanden sich diejenigen, die mit der Gottheit einen Bund schlie§en wollten.

Wunderbar und ahndungsvoll geht durch jene schšne Welt noch ein anderer schrecklicher Zug, da§ alles, was geweiht, was verlobt war, sterben mu§te: wahrscheinlich auch ein auf den Frieden Ÿbertragener Kriegsgebrauch. Den Be-


wohnern einer Stadt, die sich gewaltsam wehrt, wird mit einem solchen GelŸbde gedroht; sie geht Ÿber, durch Sturm oder sonst; man lŠ§t nichts am Leben, MŠnner keineswegs, und manchmal teilen auch Frauen, Kinder, ja das Vieh ein gleiches Schicksal. †bereilter und aberglŠubischer Weise werden, bestimmter oder unbestimmter, dergleichen Opfer den Gšttern versprochen; und so kommen die, welche man schonen mšchte, ja sogar die NŠchsten, die eigenen Kinder, in den Fall, als SŸhnopfer eines solchen Wahnsinns zu bluten.

In dem sanften, wahrhaft urvŠterlichen Charakter Abrahams konnte eine so barbarische Anbetungsweise nicht entspringen; aber die Gštter, welche manchmal, um uns zu versuchen, jene Eigenschaften hervorzukehren scheinen, die der Mensch ihnen anzudichten geneigt ist, befehlen ihm das Ungeheure. Er soll seinen Sohn opfern, als Pfand des neuen Bundes, und, wenn es nach dem Hergebrachten geht, ihn nicht etwa nur schlachten und verbrennen, sondern ihn in zwei StŸcke teilen, und zwischen seinen rauchenden Eingeweiden sich von den gŸtigen Gšttern eine neue Verhei§ung erwarten. Ohne Zaudern und blindlings schickt Abraham sich an, den Befehl zu vollziehen: den Gšttern ist der Wille hinreichend. Nun sind Abrahams PrŸfungen vorŸber: denn weiter konnten sie nicht gesteigert werden. Aber Sara stirbt, und dies gibt Gelegenheit, da§ Abraham von dem Lande Kanaan vorbildlich Besitz nimmt. Er bedarf eines Grabes, und dies ist das erstemal, da§ er sich nach einem Eigentum auf dieser Erde umsieht. Eine zweifache Hšhle gegen den Hain Mamre mag er sich schon frŸher ausgesucht haben. Diese kauft er mit dem daran sto§enden Acker, und die Form Rechtens, die er dabei beobachtet, zeigt, wie wichtig ihm dieser Besitz ist. Er war es auch, mehr als er sich vielleicht selbst denken konnte: denn er, seine Sšhne und Enkel sollten daselbst ruhen, und der nŠchste Anspruch auf das ganze Land, sowie die immerwŠhrende Neigung seiner Nachkommenschaft, sich hier zu versammeln, dadurch am eigentlichsten begrŸndet werden.


Von nun an gehen die mannigfaltigen Familienszenen abwechselnd vor sich. Noch immer hŠlt sich Abraham streng abgesondert von den Einwohnern, und wenn Ismael, der Sohn einer €gypterin, auch eine Tochter dieses Landes geheiratet hat, so soll nun Isaak sich mit einer Blutsfreundin, einer EbenbŸrtigen, vermŠhlen.

Abraham sendet seinen Knecht nach Mesopotamien zu den Verwandten, die er dort zurŸckgelassen. Der kluge Eleasar kommt unerkannt an, und um die rechte Braut nach Hause zu bringen, prŸft er die Dienstfertigkeit der MŠdchen am Brunnen. Er verlangt zu trinken fŸr sich, und ungebeten trŠnkt Rebekka auch seine Kamele. Er beschenkt sie, er freiet um sie, die ihm nicht versagt wird. So fŸhrt er sie in das Haus seines Herrn, und sie wird Isaak angetraut. Auch hier mu§ die Nachkommenschaft lange Zeit erwartet werden. Erst nach einigen PrŸfungsjahren wird Rebekka gesegnet, und derselbe Zwiespalt, der in Abrahams Doppelehe von zwei MŸttern entstand, entspringt hier von einer. Zwei Knaben von entgegengesetztem Sinne balgen sich schon unter dem Herzen der Mutter. Sie treten ans Licht: der Šltere lebhaft und mŠchtig, der jŸngere zart und klug; jener wird des Vaters, dieser der Mutter Liebling. Der Streit um den Vorrang, der schon bei der Geburt beginnt, setzt sich immer fort. Esau ist ruhig und gleichgŸltig Ÿber die Erstgeburt, die ihm das Schicksal zugeteilt; Jakob vergi§t nicht, da§ ihn sein Bruder zurŸckgedrŠngt. Aufmerksam auf jede Gelegenheit, den erwŸnschten Vorteil zu gewinnen, handelt er seinem Bruder das Recht der Erstgeburt ab, und bevorteilt ihn um des Vaters Segen. Esau ergrimmt und schwšrt dem Bruder den Tod, Jakob entflieht um in dem Lande seiner Vorfahren sein GlŸck zu versuchen.

Nun, zum erstenmal in einer so edlen Familie, erscheint ein Glied, das kein Bedenken trŠgt, durch Klugheit und List die Vorteile zu erlangen, welche Natur und ZustŠnde ihm versagten. Es ist oft genug bemerkt und ausgesprochen


worden, da§ die Heiligen Schriften uns jene ErzvŠter und andere von Gott begŸnstigte MŠnner keineswegs als Tugendbilder aufstellen wollen. Auch sie sind Menschen von den verschiedensten Charaktern, mit mancherlei MŠngeln und Gebrechen; aber eine Haupteigenschaft darf solchen MŠnnern nach dem Herzen Gottes nicht fehlen: es ist der unerschŸtterliche Glaube, da§ Gott sich ihrer und der Ihrigen besonders annehme.

Die allgemeine, die natŸrliche Religion bedarf eigentlich keines Glaubens: denn die †berzeugung, da§ ein gro§es, hervorbringendes, ordnendes und leitendes Wesen sich gleichsam hinter der Natur verberge, um sich uns fa§lich zu machen, eine solche †berzeugung dringt sich einem jeden auf; ja wenn er auch den Faden derselben, der ihn durchs Leben fŸhrt, manchmal fahren lie§e, so wird er ihn doch gleich und Ÿberall wieder aufnehmen kšnnen. Ganz anders verhŠlt sich's mit der besondern Religion, die uns verkŸndigt, da§ jenes gro§e Wesen sich eines Einzelnen, eines Stammes, eines Volkes, einer Landschaft entschieden und vorzŸglich annehme. Diese Religion ist auf den Glauben gegrŸndet, der unerschŸtterlich sein mu§, wenn er nicht sogleich von Grund aus zerstšrt werden soll. Jeder Zweifel gegen eine solche Religion ist ihr tšdlich. Zur †berzeugung kann man zurŸckkehren, aber nicht zum Glauben. Daher die unendlichen PrŸfungen, das Zaudern der ErfŸllung so wiederholter Verhei§ungen, wodurch die GlaubensfŠhigkeit jener Ahnherren ins hellste Licht gesetzt wird.

Auch in diesem Glauben tritt Jakob seinen Zug an, und wenn er durch List und Betrug unsere Neigung nicht erworben hat, so gewinnt er sie durch die dauernde und unverbrŸchliche Liebe zu Rahel, um die er selbst aus dem Stegreife wirbt, wie Eleasar fŸr seinen Vater um Rebekka geworben hatte. In ihm sollte sich die Verhei§ung eines unerme§lichen Volkes zuerst vollkommen entfalten; er sollte viele Sšhne um sich sehen, aber auch durch sie und ihre MŸtter manches Herzeleid erleben.


Sieben Jahre dient er um die Geliebte, ohne Ungeduld und ohne Wanken. Sein Schwiegervater, ihm gleich an List, gesinnt wie er, um jedes Mittel zum Zweck fŸr rechtmŠ§ig zu halten, betriegt ihn, vergilt ihm, was er an seinem Bruder getan: Jakob findet eine Gattin, die er nicht liebt, in seinen Armen. Zwar, um ihn zu besŠnftigen, gibt Laban nach kurzer Zeit ihm die geliebte dazu, aber unter der Bedingung sieben neuer Dienstjahre; und so entspringt nun Verdru§ aus Verdru§. Die nicht geliebte Gattin ist fruchtbar, die geliebte bringt keine Kinder; diese will wie Sara durch eine Magd Mutter werden, jene mi§gšnnt ihr auch diesen Vorteil. Auch sie fŸhrt ihrem Gatten eine Magd zu, und nun ist der gute Erzvater der geplagteste Mann von der Welt: vier Frauen, Kinder von dreien, und keins von der geliebten! Endlich wird auch diese beglŸckt, und Joseph kommt zur Welt, ein SpŠtling der leidenschaftlichsten Liebe. Jakobs vierzehn Dienstjahre sind um; aber Laban will in ihm den ersten, treusten Knecht nicht entbehren. Sie schlie§en neue Bedingungen und teilen sich in die Herden. Laban behŠlt die von wei§er Farbe, als die der Mehrzahl; die scheckigen, gleichsam nur den Ausschu§, lŠ§t sich Jakob gefallen. Dieser wei§ aber auch hier seinen Vorteil zu wahren, und wie er durch ein schlechtes Gericht die Erstgeburt und durch eine Vermummung den vŠterlichen Segen gewonnen, so versteht er nun durch Kunst und Sympathie den besten und grš§ten Teil der Herde sich zuzueignen, und wird auch von dieser Seite der wahrhaft wŸrdige Stammvater des Volks Israel und ein Musterbild fŸr seine Nachkommen. Laban und die Seinigen bemerken, wo nicht das KunststŸck, doch den Erfolg. Es gibt Verdru§; Jakob flieht mit allen den Seinigen mit aller Habe, und entkommt dem nachsetzenden Laban teils durch GlŸck, teils durch List. Nun soll ihm Rahel noch einen Sohn schenken; sie stirbt aber in der Geburt: der Schmerzensohn Benjamin Ÿberlebt sie, aber noch grš§ern Schmerz soll der Altvater bei dem anscheinenden Verlust seines Sohnes Joseph empfinden.


Vielleicht mšchte jemand fragen, warum ich diese allgemein bekannten, so oft wiederholten und ausgelegten Geschichten hier abermals umstŠndlich vortrage. Diesem dŸrfte zur Antwort dienen, da§ ich auf keine andere Weise darzustellen wŸ§te, wie ich bei meinem zerstreuten Leben, bei meinem zerstŸckelten Lernen dennoch meinen Geist, meine GefŸhle auf einen Punkt zu einer stillen Wirkung versammelte; weil ich auf keine andere Weise den Frieden zu schildern vermšchte, der mich umgab, wenn es auch drau§en noch so wild und wunderlich herging. Wenn eine stets geschŠftige Einbildungskraft, wovon jenes MŠrchen ein Zeugnis ablegen mag, mich bald da- bald dorthin fŸhrte, wenn das Gemisch von Fabel und Geschichte, Mythologie und Religion mich zu verwirren drohte, so flŸchtete ich gern nach jenen morgenlŠndischen Gegenden, ich versenkte mich in die ersten BŸcher Mosis und fand mich dort unter den ausgebreiteten HirtenstŠmmen zugleich in der grš§ten Einsamkeit und in der grš§ten Gesellschaft.

Diese Familienauftritte, ehe sie sich in eine Geschichte des israelitischen Volks verlieren sollten, lassen uns nun zum Schlu§ noch eine Gestalt sehen, an der sich besonders die Jugend mit Hoffnungen und Einbildungen gar artig schmeicheln kann: Joseph, das Kind der leidenschaftlichsten ehelichen Liebe. Ruhig erscheint er uns und klar, und prophezeit sich selbst die VorzŸge, die ihn Ÿber seine Familie erheben sollten. Durch seine Geschwister ins UnglŸck gesto§en, bleibt er standhaft und rechtlich in der Sklaverei, widersteht den gefŠhrlichsten Versuchungen, rettet sich durch Weissagung, und wird zu hohen Ehren nach Verdienst erhoben. Erst zeigt er sich einem gro§en Kšnigreiche, sodann den seinigen hŸlfreich und nŸtzlich. Er gleicht seinem Urvater Abraham an Ruhe und Gro§heit, seinem Gro§vater Isaak an Stille und Ergebenheit. Den von seinem Vater ihm angestammten Gewerbsinn Ÿbt er im gro§en: es sind nicht mehr Herden, die man einem Schwiegervater, die man fŸr sich selbst gewinnt, es sind Všlker mit allen ihren Be-


sitzungen, die man fŸr einen Kšnig einzuhandeln versteht. Hšchst anmutig ist diese natŸrliche ErzŠhlung, nur erscheint sie zu kurz, und man fŸhlt sich berufen, sie ins einzelne auszumalen.

Ein solches Ausmalen biblischer, nur im Umri§ angegebener Charaktere und Begebenheiten war den Deutschen nicht mehr fremd. Die Personen des Alten und Neuen Testaments hatten durch Klopstock ein zartes und gefŸhlvolles Wesen gewonnen, das dem Knaben sowie vielen seiner Zeitgenossen hšchlich zusagte. Von den Bodmerischen Arbeiten dieser Art kam wenig oder nichts zu ihm; aber "Daniel in der Lšwengrube", von Moser, machte gro§e Wirkung auf das junge GemŸt. Hier gelangt ein wohldenkender GeschŠfts- und Hofmann durch mancherlei TrŸbsale zu hohen Ehren, und seine Fršmmigkeit, durch die man ihn zu verderben drohte, ward frŸher und spŠter sein Schild und seine Waffe. Die Geschichte Josephs zu bearbeiten war mir lange schon wŸnschenswert gewesen; allein ich konnte mit der Form nicht zurecht kommen, besonders da mir keine Versart gelŠufig war, die zu einer solchen Arbeit gepa§t hŠtte. Aber nun fand ich eine prosaische Behandlung sehr bequem und legte mich mit aller Gewalt auf die Bearbeitung. Nun suchte ich die Charaktere zu sondern und auszumalen, und durch Einschaltung von Inzidenzien und Episoden die alte einfache Geschichte zu einem neuen und selbststŠndigen Werke zu machen. Ich bedachte nicht, was freilich die Jugend nicht bedenken kann, da§ hiezu ein Gehalt nštig sei, und da§ dieser uns nur durch das Gewahrwerden der Erfahrung selbst entspringen kšnne. Genug, ich vergegenwŠrtigte mir alle Begebenheiten bis ins kleinste Detail, und erzŠhlte sie mir der Reihe nach auf das genauste.

Was mir diese Arbeit sehr erleichterte, war ein Umstand, der dieses Werk und Ÿberhaupt meine Autorschaft hšchst voluminos zu machen drohte. Ein junger Mann von vielen FŠhigkeiten, der aber durch Anstrengung und DŸnkel blšdsinnig geworden war, wohnte als MŸndel in meines Vaters


Hause, lebte ruhig mit der Familie und war sehr still und in sich gekehrt, und, wenn man ihn auf seine gewohnte Weise verfahren lie§, zufrieden und gefŠllig. Dieser hatte seine akademischen Hefte mit gro§er Sorgfalt geschrieben, und sich eine flŸchtige leserliche Hand erworben. Er beschŠftigte sich am liebsten mit Schreiben, und sah es gern, wenn man ihm etwas zu kopieren gab; noch lieber aber, wenn man ihm diktierte, weil er sich alsdann in seine glŸcklichen akademischen Jahre versetzt fŸhlte. Meinem Vater, der keine expedite Hand schrieb, und dessen deutsche Schrift klein und zittrig war, konnte nichts erwŸnschter sein, und er pflegte daher, bei Besorgung eigner sowohl als fremder GeschŠfte, diesem jungen Manne gewšhnlich einige Stunden des Tags zu diktieren. Ich fand es nicht minder bequem, in der Zwischenzeit alles, was mir flŸchtig durch den Kopf ging, von einer fremden Hand auf dem Papier fixiert zu sehen, und meine Erfindungs- und Nachahmungsgabe wuchs mit der Leichtigkeit des Auffassens und Aufbewahrens.

Ein so gro§es Werk als jenes biblische prosaischepische Gedicht hatte ich noch nicht unternommen. Es war eben eine ziemlich ruhige Zeit, und nichts rief meine Einbildungskraft aus PalŠstina und €gypten zurŸck. So quoll mein Manuskript tŠglich um so mehr auf, als das Gedicht streckenweise, wie ich es mir selbst gleichsam in die Luft erzŠhlte, auf dem Papier stand, und nur wenige BlŠtter von Zeit zu Zeit umgeschrieben zu werden brauchten.

Als das Werk fertig war, denn es kam zu meiner eignen Verwunderung wirklich zustande, bedachte ich, da§ von den vorigen Jahren mancherlei Gedichte vorhanden seien, die mir auch jetzt nicht verwerflich schienen, welche, in ein Format mit "Joseph" zusammengeschrieben, einen ganz artigen Quartband ausmachen wŸrden, dem man den Titel "Vermischte Gedichte" geben kšnnte; welches mir sehr wohl gefiel, weil ich dadurch im stillen bekannte und berŸhmte Autoren nachzuahmen Gelegenheit fand. Ich hatte eine gute Anzahl sogenannter anakreontischer Gedichte verfertigt,


die mir wegen der Bequemlichkeit des Silbenma§es und der Leichtigkeit des Inhalts sehr wohl von der Hand gingen. Allein diese durfte ich nicht wohl aufnehmen, weil sie keine Reime hatten, und ich doch vor allem meinem Vater etwas Angenehmes zu erzeigen wŸnschte. Desto mehr schienen mir geistliche Oden hier am Platz, dergleichen ich zur Nachahmung des "JŸngsten Gerichts" von Elias Schlegel sehr eifrig versucht hatte. Eine zur Feier der Hšllenfahrt Christi geschriebene erhielt von meinen Eltern und Freunden viel Beifall, und sie hatte das GlŸck, mir selbst noch einige Jahre zu gefallen. Die sogenannten Texte der sonntŠgigen Kirchenmusiken, welche jedesmal gedruckt zu haben waren, studierte ich flei§ig. Sie waren freilich sehr schwach und ich durfte wohl glauben, da§ die meinigen, deren ich mehrere nach der vorgeschriebenen Art verfertigt hatte, ebensogut verdienten komponiert und zur Erbauung der Gemeinde vorgetragen zu werden. Diese und mehrere dergleichen hatte ich seit lŠnger als einem Jahre mit eigener Hand abgeschrieben, weil ich durch diese PrivatŸbung von den Vorschriften des Schreibemeisters entbunden wurde. Nunmehr aber ward alles redigiert und in gute Ordnung gestellt, und es bedurfte keines gro§en Zuredens, um solche von jenem schreibelustigen jungen Manne reinlich abgeschrieben zu sehen. Ich eilte damit zum Buchbinder, als ich gar bald den saubern Band meinem Vater Ÿberreichte, munterte er mich mit besonderm Wohlgefallen auf, alle Jahre einen solchen Quartanten zu liefern; welches er mit desto grš§erer †berzeugung tat, als ich das alles nur in sogenannten Nebenstunden geleistet hatte.

Noch ein anderer Umstand vermehrte den Hang zu diesen theologischen oder vielmehr biblischen Studien. Der Senior des Ministeriums, Johann Philipp Fresenius, ein sanfter Mann, von schšnem gefŠlligen Ansehen, welcher von seiner Gemeinde, ja von der ganzen Stadt als ein exemplarischer Geistlicher und guter Kanzelredner verehrt ward, der aber, weil er gegen die Herrnhuter aufgetreten, bei den abgeson-


derten Frommen nicht im besten Ruf stand, vor der Menge hingegen sich durch die Bekehrung eines bis zum Tode blessierten freigeistischen Generals berŸhmt und gleichsam heilig gemacht hatte, dieser starb, und sein Nachfolger Plitt, ein gro§er, schšner, wŸrdiger Mann, der jedoch vom Katheder (er war Professor in Marburg gewesen) mehr die Gabe zu lehren als zu erbauen mitgebracht hatte, kŸndigte sogleich eine Art von Religionskursus an, dem er seine Predigten in einem gewissen methodischen Zusammenhang widmen wolle. Schon frŸher, da ich doch einmal in die Kirche gehen mu§te, hatte ich mir die Einteilung gemerkt, und konnte dann und wann mit ziemlich vollstŠndiger Rezitation einer Predigt gro§tun. Da nun Ÿber den neuen Senior manches fŸr und wider in der Gemeine gesprochen wurde, und viele kein sonderliches Zutrauen in seine angekŸndigten didaktischen Predigten setzen wollten, so nahm ich mir vor, sorgfŠltiger nachzuschreiben, welches mir um so eher gelang, als ich auf einem zum Hšren sehr bequemen, Ÿbrigens aber verborgenen Sitz schon geringere Versuche gemacht hatte. Ich war hšchst aufmerksam und behend; in dem Augenblick, da§ er Amen sagte, eilte ich aus der Kirche und wendete ein paar Stunden daran, das, was ich auf dem Papier und im GedŠchtnis fixiert hatte, eilig zu diktieren, so da§ ich die geschriebene Predigt noch vor Tische Ÿberreichen konnte. Mein Vater war sehr glorios Ÿber dieses Gelingen, und der gute Hausfreund, der eben zu Tische kam, mu§te die Freude teilen. Dieser war mir ohnehin hšchst gŸnstig, weil ich mir seinen "Messias" so zu eigen gemacht hatte, da§ ich ihm, bei meinen šftern Besuchen, um SiegelabdrŸcke fŸr meine Wappensammlung zu holen, gro§e Stellen davon vortragen konnte, so da§ ihm die TrŠnen in den Augen standen.

Den nŠchsten Sonntag setzte ich die Arbeit mit gleichem Eifer fort, und weil mich der Mechanismus derselben sogar unterhielt, so dachte ich nicht nach Ÿber das, was ich schrieb und aufbewahrte. Das erste Vierteljahr mochten sich diese


BemŸhungen ziemlich gleich bleiben; als ich aber zuletzt, nach meinem DŸnkel, weder besondere AufklŠrung Ÿber die Bibel selbst, noch eine freiere Ansicht des Dogmas zu finden glaubte, so schien mir die kleine Eitelkeit, die dabei befriedigt wurde, zu teuer erkauft, als da§ ich mit gleichem Eifer das GeschŠft hŠtte fortsetzen sollen. Die erst so blŠtterreichen Kanzelreden wurden immer magerer, und ich hŠtte zuletzt diese BemŸhung ganz abgebrochen, wenn nicht mein Vater, der ein Freund der VollstŠndigkeit war, mich durch gute Worte und Versprechungen dahin gebracht, da§ ich bis auf den letzten Sonntag Trinitatis aushielt, obgleich am Schlusse kaum etwas mehr als der Text, die Proposition und die Einteilung auf kleine BlŠtter verzeichnet wurden.

Was das Vollbringen betrifft, darin hatte mein Vater eine besondere HartnŠckigkeit. Was einmal unternommen ward, sollte ausgefŸhrt werden, und wenn auch inzwischen das Unbequeme, Langweilige, Verdrie§liche, ja UnnŸtze des Begonnenen sich deutlich offenbarte. Es schien, als wenn ihm das Vollbringen der einzige Zweck, das Beharren die einzige Tugend deuchte. Hatten wir in langen Winterabenden im Familienkreise ein Buch angefangen vorzulesen, so mu§ten wir es auch durchbringen, wenn wir gleich sŠmtlich dabei verzweifelten und er mitunter selbst der erste war, der zu gŠhnen anfing. Ich erinnere mich noch eines solchen Winters, wo wir Bowers "Geschichte der PŠpste" so durchzuarbeiten hatten. Es war ein fŸrchterlicher Zustand, indem wenig oder nichts, was in jenen kirchlichen. VerhŠltnissen vorkommt, Kinder und junge Leute ansprechen kann. Indessen ist mir bei aller Unachtsamkeit und allem Widerwillen doch von jener Vorlesung so viel geblieben, da§ ich in spŠteren Zeiten manches daran zu knŸpfen imstande war.

Bei allen diesen fremdartigen BeschŠftigungen und Arbeiten, die so schnell auf einander folgten, da§ man sich kaum besinnen konnte, ob sie zulŠssig und nŸtzlich wŠren, verlor mein Vater seinen Hauptzweck nicht aus den Augen. Er suchte mein GedŠchtnis, meine Gabe etwas zu fassen und


zu kombinieren, auf juristische GegenstŠnde zu lenken, und gab mir daher ein kleines Buch, in Gestalt eines Katechismus, von Hoppe, nach Form und Inhalt der "Institutionen" gearbeitet, in die HŠnde. Ich lernte Fragen und Antworten damaligen Religionsunterricht eine der HauptŸbungen war, da§ man auf das behendeste in der Bibel aufschlagen lernte, so wurde auch hier eine gleiche Bekanntschaft mit dem "Corpus Juris" fŸr nštig befunden, worin ich auch bald auf das vollkommenste bewandert war. Mein Vater wollte weiter gehen, und der "Kleine Struve" ward vorgenommen; aber hier ging es nicht so rasch. Die Form des Buches war fŸr den AnfŠnger nicht so gŸnstig, da§ er sich selbst hŠtte aushelfen kšnnen, und meines Vaters Art zu dozieren nicht so liberal, da§ sie mich angesprochen hŠtte.

Nicht allein durch die kriegerischen ZustŠnde, in denen wir uns seit einigen Jahren befanden, sondern auch durch das bŸrgerliche Leben selbst, durch Lesen von Geschichten und Romanen war es uns nur allzu deutlich, da§ es sehr viele FŠlle gebe, in welchen die Gesetze schweigen und dem einzelnen nicht zu HŸlfe kommen, der dann sehen mag, wie er sich aus der Sache zieht. Wir waren nun herangewachsen, und dem Schlendriane nach sollten wir auch neben andern Dingen fechten und reiten lernen, um uns gelegentlich unserer Haut zu wehren, und zu Pferde kein schŸlerhaftes Ansehn zu haben. Was den ersten Punkt betrifft, so war uns eine solche †bung sehr angenehm: denn wir hatten uns schon lŠngst Haurapiere von Haselstšcken, mit Kšrben von Weiden sauber geflochten, um die Hand zu schŸtzen, zu verschaffen gewu§t. Nun durften wir uns wirklich stŠhlerne Klingen zulegen, und das Gerassel, was wir damit machten, war sehr lebhaft.

Zwei Fechtmeister befanden sich in der Stadt: ein Šlterer ernster Deutscher, der auf die strenge und tŸchtige Weise zu Werke ging, und ein Franzose, der seinen Vorteil durch Avancieren und Retirieren, durch leichte flŸchtige Stš§e, welche


stets mit einigen Ausrufungen begleitet waren, zu erreichen suchte. Die Meinungen, welche Art die beste sei, waren geteilt. Der kleinen Gesellschaft, mit welcher ich Stunde nehmen sollte, gab man den Franzosen, und wir gewšhnten uns bald, vorwŠrts und rŸckwŠrts zu gehen, auszufallen und uns zurŸckzuziehen, und dabei immer in die herkšmmlichen Schreilaute auszubrechen. Mehrere von unsern Bekannten aber hatten sich zu dem deutschen Fechtmeister gewendet, und Ÿbten gerade das Gegenteil. Diese verschiedenen Arten, eine so wichtige †bung zu behandeln, die †berzeugung eines jeden, da§ sein Meister der bessere sei, brachte wirklich eine Spaltung unter die jungen Leute, die ungefŠhr von einem Alter waren, und es fehlte wenig, so hŠtten die Fechtschulen ganz ernstliche Gefechte veranla§t. Denn fast ward ebensosehr mit Worten gestritten als mit der Klinge gefochten, und um zuletzt der Sache ein Ende zu machen, ward ein Wettkampf zwischen beiden Meistern veranstaltet, dessen Erfolg ich nicht umstŠndlich zu beschreiben brauche. Der Deutsche stand in seiner Positur wie eine Mauer, pa§te auf seinen Vorteil, und wu§te mit Battieren und Ligieren seinen Gegner ein Ÿber das andre Mal zu entwaffnen. Dieser behauptete, das sei nicht Raison, und fuhr mit seiner Beweglichkeit fort, den andern in Atem zu setzen. Auch brachte er dem Deutschen wohl einige Stš§e bei, die ihn aber selbst, wenn es Ernst gewesen wŠre, in die andre Welt geschickt hŠtten.

Im ganzen ward nichts entschieden noch gebessert, nur wendeten sich einige zu dem Landsmann, worunter ich auch gehšrte. Allein ich hatte schon zu viel von dem ersten Meister angenommen, daher eine ziemliche Zeit darŸber hinging, bis der neue mir es wieder abgewšhnen konnte, der Ÿberhaupt mit uns Renegaten weniger als mit seinen UrschŸlern zufrieden war.

Mit dem Reiten ging es mir noch schlimmer. ZufŠlligerweise schickte man mich im Herbst auf die Bahn, so da§ ich in der kŸhlen und feuchten Jahreszeit meinen Anfang machte. Die pedantische Behandlung dieser schšnen Kunst war mir


hšchlich zuwider. Zum ersten und letzten war immer vom Schlie§en die Rede, und es konnte einem doch niemand sagen, worin denn eigentlich der Schlu§ bestehe, worauf doch alles ankommen solle: denn man fuhr ohne SteigbŸgel auf dem Pferde hin und her. †brigens schien der Unterricht nur auf Prellerei und BeschŠmung der Scholaren angelegt. Verga§ man die Kinnkette ein- oder auszuhŠngen, lie§ man die Gerte fallen oder wohl gar den Hut, jedes VersŠumnis, jedes UnglŸck mu§te mit Geld gebŸ§t werden, und man ward noch obenein ausgelacht. Dies gab mir den allerschlimmsten Humor, besonders da ich den †bungsort selbst ganz unertrŠglich fand. Der garstige, gro§e, entweder feuchte oder staubige Raum, die KŠlte, der Modergeruch, alles zusammen war mir im hšchsten Grade zuwider; und da der Stallmeister den andern, weil sie ihn vielleicht durch FrŸhstŸcke und sonstige Gaben, vielleicht auch durch ihre Geschicklichkeit bestachen, immer die besten Pferde, mir aber die schlechtesten zu reiten gab, mich auch wohl warten lie§, und mich, wie es schien, hintansetzte, so brachte ich die allerverdrie§lichsten Stunden Ÿber einem GeschŠft hin, das eigentlich das lustigste von der Welt sein sollte. Ja der Eindruck von jener Zeit, von jenen ZustŠnden ist mir so lebhaft geblieben, da§, ob ich gleich nachher leidenschaftlich und verwegen zu reiten gewohnt war, auch Tage und Wochen lang kaum vom Pferde kam, da§ ich bedeckte Reitbahnen sorgfŠltig vermied, und hšchstens nur wenig Augenblicke darin verweilte. Es kommt Ÿbrigens der Fall oft genug vor, da§, wenn die AnfŠnge einer abgeschlossenen Kunst uns Ÿberliefert werden sollen, dieses auf eine peinliche und abschreckende Art geschieht. Die †berzeugung, wie lŠstig und schŠdlich dieses sei, hat in spŠtern Zeiten die Erziehungsmaxime aufgestellt, da§ alles der Jugend auf eine leichte, lustige und bequeme Art beigebracht werden mŸsse; woraus denn aber auch wieder andere †bel und Nachteile entsprungen sind.

Mit der AnnŠherung des FrŸhlings ward es bei uns auch wieder ruhiger, und wenn ich mir frŸher das Anschauen der


Stadt, ihrer geistlichen und weltlichen, šffentlichen und PrivatgebŠude zu verschaffen suchte, und besonders an dem damals noch vorherrschenden AltertŸmlichen das grš§te VergnŸgen fand, so war ich nachher bemŸht, durch die Lersnersche "Chronik" und durch andre unter meines Vaters Frankofurtensien befindliche BŸcher und Hefte, die Personen vergangner Zeiten mir zu vergegenwŠrtigen; welches mir denn auch durch gro§e Aufmerksamkeit auf das Besondere der Zeiten und Sitten und bedeutender IndividualitŠten ganz gut zu gelingen schien.

Unter den altertŸmlichen Resten war mir, von Kindheit an, der auf dem BrŸckenturm aufgesteckte SchŠdel eines Staatsverbrechers merkwŸrdig gewesen, der von dreien oder vieren, wie die leeren eisernen Spitzen auswiesen, seit 1616 sich durch alle Unbilden der Zeit und Witterung erhalten hatte. So oft man von Sachsenhausen nach Frankfurt zurŸckkehrte, hatte man den Turm vor sich, und der SchŠdel fiel ins Auge. Ich lie§ mir als Knabe schon gern die Geschichte dieser AufrŸhrer, des Fettmilch und seiner Genossen, erzŠhlen, wie sie mit dem Stadtregiment unzufrieden gewesen, sich gegen dasselbe empšrt, Meuterei angesponnen, die Judenstadt geplŸndert und grŠ§liche HŠndel erregt, zuletzt aber gefangen und von kaiserlichen Abgeordneten zum Tode verurteilt worden. SpŠterhin lag mir daran, die nŠhern UmstŠnde zu erfahren und, was es denn fŸr Leute gewesen, zu vernehmen. Als ich nun aus einem alten, gleichzeitigen, mit Holzschnitten versehenen Buche erfuhr, da§ zwar diese Menschen zum Tode verurteilt, aber zugleich auch viele Ratsherrn abgesetzt worden, weil mancherlei Unordnung und sehr viel Unverantwortliches im Schwange gewesen; da ich nun die nŠhern UmstŠnde vernahm, wie alles hergegangen: so bedauerte ich die unglŸcklichen Menschen, welche man wohl als Opfer, die einer kŸnftigen bessern Verfassung gebracht worden, ansehen dŸrfe; denn von jener Zeit schrieb sich die Einrichtung her, nach welcher sowohl das altadlige Haus Limpurg, das aus einem Klub entsprungene Haus Frauenstein, ferner Juristen,


Kaufleute und Handwerker an einem Regimente teilnehmen sollten, das, durch eine auf venezianische Weise verwickelte Ballotage ergŠnzt, von bŸrgerlichen Kollegien eingeschrŠnkt, das Rechte zu tun berufen war, ohne zu dem Unrechten sonderliche Freiheit zu behalten.

Zu den ahnungsvollen Dingen, die den Knaben und auch wohl den JŸngling bedrŠngten, gehšrte besonders der Zustand der Judenstadt, eigentlich die Judengasse genannt, weil sie kaum aus etwas mehr als einer einzigen Stra§e besteht, welche in frŸhen Zeiten zwischen Stadtmauer und Graben wie in einen Zwinger mochte eingeklemmt worden sein. Die Enge, der Schmutz, das Gewimmel, der Akzent einer unerfreulichen Sprache, alles zusammen machte den unangenehmsten Eindruck, wenn man auch nur am Tore vorbeigehend hineinsah. Es dauerte lange, bis ich allein mich hineinwagte, und ich kehrte nicht leicht wieder dahin zurŸck, wenn ich einmal den Zudringlichkeiten so vieler, etwas zu schachern unermŸdet fordernder oder anbietender Menschen entgangen war. Dabei schwebten die alten MŠrchen von Grausamkeit der Juden gegen die Christenkinder, die wir in Gottfrieds "Chronik" grŠ§lich abgebildet gesehen, dŸster vor dem jungen GemŸt. Und ob man gleich in der neuern Zeit besser von ihnen dachte, so zeugte doch das gro§e Spott- und SchundgemŠlde, welches unter dem BrŸckenturm an einer Bogenwand, zu ihrem Unglimpf, noch ziemlich zu sehen war, au§erordentlich gegen sie: denn es war nicht etwa durch einen Privatmutwillen, sondern aus šffentlicher Anstalt verfertigt worden.

Indessen blieben sie doch das auserwŠhlte Volk Gottes, und gingen, wie es nun mochte gekommen sein, zum Andenken der Šltesten Zeiten umher. Au§erdem waren sie ja auch Menschen, tŠtig, gefŠllig, und selbst dem Eigensinn, womit sie an ihren GebrŠuchen hingen, konnte man seine Achtung nicht versagen. †berdies waren die MŠdchen hŸbsch, und mochten es wohl leiden, wenn ein Christenknabe, ihnen am Sabbat auf dem Fischerfelde begegnend, sich freundlich und aufmerk-


sam bewies. €u§erst neugierig war ich daher, ihre Zeremonien kennen zu lernen. Ich lie§ nicht ab, bis ich ihre Schule šfters besucht, einer Beschneidung, einer Hochzeit beigewohnt und von dem LauberhŸttenfest mir ein Bild gemacht hatte. †berall war ich wohl aufgenommen, gut bewirtet und zur Wiederkehr eingeladen: denn es waren Personen von Einflu§, die mich entweder hinfŸhrten oder empfahlen.

So wurde ich denn als ein junger Bewohner einer gro§en Stadt von einem Gegenstand zum andern hin und wider geworfen, und es fehlte mitten in der bŸrgerlichen Ruhe und Sicherheit nicht an grŠ§lichen Auftritten. Bald weckte ein nŠherer oder entfernter Brand uns aus unserm hŠuslichen Frieden, bald setzte ein entdecktes gro§es Verbrechen, dessen Untersuchung und Bestrafung die Stadt auf viele Wochen in Unruhe. Wir mu§ten Zeugen von verschiedenen Exekutionen sein, und es ist wohl wert zu gedenken, da§ ich auch bei Verbrennung eines Buchs gegenwŠrtig gewesen bin. Es war der Verlag eines franzšsischen komischen Romans, der zwar den Staat, aber nicht Religion und Sitten schonte. Es hatte wirklich etwas FŸrchterliches, eine Strafe an einem leblosen Wesen ausgeŸbt zu sehen. Die Ballen platzten im Feuer, und wurden durch Ofengabeln aus einander geschŸrt und mit den Flammen mehr in BerŸhrung gebracht. Es dauerte nicht lange, so flogen die angebrannten BlŠtter in der Luft herum, und die Menge haschte begierig darnach. Auch ruhten wir nicht, bis wir ein Exemplar auftrieben, und es waren nicht wenige, die sich das verbotne VergnŸgen gleichfalls zu verschaffen wu§ten. Ja, wenn es dem Autor um PublizitŠt zu tun war, so hŠtte er selbst nicht besser dafŸr sorgen kšnnen.

Jedoch auch friedlichere AnlŠsse fŸhrten mich in der Stadt hin und wider. Mein Vater hatte mich frŸh gewšhnt, kleine GeschŠfte fŸr ihn zu besorgen. Besonders trug er mir auf, die Handwerker, die er in Arbeit setzte, zu mahnen, da sie ihn gewšhnlich lŠnger als billig aufhielten, weil er alles genau wollte gearbeitet haben und zuletzt bei prompter Bezahlung


die Preise zu mŠ§igen pflegte. Ich gelangte dadurch fast in alle WerkstŠtten, und da es mir angeboren war, mich in die ZustŠnde anderer zu finden, eine jede besondere Art des menschlichen Daseins zu fŸhlen und mit Gefallen daran teilzunehmen, so brachte ich manche vergnŸgliche Stunde durch Anla§ solcher AuftrŠge zu, lernte eines jeden Verfahrungsart kennen, und was die unerlŠ§lichen Bedingungen dieser und jener Lebensweise fŸr Freude, fŸr Leid, Beschwerliches und GŸnstiges mit sich fŸhren. Ich nŠherte mich dadurch dieser tŠtigen, das Untere und Obere verbindenden Klasse. Denn wenn an der einen Seite diejenigen stehen, die sich mit den einfachen und rohen Erzeugnissen beschŠftigen, an der andern solche, die schon etwas Verarbeitetes genie§en wollen, so vermittelt der Gewerker durch Sinn und Hand, da§ jene beide etwas von einander empfangen und jeder nach seiner Art seiner WŸnsche teilhaft werden kann. Das Familienwesen eines jeden Handwerks, das Gestalt und Farbe von der BeschŠftigung erhielt, war gleichfalls der Gegenstand meiner stillen Aufmerksamkeit, und so entwickelte, so bestŠrkte sich in mir das GefŸhl der Gleichheit, wo nicht aller Menschen, doch aller menschlichen ZustŠnde, indem mir das nackte Dasein als die Hauptbedingung, das Ÿbrige alles aber als gleichgŸltig und zufŠllig erschien.

Da mein Vater sich nicht leicht eine Ausgabe erlaubte, die durch einen augenblicklichen Genu§ sogleich wŠre aufgezehrt worden, wie ich mich denn kaum erinnre, da§ wir zusammen spazieren gefahren und auf einem Lustorte etwas verzehrt hŠtten: so war er dagegen nicht karg mit Anschaffung solcher Dinge, die bei innerm Wert auch einen guten Šu§ern Schein haben. Niemand konnte den Frieden mehr wŸnschen als er, ob er gleich in der letzten Zeit vom Kriege nicht die mindeste Beschwerlichkeit empfand. In diesen Gesinnungen hatte er meiner Mutter eine goldne mit Diamanten besetzte Dose versprochen, welche sie erhalten sollte, sobald der Friede publiziert wŸrde. In Hoffnung dieses glŸcklichen Ereignisses arbeitete man schon einige Jahre an die-


sem Geschenk. Die Dose selbst, von ziemlicher Grš§e, ward in Hanau verfertigt: denn mit den dortigen Goldarbeitern sowie mit den Vorstehern der Seidenanstalt stand mein Vater in gutem Vernehmen. Mehrere Zeichnungen wurden dazu verfertigt; den Deckel zierte ein Blumenkorb, Ÿber welchem eine Taube mit dem …lzweig schwebte. Der Raum fŸr die Juwelen war gelassen, die teils an der Taube, teils an den Blumen, teils auch an der Stelle, wo man die Dose zu šffnen pflegt, angebracht werden sollten. Der Juwelier, dem die všllige AusfŸhrung nebst den dazu nštigen Steinen Ÿbergeben ward, hie§ Laufensack und war ein geschickter muntrer Mann, der, wie mehrere geistreiche KŸnstler, selten das Notwendige, gewšhnlich aber das WillkŸrliche tat, was ihm VergnŸgen machte. Die Juwelen, in der Figur, wie sie auf dem Dosendeckel angebracht werden sollten, waren zwar bald auf schwarzes Wachs gesetzt und nahmen sich ganz gut aus, allein sie wollten sich von da gar nicht ablšsen, um aufs Gold zu gelangen. Im Anfange lie§ mein Vater die Sache noch so anstehen; als aber die Hoffnung zum Frieden immer lebhafter wurde, als man zuletzt schon die Bedingungen, besonders die Erhebung des Erzherzogs Joseph zum Ršmischen Kšnig, genauer wissen wollte, so ward mein Vater immer ungeduldiger, und ich mu§te wšchentlich ein paarmal, ja zuletzt fast tŠglich den saumseligen KŸnstler besuchen. Durch mein unablŠssiges QuŠlen und Zureden rŸckte die Arbeit, wiewohl langsam genug, vorwŠrts: denn weil sie von der Art war, da§ man sie bald vornehmen, bald wieder aus den HŠnden legen konnte, so fand sich immer etwas, wodurch sie verdrŠngt und bei Seite geschoben wurde.

Die Hauptursache dieses Benehmens indes war eine Arbeit, die der KŸnstler fŸr eigene Rechnung unternommen hatte. Jedermann wu§te, da§ Kaiser Franz eine gro§e Neigung zu Juwelen, besonders auch zu farbigen Steinen hege. Lautensack hatte eine ansehnliche Summe, und, wie sich spŠter fand, grš§er als sein Vermšgen, auf dergleichen Edelsteine verwandt, und daraus einen Blumenstrau§ zu bilden


angefangen, in welchem jeder Stein nach seiner Form und Farbe gŸnstig hervortreten und das Ganze ein KunststŸck geben sollte, wert, in dem Schatzgewšlbe eines Kaisers aufbewahrt zu stehen. Er hatte nach seiner zerstreuten Art mehrere Jahre daran gearbeitet, und eilte nun, weil man nach dem bald zu hoffenden Frieden die Ankunft des Kaisers zur Kršnung seines Sohns in Frankfurt erwartete, es vollstŠndig zu machen und endlich zusammenzubringen. Meine Lust, dergleichen GegenstŠnde kennen zu lernen, benutzte er sehr gewandt, um mich als einen Mahnboten zu zerstreuen und von meinem Vorsatz abzulenken. Er suchte mir die Kenntnis dieser Steine beizubringen, machte mich auf ihre Eigenschaften, ihren Wert aufmerksam, so da§ ich sein ganzes Bouquet zuletzt auswendig wu§te, und es ebenso gut wie er einem Kunden hŠtte anpreisend vordemonstrieren kšnnen. Es ist mir noch jetzt gegenwŠrtig, und ich habe wohl kostbarere, aber nicht anmutigere Schau- und PrachtstŸcke dieser Art gesehen. Au§erdem besa§ er noch eine hŸbsche Kupfersammlung und andere Kunstwerke, Ÿber die er sich gern unterhielt, und ich brachte viele Stunden nicht ohne Nutzen bei ihm zu. Endlich, als wirklich der Kongre§ zu Hubertsburg schon festgesetzt war, tat er aus Liebe zu mir ein Ÿbriges, und die Taube zusamt den Blumen gelangte am Friedensfeste wirklich in die HŠnde meiner Mutter.

Manchen Šhnlichen Auftrag erhielt ich denn auch, um bei den Malern bestellte Bilder zu betreiben. Mein Vater hatte bei sich den Begriff festgesetzt, und wenig Menschen waren davon frei, da§ ein Bild auf Holz gemalt einen gro§en Vorzug vor einem andern habe, das nur auf Leinwand aufgetragen sei. Gute eichene Bretter von jeder Form zu besitzen, war deswegen meines Vaters gro§e Sorgfalt, indem er wohl wu§te, da§ die leichtsinnigem KŸnstler sich gerade in dieser wichtigen Sache auf den Tischer verlie§en. Die Šltesten Bohlen wurden aufgesucht, der Tischer mu§te mit Leimen, Hobeln und Zurichten derselben aufs genauste zu Werke gehen, und dann blieben sie Jahre lang in einem obern Zimmer ver-


wahrt, wo sie genugsam austrocknen konnten. Ein solches kšstliches Brett ward dem Maler Juncker anvertraut, der einen verzierten Blumentopf mit den bedeutendsten Blumen nach der Natur in seiner kŸnstlichen und zierlichen Weise darauf darstellen sollte. Es war gerade im FrŸhling, und ich versŠumte nicht, ihm wšchentlich einigemal die schšnsten Blumen zu bringen, die mir unter die Hand kamen; welche er denn auch sogleich einschaltete, und das Ganze nach und nach aus diesen Elementen auf das treulichste und flei§igste zusammenbildete. Gelegentlich hatte ich auch wohl einmal eine Maus gefangen, die ich ihm brachte, und die er als ein gar so zierliches Tier nachzubilden Lust hatte, auch sie wirklich aufs genauste vorstellte, wie sie am Fu§e des Blumentopfes eine KornŠhre benascht. Mehr dergleichen unschuldige NaturgegenstŠnde, als Schmetterlinge und KŠfer, wurden herbeigeschafft und dargestellt, so da§ zuletzt, was Nachahmung und AusfŸhrung betraf, ein hšchst schŠtzbares Bild beisammen war.

Ich wunderte mich daher nicht wenig, als der gute Mann mir eines Tages, da die Arbeit bald abgeliefert werden sollte, umstŠndlich eršffnete, wie ihm das Bild nicht mehr gefalle, indem es wohl im einzelnen ganz gut geraten, im ganzen aber nicht gut komponiert sei, weil es so nach und nach entstanden, und er im Anfange das Versehen begangen, sich nicht wenigstens einen allgemeinen Plan fŸr Licht und Schatten sowie fŸr Farben zu entwerfen, nach welchem man die einzelnen Blumen hŠtte einordnen kšnnen. Er ging mit mir das wŠhrend eines halben Jahrs vor meinen Augen entstandene und mir teilweise gefŠllige Bild umstŠndlich durch, und wu§te mich zu meiner BetrŸbnis vollkommen zu Ÿberzeugen. Auch hielt er die nachgebildete Maus fŸr einen Mi§griff: denn, sagte er, solche Tiere haben fŸr viele Menschen etwas Schauderhaftes, und man sollte sie da nicht anbringen, wo man Gefallen erregen will. Ich hatte nun, wie es demjenigen zu gehen pflegt, der sich von einem Vorurteile geheilt sieht und sich viel klŸger dŸnkt als er vorher gewesen,


eine wahre Verachtung gegen dies Kunstwerk, und stimmte dem KŸnstler všllig bei, als er eine andere Tafel von gleicher Grš§e verfertigen lie§, worauf er, nach dem Geschmack, den er besa§, ein besser geformtes GefŠ§ und einen kunstreicher geordneten Blumenstrau§ anbrachte, auch die lebendigen kleinen Beiwesen zierlich und erfreulich sowohl zu wŠhlen als zu verteilen wu§te. Auch diese Tafel malte er mit der grš§ten Sorgfalt, doch freilich nur nach jener schon abgebildeten oder aus dem GedŠchtnis, das ihm aber bei einer sehr langen und emsigen Praxis gar wohl zu HŸlfe kam. Beide GemŠlde waren nun fertig, und wir hatten eine entschiedene Freude an dem letzten, das wirklich kunstreicher und mehr in die Augen fiel. Der Vater ward anstatt mit einem mit zwei StŸcken Ÿberrascht und ihm die Wahl gelassen. Er billigte unsere Meinung und die GrŸnde derselben, besonders auch den guten Willen und die TŠtigkeit; entschied sich aber, nachdem er beide Bilder einige Tage betrachtet, fŸr das erste, ohne Ÿber diese Wahl weiter viele Worte zu machen. Der KŸnstler, Šrgerlich, nahm sein zweites, wohlgemeintes Bild zurŸck, und konnte sich gegen mich der Bemerkung nicht enthalten, da§ die gute eichne Tafel, worauf das erste gemalt stehe, zum Entschlu§ des Vaters gewi§ das Ihrige beigetragen habe.

Da ich hier wieder der Malerei gedenke, so tritt in meiner Erinnerung eine gro§e Anstalt hervor, in der ich viele Zeit zubrachte, weil sie und deren Vorsteher mich besonders an sich zog. Es war die gro§e Wachstuchfabrik, welche der Maler Nothnagel errichtet hatte: ein geschickter KŸnstler, der aber sowohl durch sein Talent als durch seine Denkweise mehr zum Fabrikwesen als zur Kunst hinneigte. In einem sehr gro§en Raume von Hšfen und GŠrten wurden alle Arten von Wachstuch gefertigt, von dem rohsten an, das mit der Spatel aufgetragen wird und das man zu RŸstwagen und Šhnlichem Gebrauch benutzte, durch die Tapeten hindurch, welche mit Formen abgedruckt wurden, bis zu den feineren und feinsten, auf welchen bald chinesische und phantastische, bald natŸrliche Blumen abgebildet, bald


Figuren, bald Landschaften durch den Pinsel geschickter Arbeiter dargestellt wurden. Diese Mannigfaltigkeit, die ins Unendliche ging, ergetzte mich sehr. Die BeschŠftigung so vieler Menschen von der gemeinsten Arbeit bis zu solchen, denen man einen gewissen Kunstwert kaum versagen konnte, war fŸr mich hšchst anziehend. Ich machte Bekanntschaft mit dieser Menge in vielen Zimmern hinter einander arbeitenden jŸngern und Šlteren MŠnnern, und legte auch wohl selbst mitunter Hand an. Der Vertrieb dieser Ware ging au§erordentlich stark. Wer damals baute oder ein GebŠude mšblierte, wollte fŸr seine Lebenszeit versorgt sein, und diese Wachstuchtapeten waren allerdings unverwŸstlich. Nothnagel selbst hatte genug mit Leitung des Ganzen zu tun, und sa§ in seinem Comptoir, umgeben von Faktoren und Handlungsdienern. Die Zeit, die ihm Ÿbrig blieb, beschŠftigte er sich mit seiner Kunstsammlung, die vorzŸglich aus Kupferstichen bestand, mit denen er, sowie mit GemŠlden, die er besa§, auch wohl gelegentlich Handel trieb. Zugleich hatte er das Radieren lieb gewonnen; er Štzte verschiedene BlŠtter und setzte diesen Kunstzweig bis in seine spŠtesten Jahre fort.

Da seine Wohnung nahe am Eschenheimer Tore lag, so fŸhrte mich, wenn ich ihn besucht hatte, mein Weg gewšhnlich zur Stadt hinaus und zu den GrundstŸcken, welche mein Vater vor den Toren besa§. Das eine war ein gro§er Baumgarten, dessen Boden als Wiese benutzt wurde, und worin mein Vater das Nachpflanzen der BŠume, und was sonst zur Erhaltung diente, sorgfŠltig beobachtete, obgleich das GrundstŸck verpachtet war. Noch mehr BeschŠftigung gab ihm ein sehr gut unterhaltener Weinberg vor dem Friedberger Tore, woselbst zwischen den Reihen der Weinstšcke Spargelreihen mit gro§er Sorgfalt gepflanzt und gewartet wurden. Es verging in der guten Jahrszeit fast kein Tag, da§ nicht mein Vater sich hinausbegab, da wir ihn denn meist begleiten durften, und so von den ersten Erzeugnissen des FrŸhlings bis zu den letzten des Herbstes Genu§ und Freude hatten. Wir lernten nun auch mit den GartengeschŠften umgehen,


die, weil sie sich jŠhrlich wiederholten, uns endlich ganz bekannt und gelŠufig wurden. Nach mancherlei FrŸchten des Sommers und Herbstes war aber doch zuletzt die Weinlese das Lustigste und am meisten ErwŸnschte; ja es ist keine Frage, da§, wie der Wein selbst den Orten und Gegenden, wo er wŠchst und getrunken wird, einen freiem Charakter gibt, so auch diese Tage der Weinlese, indem sie den Sommer schlie§en und zugleich den Winter eršffnen, eine unglaubliche Heiterkeit verbreiten. Lust und Jubel erstreckt sich Ÿber eine ganze Gegend. Des Tages hšrt man von allen Ecken und Enden Jauchzen und schie§en, und des Nachts verkŸnden bald da bald dort Raketen und Leuchtkugeln, da§ man noch Ÿberall wach und munter diese Feier gern so lange als mšglich ausdehnen mšchte. Die nachherigen BemŸhungen beim Keltern und wŠhrend der GŠrung im Keller gaben uns auch zu Hause eine heitere BeschŠftigung, und so kamen wir gewšhnlich in den Winter hinein, ohne es recht gewahr zu werden.

Dieser lŠndlichen Besitzungen erfreuten wir uns im FrŸhling 1763 um so mehr, als uns der 15. Februar dieses Jahrs, durch den Abschlu§ des Hubertsburger Friedens, zum festlichen Tage geworden, unter dessen glŸcklichen Folgen der grš§te Teil meines Lebens verflie§en sollte. Ehe ich jedoch weiter schreite, halte ich es fŸr meine Schuldigkeit, einiger MŠnner zu gedenken, welche einen bedeutenden Einflu§ auf meine Jugend ausgeŸbt.

Von Olenschlager, Mitglied des Hauses Frauenstein, Schšff und Schwiegersohn des oben erwŠhnten Doktor Orth, ein schšner, behaglicher, sanguinischer Mann. Er hŠtte in seiner bŸrgemeisterlichen Festtracht gar wohl den angesehensten franzšsischen PrŠlaten vorstellen kšnnen. Nach seinen akademischen Studien hatte er sich in Hof- und StaatsgeschŠften umgetan, und seine Reisen auch zu diesen Zwecken eingeleitet. Er hielt mich besonders wert und sprach oft mit mir von den Dingen, die ihn vorzŸglich interessierten. Ich war um ihn, als er eben seine ErlŠuterung der GŸldnen Bulle schrieb;


da er mir denn den Wert und die WŸrde dieses Dokuments sehr deutlich herauszusetzen wu§te. Auch dadurch wurde meine Einbildungskraft in jene wilden und unruhigen Zeiten zurŸckgefŸhrt, da§ ich nicht unterlassen konnte, dasjenige, was er mir geschichtlich erzŠhlte, gleichsam als gegenwŠrtig, mit Ausmalung der Charakter und UmstŠnde und manchmal sogar mimisch darzustellen; woran er denn gro§e Freude hatte, und durch seinen Beifall mich zur Wiederholung aufregte.

Ich hatte von Kindheit auf die wunderliche Gewohnheit, immer die AnfŠnge der BŸcher und Abteilungen eines Werks auswendig zu lernen, zuerst der fŸnf BŸcher Mosis, sodann der "€neide" und der "Metamorphosen". So machte ich es nun auch mit der Goldenen Bulle, und reizte meinen Gšnner oft zum LŠcheln, wenn ich ganz ernsthaft unversehens ausrief: "Omne regnum in se divisum desolabitur: nam principes ejus facti sunt socii furum." Der kluge Mann schŸttelte lŠchelnd den Kopf und sagte bedenklich: "Was mŸssen das fŸr Zeiten gewesen sein, in welchen der Kaiser auf einer gro§en Reichsversammlung seinen FŸrsten dergleichen Worte ins Gesicht publizieren lie§."

Von Olenschlager hatte viel Anmut im Umgang. Man sah wenig Gesellschaft bei ihm, aber zu einer geistreichen Unterhaltung war er sehr geneigt, und er veranla§te uns junge Leute, von Zeit zu Zeit ein Schauspiel aufzufŸhren: denn man hielt dafŸr, da§ eine solche †bung der Jugend besonders nŸtzlich sei. Wir gaben den "Kanut" von Schlegel, worin mir die Rolle des Kšnigs, meiner Schwester die Estriche, und Ulfo dem jŸngern Sohn des Hauses zugeteilt wurde. Sodann wagten wir uns an den "Britannicus", denn wir sollten nebst dem Schauspielertalent auch die Sprache zur †bung bringen. Ich erhielt den Nero, meine Schwester die Agrippine, und der jŸngere Sohn den Britannicus. Wir wurden mehr gelobt, als wir verdienten, und glaubten es noch besser gemacht zu haben, als wie wir gelobt wurden. So stand ich mit dieser Familie in dem besten VerhŠltnis, und bin ihr manches VergnŸgen und eine schnellere Entwicklung schuldig geworden.


Von Reineck, aus einem altadligen Hause, tŸchtig, rechtschaffen, aber starrsinnig, ein hagrer schwarzbrauner Mann, den ich niemals lŠcheln gesehen. Ihm begegnete das UnglŸck, da§ seine einzige Tochter durch einen Hausfreund entfŸhrt wurde. Er verfolgte seinen Schwiegersohn mit dem heftigsten Proze§, und weil die Gerichte, in ihrer Fšrmlichkeit, seiner Rachsucht weder schnell noch stark genug willfahren wollten, Ÿberwarf er sich mit diesen, und es entstanden HŠndel aus HŠndeln, Prozesse aus Prozessen. Er zog sich ganz in sein Haus und einen daransto§enden Garten zurŸck, lebte in einer weitlŠufigen aber traurigen Unterstube, in die seit vielen Jahren kein Pinsel eines TŸnchers, vielleicht kaum der Kehrbesen einer Magd gekommen war. Mich konnte er gar gern leiden, und hatte mir seinen jŸngern Sohn besonders empfohlen. Seine Šltesten Freunde, die sich nach ihm zu richten wu§ten, seine GeschŠftsleute, seine Sachwalter sah er manchmal bei Tische, und unterlie§ dann niemals, auch mich einzuladen. Man a§ sehr gut bei ihm und trank noch besser. Den GŠsten erregte jedoch ein gro§er, aus vielen Ritzen rauchender Ofen die Šrgste Pein. Einer der Vertrautesten wagte einmal, dies zu bemerken, indem er den Hausherrn fragte: ob er denn so eine Unbequemlichkeit den ganzen Winter aushalten kšnne. Er antwortete darauf, als ein zweiter Timon und Heautontimorumenos: "Wollte Gott, dies wŠre das grš§te †bel von es denen, die mich plagen!" Nur spŠt lie§ er sich bereden, Tochter und Enkel wiederzusehen. Der Schwiegersohn durfte ihm nicht wieder vor Augen.

Auf diesen so braven als unglŸcklichen Mann wirkte meine Gegenwart sehr gŸnstig: denn indem er sich gern mit mir unterhielt, und mich besonders von Welt- und StaatsverhŠltnissen belehrte, schien er selbst sich erleichtert und erheitert zu fŸhlen. Die wenigen alten Freunde, die sich noch um ihn versammelten, gebrauchten mich daher oft, wenn sie seinen verdrie§lichen Sinn zu mildern und ihn zu irgend einer Zerstreuung zu bereden wŸnschten. Wirklich fuhr er nunmehr manchmal mit uns aus, und besah sich die Gegend wieder, auf


die er so viele Jahre keinen Blick geworfen hatte. Er gedachte der alten Besitzer, erzŠhlte von ihren Charaktern und Begebenheiten, wo er sich denn immer streng, aber doch šfters heiter und geistreich erwies. Wir suchten ihn nun auch wieder unter andere Menschen zu bringen, welches uns aber beinah Ÿbel geraten wŠre.

Von gleichem, wenn nicht noch von hšherem Alter als er war ein Herr von Malapart, ein reicher Mann, der ein sehr schšnes Haus am Ro§markt besa§ und gute EinkŸnfte von Salinen zog. Auch er lebte sehr abgesondert; doch war er Sommers viel in seinem Garten vor dem Bockenheimer Tore, wo er einen sehr schšnen Nelkenflor wartete und pflegte.

Von Reineck war auch ein Nelkenfreund; die Zeit des Flors war da, und es geschahen einige Anregungen, ob man sich nicht wechselseitig besuchen wollte. Wir leiteten die Sache ein und trieben es so lange, bis endlich von Reineck sich entschlo§, mit uns einen Sonntagnachmittag hinauszufahren. Die BegrŸ§ung der beiden alten Herren war sehr lakonisch, ja blo§ pantomimisch, und man ging mit wahrhaft diplomatischem Schritt an den langen NelkengerŸsten hin und her. Der Flor war wirklich au§erordentlich schšn, und die besondern Formen und Farben der verschiedenen Blumen, die VorzŸge der einen vor der andern und ihre Seltenheit machten denn doch zuletzt eine Art von GesprŠch aus, welches ganz freundlich zu werden schien; worŸber wir andern uns um so mehr freuten, als wir in einer benachbarten Laube den kostbarsten alten Rheinwein in geschliffenen Flaschen, schšnes Obst und andre gute Dinge aufgetischt sahen. Leider aber sollten wir sie nicht genie§en. Denn unglŸcklicherweise sah von Reineck eine sehr schšne Nelke vor sich, die aber den Kopf etwas niedersenkte; er griff daher sehr zierlich mit dem Zeige- und Mittelfinger vom Stengel herauf gegen den Kelch und hob die Blume von hinten in die Hšhe, so da§ er sie wohl betrachten konnte. Aber auch diese zarte BerŸhrung verdro§ den Besitzer. Von Malapart erinnerte, zwar hšflich aber doch steif genug und eher


etwas selbstgefŠllig, an das oculis non manibus. Von Reineck hatte die Blume schon losgelassen, fing aber auf jenes Wort gleich Feuer und sagte, mit seiner gewšhnlichen Trockenheit und Ernst: es sei einem Kenner und Liebhaber wohl gemŠ§, eine Blume auf die Weise zu berŸhren und zu betrachten; worauf er denn jenen Gest wiederholte und sie noch einmal zwischen die Finger nahm. Die beiderseitigen Hausfreunde - denn auch von Malapart hatte einen bei sich - waren nun in der grš§ten Verlegenheit. Sie lie§en einen Hasen nach dem andern laufen (dies war unsre sprŸchwšrtliche Redensart, wenn ein GesprŠch sollte unterbrochen und auf einen andern Gegenstand gelenkt werden); allein es wollte nichts verfangen: die alten Herren waren ganz stumm geworden, und wir fŸrchteten jeden Augenblick, von Reineck mšchte jenen Akt wiederholen; da wŠre es denn um uns alle geschehn gewesen. Die beiden Hausfreunde hielten ihre Herren auseinander, indem sie selbige bald da bald dort beschŠftigten, und das klŸgste war, da§ wir endlich aufzubrechen Anstalt machten, und so mu§ten wir leider den reizenden Kredenztisch ungenossen mit dem RŸcken ansehen.

Hofrat HŸsgen, nicht von Frankfurt gebŸrtig, reformierter Religion und deswegen keiner šffentlichen Stelle noch auch der Advokatur fŠhig, die er jedoch, weil man ihm als vortrefflichem Juristen viel Vertrauen schenkte, unter fremder Signatur ganz gelassen sowohl in Frankfurt als bei den Reichsgerichten zu fŸhren wu§te, war wohl schon sechzig Jahr alt, als ich mit seinem Sohne Schreibstunde hatte und dadurch ins Haus kam. Seine Gestalt war gro§, lang ohne hager, breit ohne beleibt zu sein. Sein Gesicht, nicht allein von den Blattern entstellt, sondern auch des einen Auges beraubt, sah man die erste Zeit nur mit Apprehension. Er trug auf einem kahlen Haupte immer eine ganz wei§e GlockenmŸtze, oben mit einem Bande gebunden. Seine Schlafršcke von Kalmank oder Damast waren durchaus sehr sauber. Er bewohnte eine gar heitre Zimmerflucht auf gleicher Erde an der Allee, und die Reinlichkeit seiner Umgebung entsprach


dieser Heiterkeit. Die grš§te Ordnung seiner Papiere, BŸcher, Landkarten machte einen angenehmen Eindruck. Sein Sohn, Heinrich Sebastian, der sich durch verschiedene Schriften im Kunstfach bekannt gemacht, versprach in seiner Jugend wenig. GutmŸtig aber lŠppisch, nicht roh aber doch geradezu und ohne besondre Neigung sich zu unterrichten, suchte er lieber die Gegenwart der Vaters zu vermeiden, indem er von der Mutter alles, was es wŸnschte, erhalten konnte. Ich hingegen nŠherte mich dem Alten immer mehr, je mehr ich ihn kennen lernte. Da er sich nur bedeutender RechtsfŠlle annahm, so hatte er Zeit genug, sich auf andre Weise zu beschŠftigen und zu unterhalten. Ich hatte nicht lange um ihn gelebt und seine Lehren vernommen, als ich wohl merken konnte, da§ er mit Gott und der Welt in Opposition stehe. Eins seiner LieblingsbŸcher war Agrippa "De vanitate scientiarum", das er mir besonders empfahl, und mein junges Gehirn dadurch eine Zeitlang in ziemliche Verwirrung setzte. Ich war im Behagen der Jugend zu einer Art von Optimismus geneigt, und hatte mich mit Gott oder den Gšttern ziemlich wieder ausgesšhnt: denn durch eine Reihe von Jahren war ich zu der Erfahrung gekommen, da§ es gegen das Bšse manches Gleichgewicht gebe, da§ man sich von den †beln wohl wieder herstelle, und da§ man sich aus Gefahren rette und nicht immer den Hals breche. Auch was die Menschen taten und trieben, sah ich lŠ§lich an, und fand manches LobenswŸrdige, womit mein alter Herr keineswegs zufrieden sein wollte. Ja, als er einmal mir die Welt ziemlich von ihrer fratzenhaften Seite geschildert hatte, merkte ich ihm an, da§ er noch mit einem bedeutenden Trumpfe zu schlie§en gedenke. Er drŸckte, wie in solchen FŠllen seine Art war, das blinde linke Auge stark zu, blickte mit dem andern scharf hervor und sagte mit einer nŠselnden Stimme: "Auch in Gott entdeck ich Fehler."

Mein Timonischer Mentor war auch Mathematiker; aber seine praktische Natur trieb ihn zur Mechanik, ob er gleich nicht selbst arbeitete. Eine, fŸr damalige Zeiten wenigstens, wundersame Uhr, welche neben den Stunden und Tagen auch


die Bewegungen von Sonne und Mond anzeigte, lie§ er nach seiner Angabe verfertigen. Sonntags frŸh um zehn zog er sie jedesmal selbst auf, welches er um so gewisser tun konnte, als er niemals in die Kirche ging. Gesellschaft oder GŠste habe ich nie bei ihm gesehen. Angezogen und aus dem Hause gehend erinnere ich mir ihn in zehn Jahren kaum zweimal.

Die verschiedenen Unterhaltungen mit diesen MŠnnern waren nicht unbedeutend, und jeder wirkte auf mich nach seiner Weise. FŸr einen jeden hatte ich so viel, oft noch mehr Aufmerksamkeit als die eigenen Kinder, und jeder suchte an mir, als an einem geliebten Sohne, sein Wohlgefallen zu vermehren, indem er an mir sein moralisches Ebenbild herzustellen trachtete. Olenschlager wollte mich zum Hofmann, Reineck zum diplomatischen GeschŠftsmann bilden; beide, besonders letzterer, suchten mir Poesie und Schriftstellerei zu verleiden. HŸsgen wollte mich zum Timon seiner Art, dabei aber zum tŸchtigen Rechtsgelehrten haben: ein notwendiges Handwerk, wie er meinte, damit man sich und das seinige gegen das Lumpenpack von Menschen regelmŠ§ig verteidigen, einem UnterdrŸckten beistehen, und allenfalls einem Schelmen etwas am Zeuge flicken kšnne; letzteres jedoch sei weder besonders tunlich noch ratsam.

Hielt ich mich gern an der Seite jener MŠnner, um ihren Rat, ihren Fingerzeig zu benutzen, so forderten jŸngere, an Alter mir nur wenig vorausbeschrittene, mich auf zum unmittelbaren Nacheifern. Ich nenne hier vor allen andern die GebrŸder Schlosser, und Griesbach. Da ich jedoch mit diesen in der Folge in genauere Verbindung trat, welche viele Jahre ununterbrochen dauerte, so sage ich gegenwŠrtig nur so viel, da§ sie uns damals als ausgezeichnet in Sprachen und andern die akademische Laufbahn eršffnenden Studien gepriesen und zum Muster aufgestellt wurden, und da§ jedermann die gewisse Erwartung hegte, sie wŸrden einst im Staat und in der Kirche etwas Ungemeines leisten.

Was mich betrifft, so hatte ich auch wohl im Sinne, etwas Au§erordentliches hervorzubringen; worin es aber bestehen


kšnne, wollte mir nicht deutlich werden. Wie man jedoch eher an den Lohn denkt, den man erhalten mšchte, als an das Verdienst, das man sich erwerben sollte, so leugne ich nicht, da§, wenn ich an ein wŸnschenswertes GlŸck dachte, dieses mir am reizendsten in der Gestalt des Lorbeerkranzes erschien, der den Dichter zu zieren geflochten ist.


 

FŸnftes Buch

 

FŸr alle Všgel gibt es Lockspeisen, und jeder Mensch wird auf seine eigene Art geleitet und verleitet. Natur, Erziehung, Umgebung, Gewohnheit hielten mich von allem Rohen abgesondert, und ob ich gleich mit den untern Volksklassen, besonders den Handwerkern, šfters in BerŸhrung kam, so entstand doch daraus kein nŠheres VerhŠltnis. Etwas Ungewšhnliches, vielleicht GefŠhrliches zu unternehmen, hatte ich zwar Verwegenheit genug, und fŸhlte mich wohl manchmal dazu aufgelegt; allein es mangelte mir die Handhabe, es anzugreifen und zu fassen. Indessen wurde ich auf eine všllig unerwartete Weise in VerhŠltnisse verwickelt, die mich ganz nahe an gro§e Gefahr, und wenigstens fŸr eine Zeitlang in Verlegenheit und Not brachten. Mein frŸheres gutes VerhŠltnis zu jenem Knaben, den ich oben Pylades genannt, hatte sich bis ins JŸnglingsalter fortgesetzt. Zwar sahen wir uns seltener, weil unsre Eltern nicht zum besten mit einander standen; wo wir uns aber trafen, sprang immer sogleich der alte freundschaftliche Jubel hervor. Einst begegneten wir uns in den Alleen, die zwischen dem Innern und Šu§ern Sankt-Gallen Tor einen sehr angenehmen Spaziergang darboten. Wir hatten uns kaum begrŸ§t, als er zu mir sagte: "Es geht mir mit deinen Versen noch immer wie sonst. Diejenigen, die du mir neulich mitteiltest, habe ich einigen lustigen Gesellen vorgelesen, und keiner will glauben, da§ du sie gemacht habest." - "La§ es gut sein," versetzte ich; "wir wollen sie machen, uns daran ergštzen, und die andern mšgen davon denken und sagen, was sie wollen."

"Da kommt eben der UnglŠubige!" sagte mein Freund. - "Wir wollen nicht davon reden," war meine Antwort. "Was hilft's,


man bekehrt sie doch nicht." "Mitnichten," sagte der Freund; "ich kann es ihm nicht so hingehen lassen."

Nach einer kurzen gleichgŸltigen Unterhaltung konnte es der fŸr mich nur allzu wohlgesinnte junge Gesell nicht lassen, und sagte mit einiger Empfindlichkeit gegen jenen: "Hier ist nun der Freund, der die hŸbschen Verse gemacht hat, und die ihr ihm nicht zutrauen wollt." - "Er wird es gewi§ nicht Ÿbel nehmen," versetzte jener; "denn es ist ja eine Ehre, die wir ihm erweisen, wenn wir glauben, da§ weit mehr Gelehrsamkeit dazu gehšre, solche Verse zu machen, als er bei seiner Jugend besitzen kann." - Ich erwiderte etwas GleichgŸltiges; mein Freund aber fuhr fort: "Es wird nicht viel MŸhe kosten, euch zu Ÿberzeugen. Gebt ihm irgend ein Thema auf, und er macht euch ein Gedicht aus dem Stegreif" - Ich lie§ es mir gefallen, wir wurden einig, und der dritte fragte mich: ob ich mich wohl getraue, einen recht artigen Liebesbrief in Versen aufzusetzen, den ein verschŠmtes junges MŠdchen an einen JŸngling schriebe, um ihre Neigung zu offenbaren. - "Nichts ist leichter als das," versetzte ich, "wenn wir nur ein Schreibzeug hŠtten." - Jener brachte seinen Taschenkalender hervor, worin sich wei§e BlŠtter in Menge befanden, und ich setzte mich auf eine Bank, zu schreiben. Sie gingen indes auf und ab und lie§en mich nicht aus den Augen, sogleich fa§te ich die Situation in den Sinn und dachte mir, wie artig es sein mŸ§te, wenn irgend ein hŸbsches Kind mir wirklich gewogen wŠre und es mir in Prosa oder in Versen entdecken wollte. Ich begann daher ohne Anstand meine ErklŠrung, und fŸhrte sie in einem zwischen dem Knittelvers und Madrigal schwebenden Silbenma§e mit mšglichster NaivitŠt in kurzer Zeit dergestalt aus, da§, als ich dies Gedichtchen den beiden vorlas, der Zweifler in Verwunderung und mein Freund in EntzŸcken versetzt wurde. Jenem konnte ich auf sein Verlangen das Gedicht um so weniger verweigern, als es in seinen Kalender geschrieben war, und ich das Dokument meiner FŠhigkeiten gern in seinen HŠnden sah. Er schied unter vielen Versicherungen von Bewunderung


und Neigung, und wŸnschte nichts mehr, als uns šfter zu begegnen, und wir machten aus, bald zusammen aufs Land zu gehen.

Unsere Partie kam zustande, zu der sich noch mehrere junge Leute von jenem Schlage gesellten. Es waren Menschen aus dem mittlern, ja, wenn man will, aus dem niedern Stande, denen es an Kopf nicht fehlte, und die auch, weil sie durch die Schule gelaufen, manche Kenntnis und eine gewisse Bildung hatten. In einer gro§en reichen Stadt gibt es vielerlei Erwerbzweige. Sie halfen sich durch, indem sie fŸr die Advokaten schrieben, Kinder der geringern Klasse durch Hausunterricht etwas weiter brachten, als es in Trivialschulen zu geschehen pflegt. Mit erwachsenern Kindern, welche konfirmiert werden sollten, repetierten sie den Religionsunterricht, liefen dann wieder den MŠklern oder Kaufleuten einige Wege, und taten sich abends, besonders aber an Sonn- und Feiertagen, auf eine frugale Weise etwas zugute.

Indem sie nun unterwegs meine Liebesepistel auf das beste herausstrichen, gestanden sie mir, da§ sie einen sehr lustigen Gebrauch davon gemacht hŠtten: sie sei nŠmlich mit verstellter Hand abgeschrieben, und mit einigen nŠhern Beziehungen einem eingebildeten jungen Manne zugeschoben worden, der nun in der festen †berzeugung stehe, ein Frauenzimmer, dem er von fern den Hof gemacht, sei in ihn aufs Šu§erste verliebt, und suche Gelegenheit, ihm nŠher bekannt zu werden, sie vertrauten mir dabei, er wŸnsche nichts mehr, als ihr auch in Versen antworten zu kšnnen; aber weder bei ihm noch bei ihnen finde sich Geschick dazu, weshalb sie mich instŠndig bŠten, die gewŸnschte Antwort selbst zu verfassen.

Mystifikationen sind und bleiben eine Unterhaltung fŸr mŸ§ige, mehr oder weniger geistreiche Menschen. Eine lŠ§liche Bosheit, eine selbstgefŠllige Schadenfreude sind ein Genu§ fŸr diejenigen, die sich weder mit sich selbst beschŠftigen, noch nach au§en heilsam wirken kšnnen. Kein Alter ist ganz frei von einem solchen Kitzel. Wir hatten uns in unsern Knabenjahren einander oft angefŸhrt; viele Spiele beruhen auf


solchen Mystifikationen und Attrappen; der gegenwŠrtige Scherz schien mir nicht weiter zu gehen: ich willigte ein; sie teilten mir manches Besondere mit, was der Brief enthalten sollte, und wir brachten ihn schon fertig mit nach Hause.

Kurze Zeit darauf wurde ich durch meinen Freund dringend eingeladen, an einem Abendfeste jener Gesellschaft teilzunehmen. Der Liebhaber wolle es diesmal ausstatten, und verlange dabei ausdrŸcklich, dem Freunde zu danken, der sich so vortrefflich als poetischer SekretŠr erwiesen.

Wir kamen spŠt genug zusammen, die Mahlzeit war die frugalste, der Wein trinkbar; und was die Unterhaltung betraf, so drehte sie sich fast gŠnzlich um die Verhšhnung des gegenwŠrtigen, freilich nicht sehr aufgeweckten Menschen, der nach wiederholter Lesung des Briefes nicht weit davon war zu glauben, er habe ihn selbst geschrieben.

Meine natŸrliche GutmŸtigkeit lie§ mich an einer solchen boshaften Verstellung wenig Freude finden, und die Wiederholung desselben Themas ekelte mich bald an. Gewi§, ich brachte einen verdrie§lichen Abend hin, wenn nicht eine unerwartete Erscheinung mich wieder belebt hŠtte. Bei unserer Ankunft stand bereits der Tisch reinlich und ordentlich gedeckt, hinreichender Wein aufgestellt; wir setzten uns und blieben allein, ohne Bedienung nštig zu haben. Als es aber doch zuletzt an Wein gebrach, rief einer nach der Magd; allein statt derselben trat ein MŠdchen herein, von ungemeiner und, wenn man sie in ihrer Umgebung sah, von unglaublicher Schšnheit. - "Was verlangt ihr?" sagte sie, nachdem sie auf eine freundliche Weise guten Abend geboten; "die Magd ist krank und zu Bette. Kann ich euch dienen?" - "Es fehlt an Wein," sagte der eine. "Wenn du uns ein paar Flaschen holtest, so wŠre es sehr hŸbsch." - "Tu es, Gretchen," sagte der andre; "es ist ja nur ein Katzensprung." - "Warum nicht!" versetzte sie, nahm ein paar leere Flaschen vom Tisch und eilte fort. Ihre Gestalt war von der RŸckseite fast noch zierlicher. Das HŠubchen sa§ so nett auf dem kleinen Kopfe, den ein schlanker Hals gar anmutig mit Nacken und Schultern


verband. Alles an ihr schien auserlesen, und man konnte der ganzen Gestalt um so ruhiger folgen, als die Aufmerksamkeit nicht mehr durch die stillen treuen Augen und den lieblichen Mund allein angezogen und gefesselt wurde. Ich machte den Gesellen VorwŸrfe, da§ sie das Kind in der Nacht allein ausschickten; sie lachten mich aus, und ich war bald getršstet, als sie schon wiederkam: denn der Schenkwirt wohnte nur Ÿber die Stra§e. - "Setze dich dafŸr auch zu uns," sagte der eine. Sie tat es, aber leider kam sie nicht neben mich. Sie trank ein Glas auf unsre Gesundheit und entfernte sich bald, indem sie uns riet, nicht gar lange beisammen zu bleiben und Ÿberhaupt nicht so laut zu werden: denn die Mutter wolle sich eben zu Bette legen. Es war nicht ihre Mutter, sondern die unserer Wirte.

Die Gestalt dieses MŠdchens verfolgte mich von dem Augenblick an auf allen Wegen und Stegen: es war der erste bleibende Eindruck, den ein weibliches Wesen auf mich gemacht hatte; und da ich einen Vorwand, sie im Hause zu sehen, weder finden konnte noch suchen mochte, ging ich ihr zu Liebe in die Kirche und hatte bald ausgespart, wo sie sa§; und so konnte ich wŠhrend des langen protestantischen Gottesdienstes mich wohl satt an ihr sehen. Beim Herausgehen getraute ich mich nicht sie anzureden, noch weniger sie zu begleiten, und war schon selig, wenn sie mich bemerkt und gegen einen Gru§ genickt zu haben schien. Doch ich sollte das GlŸck, mich ihr zu nŠhern, nicht lange entbehren. Man hatte jenen Liebenden, dessen poetischer SekretŠr ich geworden war, glauben gemacht, der in seinem Namen geschriebene Brief sei wirklich an das Frauenzimmer abgegeben worden, und zugleich seine Erwartung aufs Šu§erste gespannt, da§ nun bald eine Antwort darauf erfolgen mŸsse. Auch diese sollte ich schreiben, und die schalkische Gesellschaft lie§ mich durch Pylades aufs instŠndigste ersuchen, allen meinen Witz aufzubieten und alle meine Kunst zu verwenden, da§ dieses StŸck recht zierlich und vollkommen werde.

In Hoffnung, meine Schšne wiederzusehen, machte ich mich sogleich ans Werk, und dachte mir nun alles, was mir


hšchst wohlgefŠllig sein wŸrde, wenn Gretchen es mir schriebe. Ich glaubte alles so aus ihrer Gestalt, ihrem Wesen, ihrer Art, ihrem Sinn heraus geschrieben zu haben, da§ ich mich des Wunsches nicht enthalten konnte, es mšchte wirklich so sein, und mich in EntzŸcken verlor, nur zu denken, da§ etwas €hnliches von ihr an mich kšnnte gerichtet werden. So mystifizierte ich mich selbst, indem ich meinte, einen andern zum besten zu haben, und es sollte mir daraus noch manche Freude und manches Ungemach entspringen. Als ich abermals gemahnt wurde, war ich fertig, versprach zu kommen und fehlte nicht zur bestimmten Stunde. Es war nur einer von den jungen Leuten zu Hause; Gretchen sa§ am Fenster und spann; die Mutter ging ab und zu. Der junge Mensch verlangte, da§ ich's ihm vorlesen sollte; ich tat es, und las nicht ohne RŸhrung, indem ich Ÿber das Blatt weg nach dem schšnen Kinde hinschielte, und da ich eine gewisse Unruhe ihres Wesens, eine leichte Ršte ihrer Wangen zu bemerken glaubte, drŸckte ich nur besser und lebhafter aus, was ich von ihr zu vernehmen wŸnschte. Der Vetter, der mich oft durch Lobeserhebungen unterbrochen hatte, ersuchte mich zuletzt um einige AbŠnderungen. Sie betrafen einige Stellen, die freilich mehr auf Gretchens Zustand, als auf den jenes Frauenzimmers pa§ten, das von gutem Hause, wohlhabend, in der Stadt bekannt und angesehen war. Nachdem der junge Mann mir die gewŸnschten €nderungen artikuliert und ein Schreibzeug herbeigeholt hatte, sich aber wegen eines GeschŠfts auf kurze Zeit beurlaubte, blieb ich auf der Wandbank hinter dem gro§en Tisch sitzen, und probierte die zu machenden VerŠnderungen auf der gro§en, fast den ganzen Tisch einnehmenden Schieferplatte, mit einem Griffel, der stets im Fenster lag, weil man auf dieser SteinflŠche oft rechnete, sich mancherlei notierte, ja die Gehenden und Kommenden sich sogar Notizen da durch mitteilten.

Ich hatte eine Zeitlang verschiedenes geschrieben und wieder ausgelšscht, als ich ungeduldig ausrief: "Es will nicht


gehen!" - "Desto besser!" sagte das liebe MŠdchen, mit einem gesetzten Tone; "ich wŸnschte, es ginge gar nicht. Sie sollten sich mit solchen HŠndeln nicht befassen." - Sie stand vom Spinnrocken auf, und zu mir an den Tisch tretend, hielt sie mir mit viel Verstand und Freundlichkeit eine Strafpredigt. "Die Sache scheint ein unschuldiger Scherz; es ist ein Scherz, aber nicht unschuldig. Ich habe schon mehrere FŠlle erlebt, wo unsere jungen Leute wegen eines solchen Frevels in gro§e Verlegenheit kamen." - "Was soll ich aber tun?" versetzte ich; "der Brief ist geschrieben, und sie verlassen sich drauf, da§ ich ihn umŠndern werde." - "Glauben sie mir," versetzte sie, "und Šndern ihn nicht um; ja, nehmen sie ihn zurŸck, stecken sie ihn ein, gehen sie fort und suchen die Sache durch Ihren Freund ins gleiche zu bringen. Ich will auch ein Wšrtchen mit drein reden: denn, sehen sie, so ein armes MŠdchen als ich bin, und abhŠngig von diesen Verwandten, die zwar nichts Bšses tun, aber doch oft um der Lust und des Gewinns willen manches Wagehalsige vornehmen, ich habe widerstanden und den ersten Brief nicht abgeschrieben, wie man von mir verlangte; sie haben ihn mit verstellter Hand kopiert, und so mšgen sie auch, wenn es nicht anders ist, mit diesem tun. Und sie, ein junger Mann aus gutem Hause, wohlhabend, unabhŠngig, warum wollen sie sich zum Werkzeug einer Sache gebrauchen lassen, aus der gewi§ nichts Gutes und vielleicht manches Unangenehme fŸr sie entspringen kann?" - Ich war glŸcklich, sie in einer Folge reden zu hšren: denn sonst gab sie nur wenige Worte in das GesprŠch. Meine Neigung wuchs unglaublich, ich war nicht Herr von mir selbst, und erwiderte: "Ich bin so unabhŠngig nicht, als sie glauben, und was hilft mir wohlhabend zu sein, da mir das Kšstlichste fehlt, was ich wŸnschen dŸrfte."

Sie hatte mein Konzept der poetischen Epistel vor sich hingezogen und las es halb laut, gar hold und anmutig. "Das ist recht hŸbsch," sagte sie, indem sie bei einer Art naiver Pointe innehielt; "nur schade, da§ es nicht zu einem bessern, zu einem wahren Gebrauch bestimmt ist." - "Das wŠre


freilich sehr wŸnschenswert," rief ich aus; "wie glŸcklich mŸ§te der sein, der von einem MŠdchen, das er unendlich liebt, eine solche Vorsicherung ihrer Neigung erhielte!" - "Es gehšrt freilich viel dazu," versetzte sie, "und doch wird manches mšglich." - "Zum Beispiel," fuhr ich fort, "wenn jemand, der sie kennt, schŠtzt, verehrt und anbetet, Ihnen ein solches Blatt vorlegte, und sie recht dringend, recht herzlich und freundlich bŠte, was wŸrden sie tun?" - Ich schob ihr das Blatt nŠher hin, das sie schon wieder mir zugeschoben hatte. Sie lŠchelte, besann sich einen Augenblick, nahm die Feder und unterschrieb. Ich kannte mich nicht vor EntzŸcken, sprang auf und wollte sie umarmen. - "Nicht kŸssen!" sagte sie; "das ist so was Gemeines; aber lieben, wenn's mšglich ist." Ich hatte das Blatt zu mir genommen und eingesteckt. "Niemand soll es erhalten," sagte ich, "und die Sache ist abgetan! Sie haben mich gerettet." - "Nun vollenden Sie die Rettung," rief sie aus, "und eilen fort, ehe die andern kommen, und sie in Pein und Verlegenheit geraten." Ich konnte mich nicht von ihr losrei§en; sie aber bat mich so freundlich, indem sie mit beiden HŠnden meine Rechte nahm und liebevoll drŸckte. Die TrŠnen waren mir nicht weit: ich glaubte ihre Augen feucht zu sehen; ich drŸckte mein Gesicht auf ihre HŠnde und eilte fort. In meinem Leben hatte ich mich nicht in einer solchen Verwirrung befunden.

Die ersten Liebesneigungen einer unverdorbenen Jugend nehmen durchaus eine geistige Wendung. Die Natur scheint zu wollen, da§ ein Geschlecht in dem andern das Gute und Schšne sinnlich gewahr werde. Und so war auch mir durch den Anblick dieses MŠdchens, durch meine Neigung zu ihr eine neue Welt des Schšnen und Vortrefflichen aufgegangen. Ich las meine poetische Epistel hundertmal durch, beschaute die Unterschrift, kŸ§te sie, drŸckte sie an mein Herz und freute mich dieses liebenswŸrdigen Bekenntnisses. Je mehr sich aber mein EntzŸcken steigerte, desto weher tat es mir, sie nicht unmittelbar besuchen, sie nicht wieder sehen und sprechen zu kšnnen: denn ich fŸrchtete die VorwŸrfe der


Vettern und ihre Zudringlichkeit. Den guten Pylades, der die Sache vermitteln konnte, wu§te ich nicht anzutreffen. Ich machte mich daher den nŠchsten Sonntag auf nach Niederrad, wohin jene Gesellen gewšhnlich zu gehen pflegten, und fand sie auch wirklich. Sehr verwundert war ich jedoch, da sie mir, anstatt verdrie§lich und fremd zu tun, mit frohem Gesicht entgegenkamen. Der JŸngste besonders war sehr freundlich, nahm mich bei der Hand und sagte: "Ihr habt uns neulich einen schelmischen Streich gespielt, und wir waren auf Euch recht bšse; doch hat uns Euer Entweichen und das Entwenden der poetischen Epistel auf einen guten Gedanken gebracht, der uns vielleicht sonst niemals aufgegangen wŠre. Zur Versšhnung mšget Ihr uns heute bewirten, und dabei sollt Ihr erfahren, was es denn ist, worauf wir uns etwas einbilden, und was Euch gewi§ auch Freude machen wird." Diese Anrede setzte mich in nicht geringe Verlegenheit: denn ich hatte ungefŠhr so viel Geld bei mir, um mir selbst und einem Freunde etwas zugute zu tun; aber eine Gesellschaft, und besonders eine solche, die nicht immer zur rechten Zeit ihre Grenzen fand, zu gastieren, war ich keineswegs eingerichtet; ja dieser Antrag verwunderte mich um so mehr, als sie sonst durchaus sehr ehrenvoll darauf hielten, da§ jeder nur seine Zeche bezahlte. Sie lŠchelten Ÿber meine Verlegenheit, und der JŸngere fuhr fort: "La§t uns erst in der Laube sitzen, und dann sollt Ihr das Weitre erfahren." Wir sa§en, und er sagte: "Als Ihr die Liebesepistel neulich mitgenommen hattet, sprachen wir die ganze Sache noch einmal durch und machten die Betrachtung, da§ wir so ganz umsonst, andern zum Verdru§ und uns zur Gefahr, aus blo§er leidiger Schadenfreude, Euer Talent mi§brauchen, da wir es doch zu unser aller Vorteil benutzen kšnnten. Seht, ich habe hier eine Bestellung auf ein Hochzeitgedicht, sowie auf ein Leichenkarmen. Das zweite mu§ gleich fertig sein, das erste hat noch acht Tage Zeit. Mšgt Ihr sie machen, welches Euch ein leichtes ist, so traktiert Ihr uns zweimal, und wir bleiben auf lange Zeit Eure Schuldner." - Dieser Vor-


schlag gefiel mir von allen Seiten: denn ich hatte schon von Jugend auf die Gelegenheidsgedichte, deren damals in jeder Woche mehrere zirkulierten, ja besonders bei ansehnlichen Verheiratungen dutzendweise zum Vorschein kamen, mit einem gewissen Neid betrachtet, weil ich solche Dinge ebenso gut, ja noch besser zu machen glaubte. Nun ward mir die Gelegenheit angeboten, mich zu zeigen, und besonders, mich gedruckt zu sehen. Ich erwies mich nicht abgeneigt. Man machte mich mit den Personalien, mit den VerhŠltnissen der Familie bekannt; ich ging etwas abseits, machte meinen Entwurf und fŸhrte einige Strophen aus. Da ich mich jedoch wieder zur Gesellschaft begab und der Wein nicht geschont wurde, so fing das Gedicht an zu stocken, und ich konnte es diesen Abend nicht abliefern. "Es hat noch bis morgen abend Zeit," sagten sie, "und wir wollen Euch nur gestehen, das Honorar, welches wir fŸr das Leichenkarmen erhalten, reicht hin, uns morgen noch einen lustigen Abend zu verschaffen. Kommt zu uns: denn es ist billig, da§ Gretchen auch mit genie§e, die uns eigentlich auf diesen Einfall gebracht hat." - Meine Freude war unsŠglich. Auf dem Heimwege hatte ich nur die noch fehlenden Strophen im Sinne, schrieb das Ganze noch vor Schlafengehn nieder und den andern Morgen sehr sauber ins Reine. Der Tag ward mir unendlich lang, und kaum war es dunkel geworden, so fand ich mich wieder in der kleinen engen Wohnung neben dem allerliebsten MŠdchen.

Die jungen Leute, mit denen ich auf diese Weise immer in nŠhere Verbindung kam, waren nicht eigentlich gemeine, aber doch gewšhnliche Menschen. Ihre TŠtigkeit war lobenswŸrdig, und ich hšrte ihnen mit VergnŸgen zu, wenn sie von den vielfachen Mitteln und Wegen sprachen, wie man sich etwas erwerben kšnne; auch erzŠhlten sie am liebsten von gegenwŠrtig sehr reichen Leuten, die mit nichts angefangen. Andere hŠtten als arme Handlungsdiener sich ihren Patronen notwendig gemacht, und wŠren endlich zu ihren Schwiegersšhnen erhoben worden; noch andre hŠt-


ten einen kleinen Kram mit Schwefelfaden und dergleichen so erweitert und veredelt, da§ sie nun als reiche Kauf- und HandelsmŠnner erschienen. Besonders sollte jungen Leuten, die gut auf den Beinen wŠren, das BeilŠufer- und MŠklerhandwerk und die †bernahme von allerlei AuftrŠgen und Besorgungen fŸr unbehŸlfliche Wohlhabende durchaus ernŠhrend und eintrŠglich sein. Wir alle hšrten das gern, und jeder dŸnkte sich etwas, wenn er sich in dem Augenblick vorstellte, da§ in ihm selbst so viel vorhanden sei, nicht nur um in der Welt fortzukommen, sondern sogar ein au§erordentliches GlŸck zu machen. Niemand jedoch schien dies GesprŠch ernstlicher zu fŸhren als Pylades, der zuletzt gestand, da§ er ein MŠdchen au§erordentlich liebe und sich wirklich mit ihr versprochen habe. Die VermšgensumstŠnde seiner Eltern litten nicht, da§ er auf Akademien gehe; er habe sich aber einer schšnen Handschrift, des Rechnens und der neuern Sprachen beflei§igt, und wolle nun, in Hoffnung auf jenes hŠusliche GlŸck, sein mšglichstes versuchen. Die Vettern lobten ihn deshalb, ob sie gleich das frŸhzeitige Versprechen an ein MŠdchen nicht billigen wollten, und setzten hinzu, sie mŸ§ten ihn zwar fŸr einen braven und guten Jungen anerkennen, hielten ihn aber weder fŸr tŠtig noch fŸr unternehmend genug, etwas Au§erordentliches zu leisten. Indem er nun, zu seiner Rechtfertigung, umstŠndlich auseinandersetzte, was er sich zu leisten getraue und wie er es anzufangen gedenke, so wurden die Ÿbrigen auch angereizt, und jeder fing nun an zu erzŠhlen, was er schon vermšge, tue, treibe, welchen Weg er zurŸckgelegt und was er zunŠchst vor sich sehe. Die Reihe kam zuletzt an mich. Ich sollte nun auch meine Lebensweise und Aussichten darstellen, und indem ich mich besann, sagte Pylades: "Das einzige behalte ich mir vor, damit wir nicht gar zu kurz kommen, da§ er die Šu§ern Vorteile seiner Lage nicht mit in Anrechnung bringe. Er mag uns lieber ein MŠrchen erzŠhlen, wie er es anfangen wŸrde, wenn er in diesem Augenblick, so wie wir, ganz auf sich selbst gestellt wŠre."


Gretchen, die bis diesen Augenblick fortgesponnen hatte, stand auf und setzte sich wie gewšhnlich ans Ende des Tisches. Wir hatten schon einige Flaschen geleert, und ich fing mit dem besten Humor meine hypothetische Lebensgeschichte zu erzŠhlen an. "Zuvšrderst also empfehle ich mich euch," sagte ich, "da§ ihr mir die Kundschaft erhaltet, welche mir zuzuweisen ihr den Anfang gemacht habt. Wenn ihr mir nach und nach den Verdienst der sŠmtlichen Gelegenheitsgedichte zuwendet, und wir ihn nicht blo§ verschmausen, so will ich schon zu etwas kommen. Alsdann mŸ§t ihr mir nicht Ÿbel nehmen, wenn ich auch in euer Handwerk pfusche." Worauf ich ihnen denn vorerzŠhlte, was ich mir aus ihren BeschŠftigungen gemerkt hatte, und zu welchen ich mich allenfalls fŠhig hielt. Ein jeder hatte vorher sein Verdienst zu Gelde angeschlagen, und ich ersuchte sie, mir auch zu Fertigung meines Etats behŸlflich zu sein. Gretchen hatte alles Bisherige sehr aufmerksam mit angehšrt, und zwar in der Stellung, die sie sehr gut kleidete, sie mochte nun zuhšren oder sprechen, sie fa§te mit beiden HŠnden ihre Ÿber einander geschlagenen Arme und legte sie auf den Rand des Tisches. So konnte sie lange sitzen, ohne etwas anders als den Kopf zu bewegen, welches niemals ohne Anla§ oder Bedeutung geschah. Sie hatte manchmal ein Wšrtchen mit eingesprochen und Ÿber dieses und jenes, wenn wir in unsern Einrichtungen stockten, nachgeholfen; dann war sie aber wieder still und ruhig wie gewšhnlich. Ich lie§ sie nicht aus den Augen, und da§ ich meinen Plan nicht ohne Bezug auf sie gedacht und ausgesprochen, kann man sich leicht denken, und die Neigung zu ihr gab dem, was ich sagte, einen Anschein von Wahrheit und Mšglichkeit, da§ ich mich selbst einen Augenblick tŠuschte, mich so abgesondert und hŸlflos dachte, wie mein MŠrchen mich voraussetzte, und mich dabei in der Aussicht, sie zu besitzen, hšchst glŸcklich fŸhlte. Pylades hatte seine Konfession mit der Heirat geendigt, und bei uns andern war nun auch die Frage, ob wir es in unsern Planen so weit gebracht hŠtten.


"Ich zweifle ganz und gar nicht daran," sagte ich; "denn eigentlich ist einem jeden von uns eine Frau nštig, um das im Hause zu bewahren und uns im ganzen genie§en zu lassen, was wir von au§en auf eine so wunderliche Weise zusammenstoppeln." Ich machte die Schilderung von einer Gattin, wie ich sie wŸnschte, und es mŸ§te seltsam zugegangen sein, wenn sie nicht Gretchens vollkommnes Ebenbild gewesen wŠre.

Das Leichenkarmen war verzehrt, das Hochzeitgedicht stand nun auch wohltŠtig in der NŠhe; ich Ÿberwand alle Furcht und Sorge und wu§te, weil ich viel Bekannte hatte, meine eigentlichen Abendunterhaltungen vor den Meinigen zu verbergen. Das liebe MŠdchen zu sehen und neben ihr zu sein, war nun bald eine unerlŠ§liche Bedingung meines Wesens. Jene hatten sich ebenso an mich gewšhnt, und wir waren fast tŠglich zusammen, als wenn es nicht anders sein kšnnte. Pylades hatte indessen seine Schšne auch in das Haus gebracht, und dieses Paar verlebte manchen Abend mit uns. Sie als Brautleute, obgleich noch sehr im Keime, verbargen doch nicht ihre ZŠrtlichkeit; Gretchens Betragen gegen mich war nur geschickt, mich in Entfernung zu halten. Sie gab niemanden die Hand, auch nicht mir; sie litt keine BerŸhrung: nur setzte sie sich manchmal neben mich, besonders wenn ich schrieb oder vorlas, und dann legte sie mir vertraulich den Arm auf die Schulter, sah mir ins Buch oder aufs Blatt; wollte ich mir aber eine Šhnliche Freiheit gegen sie herausnehmen, so wich sie und kam so bald nicht wieder. Doch wiederholte sie oft diese Stellung, so wie alle ihre Gesten und Bewegungen sehr einfšrmig waren, aber immer gleich gehšrig, schšn und reizend. Allein jene Vertraulichkeit habe ich sie gegen niemanden weiter ausŸben sehen.

Eine der unschuldigsten und zugleich unterhaltendsten Lustpartien, die ich mit verschiedenen Gesellschaften junger Leute unternahm, war, da§ wir uns in das Hšchster Marktschiff setzten, die darin eingepackten seltsamen Passagiere beobachteten und uns bald mit diesem bald mit jenem, wie uns Lust oder Mutwille trieb, scherzhaft und neckend ein-


lie§en. Zu Hšchst stiegen wir aus, wo zu gleicher Zeit das Marktschiff von Mainz eintraf. In einem Gasthofe fand man eine gut besetzte Tafel, wo die Besseren der Auf- und Abfahrenden mit einander speisten und alsdann jeder seine Fahrt weiter fortsetzte: denn beide Schiffe gingen wieder zurŸck. Wir fuhren dann jedesmal nach eingenommenem Mittagsessen hinauf nach Frankfurt und hatten in sehr gro§er Gesellschaft die wohlfeilste Wasserfahrt gemacht, die nur mšglich war. Einmal hatte ich auch mit Gretchens Vettern diesen Zug unternommen, als am Tisch in Hšchst sich ein junger Mann zu uns gesellte, der etwas Šlter als wir sein mochte. Jene kannten ihn, und er lie§ sich mir vorstellen. Er hatte in seinem Wesen etwas sehr GefŠlliges, ohne sonst ausgezeichnet zu sein. Von Mainz heraufgekommen, fuhr er nun mit uns nach Frankfurt zurŸck, und unterhielt sich mit mir von allerlei Dingen, welche das innere Stadtwesen, die €mter und Stellen betrafen, worin er mir ganz wohl unterrichtet schien. Als wir uns trennten, empfahl er sich mir und fŸgte hinzu: er wŸnsche, da§ ich gut von ihm denken mšge, weil er sich gelegentlich meiner Empfehlung zu erfreuen hoffe. Ich wu§te nicht, was er damit sagen wollte, aber die Vettern klŠrten mich nach einigen Tagen auf; sie sprachen Gutes von ihm und ersuchten mich um ein Vorwort bei meinem Gro§vater, da jetzt eben eine mittlere Stelle offen sei, zu welcher dieser Freund gern gelangen mšchte. Ich entschuldigte mich anfangs, weil ich mich niemals in dergleichen Dinge gemischt hatte; allein sie setzten mir so lange zu, bis ich mich es zu tun entschlo§. Hatte ich doch schon manchmal bemerkt, da§ bei solchen €mtervergebungen, welche leider oft als Gnadensachen betrachtet werden, die Vorsprache der Gro§mutter oder einer Tante nicht ohne Wirkung gewesen. Ich war so weit herangewachsen, um mir auch einigen Einflu§ anzuma§en. Deshalb Ÿberwand ich, meinen Freunden zu Lieb, welche sich auf alle Weise fŸr eine solche GefŠlligkeit verbunden erklŠrten, die SchŸchternheit eines Enkels, und Ÿbernahm es, ein Bittschreiben, das mir eingehŠndigt wurde, zu Ÿberreichen.


Eines Sonntags nach Tische, als der Gro§vater in seinem Garten beschŠftigt war, um so mehr, als der Herbst herannahte und ich ihm allenthalben behŸlflich zu sein suchte, rŸckte ich nach einigem Zšgern mit meinem Anliegen und dem Bittschreiben hervor. Er sah es an und fragte mich, ob ich den jungen Menschen kenne. Ich erzŠhlte ihm im allgemeinen, was zu sagen war, und er lie§ es dabei bewenden. "Wenn er Verdienst und sonst ein gutes Zeugnis hat, so will ich ihm um seiner- und deinetwillen gŸnstig sein." Mehr sagte er nicht, und ich erfuhr lange nichts von der Sache.

Seit einiger Zeit hatte ich bemerkt, da§ Gretchen nicht mehr spann, und sich dagegen mit NŠhen beschŠftigte und zwar mit sehr feiner Arbeit, welches mich um so mehr wunderte, da die Tage schon abgenommen hatten und der Winter herankam. Ich dachte darŸber nicht weiter nach, nur beunruhigte es mich, da§ ich sie einigemal des Morgens nicht wie sonst zu Hause fand, und ohne Zudringlichkeit nicht erfahren konnte, wo sie hingegangen sei. Doch sollte ich eines Tages sehr wunderlich Ÿberrascht werden. Meine Schwester, die sich zu einem Balle vorbereitete, bat mich, ihr bei einer GalanteriehŠndlerin sogenannte italienische Blumen zu holen, sie wurden in Klšstern gemacht, waren klein und niedlich. Myrten besonders, Zwergršslein und dergleichen fielen gar schšn und natŸrlich aus. Ich tat ihr die Liebe und ging in den Laden, in welchem ich schon šfter mit ihr gewesen war. Kaum war ich hineingetreten und hatte die EigentŸmerin begrŸ§t, als ich im Fenster ein Frauenzimmer sitzen sah, das mir unter einem SpitzenhŠubchen gar jung und hŸbsch, und unter einer seidnen Mantille sehr wohlgebaut schien. Ich konnte leicht an ihr eine GehŸlfin erkennen, denn sie war beschŠftigt, Band und Federn auf ein HŸtchen zu stecken. Die PutzhŠndlerin zeigte mir den langen Kasten mit einzelnen mannigfaltigen Blumen vor; ich besah sie, und blickte, indem ich wŠhlte, wieder nach dem Frauenzimmerchen im Fenster; aber wie gro§ war mein Erstaunen, als ich eine unglaubliche €hnlichkeit mit Gretchen gewahr wurde, ja zuletzt mich


Ÿberzeugen mu§te, es sei Gretchen selbst. Auch blieb mir kein Zweifel Ÿbrig, als sie mir mit den Augen winkte und ein Zeichen gab, da§ ich unsre Bekanntschaft nicht verraten sollte. Nun brachte ich mit WŠhlen und Verwerfen die PutzhŠndlerin in Verzweiflung, mehr als ein Frauenzimmer selbst hŠtte tun kšnnen. Ich hatte wirklich keine Wahl, denn ich war aufs Šu§erste verwirrt, und zugleich liebte ich mein Zaudern, weil es mich in der NŠhe des Kindes hielt, dessen Maske mich verdro§, und das mir doch in dieser Maske reizender vorkam als jemals. Endlich mochte die PutzhŠndlerin alle Geduld verlieren, und suchte mir eigenhŠndig einen ganzen Pappenkasten voll Blumen aus, den ich meiner Schwester vorstellen und sie selbst sollte wŠhlen lassen. So wurde ich zum Laden gleichsam hinausgetrieben, indem sie den Kasten durch ihr MŠdchen vorausschickte.

Kaum war ich zu Hause angekommen, als mein Vater mich berufen lie§ und mir die Eršffnung tat, es sei nun ganz gewi§, da§ der Erzherzog Joseph zum Ršmischen Kšnig gewŠhlt und gekršnt werden solle. Ein so hšchst bedeutendes Ereignis mŸsse man nicht unvorbereitet erwarten, und etwa nur gaffend und staunend an sich vorbeigehen lassen. Er wolle daher die Wahl- und Kršnungsdiarien der beiden letzten Kršnungen mit mir durchgehen, nicht weniger die letzten Wahlkapitulationen, um alsdann zu bemerken, was fŸr neue Bedingungen man im gegenwŠrtigen Falle hinzufŸgen werde. Die Diarien wurden aufgeschlagen, und wir beschŠftigten uns den ganzen Tag damit bis tief in die Nacht, indessen mir das hŸbsche MŠdchen, bald in ihrem alten Hauskleide, bald in ihrem neuen KostŸm, immer zwischen den hšchsten GegenstŠnden des Heiligen Ršmischen Reichs hin und wider schwebte. FŸr diesen Abend war es unmšglich, sie zu sehen, und ich durchwachte eine sehr unruhige Nacht. Das gestrige Studium wurde den andern Tag eifrig fortgesetzt, und nur gegen Abend machte ich es mšglich, meine Schšne zu besuchen, die ich wieder in ihrem gewšhnlichen Hauskleide fand. Sie lŠchelte, indem sie mich


ansah, aber ich getraute mich nicht, vor den andern etwas zu erwŠhnen. Als die ganze Gesellschaft wieder ruhig zusammensa§, fing sie an und sagte: "Es ist unbillig, da§ ihr unserm Freunde nicht vertrauet, was in diesen Tagen von uns beschlossen worden." Sie fuhr darauf fort zu erzŠhlen, da§ nach unsrer neulichen Unterhaltung, wo die Rede war, wie ein jeder sich in der Welt wolle geltend machen, auch unter ihnen zur Sprache gekommen, auf welche Art ein weibliches Wesen seine Talente und Arbeiten steigern und seine Zeit vorteilhaft anwenden kšnne. Darauf habe der Vetter vorgeschlagen, sie solle es bei einer Putzmacherin versuchen, die jetzt eben eine GehŸlfin brauche. Man sei mit der Frau einig geworden, sie gehe tŠglich so viele Stunden hin, werde gut gelohnt; nur mŸsse sie dort, um des Anstands willen, sich zu einem gewissen Anputz bequemen, den sie aber jederzeit zurŸcklasse, weil er zu ihrem Ÿbrigen Leben und Wesen sich gar nicht schicken wolle. Durch diese ErklŠrung war ich zwar beruhigt, nur wollte es mir nicht recht gefallen, das hŸbsche Kind in einem šffentlichen Laden und an einem Orte zu wissen, wo die galante Welt gelegentlich ihren Sammelplatz hatte. Doch lie§ ich mir nichts merken, und suchte meine eifersŸchtige Sorge im stillen bei mir zu verarbeiten. Hierzu gšnnte mir der jŸngere Vetter nicht lange Zeit, der alsbald wieder mit dem Auftrag zu einem Gelegenheitsgedicht hervortrat, mir die Personalien erzŠhlte und sogleich verlangte, da§ ich mich zur Erfindung und Disposition des Gedichtes anschicken mšchte. Er hatte schon einigemal Ÿber die Behandlung einer solchen Aufgabe mit mir gesprochen, und, wie ich in solchen FŠllen sehr redselig war, gar leicht von mir erlangt, da§ ich ihm, was an diesen Dingen rhetorisch ist, umstŠndlich auslegte, ihm einen Begriff von der Sache gab und meine eigenen und fremden Arbeiten dieser Art als Beispiele benutzte. Der junge Mensch war ein guter Kopf, obgleich ohne Spur von poetischer Ader, und nun ging er so sehr ins einzelne und wollte von allem Rechenschaft haben, da§ ich mit der Bemerkung laut ward:


"Sieht es doch aus, als wolltet Ihr mir ins Handwerk greifen und mir die Kundschaft entziehen." - "Ich will es nicht leugnen," sagte jener lŠchelnd, "denn ich tue Euch dadurch keinen Schaden. Wie lange wird's wŠhren, so geht Ihr auf die Akademie, und bis dahin la§t mich noch immer etwas bei Euch profitieren." - "Herzlich gern," versetzte ich, und munterte ihn auf, selbst eine Disposition zu machen, ein Silbenma§ nach dem Charakter des Gegenstandes zu wŠhlen, und was etwa sonst noch nštig scheinen mochte. Er ging mit Ernst an die Sache; aber es wollte nicht glŸcken. Ich mu§te zuletzt immer daran so viel umschreiben, da§ ich es leichter und besser von vornherein selbst geleistet hŠtte. Dieses Lehren und Lernen jedoch, dieses Mitteilen, diese Wechselarbeit gab uns eine gute Unterhaltung; Gretchen nahm teil daran und hatte manchen artigen Einfall, so da§ wir alle vergnŸgt, ja, man darf sagen glŸcklich waren. Sie arbeitete des Tags bei der Putzmacherin; abends kamen wir gewšhnlich zusammen, und unsre Zufriedenheit ward selbst dadurch nicht gestšrt, da§ es mit den Bestellungen zu Gelegenheitsgedichten endlich nicht recht mehr fortwollte. Schmerzlich jedoch empfanden wir es, da§ uns eins einmal mit Protest zurŸckkam, weil es dem Besteller nicht gefiel. Indes tršsteten wir uns, weil wir es gerade fŸr unsere beste Arbeit hielten, und jenen fŸr einen schlechten Kenner erklŠren durften. Der Vetter, der ein fŸr allemal etwas lernen wollte, veranla§te nunmehr fingierte Aufgaben, bei deren Auflšsung wir uns zwar noch immer gut genug unterhielten, aber freilich, da sie nichts einbrachten, unsre kleinen Gelage viel mŠ§iger einrichten mu§ten.

Mit jenem gro§en staatsrechtlichen Gegenstande, der Wahl und Kršnung eines Ršmischen Kšnigs, wollte es nun immer mehr Ernst werden. Der anfŠnglich auf Augsburg im Oktober 1763 ausgeschriebene kurfŸrstliche Kollegialtag ward nun nach Frankfurt verlegt, und sowohl zu Ende dieses Jahrs als zu Anfang des folgenden regten sich die Vorbereitungen, welche dieses wichtige GeschŠft einleiten sollten. Den Anfang machte ein von uns noch nie gesehener Aufzug. Eine


unserer Kanzleipersonen zu Pferde, von vier gleichfalls berittnen Trompetern begleitet und von einer Fu§wache umgeben, verlas mit lauter und vernehmlicher Stimme an allen Ecken der Stadt ein weitlŠuftiges Edikt, das uns von dem Bevorstehenden benachrichtigte, und den BŸrgern ein geziemendes und den UmstŠnden angemessenes Betragen einschŠrfte. Bei Rat wurden gro§e †berlegungen gepflogen, und es dauerte nicht lange, so zeigte sich der Reichsquartiermeister vom Erbmarschall abgesendet, um die Wohnungen der Gesandten und ihres Gefolges nach altem Herkommen anzuordnen und zu bezeichnen. Unser Haus lag im kurpfŠlzischen Sprengel, und wir hatten uns einer neuen, obgleich erfreulichern Einquartierung zu versehen. Der mittlere Stock, welchen ehmals Graf Thoranc inne gehabt, wurde einem kurpfŠlzischen Kavalier eingerŠumt, und da Baron von Kšnigsthal, nŸrnbergischer GeschŠftstrŠger, den oberen Stock eingenommen hatte, so waren wir noch mehr als zur Zeit der Franzosen zusammen gedrŠngt. Dieses diente mir zu einem neuen Vorwand, au§er dem Hause zu sein und die meiste Zeit des Tages auf der Stra§e zuzubringen, um das, was šffentlich zu sehen war, ins Auge zu fassen.

Nachdem uns die vorhergegangene VerŠnderung und Einrichtung der Zimmer auf dem Rathause sehenswert geschienen, nachdem die Ankunft der Gesandten eines nach dem andern und ihre erste solenne Gesamtauffahrt den 6. Februar stattgefunden, so bewunderten wir nachher die Ankunft der kaiserlichen Kommissarien und deren Auffahrt, ebenfalls auf den Ršmer, welche mit gro§em Pomp geschah. Die wŸrdige Persšnlichkeit des FŸrsten von Liechtenstein machte einen guten Eindruck; doch wollten Kenner behaupten, die prŠchtigen Livreen seien schon einmal bei einer andern Gelegenheit gebraucht worden, und auch diese Wahl und Kršnung werde schwerlich an Glanz jener von Karl dem Siebenten gleichkommen. Wir JŸngern lie§en uns das gefallen, was wir vor Augen hatten, uns deuchte alles sehr gut und manches setzte uns in Erstaunen.


Der Wahlkonvent war endlich auf den 3. MŠrz anberaumt. Nun kam die Stadt durch neue Fšrmlichkeiten in Bewegung, und die wechselseitigen Zeremoniellbesuche der Gesandten hielten uns immer auf den Beinen. Auch mu§ten wir genau aufpassen, weil wir nicht nur gaffen, sondern alles wohl bemerken sollten, um zu Hause gehšrig Rechenschaft zu geben, ja manchen kleinen Aufsatz auszufertigen, worŸber sich mein Vater und Herr von Kšnigsthal, teils zu unserer †bung teils zu eigner Notiz, beredet hatten. Und wirklich gereichte mir dies zu besondrem Vorteil, indem ich Ÿber das €u§erliche so ziemlich ein lebendiges Wahl- und Kršnungsdiarium vorstellen konnte.

Die Persšnlichkeiten der Abgeordneten, welche auf mich einen bleibenden Eindruck gemacht haben, waren zunŠchst die des kurmainzischen ersten Botschafters, Barons von Erthal, nochmaligen KurfŸrsten. Ohne irgend etwas Auffallendes in der Gestalt zu haben, wollte er mir in seinem schwarzen, mit spitzen besetzten Talar immer gar wohl gefallen. Der zweite Botschafter, Baron von Groschlag, war ein wohlgebauter, im €u§ern bequem aber hšchst anstŠndig sich betragender Weltmann. Er machte Ÿberhaupt einen sehr behaglichen Eindruck. FŸrst Esterhazy, der bšhmische Gesandte, war nicht gro§ aber wohlgebaut, lebhaft und zugleich vornehm anstŠndig, ohne Stolz und KŠlte. Ich hatte eine besondre Neigung zu ihm, weil er mich an den Marschall von Broglio erinnerte. Doch verschwand gewisserma§en die Gestalt und WŸrde dieser trefflichen Personen Ÿber dem Vorurteil, das man fŸr den brandenburgischen Gesandten, Baron von Plotho, gefa§t hatte. Dieser Mann, der durch eine gewisse SpŠrlichkeit, sowohl in eigner Kleidung als in Livreen und Equipagen, sich auszeichnete, war vom SiebenjŠhrigen Kriege her als diplomatischer Held berŸhmt, hatte zu Regensburg den Notarius Aprill, der ihm die gegen seinen Kšnig ergangene AchtserklŠrung von einigen Zeugen begleitet zu insinuieren gedachte, mit der lakonischen Gegenrede: "Was! Er insinuieren?" die Treppe hinunter geworfen oder werfen


lassen. Das erste glaubten wir, weil es uns besser gefiel, und wir es auch dem kleinen gedrungnen, mit schwarzen Feueraugen hin und wider blickenden Manne gar wohl zutrauten. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, besonders wo er ausstieg. Es entstand jederzeit eine Art von frohem Zischeln, und wenig fehlte, da§ man ihm applaudiert, Vivat oder Bravo zugerufen hŠtte. so hoch stand der Kšnig, und alles, was ihm mit Leib und Seele ergeben war, in der Gunst der Menge, unter der sich au§er den Frankfurtern schon Deutsche aus allen Gegenden befanden.

Einerseits hatte ich an diesen Dingen manche Lust: weil alles, was vorging, es mochte sein von welcher Art es wollte, doch immer eine gewisse Deutung verbarg, irgend ein innres VerhŠltnis anzeigte, und solche symbolische Zeremonien das durch so viele Pergamente, Papiere und BŸcher beinah verschŸttete Deutsche Reich wieder fŸr einen Augenblick lebendig darstellten; andrerseits aber konnte ich mir ein geheimes Mi§fallen nicht verbergen, wenn ich nun zu Hause die innern Verhandlungen zum Behuf meines Vaters abschreiben und dabei bemerken mu§te, da§ hier mehrere Gewalten einander gegenŸber standen, die sich das Gleichgewicht hielten, und nur insofern einig waren, als sie den neuen Regenten noch mehr als den alten zu beschrŠnken gedachten; da§ jedermann sich nur insofern seines Einflusses freute, als er seine Privilegien zu erhalten und zu erweitern, und seine UnabhŠngigkeit mehr zu sichern hoffte. Ja man war diesmal noch aufmerksamer als sonst, weil man sich vor Joseph dem Zweiten, vor seiner Heftigkeit und seinen vermutlichen Planen zu fŸrchten anfing.

Bei meinem Gro§vater und den Ÿbrigen Ratsverwandten, deren HŠuser ich zu besuchen pflegte, war es auch keine gute Zeit: denn sie hatten so viel mit Einholen der vornehmen GŠste, mit Bekomplimentieren, mit †berreichung von Geschenken zu tun. Nicht weniger hatte der Magistrat im ganzen wie im einzelnen sich immer zu wehren, zu widerstehn und zu protestieren, weil bei solchen Gelegenheiten ihm jedermann


etwas abzwacken oder aufbŸrden will, und ihm wenige von denen, die er anspricht, beistehn oder zu HŸlfe kommen. Genug, mir trat alles nunmehr lebhaft vor Augen, was ich in der Lersnerschen "Chronik" von Šhnlichen VorfŠllen bei Šhnlichen Gelegenheiten, mit Bewunderung der Geduld und Ausdauer jener guten RatsmŠnner, gelesen hatte.

Mancher Verdru§ entspringt auch daher, da§ sich die Stadt nach und nach mit nštigen und unnštigen Personen anfŸllt. Vergebens werden die Hšfe von seiten der Stadt an die Vorschriften der freilich veralteten Goldnen Bulle erinnert. Nicht allein die zum GeschŠft Verordneten und ihre Begleiter, sondern manche Standes- und andre Personen, die aus Neugier oder zu Privatzwecken herankommen, stehen unter Protektion, und die Frage: wer eigentlich einquartiert wird und wer selbst sich eine Wohnung mieten soll? ist nicht immer sogleich entschieden. Das GetŸmmel wŠchst, und selbst diejenigen, die nichts dabei zu leisten oder zu verantworten haben, fangen an, sich unbehaglich zu fŸhlen.

Selbst wir jungen Leute, die wir das alles wohl mit ansehen konnten, fanden doch immer nicht genug Befriedigung fŸr unsere Augen, fŸr unsre Einbildungskraft. Die spanischen Mantelkleider, die gro§en FederhŸte der Gesandten und hie und da noch einiges andere gaben wohl ein echt altertŸmliches Ansehen; manches dagegen war wieder so halb neu oder ganz modern, da§ Ÿberall nur ein buntes unbefriedigendes, šfter sogar geschmackloses Wesen hervortrat. Sehr glŸcklich machte es uns daher, zu vernehmen, da§ wegen der Herreise des Kaisers und des kŸnftigen Kšnigs gro§e Anstalten gemacht wurden, da§ die kurfŸrstlichen Kollegialhandlungen, bei welchen die letzte Wahlkapitulation zum Grunde lag, eifrig vorwŠrts gingen, und da§ der Wahltag auf den 27. MŠrz festgesetzt sei. Nun ward an die Herbeischaffung der Reichsinsignien von NŸrnberg und Aachen gedacht, und man erwartete zunŠchst den Einzug des KurfŸrsten von Mainz, wŠhrend mit seiner Gesandtschaft die Irrungen wegen der Quartiere immer fortdauerten.


Indessen betrieb ich meine Kanzelistenarbeit zu Hause sehr lebhaft, und wurde dabei freilich mancherlei kleinliche Monita gewahr, die von vielen Seiten einliefen, und bei der neuen Kapitulation berŸcksichtigt werden sollten. Jeder Stand wollte in diesem Dokument seine Gerechtsame gewahrt und sein Ansehen vermehrt wissen. Gar viele solcher Bemerkungen und WŸnsche wurden jedoch beiseite geschoben; vieles blieb, wie es gewesen war: gleichwohl erhielten die Monenten die bŸndigsten Versicherungen, da§ ihnen jene †bergehung keineswegs zum PrŠjudiz gereichen solle.

Sehr vielen und beschwerlichen GeschŠften mu§te sich indessen das Reichsmarschallamt unterziehen: die Masse der Fremden wuchs, es wurde immer schwieriger, sie unterzubringen. †ber die Grenzen der verschiedenen kurfŸrstlichen Bezirke war man nicht einig. Der Magistrat wollte von den BŸrgern die Lasten abhalten, zu denen sie nicht verpflichtet schienen, und so gab es, bei Tag und bei Nacht, stŸndlich Beschwerden, Rekurse, Streit und Mi§helligkeiten.

Der Einzug des KurfŸrsten von Mainz erfolgte den 21. MŠrz. Hier fing nun das Kanonieren an, mit dem wir auf lange Zeit mehrmals betŠubt werden sollten. Wichtig in der Reihe der Zeremonien war diese Festlichkeit: denn alle die MŠnner, die wir bisher auftreten sahen, waren, so hoch sie auch standen, doch immer nur Untergeordnete, hier aber erschien ein SouverŠn, ein selbstŠndiger FŸrst, der Erste nach dem Kaiser, von einem gro§en, seiner wŸrdigen Gefolge eingefŸhrt und begleitet. Von dem Pompe dieses Einzugs wurde ich hier manches zu erzŠhlen haben, wenn ich nicht spŠter wieder darauf zurŸckzukommen gedŠchte, und zwar bei einer Gelegenheit, die niemand leicht erraten sollte.

An demselben Tage nŠmlich kam Lavater, auf seinem RŸckwege von Berlin nach Hause begriffen, durch Frankfurt, und sah diese Feierlichkeit mit an. Ob nun gleich solche weltliche €u§erlichkeiten fŸr ihn nicht den mindesten Wert hatten, so mochte doch dieser Zug mit seiner Pracht und allem Beiwesen deutlich in seine sehr lebhafte Einbildungskraft sich ein-


gedrŸckt haben: denn nach mehreren Jahren, als mir dieser vorzŸgliche, aber eigene Mann eine poetische Paraphrase, ich glaube der Offenbarung Sankt Johannis, mitteilte, fand ich den Einzug des Antichrist Schritt vor Schritt, Gestalt vor Gestalt, Umstand vor Umstand dem Einzug des KurfŸrsten von Mainz in Frankfurt nachgebildet, dergestalt, da§ sogar die Quasten an den Kšpfen der Isabellpferde nicht fehlten. Es wird sich mehr davon sagen lassen, wenn ich zur Epoche jener wunderlichen Dichtungsart gelange, durch welche man die alt- und neutestamentlichen Mythen dem Anschauen und GefŸhl nŠher zu bringen glaubte, wenn man sie všllig ins Moderne travestierte, und ihnen aus dem gegenwŠrtigen Leben, es sei nun gemeiner oder vornehmer, ein Gewand umhinge. Wie diese Behandlungsart sich nach und nach beliebt gemacht, davon mu§ gleichfalls kŸnftig die Rede sein; doch bemerke ich hier so viel, da§ sie weiter als durch Lavater und seine Nacheiferer wohl nicht getrieben worden, indem einer derselben die heiligen drei Kšnige, wie sie zu Betlehem einreiten, so modern schilderte, da§ die FŸrsten und Herren, welche Lavatern zu besuchen pflegten, persšnlich darin nicht zu verkennen waren.

Wir lassen also fŸr diesmal den KurfŸrsten Emmerich Joseph sozusagen inkognito im Kompostell eintreffen, und wenden uns zu Gretchen, die ich, eben als die Volksmenge sich verlief, von Pylades und seiner Schšnen begleitet (denn diese drei schienen nun unzertrennlich zu sein) im GetŸmmel erblickte. Wir hatten uns kaum erreicht und begrŸ§t, als schon ausgemacht war, da§ wir diesen Abend zusammen zubringen wollten, und ich fand mich bei Zeiten ein. Die gewšhnliche Gesellschaft war beisammen, und jedes hatte etwas zu erzŠhlen, zu sagen, zu bemerken; wie denn dem einen dies, dem andern jenes am meisten aufgefallen war. "Eure Reden," sagte Gretchen zuletzt, "machen mich fast noch verworrner als die Begebenheiten dieser Tage selbst. Was ich gesehen, kann ich nicht zusammenreimen, und mšchte von manchem gar zu gern wissen, wie es sich ver-


hŠlt." Ich versetzte, da§ es mir ein leichtes sei, ihr diesen Dienst zu erzeigen, sie solle nur sagen, wofŸr sie sich eigentlich interessiere. Dies tat sie, und indem ich ihr einiges erklŠren wollte, fand sich's, da§ es besser wŠre, in der Ordnung zu verfahren. Ich verglich nicht unschicklich diese Feierlichkeiten und Funktionen mit einem Schauspiel, wo der Vorhang nach Belieben heruntergelassen wŸrde, indessen die Schauspieler fortspielten, dann werde er wieder aufgezogen und der Zuschauer kšnne an jenen Verhandlungen einigerma§en wieder teilnehmen. Weil ich nun sehr redselig war, wenn man mich gewŠhren lie§, so erzŠhlte ich alles von Anfang an bis auf den heutigen Tag, in der besten Ordnung, und versŠumte nicht, um meinen Vortrag anschaulicher zu machen, mich des vorhandenen Griffels und der gro§en Schieferplatte zu bedienen. Nur durch einige Fragen und Rechthabereien der andern wenig gestšrt, brachte ich meinen Vortrag zu allgemeiner Zufriedenheit ans Ende, indem mich Gretchen durch ihre fortgesetzte Aufmerksamkeit hšchlich ermuntert hatte. Sie dankte mir zuletzt und beneidete, nach ihrem Ausdruck, alle diejenigen, die von den Sachen dieser Welt unterrichtet seien und wŸ§ten, wie dieses und jenes zugehe und was es zu bedeuten habe. Sie wŸnschte sich ein Knabe zu sein, und wu§te mit vieler Freundlichkeit anzuerkennen, da§ sie mir schon manche Belehrung schuldig geworden. "Wenn ich ein Knabe wŠre," sagte sie, "so wollten wir auf UniversitŠten zusammen etwas Rechtes lernen." Das GesprŠch ward in der Art fortgefŸhrt, sie setzte sich bestimmt vor, Unterricht im Franzšsischen zu nehmen, dessen UnerlŠ§lichkeit sie im Laden der PutzhŠndlerin wohl gewahr worden. Ich fragte sie, warum sie nicht mehr dorthin gehe: denn in der letzten Zeit, da ich des Abends nicht viel abkommen konnte, war ich manchmal bei Tage, ihr zu Gefallen, am Laden vorbeigegangen, um sie nur einen Augenblick zu sehen. Sie erklŠrte mir, da§ sie in dieser unruhigen Zeit sich dort nicht hŠtte aussetzen wollen. BefŠnde sich die Stadt wieder in ihrem vorigen Zustande, so denke sie auch wieder hinzugehen.


Nun war von dem nŠchst bevorstehenden Wahltag die Rede. Was und wie es vorgehe, wu§te ich weitlŠufig zu erzŠhlen, und meine Demonstration durch umstŠndliche Zeichnungen auf der Tafel zu unterstŸtzen; wie ich denn den Raum des Konklave mit seinen AltŠren, Thronen, Sesseln und Sitzen vollkommen gegenwŠrtig hatte. - Wir schieden zu rechter Zeit und mit sonderlichem Wohlbehagen.

Denn einem jungen Paare, das von der Natur einigerma§en harmonisch gebildet ist, kann nichts zu einer schšnern Vereinigung gereichen, als wenn das MŠdchen lehrbegierig und der JŸngling lehrhaft ist. Es entsteht daraus ein so grŸndliches als angenehmes VerhŠltnis. Sie erblickt in ihm den Schšpfer ihres geistigen Daseins, und er in ihr ein Geschšpf, das nicht der Natur, dem Zufall, oder einem einseitigen Wollen, sondern einem beiderseitigen Willen seine Vollendung verdankt; und diese Wechselwirkung ist so sŸ§, da§ wir uns nicht wundern dŸrfen, wenn seit dem alten und neuen AbŠlard, aus einem solchen Zusammentreffen zweier Wesen, die gewaltsamsten Leidenschaften und so viel GlŸck als UnglŸck entsprungen sind.

Gleich den nŠchsten Tag war gro§e Bewegung in der Stadt, wegen der Visiten und Gegenvisiten, welche nunmehr mit dem grš§ten Zeremoniell abgestattet wurden. Was mich aber als einen Frankfurter BŸrger besonders interessierte und zu vielen Betrachtungen veranla§te, war die Ablegung des Sicherheitseides, den der Rat, das MilitŠr, die BŸrgerschaft, nicht etwa durch ReprŠsentanten, sondern persšnlich und in Masse, leisteten: erst auf dem gro§en Ršmersaale der Magistrat und die Stabsoffiziere, dann auf dem gro§en Platze, dem Ršmerberg, die sŠmtliche BŸrgerschaft nach ihren verschiedenen Graden, Abstufungen und Quartieren, und zuletzt das Ÿbrige MilitŠr. Hier konnte man das ganze Gemeinwesen mit einem Blick Ÿberschauen, versammelt zu dem ehrenvollen Zweck, dem Haupt und den Gliedern des Reichs Sicherheit, und bei dem bevorstehenden gro§en Werke unverbrŸchliche Ruhe anzugeloben. Nun waren auch Kur-Trier und Kur-


Kšln in Person angekommen. Am Vorabend des Wahltags werden alle Fremden aus der Stadt gewiesen, die Tore sind geschlossen, die Juden in ihrer Gasse eingesperrt, und der Frankfurter BŸrger dŸnkt sich nicht wenig, da§ er allein Zeuge einer so gro§en Feierlichkeit bleiben darf.

Bisher war alles noch ziemlich modern hergegangen: die hšchsten und hohen Personen bewegten sich nur in Kutschen hin und wider; nun aber sollten wir sie, nach uralter Weise, zu Pferde sehen. Der Zulauf und das GedrŠnge war au§erordentlich. Ich wu§te mich in dem Ršmer, den ich, wie eine Maus den heimischen Kornboden, genau kannte, so lange herumzuschmiegen, bis ich an den Haupteingang gelangte, vor welchem die KurfŸrsten und Gesandten, die zuerst in Prachtkutschen herangefahren und sich oben versammelt hatten, nunmehr zu Pferde steigen sollten. Die stattlichsten, wohlzugerittenen Rosse waren mit reich gestickten Waldrappen Ÿberhangen und auf alle Weise geschmŸckt. KurfŸrst Emmerich Joseph, ein schšner behaglicher Mann, nahm sich zu Pferde gut aus. Der beiden andern erinnere ich mich weniger, als nur Ÿberhaupt, da§ uns diese roten mit Hermelin ausgeschlagenen FŸrstenmŠntel, die wir sonst nur auf GemŠlden zu sehen gewohnt waren, unter freiem Himmel sehr romantisch vorkamen. Auch die Botschafter der abwesenden weltlichen KurfŸrsten in ihren goldstoffnen, mit Gold Ÿberstickten, mit goldnen Spitzentressen reich besetzten spanischen Kleidern taten unsern Augen wohl; besonders wehten die gro§en Federn von den altertŸmlich aufgekrempten HŸten aufs prŠchtigste. Was mir aber gar nicht dabei gefallen wollte, waren die kurzen modernen Beinkleider, die wei§seidenen StrŸmpfe und modischen Schuhe. Wir hŠtten Halbstiefelchen, so golden als man gewollt, Sandalen oder dergleichen gewŸnscht, um nur ein etwas konsequenteres KostŸm zu erblicken.

Im Betragen unterschied sich auch hier der Gesandte von Plotho wieder vor allen andern. Er zeigte sich lebhaft und munter, und schien vor der ganzen Zeremonie nicht sonder-


lichen Respekt zu haben. Denn als sein Vordermann, ein Šltlicher Herr, sich nicht sogleich aufs Pferd schwingen konnte, und er deshalb eine Weile an dem gro§en Eingang warten mu§te, enthielt er sich des Lachens nicht, bis sein Pferd auch vorgefŸhrt wurde, auf welches er sich denn sehr behend hinaufschwang und von uns abermals als ein wŸrdiger Abgesandter Friedrichs des Zweiten bewundert wurde.

Nun war fŸr uns der Vorhang wieder gefallen. Ich hatte mich zwar in die Kirche zu drŠngen gesucht; allein es fand sich auch dort mehr Unbequemlichkeit als Lust. Die WŠhlenden hatten sich ins Allerheiligste zurŸckgezogen, in welchem weitlŠufige Zeremonien die Stelle einer bedŠchtigen WahlŸberlegung vertraten. Nach langem Harren, DrŠngen und Wogen vernahm denn zuletzt das Volk den Namen Josephs des Zweiten, der zum Ršmischen Kšnig ausgerufen wurde.

Der Zudrang der Fremden in die Stadt ward nun immer stŠrker. Alles fuhr und ging in Galakleidern, so da§ man zuletzt nur die ganz goldenen AnzŸge bemerkenswert fand. Kaiser und Kšnig waren schon in Heusenstamm, einem grŠflich Schšnbornischen Schlosse, angelangt und wurden dort herkšmmlich begrŸ§t und willkommen gehei§en; die Stadt aber feierte diese wichtige Epoche durch geistliche Feste sŠmtlicher Religionen, durch HochŠmter und Predigten, und von weltlicher Seite, zu Begleitung des Tedeum, durch unablŠssiges Kanonieren.

HŠtte man alle diese šffentlichen Feierlichkeiten von Anfang bis hieher als ein Ÿberlegtes Kunstwerk angesehen, so wŸrde man nicht viel daran auszusetzen gefunden haben. Alles war gut vorbereitet; sachte fingen die šffentlichen Auftritte an und wurden immer bedeutender; die Menschen wuchsen an Zahl, die Personen an WŸrde, ihre Umgebungen wie sie selbst an Pracht, und so stieg es mit jedem Tage, so da§ zuletzt auch ein vorbereitetes gefa§tes Auge in Verwirrung geriet.

Der Einzug des KurfŸrsten von Mainz, welchen ausfŸhrlicher zu beschreiben wir abgelehnt, war prŠchtig und impo-


sant genug, um in der Einbildungskraft eines vorzŸglichen Mannes die Ankunft eines gro§en geweissagten Weltherrschers zu bedeuten. Auch wir waren dadurch nicht wenig geblendet worden. Nun aber spannte sich unsere Erwartung aufs hšchste, als es hie§, der Kaiser und der kŸnftige Kšnig nŠherten sich der Stadt. In einiger Entfernung von Sachsenhausen war ein Zelt errichtet, in welchem der ganze Magistrat sich aufhielt, um dem Oberhaupte des Reichs die gehšrige Verehrung zu bezeigen und die StadtschlŸssel anzubieten. Weiter hinaus, auf einer schšnen gerŠumigen Ebene, stand ein anderes, ein Prachtgezelt, wohin sich die sŠmtlichen KurfŸrsten und Wahlbotschafter zum Empfang der MajestŠten verfŸgten, indessen ihr Gefolge sich den ganzen Weg entlang erstreckte, um nach und nach, wie die Reihe an sie kŠme, sich wieder gegen die Stadt in Bewegung zu setzen und gehšrig in den Zug einzutreten. Nunmehr fuhr der Kaiser bei dem Zelt an, betrat solches, und nach ehrfurchtsvollem Empfange beurlaubten sich die KurfŸrsten und Gesandten, um ordnungsgemŠ§ dem hšchsten Herrscher den Weg zu bahnen.

Wir andern, die wir in der Stadt geblieben, um diese Pracht innerhalb der Mauern und Stra§en noch mehr zu bewundern, als es auf freiem Felde hŠtte geschehen kšnnen, wir waren durch das von der BŸrgerschaft in den Gassen aufgestellte Spalier, durch den Zudrang des Volks, durch mancherlei dabei vorkommende SpŠ§e und Unschicklichkeiten einstweilen gar wohl unterhalten, bis uns das GelŠute der Glocken und der Kanonendonner die unmittelbare NŠhe des Herrschers ankŸndigten. Was einem Frankfurter besonders wohltun mu§te, war, da§ bei dieser Gelegenheit, bei der Gegenwart so vieler SouverŠne und ihrer ReprŠsentanten, die Reichsstadt Frankfurt auch als ein kleiner SouverŠn erschien: denn ihr Stallmeister eršffnete den Zug, Reitpferde mit Wappendecken, worauf der wei§e Adler im roten Felde sich gar gut ausnahm, folgten ihm, Bediente und Offizianten, Pauker und Trompeter, Deputierte des Rats, von Ratsbedienten in der Stadtlivree zu Fu§e begleitet. Hieran


schlossen sich die drei Kompanien der BŸrgerkavallerie, sehr wohl beritten, dieselbigen, die wir von Jugend auf bei Einholung des Geleits und andern šffentlichen Gelegenheiten gekannt hatten. Wir erfreuten uns an dem MitgefŸhl dieser Ehre und an dem Hunderttausendteilchen einer SouverŠnitŠt, welche gegenwŠrtig in ihrem vollen Glanz erschien. Die verschiedenen Gefolge des Reichserbmarschalls und der von den sechs weltlichen KurfŸrsten abgeordneten Wahlgesandten zogen sodann schrittweise daher. Keins derselben bestand aus weniger denn zwanzig Bedienten und zwei Staatswagen; bei einigen aus einer noch grš§ern Anzahl. Das Gefolge der geistlichen KurfŸrsten war nun immer im steigen; die Bedienten und Hausoffizianten schienen unzŠhlig, Kurkšln und Kurtrier hatten Ÿber zwanzig Staatswagen, Kurmainz allein ebenso viel. Die Dienerschaft zu Pferde und zu Fu§ war durchaus aufs prŠchtigste gekleidet, die Herren in den Equipagen, geistliche und weltliche, hatten es auch nicht fehlen lassen, reich und ehrwŸrdig angetan und geschmŸckt mit allen Ordenszeichen, zu erscheinen. Das Gefolg der kaiserlichen MajestŠt Ÿbertraf nunmehr, wie billig, die Ÿbrigen. Die Bereiter, die Handpferde, die Reitzeuge, Schabracken und Decken zogen aller Augen auf sich, und sechzehn sechsspŠnnige GalawŠgen der kaiserlichen Kammerherren, GeheimenrŠte, des OberkŠmmerers, Oberhofmeisters, Oberstallmeisters beschlossen mit gro§em Prunk diese Abteilung des Zugs, welche, ungeachtet ihrer Pracht und Ausdehnung, doch nur der Vortrab sein sollte.

Nun aber konzentrierte sich die Reihe, indem sich WŸrde und Pracht steigerten, immer mehr. Denn unter einer ausgewŠhlten Begleitung eigener Hausdienerschaft, die meisten zu Fu§, wenige zu Pferde, erschienen die Wahlbotschafter sowie die KurfŸrsten in Person, nach aufsteigender Ordnung, jeder in einem prŠchtigen Staatswagen. Unmittelbar hinter Kurmainz kŸndigten zehn kaiserliche Laufer, einundvierzig Lakaien und acht Heiducken die MajestŠten selbst an. Der prŠchtigste Staatswagen, auch im RŸcken mit einem


ganzen Spiegelglas versehen, mit Malerei, Lackierung, Schnitzwerk und Vergoldung ausgeziert, mit rotem gestickten Samt obenher und inwendig bezogen, lie§ uns ganz bequem Kaiser und Kšnig, die lŠngst erwŸnschten HŠupter, in aller ihrer Herrlichkeit betrachten. Man hatte den Zug einen weiten Umweg gefŸhrt, teils aus Notwendigkeit, damit er sich nur entfalten kšnne, teils um ihn der gro§en Menge Menschen sichtbar zu machen. Er war durch Sachsenhausen, Ÿber die BrŸcke, die Fahrgasse, sodann die Zeile hinunter gegangen, und wendete sich nach der innern Stadt durch die Katharinenpforte, ein ehmaliges Tor und seit Erweiterung der Stadt ein offner Durchgang. Hier hatte man glŸcklich bedacht, da§ die Šu§ere Herrlichkeit der Welt, seit einer Reihe von Jahren, sich immer mehr in die Hšhe und Breite ausgedehnt. Man hatte gemessen und gefunden, da§ durch diesen Torweg, durch welchen so mancher FŸrst und Kaiser aus- und eingezogen, der jetzige kaiserliche Staatswagen, ohne mit seinem Schnitzwerk und andern €u§erlichkeiten anzusto§en, nicht hindurchkommen kšnne. Man beratschlagte, und zu Vermeidung eines unbequemen Umwegs entschlo§ man sich, das Pflaster aufzuheben, und eine sanfte Abund Auffahrt zu veranstalten. In eben dem Sinne hatte man auch alle WetterdŠcher der LŠden und Buden in den Stra§en ausgehoben, damit weder die Krone, noch der Adler, noch die Genien Ansto§ und Schaden nehmen mšchten.

So sehr wir auch, als dieses kostbare GefŠ§ mit so kostbarem Inhalt sich uns nŠherte, auf die hohen Personen unsere Augen gerichtet hatten, so konnten wir doch nicht umhin, unsern Blick auf die herrlichen Pferde, das Geschirr und dessen Posamentschmuck zu wenden; besonders aber fielen uns die wunderlichen, beide auf den Pferden sitzenden Kutscher und Vorreiter auf. Sie sahen wie aus einer andern Nation, ja wie aus einer andern Welt, in langen schwarz- und gelbsamtnen Ršcken und Kappen mit gro§en FederbŸschen, nach kaiserlicher Hofsitte. Nun drŠngte sich so viel zusammen, da§ man wenig mehr unterscheiden konnte. Die Schwei-


zergarde zu beiden Seiten des Wagens, der Erbmarschall, das sŠchsische Schwert aufwŠrts in der rechten Hand haltend, die FeldmarschŠlle als AnfŸhrer der kaiserlichen Garden hinter dem Wagen reitend, die kaiserlichen Edelknaben in Masse und endlich die Hatschiergarde selbst, in schwarzsamtnen FlŸgelršcken, alle NŠhte reich mit Gold galoniert, darunter rote Leibršcke und lederfarbne Kamisole, gleichfalls reich mit Gold besetzt. Man kam vor lauter Sehen, Deuten und Hinweisen gar nicht zu sich selbst, so da§ die nicht minder prŠchtig gekleideten Leibgarden der KurfŸrsten kaum beachtet wurden; ja wir hŠtten uns vielleicht von den Fenstern zurŸckgezogen, wenn wir nicht noch unsern Magistrat, der in fŸnfzehn zweispŠnnigen Kutschen den Zug beschlo§, und besonders in der letzten den Ratsschreiber mit den StadtschlŸsseln auf rotsamtenem Kissen hŠtten in Augenschein nehmen wollen. Da§ unsere Stadtgrenadierkompanie das Ende deckte, deuchte uns auch ehrenvoll genug, und wir fŸhlten uns als Deutsche und als Frankfurter von diesem Ehrentag doppelt und hšchlich so erbaut.

Wir hatten in einem Hause Platz genommen, wo der Aufzug, wenn er aus dem Dom zurŸckkam, ebenfalls wieder an uns vorbei mu§te. Des Gottesdienstes, der Musik, der Zeremonien und Feierlichkeiten, der Anreden und Antworten, der VortrŠge und Vorlesungen waren in Kirche, Chor und Konklave so viel, bis es zur Beschwšrung der Wahlkapitulation kam, da§ wir Zeit genug hatten, eine vortreffliche Kollation einzunehmen, und auf die Gesundheit des alten und jungen Herrschers manche Flasche zu leeren. Das GesprŠch verlor sich indes, wie es bei solchen Gelegenheiten zu gehen pflegt, in die vergangene Zeit, und es fehlte nicht an bejahrten Personen, welche jener vor der gegenwŠrtigen den Vorzug gaben, wenigstens in Absicht auf ein gewisses menschliches Interesse und einer leidenschaftlichen Teilnahme, welche dabei vorgewaltet. Bei Franz' des Ersten Kršnung war noch nicht alles so ausgemacht, wie gegenwŠrtig; der Friede war noch nicht abgeschlossen, Frankreich, Kur-


Brandenburg und Kurpfalz widersetzten sich der Wahl; die Truppen des kŸnftigen Kaisers standen bei Heidelberg, wo er sein Hauptquartier hatte, und fast wŠren die von Aachen heraufkommenden Reichsinsignien von den PfŠlzern weggenommen worden. Indessen unterhandelte man doch, und nahm von beiden Seiten die Sache nicht aufs strengste. Maria Theresia selbst, obgleich in gesegneten UmstŠnden, kommt, um die endlich durchgesetzte Kršnung ihres Gemahls in Person zu sehen. Sie traf in Aschaffenburg ein und bestieg eine Jacht, um sich nach Frankfurt zu begeben. Franz, von Heidelberg aus, denkt seiner Gemahlin zu begegnen, allein er kommt zu spŠt, sie ist schon abgefahren. Ungekannt wirft er sich in einen kleinen Nachen, eilt ihr nach, erreicht ihr Schiff, und das liebende Paar erfreut sich dieser Ÿberraschenden Zusammenkunft. Das MŠrchen davon verbreitet sich sogleich, und alle Welt nimmt teil an diesem zŠrtlichen, mit Kindern reich gesegneten Ehepaar, das seit seiner Verbindung so unzertrennlich gewesen, da§ sie schon einmal auf einer Reise von Wien nach Florenz zusammen an der venezianischen Grenze QuarantŠne halten mŸssen. Maria Theresia wird in der Stadt mit Jubel bewillkommt, sie betritt den Gasthof "Zum Ršmischen Kaiser", indessen auf der Bornheimer Heide das gro§e Zelt, zum Empfang ihres Gemahls, errichtet ist. Dort findet sich von den geistlichen KurfŸrsten nur Mainz allein, von den Abgeordneten der weltlichen nur Sachsen, Bšhmen und Hannover. Der Einzug beginnt, und was ihm an VollstŠndigkeit und Pracht abgehen mag, ersetzt reichlich die Gegenwart einer schšnen Frau. Sie steht auf dem Balkon des wohlgelegnen Hauses und begrŸ§t mit Vivatruf und HŠndeklatschen ihren Gemahl: das Volk stimmt ein, zum grš§ten Enthusiasmus aufgeregt. Da die Gro§en nun auch einmal Menschen sind, so denkt sie der BŸrger, wenn er sie lieben will, als seinesgleichen, und das kann er am fŸglichsten, wenn er sie als liebende Gatten, als zŠrtliche Eltern, als anhŠngliche Geschwister, als treue Freunde sich vorstellen darf. Man hatte damals alles Gute gewŸnscht und prophezeit, und


heute sah man es erfŸllt an dem erstgebornen Sohne, dem jedermann wegen seiner schšnen JŸnglingsgestalt geneigt war, und auf den die Welt, bei den hohen Eigenschaften, die er ankŸndigte, die grš§ten Hoffnungen setzte.

Wir hatten uns ganz in die Vergangenheit und Zukunft verloren, als einige hereintretende Freunde uns wieder in die Gegenwart zurŸckriefen. Sie waren von denen, die den Wert einer Neuigkeit einsehen, und sich deswegen beeilen, sie zuerst zu verkŸndigen. Sie wu§ten auch einen schšnen menschlichen Zug dieser hohen Personen zu erzŠhlen, die wir soeben in dem grš§ten Prunk vorbeiziehen gesehn. Es war nŠmlich verabredet worden, da§ unterwegs, zwischen Heusenstamm und jenem gro§en Gezelte, Kaiser und Kšnig den Landgrafen von Darmstadt im Wald antreffen sollten. Dieser alte, dem Grabe sich nŠhernde FŸrst wollte noch einmal den Herrn sehen, dem er in frŸherer Zeit sich gewidmet. Beide mochten sich jenes Tages erinnern, als der Landgraf das Dekret der KurfŸrsten, das Franzen zum Kaiser erwŠhlte, nach Heidelberg Ÿberbrachte, und die erhaltenen kostbaren Geschenke mit Beteuerung einer unverbrŸchlichen AnhŠnglichkeit erwiderte. Diese hohen Personen standen in einem Tannicht, und der Landgraf, vor Alter schwach, hielt sich an eine Fichte, um das GesprŠch noch lŠnger fortsetzen zu kšnnen, das von beiden Teilen nicht ohne RŸhrung geschah. Der Platz ward nachher auf eine unschuldige Weise bezeichnet, und wir jungen Leute sind einigemal hingewandert.

So hatten wir mehrere Stunden mit Erinnerung des Alten mit ErwŠgung des Neuen hingebracht, als der Zug abermals, jedoch abgekŸrzt und gedrŠngter, vor unsern Augen vorbeiwogte; und wir konnten das einzelne nŠher beobachten, bemerken und uns fŸr die Zukunft einprŠgen.

Von dem Augenblick an war die Stadt in ununterbrochener Bewegung: denn bis alle und jede, denen es zukommt und von denen es gefordert wird, den hšchsten HŠuptern ihre Aufwartung gemacht und sich einzeln denselben dargestellt hatten, war des Hin- und Widerziehens kein Ende,


und man konnte den Hofstaat eines jeden der hohen GegenwŠrtigen ganz bequem im einzelnen wiederholen.

Nun kamen auch die Reichsinsignien heran. Damit es aber auch hier nicht an hergebrachten HŠndeln fehlen mšge, so mu§ten sie auf freiem Felde den halben Tag bis in die spŠte Nacht zubringen, wegen einer Territorial- und Geleitsstreitigkeit zwischen Kurmainz und der Stadt. Die letzte gab nach, die Mainzischen geleiteten die Insignien bis an den Schlagbaum, und somit war die Sache fŸr diesmal abgetan.

In diesen Tagen kam ich nicht zu mir selbst. Zu Hause gab es zu schreiben und zu kopieren; sehen wollte und sollte man alles, und so ging der MŠrz zu Ende, dessen zweite HŠlfte fŸr uns so festreich gewesen war. Von dem, was zuletzt vorgegangen und was am Kršnungstag zu erwarten sei, hatte ich Gretchen eine treuliche und ausfŸhrliche Belehrung versprochen. Der gro§e Tag nahte heran; ich hatte mehr im Sinne, wie ich es ihr sagen wollte, als was eigentlich zu sagen sei; ich verarbeitete alles, was mir unter die Augen und unter die Kanzleifeder kam, nur geschwind zu diesem nŠchsten und einzigen Gebrauch. Endlich erreichte ich noch eines Abends ziemlich spŠt ihre Wohnung, und tat mir schon im voraus nicht wenig darauf zugute, wie mein diesmaliger Vortrag noch viel besser als der erste, unvorbereitete gelingen sollte. Allein gar oft bringt uns selbst, und andern durch uns, ein augenblicklicher Anla§ mehr Freude, als der entschiedenste Vorsatz nicht gewŠhren kann. Zwar fand ich ziemlich dieselbe Gesellschaft, allein es waren einige Unbekannte darunter. Sie setzten sich hin zu spielen; nur Gretchen und der jŸngere Vetter hielten sich zu mir und der Schiefertafel. Das liebe MŠdchen Šu§erte gar anmutig ihr Behagen, da§ sie, als eine Fremde, am Wahltage fŸr eine BŸrgerin gegolten habe, und ihr dieses einzige Schauspiel zuteil geworden sei. Sie dankte mir aufs verbindlichste, da§ ich fŸr sie zu sorgen gewu§t, und ihr zeither durch Pylades allerlei EinlŠsse mittels Billette, Anweisungen, Freunde und FŸrsprache zu verschaffen die Aufmerksamkeit gehabt.


Von den Reichskleinodien hšrte sie gern erzŠhlen. Ich versprach ihr, da§ wir diese wo mšglich zusammen sehen wollten. Sie machte einige scherzhafte Anmerkungen, als sie erfuhr, da§ man GewŠnder und Krone dem jungen Kšnig anprobiert habe. Ich wu§te, wo sie den Feierlichkeiten des Kršnungstages zusehen wŸrde, und machte sie aufmerksam auf alles, was bevorstand und was besonders von ihrem Platze genau beobachtet werden konnte.

So verga§en wir an die Zeit zu denken; es war schon Ÿber Mitternacht geworden, und ich fand, da§ ich unglŸcklicherweise den HausschlŸssel nicht bei mir hatte. Ohne das grš§te Aufsehen zu erregen, konnte ich nicht ins Haus. Ich teilte ihr meine Verlegenheit mit. "Am Ende," sagte sie, "ist es das beste, die Gesellschaft bleibt beisammen." Die Vettern und jene Fremden hatten schon den Gedanken gehabt, weil man nicht wu§te, wo man diese fŸr die Nacht unterbringen sollte. Die Sache war bald entschieden; Gretchen ging, um Kaffee zu kochen, nachdem sie, weil die Lichter auszubrennen drohten, eine gro§e messingene Familienlampe mit Docht und …l versehen und angezŸndet hereingebracht hatte.

Der Kaffee diente fŸr einige Stunden zur Ermunterung; nach und nach aber ermattete das Spiel, das GesprŠch ging aus; die Mutter schlief im gro§en Sessel; die Fremden, von der Reise mŸde, nickten da und dort, Pylades und seine Schšne sa§en in einer Ecke. Sie hatte ihren Kopf auf seine Schulter gelegt und schlief; auch er wachte nicht lange. Der jŸngere Vetter, gegen uns Ÿber am Schiefertische sitzend, hatte seine Arme vor sich Ÿber einander geschlagen und schlief mit aufliegendem Gesichte. Ich sa§ in der Fensterecke hinter dem Tische und Gretchen neben mir. Wir unterhielten uns leise; aber endlich Ÿbermannte auch sie der Schlaf, sie lehnte ihr Kšpfchen an meine Schulter und war gleich eingeschlummert. So sa§ ich nun allein, wachend, in der wunderliebsten Lage, in der auch mich der freundliche Bruder des Todes zu beruhigen wu§te. Ich schlief ein, und als ich wieder erwachte, war es schon heller Tag. Gretchen


stand vor dem Spiegel und rŸckte ihr HŠubchen zurechte; sie war liebenswŸrdiger als je, und drŸckte mir, als ich schied, gar herzlich die HŠnde. Ich schlich durch einen Umweg nach unserm. Hause: denn an der Seite, nach dem kleinen Hirschgraben zu, hatte sich mein Vater in der Mauer ein kleines Guckfenster, nicht ohne Widerspruch des Nachbarn, angelegt. Diese Seite vermieden wir, wenn wir nach Hause kommend von ihm nicht bemerkt sein wollten. Meine Mutter, deren Vermittelung uns immer zugute kam, hatte meine Abwesenheit des Morgens beim Tee durch ein frŸhzeitiges Ausgehen meiner zu beschšnigen gesucht, und ich empfand also von dieser unschuldigen Nacht keine unangenehmen Folgen.

†berhaupt und im ganzen genommen machte diese unendlich mannigfaltige Welt, die mich umgab, auf mich nur sehr einfachen Eindruck. Ich hatte kein Interesse, als das €u§ere der GegenstŠnde genau zu bemerken, kein GeschŠft, als das mir mein Vater und Herr von Kšnigsthal auftrugen, wodurch ich freilich den innern Gang der Dinge gewahr ward. Ich hatte keine Neigung als zu Gretchen, und keine andre Absicht, als nur alles recht gut zu sehen und zu fassen, um es mit ihr wiederholen und ihr erklŠren zu kšnnen. Ja, ich beschrieb oft, indem ein solcher Zug vorbeiging, diesen Zug halb laut vor mir selbst, um mich alles einzelnen zu versichern, und dieser Aufmerksamkeit und Genauigkeit wegen von meiner Schšnen gelobt zu werden; und nur als eine Zugabe betrachtete ich den Beifall und die Anerkennung der anderen.

Zwar ward ich manchen hohen und vornehmen Personen vorgestellt; aber teils hatte niemand Zeit, sich um andere zu bekŸmmern, und teils wissen auch €ltere nicht gleich, wie sie sich mit einem jungen Menschen unterhalten und ihn prŸfen sollen. Ich von meiner Seite war auch nicht sonderlich geschickt, mich den Leuten bequem darzustellen. Gewšhnlich erwarb ich ihre Gunst, aber nicht ihren Beifall. Was mich beschŠftigte, war mir vollkommen gegenwŠrtig; aber ich fragte nicht, ob es auch andern gemŠ§ sein kšnne. Ich war meist zu lebhaft oder zu still, und schien entweder zudringlich oder


stšckig, je nachdem die Menschen mich anzogen oder abstie§en; und so wurde ich zwar fŸr hoffnungsvoll gehalten, aber dabei fŸr wunderlich erklŠrt.

Der Kršnungstag brach endlich an, den 3. April 1764; das Wetter war gŸnstig und alle Menschen in Bewegung. Man hatte mir, nebst mehrern Verwandten und Freunden, in dem Ršmer selbst, in einer der obern Etagen, einen guten Platz angewiesen, wo wir das Ganze vollkommen Ÿbersehen konnten. Mit dem frŸhsten begaben wir uns an Ort und Stelle, und beschauten nunmehr von oben, wie in der Vogelperspektive, die Anstalten, die wir tags vorher in nŠheren Augenschein genommen hatten. Da war der neuerrichtete Springbrunnen mit zwei gro§en Kufen rechts und links, in welche der Doppeladler auf dem StŠnder wei§en Wein hŸben und roten Wein drŸben aus seinen zwei SchnŠbeln ausgie§en sollte. AufgeschŸttet zu einem Haufen lag dort der Haber, hier stand die gro§e BretterhŸtte, in der man schon einige Tage den ganzen fetten Ochsen an einem ungeheuren Spie§e bei Kohlenfeuer braten und schmoren sah. Alle ZugŠnge, die vom Ršmer aus dahin, und von andern Stra§en nach dem Ršmer fŸhren, waren zu beiden Seiten durch Schranken und Wachen gesichert. Der gro§e Platz fŸllte sich nach und nach, und das Wogen und DrŠngen ward immer stŠrker und bewegter, weil die Menge wo mšglich immer nach der Gegend hinstrebte, wo ein neuer Auftritt erschien und etwas Besonderes angekŸndigt wurde.

Bei alledem herrschte eine ziemliche Stille, und als die Sturmglocke gelŠutet wurde, schien das ganze Volk von Schauer und Erstaunen ergriffen. Was nun zuerst die Aufmerksamkeit aller, die von oben herab den Platz Ÿbersehen konnten, erregte, war der Zug, in welchem die Herren von Aachen und NŸrnberg die Reichskleinodien nach dem Dome brachten. Diese hatten als SchutzheiligtŸmer den ersten Platz im Wagen eingenommen, und die Deputierten sa§en vor ihnen in anstŠndiger Verehrung auf dem RŸcksitz. Nunmehr begeben sich die drei KurfŸrsten in den Dom. Nach †berreichung der Insignien an Kurmainz werden Krone und Schwert so-


gleich nach dem kaiserlichen Quartier gebracht. Die weiteren Anstalten und mancherlei Zeremoniell beschŠftigen mittlerweile die Hauptpersonen sowie die Zuschauer in der Kirche, wie wir andern Unterrichteten uns wohl denken konnten.

Vor unsern Augen fuhren indessen die Gesandten auf den Ršmer, aus welchem der Baldachin von Unteroffizieren in das kaiserliche Quartier getragen wird. Sogleich besteigt der Erbmarschall Graf von Pappenheim sein Pferd; ein sehr schšner schlankgebildeter Herr, den die spanische Tracht, das reiche Wams, der goldne Mantel, der hohe Federhut und die gestrŠhlten fliegenden Haare sehr wohl kleideten. Er setzt sich in Bewegung, und unter dem GelŠute aller Glocken folgen ihm zu Pferde die Gesandten nach dem kaiserlichen Quartier in noch grš§erer Pracht als am Wahltage. Dort hŠtte man auch sein mšgen, wie man sich an diesem Tage zu vervielfŠltigen wŸnschte. Wir erzŠhlten einander indessen, was dort vorgehe. "Nun zieht der Kaiser seinen Hausornat an," sagten wir, "eine neue Bekleidung nach dem Muster der alten Karolingischen verfertigt. Die ErbŠmter erhalten die Reichsinsignien und setzen sich damit zu Pferde. Der Kaiser im Ornat, der Ršmische Kšnig im spanischen Habit besteigen gleichfalls ihre Rosse, und indem dieses geschieht, hat sie uns der vorausbeschrittene unendliche Zug bereits angemeldet."

Das Auge war schon ermŸdet durch die Menge der reichgekleideten Dienerschaft und der Ÿbrigen Behšrden, durch den stattlich einherwandelnden Adel; und als nunmehr die Wahlbotschafter, die ErbŠmter und zuletzt unter dem reichgestickten, von zwšlf Schšffen und Ratsherrn getragenen Baldachin der Kaiser in romantischer Kleidung, zur Linken, etwas hinter ihm, sein Sohn in spanischer Tracht, langsam auf prŠchtig geschmŸckten Pferden einherschwebten, war das Auge nicht mehr sich selbst genug. Man hŠtte gewŸnscht, durch eine Zauberformel die Erscheinung nur einen Augenblick zu fesseln, aber die Herrlichkeit zog unaufhaltsam vorbei, und den kaum verlassenen Raum erfŸllte sogleich wieder das hereinwogende Volk.


Nun aber entstand ein neues GedrŠnge: denn es mu§te ein anderer Zugang, von dem Markte her, nach der RšmertŸre eršffnet und ein Bretterweg aufgebrŸckt werden, welchen der aus dem Dom zurŸckkehrende Zug beschreiten sollte.

Was in dem Dome vorgegangen, die unendlichen Zeremonien, welche die Salbung, die Kršnung, den Ritterschlag vorbereiten und begleiten, alles dieses lie§en wir uns in der Folge gar gern von denen erzŠhlen, die manches andere aufgeopfert hatten, um in der Kirche gegenwŠrtig zu sein.

Wir andern verzehrten mittlerweile auf unsern PlŠtzen eine frugale Mahlzeit: denn wir mu§ten an dem festlichsten Tage, den wir erlebten, mit kalter KŸche vorlieb nehmen. Dagegen aber war der beste und Šlteste Wein aus allen Familienkellern herangebracht worden, so da§ wir von dieser Seite wenigstens dies altertŸmliche Fest altertŸmlich feierten.

Auf dem Platze war jetzt das SehenswŸrdigste die fertig gewordene und mit rot, gelb und wei§em Tuch Ÿberlegte BrŸcke, und wir sollten den Kaiser, den wir zuerst im Wagen, dann zu Pferde sitzend angestaunt, nun auch zu Fu§e wandelnd bewundern; und sonderbar genug, auf das letzte freuten wir uns am meisten; denn uns deuchte diese Weise sich darzustellen so wie die natŸrlichste, so auch die wŸrdigste.

€ltere Personen, welche der Kršnung Franz' des Ersten beigewohnt, erzŠhlten: Maria Theresia, Ÿber die Ma§en schšn, habe jener Feierlichkeit an einem Balkonfenster des Hauses Frauenstein, gleich neben dem Ršmer, zugesehen. Als nun ihr Gemahl in der seltsamen Verkleidung aus dem Dome zurŸckgekommen, und sich ihr sozusagen als ein Gespenst Karls des Gro§en dargestellt, habe er wie zum Scherz beide HŠnde erhoben und ihr den Reichsapfel, den Szepter und die wundersamen Handschuh hingewiesen, worŸber sie in ein unendliches Lachen ausgebrochen; welches dem ganzen zuschauenden Volke zur grš§ten Freude und Erbauung gedient, indem es darin das gute und natŸrliche EhgattenverhŠltnis des allerhšchsten Paares der Christenheit mit Augen zu sehen gewŸrdiget worden. Als aber die Kaiserin, ihren Gemahl zu begrŸ-


§en, das Schnupftuch geschwungen und ihm selbst ein lautes Vivat zugerufen, sei der Enthusiasmus und der Jubel des Volks aufs hšchste gestiegen, so da§ das Freudengeschrei gar kein Ende finden kšnnen.

Nun verkŸndigte der Glockenschall und nun die Vordersten des langen Zuges, welche Ÿber die bunte BrŸcke ganz sachte einherschritten, da§ alles getan sei. Die Aufmerksamkeit war grš§er denn je, der Zug deutlicher als vorher, besonders fŸr uns, da er jetzt gerade nach uns zuging. Wir sahen ihn sowie den ganzen volkserfŸllten Platz beinah im Grundri§. Nur zu sehr drŠngte sich am Ende die Pracht: denn die Gesandten, die ErbŠmter, Kaiser und Kšnig unter dem Baldachin, die drei geistlichen KurfŸrsten, die sich anschlossen, die schwarz gekleideten Schšffen und Ratsherren, der goldgestickte Himmel, alles schien nur eine Masse zu sein, die, nur von einem Willen bewegt, prŠchtig harmonisch, und soeben unter dem GelŠute der Glocken aus dem Tempel tretend, als ein Heiliges uns entgegenstrahlte.

Eine politisch-religišse Feierlichkeit hat einen unendlichen Reiz. Wir sehen die irdische MajestŠt vor Augen, umgeben von allen Symbolen ihrer Macht; aber indem sie sich vor der himmlischen beugt, bringt sie uns die Gemeinschaft beider vor die Sinne. Denn auch der einzelne vermag seine Verwandtschaft mit der Gottheit nur dadurch zu betŠtigen, da§ er sich unterwirft und anbetet.

Der von dem Markt her ertšnende Jubel verbreitete sich nun auch Ÿber den gro§en Platz, und ein ungestŸmes Vivat erscholl aus tausend und aber tausend Kehlen, und gewi§ auch aus den Herzen. Denn dieses gro§e Fest sollte ja das Pfand eines dauerhaften Friedens werden, der auch wirklich lange Jahre hindurch Deutschland beglŸckte.

Mehrere Tage vorher war durch šffentlichen Ausruf bekannt gemacht, da§ weder die BrŸcke noch der Adler Ÿber dem Brunnen preisgegeben, und also nicht vom Volke wie sonst angetastet werden solle. Es geschah dies, um manches bei solchen AnstŸrmen unvermeidliche UnglŸck zu ver-


hŸten. Allein um doch einigerma§en dem Genius des Pšbels zu opfern, gingen eigens bestellte Personen hinter dem Zuge her, lšsten das Tuch von der BrŸcke, wickelten es bahnenweise zusammen und warfen es in die Luft. Hiedurch entstand nun zwar kein UnglŸck, aber ein lŠcherliches Unheil: denn das Tuch entrollte sich in der Luft und bedeckte, wie es niederfiel, eine grš§ere oder geringere Anzahl Menschen. Diejenigen nun, welche die Enden fa§ten und solche an sich zogen, rissen alle die Mittleren zu Boden, umhŸllten und Šngstigten sie so lange, bis sie sich durchgerissen oder durchgeschnitten, und jeder nach seiner Weise einen Zipfel dieses durch die Fu§tritte der MajestŠten geheiligten Gewebes davongetragen hatte.

Dieser wilden Belustigung sah ich nicht lange zu, sondern eilte von meinem hohen Standorte durch allerlei Treppchen und GŠnge hinunter an die gro§e Ršmerstiege, wo die aus der Ferne angestaunte so vornehme als herrliche Masse heraufwallen sollte. Das GedrŠng war nicht gro§, weil die ZugŠnge des Rathauses wohl besetzt waren, und ich kam glŸcklich unmittelbar oben an das eiserne GelŠnder. Nun stiegen die Hauptpersonen an mir vorŸber, indem das Gefolge in den untern GewšlbgŠngen zurŸckblieb, und ich konnte sie auf der dreimal gebrochnen Treppe von allen Seiten und zuletzt ganz in der NŠhe betrachten.

Endlich kamen auch die beiden MajestŠten herauf. Vater und Sohn waren wie MenŠchmen Ÿberein gekleidet. Des Kaisers Hausornat von purpurfarbner Seide, mit Perlen und Steinen reich geziert, sowie Krone, Szepter und Reichsapfel fielen wohl in die Augen: denn alles war neu daran, und die Nachahmung des Altertums geschmackvoll. So bewegte er sich auch in seinem Anzuge ganz bequem, und sein treuherzig wŸrdiges Gesicht gab zugleich den Kaiser und den Vater zu erkennen. Der junge Kšnig hingegen schleppte sich in den ungeheuren GewandstŸcken mit den Kleinodien Karls des Gro§en, wie in einer Verkleidung, einher, so da§ er selbst, von Zeit zu Zeit seinen Vater ansehend, sich des LŠchelns nicht


enthalten konnte. Die Krone, welche man sehr hatte fŸttern mŸssen, stand wie ein Ÿbergreifendes Dach vom Kopf ab. Die Dalmatika, die Stola, so gut sie auch angepa§t und eingenŠht worden, gewŠhrte doch keineswegs ein vorteilhaftes Aussehen. Szepter und Reichsapfel setzten in Verwunderung; aber man konnte sich nicht leugnen, da§ man lieber eine mŠchtige, dem Anzuge gewachsene Gestalt, um der gŸnstigem Wirkung willen, damit bekleidet und ausgeschmŸckt gesehen hŠtte.

Kaum waren die Pforten des gro§en Saales hinter diesen Gestalten wieder geschlossen, so eilte ich auf meinen vorigen Platz, der, von andern bereits eingenommen, nur mit einiger Not mir wieder zuteil wurde.

Es war eben die rechte Zeit, da§ ich von meinem Fenster wieder Besitz nahm: denn das MerkwŸrdigste, was šffentlich zu erblicken war, sollte eben vorgehen. Alles Volk hatte sich gegen den Ršmer zu gewendet, und ein abermaliges Vivatschreien gab uns zu erkennen, da§ Kaiser und Kšnig an dem Balkonfenster des gro§en Saales in ihrem Ornate sich dem Volke zeigten. Aber sie sollten nicht allein zum Schauspiel dienen, sondern vor ihren Augen sollte ein seltsames Schauspiel vorgehen. Vor allen schwang sich nun der schšne schlanke Erbmarschall auf sein Ro§; er hatte das Schwert abgelegt, in seiner Rechten hielt er ein silbernes gehenkeltes GemŠ§, und ein Streichblech in der Linken, so ritt er in den Schranken auf den gro§en Haferhaufen zu, sprengte hinein, schšpfte das GefŠ§ Ÿbervoll, strich es ab und trug es mit gro§em Anstande wieder zurŸck. Der kaiserliche Marstall war nunmehr versorgt. Der ErbkŠmmerer ritt sodann gleichfalls auf jene Gegend zu und brachte ein Handbecken nebst Gie§fa§ und Handquehle zurŸck. Unterhaltender aber fŸr die Zuschauer war der Erbtruchse§, der ein StŸck von dem gebratnen Ochsen zu holen kam. Auch er ritt mit einer silbernen SchŸssel durch die Schranken bis zu der gro§en BretterkŸche, und kam bald mit verdecktem Gericht wieder hervor, um seinen Weg nach dem Ršmer zu nehmen. Die Reihe traf nun den


Erbschenken, der zu dem Springbrunnen ritt und Wein holte. So war nun auch die kaiserliche Tafel bestellt, und aller Augen warteten auf den Erbschatzmeister, der das Geld auswerfen sollte. Auch er bestieg ein schšnes Ro§, dem zu beiden Seiten des Sattels anstatt der Pistolenhalftern ein paar prŠchtige mit dem kurpfŠlzischen Wappen gestickte Beutel befestigt hingen. Kaum hatte er sich in Bewegung gesetzt, als er in diese Taschen griff und rechts und links Gold- und SilbermŸnzen freigebig ausstreute, welche jedesmal in der Luft als ein metallner Regen gar lustig glŠnzten. Tausend HŠnde zappelten augenblicklich in der Hšhe, um die Gaben aufzufangen; kaum aber waren die MŸnzen niedergefallen, so wŸhlte die Masse in sich selbst gegen den Boden und rang gewaltig um die StŸcke, welche zur Erde mochten gekommen sein. Da nun diese Bewegung von beiden Seiten sich immer wiederholte, wie der Geber vorwŠrts ritt, so war es fŸr die Zuschauer ein sehr belustigender Anblick. Zum Schlusse ging es am allerlebhaftesten her, als er die Beutel selbst auswarf, und ein jeder noch diesen hšchsten Preis zu erhaschen trachtete.

Die MajestŠten hatten sich vom Balkon zurŸckgezogen, und nun sollte dem Pšbel abermals ein Opfer gebracht werden, der in solchen FŠllen lieber die Gaben rauben als sie gelassen und dankbar empfangen will. In rohem und derberen Zeiten herrschte der Gebrauch, den Hafer, gleich nachdem der Erbmarschall das Teil weggenommen, den Springbrunnen, nachdem der Erbschenk, die KŸche, nachdem der Erbtruchse§ sein Amt verrichtet, auf der Stelle preiszugeben. Diesmal aber hielt man, um alles UnglŸck zu verhŸten, so viel es sich tun lie§, Ordnung und Ma§. Doch fielen die alten schadenfrohen SpŠ§e wieder vor, da§, wenn einer einen Sack Hafer aufgepackt hatte, der andre ihm ein Loch hineinschnitt, und was dergleichen Artigkeiten mehr waren. Um den gebratnen Ochsen aber wurde diesmal wie sonst ein ernsterer Kampf gefŸhrt. Man konnte sich denselben nur in Masse streitig machen. Zwei Innungen, die Metzger und Weinschršter, hatten sich hergebrachterma§en wieder so po-


stiert, da§ einer von beiden dieser ungeheure Braten zuteil werden mu§te. Die Metzger glaubten das grš§te Recht an einen Ochsen zu haben, den sie unzerstŸckt in die KŸche geliefert; die Weinschršter dagegen machten Anspruch, weil die KŸche in der NŠhe ihres zunftmŠ§igen Aufenthalts erbaut war, und weil sie das letztemal obgesiegt hatten; wie denn aus dem vergitterten Giebelfenster ihres Zunft- und Versammlungshauses die Hšrner jenes erbeuteten Stiers als Siegeszeichen hervorstarrend zu sehen waren. Beide zahlreichen Innungen hatten sehr krŠftige und tŸchtige Mitglieder; wer aber diesmal den Sieg davongetragen, ist mir nicht mehr erinnerlich.

Wie nun aber eine Feierlichkeit dieser Art mit etwas GefŠhrlichem und Schreckhaften schlie§en soll, so war es wirklich ein fŸrchterlicher Augenblick, als die bretterne KŸche selbst preisgemacht wurde. Das Dach derselben wimmelte sogleich von Menschen, ohne da§ man wu§te, wie sie hinaufgekommen; die Bretter wurden losgerissen und heruntergestŸrzt, so da§ man, besonders in der Ferne denken mu§te, ein jedes werde ein paar der Zudringenden totschlagen. In einem Nu war die HŸtte abgedeckt, und einzelne Menschen hingen an Sparren und Balken, um auch diese aus den Fugen zu rei§en, ja manche schwebten noch oben herum, als schon unten die Pfosten abgesŠgt waren, das Gerippe hin und wider schwankte und jŠhen Einsturz drohte. Zarte Personen wandten die Augen hinweg, und jedermann erwartete sich ein gro§es UnglŸck; allein man hšrte nicht einmal von irgend einer BeschŠdigung, und alles war, obgleich heftig und gewaltsam, doch glŸcklich vorŸbergegangen.

Jedermann wu§te nun, da§ Kaiser und Kšnig aus dem Kabinett, wohin sie vom Balkon abgetreten, sich wieder hervorbegeben und in dem gro§en Ršmersaale speisen wŸrden. Man hatte die Anstalten dazu Tages vorher bewundern kšnnen, und mein sehnlichster Wunsch war, heute wo mšglich nur einen Blick hinein zu tun. Ich begab mich daher auf gewohnten Pfaden wieder an die gro§e Treppe, welcher die TŸre des


Saales gerade gegenŸber steht. Hier staunte ich nun die vornehmen Personen an, welche sich heute als Diener des Reichsoberhauptes bekannten. Vierundvierzig Grafen, die Speisen aus der KŸche herantragend, zogen an mir vorbei, alle prŠchtig gekleidet, so da§ der Kontrast ihres Anstandes mit der Handlung fŸr einen Knaben wohl sinnverwirrend sein konnte. Das GedrŠnge war nicht gro§, doch wegen des kleinen Raums merklich genug. Die SaaltŸre war bewacht, indes gingen die Befugten hŠufig aus und ein. Ich erblickte einen pfŠlzischen Hausoffizianten, den ich anredete, ob er mich nicht mit hineinbringen kšnne. Er besann sich nicht lange, gab mir eins der silbernen GefŠ§e, die er eben trug, welches er um so eher konnte, als ich sauber gekleidet war; und so gelangte ich denn in das Heiligtum. Das pfŠlzische BŸffet stand links, unmittelbar an der TŸre, und mit einigen Schritten befand ich mich auf der Erhšhung desselben hinter den Schranken.

Am andern Ende des Saals, unmittelbar an den Fenstern, sa§en auf Thronstufen erhšht, unter Baldachinen, Kaiser und Kšnig in ihren Ornaten; Krone und Szepter aber lagen auf goldnen Kissen rŸckwŠrts in einiger Entfernung. Die drei geistlichen KurfŸrsten hatten, ihre BŸffette hinter sich, auf einzelnen Estraden Platz genommen: Kurmainz den MajestŠten gegenŸber, Kurtrier zur Rechten und Kurkšln zur Linken. Dieser obere Teil des Saals war wŸrdig und erfreulich anzusehen, und erregte die Bemerkung, da§ die Geistlichkeit sich so lange als mšglich mit dem Herrscher halten mag. Dagegen lie§en die zwar prŠchtig aufgeputzten aber herrenleeren BŸffette und Tische der sŠmtlichen weltlichen KurfŸrsten an das Mi§verhŠltnis denken, welches zwischen ihnen und dem Reichsoberhaupt durch Jahrhunderte allmŠhlich entstanden war. Die Gesandten derselben hatten sich schon entfernt, um in einem Seitenzimmer zu speisen; und wenn dadurch der grš§te Teil des Saales ein gespensterhaftes Ansehn bekam, da§ so viele unsichtbare GŠste auf das prŠchtigste bedient wurden, so war eine gro§e unbesetzte Tafel in der Mitte noch betrŸbter anzusehen: denn hier standen auch so viele


Couverte leer, weil alle die, welche allenfalls ein Recht hatten sich daran zu setzen, anstandshalber, um an dem grš§ten Ehrentage ihrer Ehre nichts zu vergeben, ausblieben, wenn sie sich auch dermalen in der Stadt befanden.

Viele Betrachtungen anzustellen erlaubten mir weder meine Jahre noch das GetrŠnk der Gegenwart. Ich bemŸhte mich, alles mšglichst ins Auge zu fassen, und wie der Nachtisch aufgetragen wurde, da die Gesandten, um ihren Hof zu machen, wieder hereintraten, suchte ich das Freie, und wu§te mich bei guten Freunden in der Nachbarschaft nach dem heutigen Halbfasten wieder zu erquicken und zu den Illuminationen des Abends vorzubereiten.

Diesen glŠnzenden Abend gedachte ich auf eine gemŸtliche Weise zu feiern: denn ich hatte mit Gretchen, mit Pylades und der Seinigen angeredet, da§ wir uns zur nŠchtigen Stunde irgendwo treffen wollten. Schon leuchtete die Stadt an allen Ecken und Enden, als ich meine Geliebten antraf. Ich reichte Gretchen den Arm, wir zogen von einem Quartier zum andern, und befanden uns zusammen sehr glŸcklich. Die Vettern waren anfangs auch bei der Gesellschaft, verloren sich aber nachher unter der Masse des Volks. Vor den HŠusern einiger Gesandten, wo man prŠchtige Illuminationen angebracht hatte (die kurpfŠlzische zeichnete sich vorzŸglich aus), war es so hell, wie es am Tage nur sein kann. Um nicht erkannt zu werden, hatte ich mich einigerma§en vermummt, und Gretchen fand es nicht Ÿbel. Wir bewunderten die verschiedenen glŠnzenden Darstellungen und die feenmŠ§igen FlammengebŠude, womit immer ein Gesandter den andern zu Ÿberbieten gedacht hatte. Die Anstalt des FŸrsten Esterhazy jedoch Ÿbertraf alle die Ÿbrigen. Unsere kleine Gesellschaft war von der Erfindung und AusfŸhrung entzŸckt, und wir wollten eben das einzelne recht genie§en, als uns die Vettern wieder begegneten und von der herrlichen Erleuchtung sprachen, womit der brandenburgische Gesandte sein Quartier ausgeschmŸckt habe. Wir lie§en uns nicht verdrie§en, den weiten Weg von dem Ro§markte bis zum Saalhof


zu machen, fanden aber, da§ man uns auf eine frevle Weise zum besten gehabt hatte.

Der Saalhof ist nach dem Main zu ein regelmŠ§iges und ansehnliches GebŠude, dessen nach der Stadt gerichteter Teil aber uralt, unregelmŠ§ig und unscheinbar. Kleine, weder in Form noch Grš§e Ÿbereinstimmende, noch auf eine Linie, noch in gleicher Entfernung gesetzte Fenster, unsymmetrisch angebrachte Tore und TŸren, ein meist in KramlŠden verwandeltes Untergescho§ bilden eine verworrene Au§enseite, die von niemand jemals betrachtet wird. Hier war man nun der zufŠlligen, unregelmŠ§igen, unzusammenhŠngenden Architektur gefolgt, und hatte jedes Fenster, jede TŸre, jede …ffnung fŸr sich mit Lampen umgeben, wie man es allenfalls bei einem wohlgebauten Hause tun kann, wodurch aber hier die schlechteste und mi§gebildetste aller Fassaden ganz unglaublich in das hellste Licht gesetzt wurde. Hatte man sich nun hieran wie etwa an den SpŠ§en des Pagliasso ergetzt, obgleich nicht ohne Bedenklichkeiten, weil jedermann etwas VorsŠtzliches darin erkennen mu§te; wie man denn schon vorher Ÿber das sonstige Šu§re Benehmen des Ÿbrigens sehr geschŠtzten Plotho glossiert, und, da man ihm nun einmal gewogen war, auch Schalk in ihm bewundert hatte, der sich Ÿber alles Zeremoniell wie sein Kšnig hinauszusetzen pflege: so ging man doch lieber in das Esterhazysche Feenreich wieder zurŸck.

Dieser hohe Botschafter hatte, diesen Tag zu ehren, sein ungŸnstig gelegenes Quartier ganz Ÿbergangen, und dafŸr die gro§e Lindenesplanade am Ro§markt vorn mit einem farbig erleuchteten Portal, im Hintergrund aber mit einem wohl noch prŠchtigern Prospekte verzieren lassen. Die ganze Einfassung bezeichneten Lampen. Zwischen den BŠumen standen Lichtpyramiden und Kugeln auf durchscheinenden Piedestalen; von einem Baum zum andern zagen sich leuchtende Girlanden, an welchen HŠngeleuchter schwebten. An mehreren Orten verteilte man Brot und WŸrste unter das Volk und lie§ es an Wein nicht fehlen.


Hier gingen wir nun zu vieren an einander geschlossen hšchst behaglich auf und ab, und ich an Gretchens Seite deuchte mir wirklich in jenen glŸcklichen Gefilden Elysiums zu wandeln, wo man die kristallnen GefŠ§e vom Baume wo bricht, die sich mit dem gewŸnschten Wein sogleich fŸllen, und wo man FrŸchte schŸttelt, die sich in jede beliebige Speise verwandeln. Ein solches BedŸrfnis fŸhlten wir denn zuletzt auch, und geleitet von Pylades fanden wir ein ganz artig eingerichtetes Speisehaus; und da wir keine GŠste weiter antrafen, indem alles auf den Stra§en umherzog, lie§en wir es uns um so wohler sein, und verbrachten den grš§ten Teil der Nacht im GefŸhl von Freundschaft, Liebe und Neigung auf das heiterste und glŸcklichste. Als ich Gretchen bis an ihre TŸre begleitet hatte, kŸ§te sie mich auf die Stirn. Es war das erste und letzte Mal, da§ sie mir diese Gunst erwies: denn leider sollte ich sie nicht wiedersehen.

Den andern Morgen lag ich noch im Bette, als meine Mutter verstšrt und Šngstlich hereintrat. Man konnte es ihr gar leicht ansehen, wenn sie sich irgend bedrŠngt fŸhlte. - "Steh auf," sagte sie, "und mache dich auf etwas Unangenehmes gefa§t. Es ist herausgekommen, da§ du sehr schlechte Gesellschaft besuchst und dich in die gefŠhrlichsten und schlimmsten HŠndel verwickelt hast. Der Vater ist au§er sich, und wir haben nur so viel von ihm erlangt, da§ er die Sache durch einen Dritten untersuchen will. Bleib auf deinem Zimmer und erwarte, was bevorsteht. Der Rat Schneider wird zu dir kommen, er hat sowohl vom Vater als von der Obrigkeit den Auftrag: denn die Sache ist schon anhŠngig und kann eine sehr bšse Wendung nehmen."

Ich sah wohl, da§ man die Sache viel schlimmer nahm, als sie war; doch fŸhlte ich mich nicht wenig beunruhigt, wenn auch nur das eigentliche VerhŠltnis entdeckt werden sollte. Der alte messianische Freund trat endlich herein, die TrŠnen standen ihm in den Augen; er fa§te mich beim Arm und sagte: "Es tut mir herzlich leid, da§ ich in solcher Angelegenheit zu Ihnen komme. Ich hŠtte nicht gedacht,


da§ Sie sich so weit verirren kšnnten. Aber was tut nicht schlechte Gesellschaft und bšses Beispiel; und so kann ein junger unerfahrner Mensch Schritt vor Schritt bis zum Verbrechen gefŸhrt werden." - "Ich bin mir keines Verbrechens bewu§t," versetzte ich darauf, "so wenig, als schlechte Gesellschaft besucht zu haben." - "Es ist jetzt nicht von einer Verteidigung die Rede," fiel er mir ins Wort, "sondern von einer Untersuchung, und Ihrerseits von einem aufrichtigen Bekenntnis." - "Was verlangen sie zu wissen?" sagte ich dagegen. Er setzte sich und zog ein Blatt hervor und fing zu fragen an: "Haben sie nicht den N. N. Ihrem Gro§vater als einen Klienten zu einer *** Stelle empfohlen?" Ich antwortete: "Ja." - "Wo haben sie ihn kennen gelernt?" - "Auf SpaziergŠngen." - "In welcher Gesellschaft?" - Ich stutzte: denn ich wollte nicht gern meine Freunde verraten. - "Das Verschweigen wird nichts helfen," fuhr er fort, "denn es ist alles schon genugsam bekannt." - "Was ist denn bekannt?" sagte ich. - "Da§ Ihnen dieser Mensch durch andere seinesgleichen ist vorgefŸhrt worden, und zwar durch ***." Hier nannte er die Namen von drei Personen, die ich niemals gesehen noch gekannt hatte; welches ich dem Fragenden denn auch sogleich erklŠrte. - "Sie wollen," fuhr jener fort, "diese Menschen nicht kennen, und haben doch mit ihnen šftre ZusammenkŸnfte gehabt!" - "Auch nicht die geringste," versetzte ich; "denn wie gesagt, au§er dem ersten kenne ich keinen und habe auch den niemals in einem Hause gesehen." - "Sind sie nicht oft in der *** Stra§e gewesen?" - "Niemals," versetzte ich. Dies war nicht ganz der Wahrheit gemŠ§. Ich hatte Pylades einmal zu seiner Geliebten begleitet, die in der Stra§e wohnte; wir waren aber zur HintertŸre hereingegangen und im Gartenhause geblieben. Daher glaubte ich mir die Ausflucht erlauben zu kšnnen, in der Stra§e selbst nicht gewesen zu sein.

Der gute Mann tat noch mehr Fragen, die ich alle verneinen konnte: denn es war mir von alledem, was er zu wissen verlangte, nichts bekannt. Endlich schien er verdrie§lich zu


werden und sagte: " Sie belohnen mein Vertrauen und meinen guten Willen sehr schlecht; ich komme, um sie zu retten. Sie kšnnen nicht leugnen, da§ sie fŸr diese Leute selbst oder fŸr ihre Mitschuldigen Briefe verfa§t, AufsŠtze gemacht und so zu ihren schlechten Streichen behŸlflich gewesen. Ich komme, um sie zu retten: denn es ist von nichts Geringerem als nachgemachten Handschriften, falschen Testamenten, untergeschobnen Schuldscheinen und Šhnlichen Dingen die Rede. Ich komme nicht allein als Hausfreund; ich komme im Namen und auf Befehl der Obrigkeit, die in Betracht Ihrer Familie und Ihrer Jugend sie und einige andre JŸnglinge verschonen will, die gleich Ihnen ins Netz gelockt worden." - Es war mir auffallend, da§ unter den Personen, die er nannte, sich gerade die nicht befanden, mit denen ich Umgang gepflogen. Die VerhŠltnisse trafen nicht zusammen, aber sie berŸhrten sich, und ich konnte noch immer hoffen, meine jungen Freunde zu schonen. Allein der wackre Mann ward immer dringender. Ich konnte nicht leugnen, da§ ich manche NŠchte spŠt nach Hause gekommen war, da§ ich mir einen HausschlŸssel zu verschaffen gewu§t, da§ ich mit Personen von geringem Stand und verdŠchtigem Aussehen an Lustorten mehr als einmal bemerkt worden, da§ MŠdchen mit in die Sache verwickelt seien; genug, alles schien entdeckt bis auf die Namen. Dies gab mir Mut, standhaft im Schweigen zu sein. - "Lassen sie mich," sagte der brave Freund, "nicht von Ihnen weggehen. Die Sache leidet keinen Aufschub; unmittelbar nach mir wird ein andrer kommen, der Ihnen nicht so viel Spielraum lŠ§t. Verschlimmern sie die ohnehin bšse Sache nicht durch Ihre HartnŠckigkeit."

Nun stellte ich mir die guten Vettern, und Gretchen besonders, recht lebhaft vor; ich sah sie gefangen, verhšrt, bestraft, geschmŠht, und mir fuhr wie ein Blitz durch die Seele, da§ die Vettern denn doch, ob sie gleich gegen mich alle Rechtlichkeit beobachtet, sich in so bšse HŠndel konnten eingelassen haben, wenigstens der Šlteste, der mir niemals recht gefallen wollte, der immer spŠter nach Hause kam und wenig


Heiteres zu erzŠhlen wu§te. Noch immer hielt ich mein Bekenntnis zurŸck. - "Ich bin mir," sagte ich, "persšnlich nichts Bšses bewu§t, und kann von der Seite ganz ruhig sein; aber es wŠre nicht unmšglich, da§ diejenigen, mit denen ich umgegangen bin, sich einer verwegnen oder gesetzwidrigen Handlung schuldig gemacht hŠtten. Man mag sie suchen, man mag sie finden, sie ŸberfŸhren und bestrafen, ich habe mir bisher nichts vorzuwerfen, und will auch gegen die nichts verschulden, die sich freundlich und gut gegen mich benommen haben." - Er lie§ mich nicht ausreden, sondern rief mit einiger Bewegung: "Ja, man wird sie finden. In drei HŠusern kamen diese Bšsewichter zusammen." (Er nannte die Stra§en, er bezeichnete die HŠuser, und zum UnglŸck befand sich auch das darunter, wohin ich zu gehen pflegte.) "Das erste Nest ist schon aus gehoben," fuhr er fort, "und in diesem Augenblick werden es die beiden andern. In wenig Stunden wird alles im klaren sein. Entziehen sie sich, durch ein redliches Bekenntnis, einer gerichtlichen Untersuchung, einer Konfrontation und wie die garstigen Dinge alle hei§en." - Das Haus war genannt und bezeichnet. Nun hielt ich alles Schweigen fŸr unnŸtz; ja, bei der Unschuld unsrer ZusammenkŸnfte konnte ich hoffen, jenen noch mehr als mir nŸtzlich zu sein. - "Setzen sie sich," rief ich aus, und holte ihn von der TŸre zurŸck; "ich will Ihnen alles erzŠhlen, und zugleich mir und Ihnen das Herz erleichtern: nur das eine bitte ich, von nun an keine Zweifel in meine Wahrhaftigkeit."

Ich erzŠhlte nun dem Freunde den ganzen Hergang der Sache, anfangs ruhig und gefa§t; doch je mehr ich mir die Personen, GegenstŠnde, Begebenheiten ins GedŠchtnis rief und vergegenwŠrtigte, und so manche unschuldige Freude, so manchen heitern Genu§ gleichsam vor einem Kriminalgericht deponieren sollte, desto mehr wuchs die schmerzlichste Empfindung, so da§ ich zuletzt in TrŠnen ausbrach und mich einer unbŠndigen Leidenschaft Ÿberlie§. Der Hausfreund, welcher hoffte, da§ eben jetzt das rechte Geheimnis auf dem Wege sein mšchte sich zu offenbaren (denn


er hielt meinen Schmerz fŸr ein Symptom, da§ ich im Begriff stehe, mit Widerwillen ein Ungeheures zu bekennen), suchte mich, da ihm an der Entdeckung alles gelegen war, aufs beste zu beruhigen; welches ihm zwar nur zum Teil gelang, aber doch insofern, da§ ich meine Geschichte notdŸrftig auserzŠhlen konnte. Er war, obgleich zufrieden Ÿber die Unschuld der VorgŠnge, doch noch einigerma§en zweifelhaft, und erlie§ neue Fragen an mich, die mich abermals aufregten und in Schmerz und Wut versetzten. Ich versicherte endlich, da§ ich nichts weiter zu sagen habe, und wohl wisse, da§ ich nichts zu fŸrchten brauche: denn ich sei unschuldig, von gutem Hause und wohl empfohlen; aber jene kšnnten ebenso unschuldig sein, ohne da§ man sie dafŸr anerkenne oder sonst begŸnstige. Ich erklŠrte zugleich, da§, wenn man jene nicht wie mich schonen, ihren Torheiten nachsehen und ihre Fehler verzeihen wolle, wenn ihnen nur im mindesten hart und ungerecht geschehe, so wŸrde ich mir ein Leids antun, und daran solle mich niemand hindern. Auch hierŸber suchte mich der Freund zu beruhigen; aber ich traute ihm nicht, und war, als er mich zuletzt verlie§, in der entsetzlichsten Lage. Ich machte mir nun doch VorwŸrfe, die Sache erzŠhlt und alle die VerhŠltnisse ans Licht gebracht zu haben. Ich sah voraus, da§ man die kindlichen Handlungen, die jugendlichen Neigungen und Vertraulichkeiten ganz anders auslegen wŸrde, und da§ ich vielleicht den guten Pylades mit in diesen Handel verwickeln und sehr unglŸcklich machen kšnnte. Alle diese Vorstellungen drŠngten sich lebhaft hinter einander vor meiner Seele, schŠrften und spornten meinen Schmerz, so da§ ich mir vor Jammer nicht zu helfen wu§te, mich die LŠnge lang auf die Erde warf, und den Fu§boden mit meinen TrŠnen benetzte.

Ich wei§ nicht, wie lange ich mochte gelegen haben, als meine Schwester hereintrat, Ÿber meine GebŠrde erschrak und alles mšgliche tat, mich aufzurichten. Sie erzŠhlte mir, da§ eine Magistratsperson unten beim Vater die RŸckkunft des Hausfreundes erwartet, und nachdem sie sich eine Zeit-


lang eingeschlossen gehalten, seien die beiden Herren weggegangen, und hŠtten unter einander sehr zufrieden, ja mit Lachen geredet, und sie glaube die Worte verstanden zu haben: es ist recht gut, die Sache hat nichts zu bedeuten. - "Freilich," fuhr ich auf, "hat die Sache nichts zu bedeuten, fŸr mich, fŸr uns: denn ich habe nichts verbrochen, und wenn ich es hŠtte, so wŸrde man mir durchzuhelfen wissen; aber jene, jene," rief ich aus, "wer wird ihnen beistehn!" - Meine Schwester suchte mich umstŠndlich mit dem Argumente zu tršsten, da§, wenn man die Vornehmeren retten wolle, man auch Ÿber die Fehler der Geringern einen Schleier werfen mŸsse. Das alles half nichts. Sie war kaum weggegangen, als ich mich wieder meinem Schmerz Ÿberlie§, und sowohl die Bilder meiner Neigung und Leidenschaft als auch des gegenwŠrtigen und mšglichen UnglŸcks immer wechselsweise hervorrief. Ich erzŠhlte mir MŠrchen auf MŠrchen, sah nur UnglŸck auf UnglŸck, und lie§ es besonders daran nicht fehlen, Gretchen und mich recht elend zu machen.

Der Hausfreund hatte mir geboten, auf meinem Zimmer zu bleiben und mit niemand mein GeschŠft zu pflegen, au§er den Unsrigen. Es war mir ganz recht, denn ich befand mich am liebsten allein. Meine Mutter und Schwester besuchten mich von Zeit zu Zeit, und ermangelten nicht, mir mit allerlei gutem Trost auf das krŠftigste beizustehen; ja, sie kamen sogar schon den zweiten Tag, im Namen des nun besser unterrichteten Vaters mir eine všllige Amnestie anzubieten, die ich zwar dankbar annahm, allein den Antrag, da§ ich mit ihm ausgehen und die Reichsinsignien, welche man nunmehr den Neugierigen vorzeigte, beschauen sollte, hartnŠckig ablehnte, und versicherte, da§ ich weder von der Welt, noch von dem Ršmischen Reiche etwas weiter wissen wolle, bis mir bekannt geworden, wie jener verdrie§liche Handel, der fŸr mich weiter keine Folgen haben wŸrde, fŸr meine armen Bekannten ausgegangen. Sie wu§ten hierŸber selbst nichts zu sagen und lie§en mich allein. Doch machte man die folgenden Tage noch einige Versuche, mich aus dem


Hause und zur Teilnahme an den šffentlichen Feierlichkeiten zu bewegen. Vergebens! weder der gro§e Galatag, noch was bei Gelegenheit so vieler Standeserhšhungen vorfiel, noch die šffentliche Tafel des Kaisers und Kšnigs, nichts konnte mich rŸhren. Der KurfŸrst von der Pfalz mochte kommen, um den beiden MajestŠten aufzuwarten, diese mochten die KurfŸrsten besuchen, man mochte zur letzten kurfŸrstlichen Sitzung zusammenfahren, um die rŸckstŠndigen Punkte zu erledigen und den Kurverein zu erneuern, nichts konnte mich aus meiner leidenschaftlichen Einsamkeit hervorrufen. Ich lie§ am Dankfeste die Glocken lŠuten, den Kaiser sich in die Kapuzinerkirche begeben, die KurfŸrsten und den Kaiser abreisen, ohne deshalb einen Schritt von meinem Zimmer zu tun. Das letzte Kanonieren, so unmŠ§ig es auch sein mochte, regte mich nicht auf, und wie der Pulverdampf sich verzog und der Schall verhallte, war auch alle diese Herrlichkeit vor meiner Seele weggeschwunden.

Ich empfand nun keine Zufriedenheit, als im WiederkŠuen meines Elends und in der tausendfachen imaginŠren VervielfŠltigung desselben. Meine ganze Erfindungsgabe, meine Poesie und Rhetorik hatten sich auf diesen kranken Fleck geworfen, und drohten, gerade durch diese Lebensgewalt, Leib und Seele in eine unheilbare Krankheit zu verwickeln. In diesem traurigen Zustande kam mir nichts mehr wŸnschenswert, nichts begehrenswert mehr vor. Zwar ergriff mich manchmal ein unendliches Verlangen zu wissen, wie es meinen armen Freunden und Geliebten ergehe, was sich bei nŠherer Untersuchung ergeben, inwiefern sie mit in jene Verbrechen verwickelt oder unschuldig mšchten erfunden sein. Auch dies malte ich mir auf das mannigfaltigste umstŠndlich aus, und lie§ es nicht fehlen, sie fŸr unschuldig und recht unglŸcklich zu halten. Bald wŸnschte ich mich von dieser Ungewi§heit befreit zu sehen, und schrieb heftig drohende Briefe an den Hausfreund, da§ er mir den weitern Gang der Sache nicht vorenthalten solle. Bald zerri§ ich sie wieder, aus Furcht, mein UnglŸck recht deutlich zu erfahren und des


phantastischen Trostes zu entbehren, mit dem ich mich bis jetzt wechselsweise gequŠlt und aufgerichtet hatte.

So verbrachte ich Tag und Nacht in gro§er Unruhe, in Rasen und Ermattung, so da§ ich mich zuletzt glŸcklich fŸhlte, als eine kšrperliche Krankheit mit ziemlicher Heftigkeit eintrat, wobei man den Arzt zu HŸlfe rufen und darauf denken mu§te, mich auf alle Weise zu beruhigen. Man glaubte es im allgemeinen tun zu kšnnen, indem man mir heilig versicherte, da§ alle in jene Schuld mehr oder weniger Verwickelten mit der grš§ten Schonung behandelt worden, da§ meine nŠchsten Freunde, so gut wie ganz schuldlos, mit einem leichten Verweise entlassen worden, und da§ Gretchen sich aus der Stadt entfernt habe und wieder in ihre Heimat gezogen sei. Mit dem letztem zauderte man am lŠngsten, und ich nahm es auch nicht zum besten auf: denn ich konnte darin keine freiwillige Abreise, sondern nur eine schmŠhliche Verbannung entdecken. Mein kšrperlicher und geistiger Zustand verbesserte sich dadurch nicht: die Not ging nun erst recht an, und ich hatte Zeit genug, mir den seltsamsten Roman von traurigen Ereignissen und einer unvermeidlich tragischen Katastrophe selbstquŠlerisch auszumalen.



ZWEITER TEIL

Was man in der Jugend wŸnscht, hat man im Alter die FŸlle



 

Sechstes Buch

 

So trieb es mich wechselsweise, meine Genesung zu befšrdern und zu verhindern, und ein gewisser heimlicher €rger gesellte sich noch zu meinen Ÿbrigen Empfindungen: denn ich bemerkte wohl, da§ man mich beobachtete, da§ man mir nicht leicht etwas Versiegeltes zustellte, ohne darauf achtzuhaben, was es fŸr Wirkungen hervorbringe, ob ich es geheim hielt oder ob ich es offen hinlegte, und was dergleichen mehr war. Ich vermutete daher, da§ Pylades, ein Vetter, oder wohl gar Gretchen selbst den Versuch mšchte gemacht haben mir zu schreiben, um Nachricht zu geben oder zu erhalten. Ich war nun erst recht verdrie§lich neben meiner BekŸmmernis, und hatte wieder neue Gelegenheit, meine Vermutungen zu Ÿben und mich in die seltsamsten VerknŸpfungen zu verirren.

Es dauerte nicht lange, so gab man mir noch einen besondern Aufseher. GlŸcklicherweise war es ein Mann, den ich liebte und schŠtzte: er hatte eine Hofmeisterstelle in einem befreundeten Hause bekleidet, sein bisheriger Zšgling war allein auf die Akademie gegangen. Er besuchte mich šfters in meiner traurigen Lage, und man fand zuletzt nichts natŸrlicher, als ihm ein Zimmer neben dem meinigen einzurŠumen: da er mich denn beschŠftigen, beruhigen und, wie ich wohl merken konnte, im Auge behalten sollte. Weil ich ihn jedoch von Herzen schŠtzte und ihm auch frŸher gar manches, nur nicht die Neigung zu Gretchen, vertraut hatte, so beschlo§ ich um so mehr, ganz offen und gerade gegen ihn zu sein, als es mir unertrŠglich war, mit jemand tŠglich zu leben und auf einem unsicheren gespannten Fu§ mit ihm zu stehen. Ich sŠumte daher nicht lange, sprach ihm von der Sache, erquickte mich in ErzŠhlung und Wieder-


holung der kleinsten UmstŠnde meines vergangenen GlŸcks, und erreichte dadurch so viel, da§ er, als ein verstŠndiger Mann, einsah, es sei besser, mich mit dem Ausgang der Geschichte bekannt zu machen, und zwar im einzelnen und besonderen, damit ich klar Ÿber das Ganze wŸrde und man mir mit Ernst und Eifer zureden kšnne, da§ ich mich fassen, das Vergangene hinter mich werfen und ein neues Leben anfangen mŸsse. Zuerst vertraute er mir, wer die anderen jungen Leute von Stande gewesen, die sich anfangs zu verwegenen Mystifikationen, dann zu possenhaften Polizeiverbrechen, ferner zu lustigen Geldschneidereien und anderen solchen verfŠnglichen Dingen hatten verleiten lassen. Es war dadurch wirklich eine kleine Verschwšrung entstanden, zu der sich gewissenlose Menschen gesellten, durch VerfŠlschung von Papieren, Nachbildung von Unterschriften manches StrafwŸrdige begingen und noch StrafwŸrdigeres vorbereiteten. Die Vettern, nach denen ich zuletzt ungeduldig fragte, waren ganz unschuldig, nur im allgemeinsten mit jenen andern bekannt, keineswegs aber vereinigt befunden worden. Mein Klient, durch dessen Empfehlung an den Gro§vater man mir eigentlich auf die Spur gekommen, war einer der Schlimmsten, und bewarb sich um jenes Amt hauptsŠchlich, um gewisse BubenstŸcke unternehmen oder bedecken zu kšnnen. Nach allem diesem konnte ich mich zuletzt nicht halten und fragte, was aus Gretchen geworden sei, zu der ich ein fŸr allemal die grš§te Neigung bekannte. Mein Freund schŸttelte den Kopf und lŠchelte: "Beruhigen Sie sich," versetzte er, "dieses MŠdchen ist sehr wohl bestanden und hat ein herrliches Zeugnis davon getragen. Man konnte nichts als Gutes und Liebes an ihr finden, die Herren Examinatoren selbst wurden ihr gewogen, und haben ihr die Entfernung aus der Stadt, die sie wŸnschte, nicht versagen kšnnen. Auch das, was sie in RŸcksicht auf Sie, mein Freund, bekannt hat, macht ihr Ehre; ich habe ihre Aussage in den geheimen Akten selbst gelesen und ihre Unterschrift gesehen." "Die Unterschrift!" rief ich aus, "die


mich so glŸcklich und so unglŸcklich macht. Was hat sie denn bekannt? was hat sie unterschrieben?" Der Freund zauderte zu antworten, aber die Heiterkeit seines Gesichts zeigte mir an, da§ er nichts GefŠhrliches verberge. "Wenn Sie's denn wissen wollen," versetzte er endlich, "als von Ihnen und Ihrem Umgang mit ihr die Rede war, sagte sie ganz freimŸtig: 'Ich kann es nicht leugnen, da§ ich ihn oft und gern gesehen habe; aber ich habe ihn immer als ein Kind betrachtet und meine Neigung zu ihm war wahrhaft schwesterlich. In manchen FŠllen habe ich ihn gut beraten, und anstatt ihn zu einer zweideutigen Handlung aufzuregen, habe ich ihn verhindert, an mutwilligen Streichen teilzunehmen, die ihm hŠtten Verdru§ bringen kšnnen.'"

Der Freund fuhr noch weiter fort, Gretchen als eine Hofmeisterin reden zu lassen; ich hšrte ihm aber schon lange nicht mehr zu: denn da§ sie mich fŸr ein Kind zu den Akten erklŠrt, nahm ich ganz entsetzlich Ÿbel, und glaubte mich auf einmal von aller Leidenschaft fŸr sie geheilt, ja, ich versicherte hastig meinen Freund, da§ nun alles abgetan sei! Auch sprach ich nicht mehr von ihr, nannte ihren Namen nicht mehr; doch konnte ich die bšse Gewohnheit nicht lassen, an sie zu denken, mir ihre Gestalt, ihr Wesen, ihr Betragen zu vergegenwŠrtigen, das mir denn nun freilich jetzt in einem ganz anderen Lichte erschien. Ich fand es unertrŠglich, da§ ein MŠdchen, hšchstens ein paar Jahre Šlter als ich, mich fŸr ein Kind halten sollte, der ich doch fŸr einen ganz gescheuten und geschickten Jungen zu gelten glaubte. Nun kam mir ihr kaltes absto§endes Wesen, das mich sonst so angereizt hatte, ganz widerlich vor, die FamiliaritŠten, die sie sich gegen mich erlaubte, mir aber zu erwidern nicht gestattete, waren mir ganz verha§t. Das alles wŠre jedoch noch gut gewesen, wenn ich sie nicht wegen des Unterschreibens jener poetischen Liebesepistel, wodurch sie mir denn doch eine fšrmliche Neigung erklŠrte, fŸr eine verschmitzte und selbstsŸchtige Kokette zu halten berechtigt gewesen wŠre. Auch maskiert zur Putzmacherin kam sie


mir nicht mehr so unschuldig vor, und ich kehrte diese Šrgerlichen Betrachtungen so lange bei mir hin und wider, bis ich ihr alle liebenswŸrdigen Eigenschaften sŠmtlich abgestreift hatte. Dem Verstande nach war ich Ÿberzeugt und glaubte sie verwerfen zu mŸssen; nur ihr Bild strafte mich LŸgen, so oft es mir wieder vorschwebte, welches freilich noch oft genug geschah.

Indessen war denn doch dieser Pfeil mit seinen Widerhaken aus dem Herzen gerissen, und es fragte sich, wie man der inneren jugendlichen Heilkraft zu HŸlfe kŠme? Ich ermannte mich wirklich, und das erste, was sogleich abgetan wurde, war das Weinen und Rasen, welches ich nun fŸr hšchst kindisch ansah. Ein gro§er Schritt zur Besserung! Denn ich hatte, oft halbe NŠchte durch, mich mit dem grš§ten UngestŸm diesen Schmerzen Ÿberlassen, so da§ es durch TrŠnen und Schluchzen zuletzt dahin kam, da§ ich kaum mehr schlingen konnte und der Genu§ von Speise und Trank mir schmerzlich ward, auch die so nah verwandte Brust zu leiden schien. Der Verdru§, den ich Ÿber jene Entdeckung immerfort empfand, lie§ mich jede Weichheit verbannen; ich fand es schrecklich, da§ ich um eines MŠdchens willen Schlaf und Ruhe und Gesundheit aufgeopfert hatte, die sich darin gefiel, mich als einen SŠugling zu betrachten und sich hšchst ammenhaft weise gegen mich zu dŸnken.

Diese krŠnkenden Vorstellungen waren, wie ich mich leicht Ÿberzeugte, nur durch TŠtigkeit zu verbannen; aber was sollte ich ergreifen? Ich hatte in gar vielen Dingen freilich manches nachzuholen, und mich in mehr als einem Sinne auf die Akademie vorzubereiten, die ich nun beziehen sollte; aber nichts wollte mir schmecken noch gelingen. Gar manches erschien mir bekannt und trivial; zu mehrerer BegrŸndung fand ich weder eigne Kraft noch Šu§ere Gelegenheit, und lie§ mich daher durch die Liebhaberei meines braven Stubennachbarn zu einem Studium bewegen, das mir ganz neu und fremd war und fŸr lange Zeit ein weites Feld von Kenntnissen und Betrachtungen darbot. Mein Freund fing


nŠmlich an, mich mit den philosophischen Geheimnissen bekannt zu machen. Er hatte unter Daries in Jena studiert und als ein sehr wohlgeordneter Kopf den Zusammenhang jener Lehre scharf gefa§t, und so suchte er sie auch mir beizubringen. Aber leider wollten diese Dinge in meinem Gehirn auf eine solche Weise nicht zusammenhŠngen. Ich tat Fragen, die er spŠter zu beantworten, ich machte Forderungen, die er kŸnftig zu befriedigen versprach. Unsere wichtigste Differenz war jedoch diese, da§ ich behauptete, eine abgesonderte Philosophie sei nicht nštig, indem sie schon in der Religion und Poesie vollkommen enthalten sei. Dieses wollte er nun keinesweges gelten lassen, sondern suchte mir vielmehr zu beweisen, da§ erst diese durch jene begrŸndet werden mŸ§ten; welches ich hartnŠckig leugnete, und im Fortgange unserer Unterhaltung bei jedem Schritt Argumente fŸr meine Meinung fand. Denn da in der Poesie ein gewisser Glaube an das Unmšgliche, in der Religion ein ebensolcher Glaube an das UnergrŸndliche stattfinden mu§, so schienen mir die Philosophen in einer sehr Ÿblen Lage zu sein, die auf ihrem Felde beides beweisen und erklŠren wollten; wie sich denn auch aus der Geschichte der Philosophie sehr geschwind dartun lie§, da§ immer einer einen andern Grund suchte als der andre, und der Skeptiker zuletzt alles fŸr grund- und bodenlos ansprach.

Eben diese Geschichte der Philosophie jedoch, die mein Freund mit mir zu treiben sich genštigt sah, weil ich dem dogmatischen Vortrag gar nichts abgewinnen konnte, unterhielt mich sehr, aber nur in dem Sinne, da§ mir eine Lehre, eine Meinung so gut wie die andre vorkam, insofern ich nŠmlich in dieselbe einzudringen fŠhig war. An den Šltesten MŠnnern und Schulen gefiel mir am besten, da§ Poesie, Religion und Philosophie ganz in eins zusammenfielen, und ich behauptete jene meine erste Meinung nur um desto lebhafter, als mir das Buch Hiob, das Hohe Lied und die SprŸchwšrter Salomonis ebenso gut als die Orphischen und Hesiodischen GesŠnge dafŸr ein gŸltiges Zeugnis abzulegen schie-


nen. Mein Freund hatte den Kleinen Brucker zum Grunde seines Vortrags gelegt, und je weiter wir vorwŠrts kamen, je weniger wu§te ich daraus zu machen. Was die ersten griechischen Philosophen wollten, konnte mir nicht deutlich werden. Sokrates galt mir fŸr einen trefflichen weisen Mann, der wohl, im Leben und Tod, sich mit Christo vergleichen lasse. Seine SchŸler hingegen schienen mir gro§e €hnlichkeit mit den Aposteln zu haben, die sich nach des Meisters Tode sogleich entzweiten und offenbar jeder nur eine beschrŠnkte Sinnesart fŸr das Rechte erkannte. Weder die SchŠrfe des Aristoteles, noch die FŸlle des Plato fruchteten bei mir im mindesten. Zu den Stoikern hingegen hatte ich schon frŸher einige Neigung gefa§t, und schallte nun den Epiktet herbei, den ich mit vieler Teilnahme studierte. Mein Freund lie§ mich ungern in dieser Einseitigkeit hingehen, von der er mich nicht abzuziehen vermochte: denn ohngeachtet seiner mannigfaltigen Studien wu§te er doch die Hauptfrage nicht ins Enge zu bringen. Er hŠtte mir nur sagen dŸrfen, da§ es im Leben blo§ aufs Tun ankomme, das Genie§en und Leiden finde sich von selbst. Indessen darf man die Jugend nur gewŠhren lassen; nicht sehr lange haftet sie an falschen Maximen; das Leben rei§t oder lockt sie bald davon wieder los.

Die Jahrszeit war schšn geworden, wir gingen oft zusammen ins Freie und besuchten die Lustšrter, die in gro§er Anzahl um die Stadt umherliegen. Aber gerade hier konnte es mir am wenigsten wohl sein: denn ich sah noch die Gespenster der Vettern Ÿberall, und fŸrchtete, bald da bald dort einen hervortreten zu sehen. Auch waren mir die gleichgŸltigsten Blicke der Menschen beschwerlich. Ich hatte jene bewu§tlose GlŸckseligkeit verloren, unbekannt und unbescholten umherzugehen und in dem grš§ten GewŸhle an keinen Beobachter zu denken. Jetzt fing der hypochondrische DŸnkel an mich zu quŠlen, als erregte ich die Aufmerksamkeit der Leute, als wŠren ihre Blicke auf mein Wesen gerichtet, es festzuhalten, zu untersuchen und zu tadeln.


Ich zog daher meinen Freund in die WŠlder, und indem ich die einfšrmigen Fichten floh, sucht' ich jene schšnen belaubten Haine, die sich zwar nicht weit und breit in der Gegend erstrecken, aber doch immer von solchem Umfange sind, da§ ein armes verwundetes Herz sich darin verbergen kann. In der grš§ten Tiefe des Waldes hatte ich mir einen ernsten Platz ausgesucht, wo die Šltesten Eichen und Buchen einen herrlich gro§en beschatteten Raum bildeten. Etwas abhŠngig war der Boden und machte das Verdienst der alten StŠmme nur desto bemerkbarer. Rings an diesen freien Kreis schlossen sich die dichtesten GebŸsche, aus denen bemooste Felsen mŠchtig und wŸrdig hervorblickten und einem wasserreichen Bach einen raschen Fall verschafften.

Kaum hatte ich meinen Freund, der sich lieber in freier Landschaft am Strom unter Menschen befand, hierher genštiget, als er mich scherzend versicherte, ich erweise mich wie ein wahrer Deutscher. UmstŠndlich erzŠhlte er mir aus dem Tacitus, wie sich unsere UrvŠter an den GefŸhlen begnŸgt, welche uns die Natur in solchen Einsamkeiten mit ungekŸnstelter Bauart so herrlich vorbereitet. Er hatte mir nicht lange davon erzŠhlt, als ich ausrief: "O! warum liegt dieser kšstliche Platz nicht in tiefer Wildnis, warum dŸrfen wir nicht einen Zaun umher fŸhren, ihn und uns zu heiligen und von der Welt abzusondern! Gewi§, es ist keine schšnere Gottesverehrung als die, zu der man kein Bild bedarf, die blo§ aus dem WechselgesprŠch mit der Natur in unserem Busen entspringt!" - Was ich damals fŸhlte, ist mir noch gegenwŠrtig; was ich sagte, wŸ§te ich nicht wieder zu finden. So viel ist aber gewi§, da§ die unbestimmten, sich weit ausdehnenden GefŸhle der Jugend und ungebildeter Všlker allein zum Erhabenen geeignet sind, das, wenn es durch, Šu§ere Dinge in uns erregt werden soll, formlos, oder zu unfa§lichen Formen gebildet, uns mit einer Grš§e umgeben mu§, der wir nicht gewachsen sind.

Eine solche Stimmung der Seele empfinden mehr oder weniger alle Menschen, sowie sie dieses edle BedŸrfnis auf


mancherlei Weise zu befriedigen suchen. Aber wie das Erhabene von DŠmmerung und Nacht, wo sich die Gestalten vereinigen, gar leicht erzeugt wird, so wird es dagegen vom Tage verscheucht, der alles sondert und trennt, und so mu§ es auch durch jede wachsende Bildung vernichtet werden, wenn es nicht glŸcklich genug ist, sich zu dem Schšnen zu flŸchten und sich innig mit ihm zu vereinigen, wodurch denn beide gleich unsterblich und unverwŸstlich sind.

Die kurzen Augenblicke solcher GenŸsse verkŸrzte mir noch mein denkender Freund; aber ganz umsonst versuchte es ich, wenn ich heraus an die Welt trat, in der lichten und mageren Umgebung ein solches GefŸhl bei mir wieder zu erregen: ja, kaum die Erinnerung davon vermochte ich zu erhalten. Mein Herz war jedoch zu verwšhnt, als da§ es sich hŠtte beruhigen kšnnen: es hatte geliebt, der Gegenstand war ihm entrissen; es hatte gelebt, und das Leben war ihm verkŸmmert. Ein Freund, der es zu deutlich merken lŠ§t, da§ er an euch zu bilden gedenkt, erregt kein Behagen; indessen eine Frau, die euch bildet, indem sie euch zu verwšhnen scheint, wie ein himmlisches freudebringendes Wesen angebetet wird. Aber jene Gestalt, an der sich der Begriff des Schšnen mir hervortat, war in die Ferne weggeschwunden; sie besuchte mich oft unter den Schatten meiner Eichen aber ich konnte sie nicht festhalten, und ich fŸhlte einen gewaltigen Trieb, etwas €hnliches in der Weite zu suchen.

Ich hatte meinen Freund und Aufseher unvermerkt gewšhnt, ja genštigt, mich allein zu lassen; denn selbst in meinem heiligen Walde taten mir jene unbestimmten riesenhaften GefŸhle nicht genug. Das Auge war vor allen anderen das Organ, womit ich die Welt fa§te. Ich hatte von Kindheit auf zwischen Malern gelebt, und mich gewšhnt, die GegenstŠnde wie sie in Bezug auf die Kunst anzusehen. Jetzt, da ich mir selbst und der Einsamkeit Ÿberlassen war, trat diese Gabe, halb natŸrlich, halb erworben, hervor; wo ich hinsah, erblickte ich ein Bild, und was mir auffiel, was mich erfreute, wollte ich festhalten, und ich fing an, auf die un-


geschickteste Weise nach der Natur zu zeichnen. Es fehlte mir hierzu nichts weniger als alles; doch blieb ich hartnŠckig daran, ohne irgend ein technisches Mittel, das Herrlichste nachbilden zu wollen, was sich meinen Augen darstellte. Ich gewann freilich dadurch eine gro§e Aufmerksamkeit auf die GegenstŠnde, aber ich fa§te sie nur im ganzen, insofern sie Wirkung taten; und so wenig mich die Natur zu einem deskriptiven Dichter bestimmt hatte, ebenso wenig wollte sie mir die FŠhigkeit eines Zeichners fŸrs einzelne verleihen. Da jedoch nur dies allein die Art war, die mir Ÿbrig blieb, mich zu Šu§ern, so hing ich mit ebenso viel HartnŠckigkeit, ja mit TrŸbsinn daran, da§ ich immer eifriger meine Arbeiten fortsetzte, je weniger ich etwas dabei herauskommen sah.

Leugnen will ich jedoch nicht, da§ sich eine gewisse Schelmerei mit einmischte: denn ich hatte bemerkt, da§, wenn ich einen halbbeschatteten alten Stamm, an dessen mŠchtig gekrŸmmte Wurzeln sich wohlbeleuchtete FarrenkrŠuter anschmiegten, von blinkenden Graslichtern begleitet, mir zu einem qualreichen Studium ausgesucht hatte, mein Freund, der aus Erfahrung wu§te, da§ unter einer Stunde da nicht loszukommen sei, sich gewšhnlich entschlo§, mit einem Buche ein anderes gefŠlliges PlŠtzchen zu suchen. Nun stšrte mich nichts, meiner Liebhaberei nachzuhŠngen, die um desto emsiger war, als mir meine BlŠtter dadurch lieb wurden, da§ ich mich gewšhnte, an ihnen nicht sowohl das zu sehen, was darauf stand, als dasjenige, was ich zu jeder Zeit und Stunde dabei gedacht hatte. So kšnnen uns KrŠuter und Blumen der gemeinsten Art ein liebes Tagebuch bilden, weil nichts, was die Erinnerung eines glŸcklichen Moments zurŸckruft, unbedeutend sein kann; und noch jetzt wŸrde es mir schwer fallen, manches dergleichen, was mir aus verschiedenen Epochen Ÿbrig geblieben, als wertlos zu vertilgen, weil es mich unmittelbar in jene Zeiten versetzt, deren ich mich zwar mit Wehmut, doch nicht ungern erinnere.

Wenn aber solche BlŠtter irgend ein Interesse an und fŸr sich haben kšnnten, so wŠren sie diesen Vorzug der Teil-


nahme und Aufmerksamkeit meines Vaters schuldig. Dieser, durch meinen Aufseher benachrichtiget, da§ ich mich nach und nach in meinen Zustand finde und besonders mich leidenschaftlich auf das Zeichnen nach der Natur gewendet habe, war damit gar wohl zufrieden, teils weil er selbst sehr viel auf Zeichnung und Malerei hielt, teils weil Gevatter Seekatz ihm einigemal gesagt hatte, es sei schade, da§ ich nicht zum Maler bestimmt sei. Allein hier kamen die Eigenheiten des Vaters und Sohns wieder zum Konflikt: denn es war mir fast unmšglich, bei meinen Zeichnungen ein gutes, wei§es, všllig reines Papier zu gebrauchen; graue veraltete, ja schon von einer Seite beschriebene BlŠtter reizten mich am meisten, eben als wenn meine UnfŠhigkeit sich vor dem PrŸfstein eines wei§en Grundes gefŸrchtet hŠtte. So war auch keine Zeichnung ganz ausgefŸllt; und wie hŠtte ich denn ein Ganzes leisten sollen, das ich wohl mit Augen sah, aber nicht begriff, und wie ein Einzelnes, das ich zwar kannte, aber dem zu folgen ich weder Fertigkeit noch Geduld hatte. Wirklich war auch in diesem Punkte die PŠdagogik meines Vaters zu bewundern. Er fragte wohlwollend nach meinen Versuchen, und zog Linien um jede unvollkommene Skizze: er wollte mich dadurch zur VollstŠndigkeit und AusfŸhrlichkeit nštigen; die unregelmŠ§igen BlŠtter schnitt er zurechte, und machte damit den Anfang zu einer Sammlung, in der er sich dereinst der Fortschritte seines Sohnes freuen wollte. Es war ihm daher keineswegs unangenehm, wenn mich mein wildes unstetes Wesen in der Gegend umhertrieb, vielmehr zeigte er sich zufrieden, wenn ich nur irgend ein Heft zurŸckbrachte, an dem er seine Geduld Ÿben und seine Hoffnungen einigerma§en stŠrken konnte.

Man sorgte nicht mehr, da§ ich in meine frŸheren Neigungen und VerhŠltnisse zurŸckfallen kšnnte, man lie§ mir nach und nach vollkommene Freiheit. Durch zufŠllige Anregung, sowie in zufŠlliger Gesellschaft stellte ich manche Wanderungen nach dem Gebirge an, das von Kindheit auf so fern und ernsthaft vor mir gestanden hatte. So besuchten


wir Homburg, Kronberg, bestiegen den Feldberg, von dem uns die weite Aussicht immer mehr in die Ferne lockte. Da blieb denn Kšnigstein nicht unbesucht; Wiesbaden, Schwalbach mit seinen Umgebungen beschŠftigten uns mehrere Tage; wir gelangten an den Rhein, den wir, von den Hšhen herab, weither schlŠngeln gesehen. Mainz setzte uns in Verwunderung, doch konnte es den jugendlichen Sinn nicht fesseln, der ins Freie ging; wir erheiterten uns an der Lage von Biebrich, und nahmen zufrieden und froh unseren RŸckweg.

Diese ganze Tour, von der sich mein Vater manches Blatt versprach, wŠre beinahe ohne Frucht gewesen: denn welcher Sinn, welches Talent, welche †bung gehšrt nicht dazu, eine weite und breite Landschaft als Bild zu begreifen! Unmerklich wieder zog es mich jedoch ins Enge, wo ich einige Ausbeute fand: denn ich traf kein verfallenes Schlo§, kein GemŠuer, das auf die Vorzeit hindeutete, da§ ich es nicht fŸr einen wŸrdigen Gegenstand gehalten und so gut als mšglich nachgebildet hŠtte. Selbst den Drusenstein auf dem Walle zu Mainz zeichnete ich mit einiger Gefahr und mit Unstatten, die ein jeder erleben mu§, der sich von Reisen einige bildliche Erinnerungen mit nach Hause nehmen will. Leider hatte ich abermals nur das schlechteste Konzeptpapier mitgenommen, und mehrere GegenstŠnde unschicklich auf ein Blatt gehŠuft; aber mein vŠterlicher Lehrer lie§ sich dadurch nicht irre machen; er schnitt die BlŠtter auseinander, lie§ das Zusammenpassende durch den Buchbinder aufziehen, fa§te die einzelnen BlŠtter in Linien und nštigte mich dadurch wirklich, die Umrisse verschiedener Berge bis an den Rand zu ziehen und den Vordergrund mit einigen KrŠutern und Steinen auszufŸllen.

Konnten seine treuen BemŸhungen auch mein Talent nicht steigern, so hatte doch dieser Zug seiner Ordnungsliebe einen geheimen Einflu§ auf mich, der sich spŠterhin auf mehr als eine Weise lebendig erwies.

Von solchen halb lebenslustigen, halb kŸnstlerischen Streifpartien, welche sich in kurzer Zeit vollbringen und šfters wie-


derholen lie§en, ward ich jedoch wieder nach Hause gezogen, und zwar durch einen Magneten, der von jeher stark auf mich wirkte; es war meine Schwester. Sie, nur ein Jahr jŸnger als ich, hatte mein ganzes bewu§tes Leben mit mir herangelebt und sich dadurch mit mir aufs innigste verbunden. Zu diesen natŸrlichen AnlŠssen gesellte sich noch ein aus unserer hŠuslichen Lage hervorgehender Drang; ein zwar liebevoller und wohlgesinnter, aber ernster Vater, der, weil er innerlich ein sehr zartes GemŸt hegte, Šu§erlich mit unglaublicher Konsequenz eine eherne Strenge vorbildete, damit er zu dem Zwecke gelangen mšge, seinen Kindern die beste Erziehung zu geben, sein wohlgegrŸndetes Haus zu erbauen, zu ordnen und zu erhalten; dagegen eine Mutter fast noch Kind, welche erst mit und in ihren beiden €ltesten zum Bewu§tsein heranwuchs; diese drei, so wie sie die Welt mit gesundem Blicke gewahr wurden, lebensfŠhig und nach gegenwŠrtigem Genu§ verlangend. Ein solcher in der Familie schwebender Widerstreit vermehrte sich mit den Jahren. Der Vater verfolgte seine Absicht unerschŸttert und ununterbrochen; Mutter und Kinder konnten ihre GefŸhle, ihre Anforderungen, ihre WŸnsche nicht aufgeben.

Unter diesen UmstŠnden war es natŸrlich, da§ Bruder und Schwester sich fest aneinanderschlossen und sich zur Mutter hielten, um die im ganzen versagten Freuden wenigstens zu erhaschen. Da aber die Stunden der Eingezogenheit und MŸhe sehr lang und weit waren gegen die Augenblicke der Erholung und des VergnŸgens, besonders fŸr meine Schwester, die das Haus niemals auf so lange Zeit als ich verlassen konnte, so ward ihr BedŸrfnis, sich mit mir zu unterhalten, noch durch die Sehnsucht geschŠrft, mit der sie mich in die Ferne begleitete.

Und so wie in den ersten Jahren Spiel und Lernen, Wachstum und Bildung den Geschwistern všllig gemein war, so da§ sie sich wohl fŸr Zwillinge halten konnten, so blieb auch unter ihnen diese Gemeinschaft, dieses Vertrauen bei Entwickelung physischer und moralischer KrŠfte. Jenes In-


teresse der Jugend, jenes Erstaunen beim Erwachen sinnlicher Triebe, die sich in geistige Formen, geistiger BedŸrfnisse, die sich in sinnliche Gestalten einkleiden, alle Betrachtungen darŸber, die uns eher verdŸstern als aufklŠren, wie ein Nebel das Tal, woraus er sich emporheben will, zudeckt und nicht erhellt, manche Irrungen und Verirrungen, die daraus entspringen, teilten und bestanden die Geschwister Hand in Hand, und wurden Ÿber ihre seltsamen ZustŠnde um desto weniger aufgeklŠrt, als die heilige Scheu der nahen Verwandtschaft sie, indem sie sich einander mehr nŠhern, ins Klare treten wollten, nur immer gewaltiger auseinander hielt.

Ungern spreche ich dies im allgemeinen aus, was ich vor Jahren darzustellen unternahm, ohne da§ ich es hŠtte ausfŸhren kšnnen. Da ich dieses geliebte unbegreifliche Wesen nur zu bald verlor, fŸhlte ich genŸgsamen Anla§, mir ihren Wert zu vergegenwŠrtigen, und so entstand bei mir der Begriff eines dichterischen Ganzen, in welchem es mšglich gewesen wŠre, ihre IndividualitŠt darzustellen: allein es lie§ sich dazu keine andere Form denken als die der Richardsonschen Romane. Nur durch das genauste Detail, durch unendliche Einzelheiten, die lebendig alle den Charakter des Ganzen tragen und, indem sie aus einer wundersamen Tiefe hervorspringen, eine Ahndung von dieser Tiefe geben; nur auf solche Weise hŠtte es einigerma§en gelingen kšnnen, eine Vorstellung dieser merkwŸrdigen Persšnlichkeit mitzuteilen: denn die Quelle kann nur gedacht werden, insofern sie flie§t. Aber von diesem schšnen und frommen Vorsatz zog mich, wie von so vielen anderen, der Tumult der Welt zurŸck, und nun bleibt mir nichts Ÿbrig, als den Schatten jenes seligen Geistes nur, wie durch HŸlfe eines magischen Spiegels, auf einen Augenblick heranzurufen.

Sie war gro§, wohl und zart gebaut und hatte etwas NatŸrlich-WŸrdiges in ihrem Betragen, das in eine angenehme Weichheit verschmolz. Die ZŸge ihres Gesichts, weder bedeutend noch schšn, sprachen von einem Wesen, das weder


mit sich einig war, noch werden konnte. Ihre Augen waren nicht die schšnsten, die ich jemals sah, aber die tiefsten, hinter denen man am meisten erwartete, und, wenn sie irgend eine Neigung, eine Liebe ausdrŸckten, einen Glanz hatten ohnegleichen; und doch war dieser Ausdruck eigentlich nicht zŠrtlich, wie der, der aus dem Herzen kommt und zugleich etwas SehnsŸchtiges und Verlangendes mit sich fŸhrt; dieser Ausdruck kam aus der Seele, er war voll und reich, er schien nur geben zu wollen, nicht des Empfangens zu bedŸrfen.

Was ihr Gesicht aber ganz eigentlich entstellte, so da§ sie manchmal wirklich hŠ§lich aussehen konnte, war die Mode jener Zeit, welche nicht allein die Stirn entblš§te, sondern auch alles tat, um sie scheinbar oder wirklich, zufŠllig oder vorsŠtzlich zu vergrš§ern. Da sie nun die weiblichste reingewšlbteste Stirn hatte und dabei ein Paar starke schwarze Augenbrauen und vorliegende Augen, so entstand aus diesen VerhŠltnissen ein Kontrast, der einen jeden Fremden fŸr den ersten Augenblick, wo nicht abstie§, doch wenigstens nicht anzog. Sie empfand es frŸh, und dies GefŸhl ward immer peinlicher, je mehr sie in die Jahre trat, wo beide Geschlechter eine unschuldige Freude empfinden, sich wechselseitig angenehm zu werden.

Niemanden kann seine eigne Gestalt zuwider sein, der HŠ§lichste wie der Schšnste hat das Recht, sich seiner Gegenwart zu freuen; und da das Wohlwollen verschšnt, und sich jedermann mit Wohlwollen im Spiegel besieht so kann man behaupten, da§ jeder sich auch mit Wohlgefallen erblicken mŸsse, selbst wenn er sich dagegen strŠuben wollte. Meine Schwester hatte jedoch eine so entschiedene Anlage zum Verstand, da§ sie hier unmšglich blind und albern sein konnte; sie wu§te vielmehr vielleicht deutlicher als billig, da§ sie hinter ihren Gespielinnen an Šu§erer Schšnheit sehr weit zurŸckstehe, ohne zu ihrem Troste zu fŸhlen, da§ sie ihnen an inneren VorzŸgen unendlich Ÿberlegen sei.

Kann ein Frauenzimmer fŸr den Mangel von Schšnheit entschŠdigt werden, so war sie es reichlich durch das unbegrenzte


Vertrauen, die Achtung und Liebe, welche sŠmtliche Freundinnen zu ihr trugen; sie mochten Šlter oder jŸnger sein, alle hegten die gleichen Empfindungen. Eine sehr angenehme Gesellschaft hatte sich um sie versammelt, es fehlte nicht an jungen MŠnnern, die sich einzuschleichen wu§ten, fast jedes MŠdchen fand einen Freund; nur sie war ohne HŠlfte geblieben. Freilich, wenn ihr €u§eres einigerma§en absto§end war, so wirkte das Innere, das hindurchblickte, mehr ablehnend als anziehend: denn die Gegenwart einer jeden WŸrde weist den andern auf sich selbst zurŸck. Sie fŸhlte es lebhaft, sie verbarg mir's nicht, und ihre Neigung wendete sich desto krŠftiger zu mir. Der Fall war eigen genug. So wie Vertraute, denen man ein LiebesverstŠndnis offenbart, durch aufrichtige Teilnahme wirklich Mitliebende werden, ja zu Rivalen heranwachsen und die Neigung zuletzt wohl auf sich selbst hinziehen, so war es mit uns Geschwistern: denn indem mein VerhŠltnis zu Gretchen zerri§, tršstete mich meine Schwester um desto ernstlicher, als sie heimlich die Zufriedenheit empfand, eine Nebenbuhlerin losgeworden zu sein; und so mu§te auch ich mit einer stillen Halbschadenfreude empfinden, wenn sie mir Gerechtigkeit widerfahren lie§, da§ ich der einzige sei, der sie wahrhaft liebe, sie kenne und sie verehre. Wenn sich nun bei mir von Zeit zu Zeit der Schmerz Ÿber Gretchens Verlust erneuerte und ich aus dem Stegreife zu weinen, zu klagen und mich ungebŠrdig zu stellen anfing, so erregte meine Verzweifelung Ÿber das Verlorene bei ihr eine gleichfalls verzweifelnde Ungeduld Ÿber das Niebesessene, Mi§lungene und VorŸbergestrichene solcher jugendlichen Neigungen, da§ wir uns beide grenzenlos unglŸcklich hielten, und um so mehr, als in diesem seltsamen Falle die Vertrauenden sich nicht in Liebende umwandeln durften.

GlŸcklicherweise mischte sich jedoch der wunderliche Liebesgott, der ohne Not so viel Unheil anrichtet, hier einmal wohltŠtig mit ein, um uns aus aller Verlegenheit zu ziehen. Mit einem jungen EnglŠnder, der sich in der Pfeilischen Pension bildete, hatte ich viel Verkehr. Er konnte von seiner


Sprache gute Rechenschaft geben, ich Ÿbte sie mit ihm und erfuhr dabei manches von seinem Lande und Volke. Er ging lange genug bei uns aus und ein, ohne da§ ich eine Neigung zu meiner Schwester an ihm bemerkte, doch mochte er sie im stillen bis zur Leidenschaft genŠhrt haben: denn endlich erklŠrte sich's unversehens und auf einmal. Sie kannte ihn, sie schŠtzte ihn, und er verdiente es. Sie war oft bei unseren englischen Unterhaltungen die Dritte gewesen, wir hatten aus seinem Munde uns beide die Wunderlichkeiten der englischen Aussprache anzueignen gesucht, und uns dadurch nicht nur das Besondere ihres Tones und Klanges, sondern sogar das Besonderste der persšnlichen Eigenheiten unseres Lehrers angewšhnt, so da§ es zuletzt seltsam genug klang, wenn wir zusammen wie aus einem Munde zu reden schienen. Seine BemŸhung, von uns auf gleiche Weise so viel vom Deutschen zu lernen, wollte nicht gelingen, und ich glaube bemerkt zu haben, da§ auch jener kleine Liebeshandel, sowohl schriftlich als mŸndlich, in englischer Sprache durchgefŸhrt wurde. Beide junge Personen schickten sich recht gut fŸr einander: er war gro§ und wohlgebaut, wie sie, nur noch schlanker; sein Gesicht, klein und eng beisammen, hŠtte wirklich hŸbsch sein kšnnen, wŠre es durch die Blattern nicht allzusehr entstellt gewesen; sein Betragen war ruhig, bestimmt, man durfte es wohl manchmal trocken und kalt nennen; aber sein Herz war voll GŸte und Liebe, seine Seele voll Edelmut und seine Neigungen so dauernd als entschieden und gelassen. Nun zeichnete sich dieses ernste Paar, das sich erst neuerlich zusammengefunden hatte, unter den anderen ganz eigen aus, die, schon mehr mit einander bekannt, von leichteren Charakteren, sorglos wegen der Zukunft, sich in jenen VerhŠltnissen leichtsinnig herumtrieben, die gewšhnlich nur als ein fruchtloses Vorspiel kŸnftiger ernsterer Verbindungen vorŸbergehen, und sehr selten eine dauernde Folge auf das Leben bewirken.

Die gute Jahrszeit, die schšne Gegend blieb fŸr eine so muntere Gesellschaft nicht unbenutzt; Wasserfahrten stellte man hŠufig an, weil diese die geselligsten von allen Lustpar-


tien sind. Wir mochten uns jedoch zu Wasser oder zu Lande bewegen, so zeigten sich gleich die einzelnen anziehenden KrŠfte; jedes Paar schlo§ sich zusammen, und fŸr einige MŠnner, die nicht versagt waren, worunter ich auch gehšrte, blieb entweder gar keine weibliche Unterhaltung, oder eine solche, die man an einem lustigen Tage nicht wŸrde gewŠhlt haben. Ein Freund, der sich in gleichem Falle befand, und dem es an einer HŠlfte hauptsŠchlich deswegen ermangeln mochte, weil es ihm, bei dem besten Humor, an ZŠrtlichkeit, und bei viel Verstand an jener Aufmerksamkeit fehlte, ohne welche sich Verbindungen solcher Art nicht denken lassen; dieser, nachdem er šfters seinen Zustand launig und geistreich beklagt, versprach, bei der nŠchsten Versammlung einen Vorschlag zu tun, wodurch ihm und dem Ganzen geholfen werden sollte. Auch verfehlte er nicht, sein Versprechen zu erfŸllen: denn als wir, nach einer glŠnzenden Wasserfahrt und einem sehr anmutigen Spaziergang, zwischen schattigen HŸgeln gelagert im Gras, oder sitzend auf bemoosten Felsen und Baumwurzeln, heiter und froh ein lŠndliches Mahl verzehrt hatten und uns der Freund alle heiter und guter Dinge sah, gebot er mit schalkhafter WŸrde einen Halbkreis sitzend zu schlie§en, vor den er hintrat und folgenderma§en emphatisch zu perorieren anfing:

"Hšchst werte Freunde und Freundinnen, Gepaarte und Ungepaarte! - Schon aus dieser Anrede erhellet, wie nštig es sei da§ ein Bu§prediger auftrete und der Gesellschaft das Gewissen schŠrfe. Ein Teil meiner edlen Freunde ist gepaart, und mag sich dabei ganz wohl befinden, ein anderer ungepaart, der befindet sich hšchst schlecht, wie ich aus eigner Erfahrung versichern kann; und wenn nun gleich die lieben Gepaarten hier die Mehrzahl ausmachen, so gebe ich ihnen doch zu bedenken, ob es nicht eben gesellige Pflicht sei, fŸr alle zu sorgen? Warum vereinigen wir uns zahlreich, als um an einander wechselseitig teilzunehmen? und wie kann das geschehen, wenn sich in unserem Kreise wieder so viele kleine Absonderungen bemerken lassen? Weit entfernt bin ich, et-


was gegen so schšne VerhŠltnisse meinen, oder nur daran rŸhren zu wollen; aber alles hat seine Zeit! ein schšnes gro§es Wort, woran freilich niemand denkt, wenn ihm fŸr Zeitvertreib hinreichend gesorgt ist."

Er fuhr darauf immer lebhafter und lustiger fort, die geselligen Tugenden den zŠrtlichen Empfindungen gegenŸberzustellen. "Diese," sagte er, "kšnnen uns niemals fehlen, wir tragen sie immer bei uns, und jeder wird darin leicht ohne †bung ein Meister; aber jene mŸssen wir aufsuchen, wir mŸssen uns um sie bemŸhen, und wir mšgen darin, so viel wir wollen, fortschreiten, so lernt man sie doch niemals ganz aus." - Nun ging er ins Besondere. Mancher mochte sich getroffen fŸhlen, und man konnte nicht unterlassen, sich unter einander anzusehen; doch hatte der Freund das Privilegium, da§ man ihm nichts Ÿbel nahm, und so konnte er ungestšrt fortfahren.

"Die MŠngel aufdecken ist nicht genug; ja, man hat unrecht solches zu tun, wenn man nicht zugleich das Mittel zu dem besseren Zustande anzugeben wei§. Ich will euch, meine Freunde, daher nicht etwa, wie ein Karwochenprediger, zur Bu§e und Besserung im allgemeinen ermahnen, vielmehr wŸnsche ich sŠmtlichen liebenswŸrdigen Paaren das lŠngste und dauerhafteste GlŸck, und um hiezu selbst auf das sicherste beizutragen, tue ich den Vorschlag, fŸr unsere geselligen Stunden diese kleinen allerliebsten Absonderungen zu trennen und aufzuheben. Ich habe," fuhr er fort, "schon fŸr die AusfŸhrung gesorgt, wenn ich Beifall finden sollte. Hier ist ein Beutel, in dem die Namen der Herren befindlich sind; ziehen Sie nun, meine Schšnen, und lassen Sie sich's gefallen, denjenigen auf acht Tage als Diener zu begŸnstigen, den Ihnen das Los zuweist. Dies gilt nur innerhalb unseres Kreises; sobald er aufgehoben ist, sind auch diese Verbindungen aufgehoben, und wer Sie nach Hause fŸhren soll, mag das Herz entscheiden."

Ein gro§er Teil der Gesellschaft war Ÿber diese Anrede und die Art, wie er sie vortrug, froh geworden und schien den Einfall zu billigen; einige Paare jedoch sahen vor sich


hin, als glaubten sie dabei nicht ihre Rechnung zu finden: deshalb rief er mit launiger Heftigkeit:

"FŸrwahr! es Ÿberrascht mich, da§ nicht jemand aufspringt, und, obgleich noch andere zaudern, meinen Vorschlag anpreist, dessen Vorteile auseinandersetzt, und mir erspart, mein eigner Lobredner zu sein. Ich bin der €lteste unter Ihnen; das mir Gott verzeihe. Schon habe ich eine Glatze, daran ist mein gro§es Nachdenkern schuld"

Hier nahm er den Hut ab -

"aber ich wŸrde sie mit Freuden und Ehren zur Schau stellen, wenn meine eignen †berlegungen, die mir die Haut austrocknen und mich des schšnsten Schmucks berauben, nur auch mir und anderen einigerma§en fšrderlich sein kšnnten. Wir sind jung, meine Freunde, das ist schšn; wir werden Šlter werden, das ist dumm; wir nehmen uns unter einander wenig Ÿbel, das ist hŸbsch und der Jahreszeit gemŠ§. Aber bald, meine Freunde, werden die Tage kommen wo wir uns selbst manches Ÿbel zu nehmen haben: da mag denn jeder sehen, wie er mit sich zurechte kommt; aber zugleich werden uns andre manches Ÿbel nehmen, und zwar wo wir es gar nicht begreifen; darauf mŸssen wir uns vorbereiten, und dieses soll nunmehr geschehen."

Er hatte die ganze Rede, besonders aber die letzte Stelle, mit Ton und GebŠrden eines Kapuziners vorgetragen: denn da er katholisch war, so mochte er genŸgsame Gelegenheit gehabt haben, die Redekunst dieser VŠter zu studieren. Nun schien er au§er Atem, trocknete sein jung-kahles Haupt, das ihm wirklich das Ansehen eines Pfaffen gab, und setzte durch diese Possen die leichtgesinnte SozietŠt in so gute Laune, da§ jedermann begierig war, ihn weiter zu hšren. Allein anstatt fortzufahren, zog er den Beutel und wendete sich zur nŠchsten Dame: "Es kommt auf einen Versuch an!" rief er aus, "das Werk wird den Meister loben. Wenn es in acht Tagen nicht gefŠllt, so geben wir es auf und es mag bei dem alten bleiben."

Halb willig, halb genštigt zogen die Damen ihre Ršllchen, und gar leicht bemerkte man, da§ bei dieser geringen Hand-


lung mancherlei Leidenschaften im Spiel waren. GlŸcklicherweise traf sich's, da§ die Heitergesinnten getrennt wurden, die Ernsteren zusammenblieben; und so behielt auch meine Schwester ihren EnglŠnder, welches sie beiderseits dem Gott der Liebe und des GlŸcks sehr gut aufnahmen. Die neuen Zufallspaare wurden sogleich von dem Antistes zusammengegeben, auf ihre Gesundheit getrunken und allen um so mehr Freude gewŸnscht als ihre Dauer nur kurz sein sollte. Gewi§ aber war dies der heiterste Moment, den unsere Gesellschaft seit langer Zeit genossen. Die jungen MŠnner, denen kein Frauenzimmer zuteil geworden, erhielten nunmehr das Amt, diese Woche Ÿber fŸr Geist, Seele und Leib zu sorgen, wie sich unser Redner ausdrŸckte, besonders aber, meinte er, fŸr die Seele, weil die beiden anderen sich schon eher selbst zu helfen wŸ§ten.

Die Vorsteher, die sich gleich Ehre machen wollten, brachten ganz artige neue Spiele schnell in Gang, bereiteten in einiger Ferne eine Abendkost, auf die man nicht gerechnet hatte, illuminierten bei unserer nŠchtlichen RŸckkehr die Jacht, ob es gleich, bei dem hellen Mondschein, nicht nštig gewesen wŠre; sie entschuldigten sich aber damit, da§ es der neuen geselligen Einrichtung ganz gemŠ§ sei, die zŠrtlichen Blicke des himmlischen Mondes durch irdische Lichter zu Ÿberscheinen. In dem Augenblick, als wir ans Land stiegen, rief unser Solon: "Ite, missa est!" Ein jeder fŸhrte die ihm durchs Los zugefallene Dame noch aus dem Schiffe und Ÿbergab sie alsdann ihrer eigentlichen HŠlfte, wogegen er sich wieder die seinige eintauschte.

Bei der nŠchsten Zusammenkunft ward diese wšchentliche Einrichtung fŸr den Sommer festgesetzt und die Verlosung abermals vorgenommen. Es war keine Frage, da§ durch diesen Scherz eine neue und unerwartete Wendung in die Gesellschaft kam, und ein jeder angeregt ward, was ihm von Geist und Anmut beiwohnte, an den Tag zu bringen und seiner augenblicklichen Schšnen auf das verbindlichste den Hof zu machen, indem er sich wohl zutraute, wenigstens fŸr eine Woche genŸgsamen Vorrat zu GefŠlligkeiten zu haben.


Man hatte sich kaum eingerichtet, als man unserem Redner, statt ihm zu danken, den Vorwurf machte, er habe das Beste seiner Rede, den Schlu§, fŸr sich behalten. Er versicherte darauf, das Beste einer Rede sei die †berredung, und wer nicht zu Ÿberreden gedenke, mŸsse gar nicht reden: denn mit der †berzeugung sei es eine mi§liche Sache. Als man ihm demohngeachtet keine Ruhe lie§, begann er sogleich eine Kapuzinade, fratzenhafter als je, vielleicht gerade darum, weil er die ernsthaftesten Dinge zu sagen gedachte. Er fŸhrte nŠmlich mit SprŸchen aus der Bibel, die nicht zur Sache pa§ten, mit Gleichnissen, die nicht trafen, mit Anspielungen, die nichts erlŠuterten, den Satz aus, da§, wer seine Leidenschaften, Neigungen, WŸnsche, VorsŠtze, Plane nicht zu verbergen wisse, in der Welt zu nichts komme, sondern aller Orten und Enden gestšrt und zum besten gehabt werde; vorzŸglich aber, wenn man in der Liebe glŸcklich sein wolle, habe man sich des tiefsten Geheimnisses zu beflei§igen.

Dieser Gedanke schlang sich durch das Ganze durch, ohne da§ eigentlich ein Wort davon wŠre gesprochen worden. Will man sich einen Begriff von diesem seltsamen Menschen machen, so bedenke man, da§ er, mit viel Anlage geboren, seine Talente und besonders seinen Scharfsinn in Jesuiterschulen ausgebildet und eine gro§e Welt- und Menschenkenntnis, aber nur von der schlimmen Seite, zusammengewonnen hatte. Er war etwa zweiundzwanzig Jahr alt, und hŠtte mich gern zum Proselyten seiner Menschenverachtung gemacht; aber es wollte nicht bei mir greifen, denn ich hatte noch immer gro§e Lust, gut zu sein und andere gut zu finden. Indessen bin ich durch ihn auf vieles aufmerksam geworden.

Das Personal einer jeden heiteren Gesellschaft vollstŠndig zu machen, gehšrt notwendig ein Akteur, welcher Freude daran hat, wenn die Ÿbrigen, um so manchen gleichgŸltigen Moment zu beleben, die Pfeile des Witzes gegen ihn richten mšgen. Ist er nicht blo§ ein ausgestopfter Sarazene, wie derjenige, an dem bei LustkŠmpfen die Ritter ihre Lanzen Ÿbten, sondern versteht er selbst zu scharmutzieren, zu necken und


aufzufordern, leicht zu verwunden und sich zurŸckzuziehen, und, indem er sich preiszugeben scheint, anderen eins zu versetzen, so kann nicht wohl etwas Anmutigeres gefunden werden. Einen solchen besa§en wir an unserem Freund Horn, dessen Name schon zu allerlei Scherzen Anla§ gab und der, wegen seiner kleinen Gestalt, immer nur Hšrnchen genannt wurde. Er war wirklich der Kleinste in der Gesellschaft, von derben, aber gefŠlligen Formen; eine Stumpfnase, ein etwas aufgeworfener Mund, kleine funkelnde Augen bildeten ein schwarzbraunes Gesicht, das immer zum Lachen aufzufordern schien. Sein kleiner gedrungener SchŠdel war mit krausen schwarzen Haaren reich besetzt, sein Bart frŸhzeitig blau, den er gar zu gern hŠtte wachsen lassen, um als komische Maske die Gesellschaft immer im Lachen zu erhalten. †brigens war er nett und behend, behauptete aber krumme Beine zu haben, welches man ihm zugab, weil er es gern so wollte, worŸber denn mancher Scherz entstand: denn weil er als ein sehr guter TŠnzer gesucht wurde, so rechnete er es unter die Eigenheiten des Frauenzimmers, da§ sie die krummen Beine immer auf dem Plane sehen wollten. Seine Heiterkeit war unverwŸstlich und seine Gegenwart bei jeder Zusammenkunft unentbehrlich. Wir beide schlossen uns um so enger an einander, als er mir auf die Akademie folgen sollte; und er verdient wohl, da§ ich seiner in allen Ehren gedenke, da er viele Jahre mit unendlicher Liebe, Treue und Geduld an mir gehalten hat.

Durch meine Leichtigkeit, zu reimen und gemeinen GegenstŠnden eine poetische Seite abzugewinnen, hatte er sich gleichfalls zu solchen Arbeiten verfŸhren lassen. Unsere kleinen geselligen Reisen, Lustpartien und die dabei vorkommenden ZufŠlligkeiten stutzten wir poetisch auf, und so entstand durch die Schilderung einer Begebenheit immer eine neue Begebenheit. Weil aber gewšhnlich dergleichen gesellige Scherze auf Verspottung hinauslaufen, und Freund Horn mit seinen burlesken Darstellungen nicht immer in den gehšrigen Grenzen blieb, so gab es manchmal Verdru§, der aber bald wieder gemildert und getilgt werden konnte.


So versuchte er sich auch in einer Dichtungsart, welche sehr an der Tagesordnung war, im komischen Heldengedicht. Popes "Lockenraub" hatte viele Nachahmungen erweckt; ZachariŠ kultivierte diese Dichtart auf deutschem Grund und Boden, und jedermann gefiel sie, weil der gewšhnliche Gegenstand derselben irgend ein lŠppischer Mensch war, den die Genien zum besten hatten, indem sie den besseren begŸnstigten.

Es ist nicht wunderbar, aber es erregt doch Verwunderung, wenn man bei Betrachtung einer Literatur, besonders der deutschen, beobachtet, wie eine ganze Nation von einem einmal gegebenen und in einer gewissen Form mit GlŸck behandelten Gegenstand nicht wieder loskommen kann, sondern ihn auf alle Weise wiederholt haben will; da denn zuletzt, unter den angehŠuften Nachahmungen, das Original selbst verdeckt und erstickt wird.

Das Heldengedicht meines Freundes war ein Beleg zu dieser Bemerkung. Bei einer gro§en Schlittenfahrt wird einem tŠppischen Menschen ein Frauenzimmer zuteil, das ihn nicht mag; ihm begegnet neckisch genug ein UnglŸck nach dem andern, das bei einer solchen Gelegenheit sich ereignen kann, bis er zuletzt, als er sich das Schlittenrecht erbittet, von der Pritsche fŠllt, wobei ihm denn, wie natŸrlich, die Geister ein Bein gestellt haben. Die Schšne ergreift die ZŸgel und fŠhrt allein nach Hause; ein begŸnstigter Freund empfŠngt sie und triumphiert Ÿber den anma§lichen Nebenbuhler. †brigens war es sehr artig ausgedacht, wie ihn die vier verschiedenen Geister nach und nach beschŠdigen, bis ihn endlich die Gnomen gar aus dem Sattel heben. Das Gedicht, in Alexandrinern geschrieben, auf eine wahre Geschichte gegrŸndet, ergetzte unser kleines Publikum gar sehr, und man war Ÿberzeugt, da§ es sich mit der "Walpurgisnacht" von Lšwen oder dem "Renommisten" von ZachariŠ gar wohl messen kšnne.

Indem nun unsere geselligen Freuden nur einen Abend und die Vorbereitungen dazu wenige Stunden erforderten, so hatte ich Zeit genug zu lesen und, wie ich glaubte, zu studieren. Meinem Vater zu Liebe repetierte ich flei§ig den Kleinen Hoppe,


und konnte mich vorwŠrts und rŸckwŠrts darin examinieren lassen, wodurch ich mir denn den Hauptinhalt der "Institutionen" vollkommen zu eigen machte. Allein unruhige Wi§begierde trieb mich weiter, ich geriet in die Geschichte der alten Literatur und von da in einen EnzyklopŠdismus, indem ich Gesners "Isagoge" und Morhofs "Polyhistor" durchlief, und mir dadurch einen allgemeinen Begriff erwarb, wie manches Wunderliche in Lehr und Leben schon mochte vorgekommen sein. Durch diesen anhaltenden und hastigen, Tag und Nacht fortgesetzten Flei§ verwirrte ich mich eher, als ich mich bildete; ich verlor mich aber in ein noch grš§eres Labyrinth, als ich Baylen in meines Vaters Bibliothek fand und mich in denselben vertiefte.

Eine HauptŸberzeugung aber, die sich immer in mir erneuerte, war die Wichtigkeit der alten Sprachen: denn so viel drŠngte sich mir aus dem literarischen Wirrwarr immer wieder entgegen, da§ in ihnen alle Muster der RedekŸnste und zugleich alles andere WŸrdige, was die Welt jemals besessen, aufbewahrt sei. Das HebrŠische sowie die biblischen Studien waren in den Hintergrund getreten, das Griechische gleichfalls, da meine Kenntnisse desselben sich nicht Ÿber das Neue Testament hinaus erstreckten. Desto ernstlicher hielt ich mich ans Lateinische, dessen Musterwerke uns nŠher liegen und das uns, nebst so herrlichen Originalproduktionen, auch den Ÿbrigen Erwerb aller Zeiten in †bersetzungen und Werken der grš§ten Gelehrten darbietet. Ich las daher viel in dieser Sprache mit gro§er Leichtigkeit, und durfte glauben die Autoren zu verstehen, weil mir am buchstŠblichen Sinne nichts abging. Ja, es verdro§ mich gar sehr, als ich vernahm, Grotius habe ŸbermŸtig geŠu§ert, er lese den Terenz anders als die Knaben. GlŸckliche BeschrŠnkung der Jugend! ja der Menschen Ÿberhaupt, da§ sie sich in jedem Augenblicke ihres Daseins fŸr vollendet halten kšnnen, und weder nach Wahrem noch Falschem, weder nach Hohem noch Tiefem fragen, sondern blo§ nach dem, was ihnen gemŠ§ ist.

So hatte ich denn das Lateinische gelernt wie das Deut-


sche, das Franzšsische, das Englische, nur aus dem Gebrauch, ohne Regel und ohne Begriff. Wer den damaligen Zustand des Schulunterrichts kennt, wird nicht seltsam finden, da§ ich die Grammatik Ÿbersprang, sowie die Redekunst: mir schien alles natŸrlich zuzugehen, ich behielt die Worte, ihre Bildungen und Umbildungen in Ohr und Sinn, und bediente mich der Sprache mit Leichtigkeit zum Schreiben und SchwŠtzen.

Michael, die Zeit, da ich die Akademie besuchen sollte, rŸckte heran, und mein Inneres ward ebenso sehr vom Leben als von der Lehre bewegt. Eine Abneigung gegen meine Vaterstadt ward mir immer deutlicher. Durch Gretchens Entfernung war der Knaben - und JŸnglingspflanze das Herz ausgebrochen; sie brauchte Zeit, um an den Seiten wieder auszuschlagen und den ersten Schaden durch neues Wachstum zu Ÿberwinden. Meine Wanderungen durch die Stra§en hatten aufgehšrt, ich ging nur, wie andere, die notwendigen Wege. Nach Gretchens Viertel kam ich nie wieder, nicht einmal in die Gegend; und wie mir meine alten Mauern und TŸrme nach und nach verleideten, so mi§fiel mir auch die Verfassung der Stadt, alles, was mir sonst so ehrwŸrdig vorkam, erschien mir in verschobenen Bildern. Als Enkel des Schulthei§en waren mir die heimlichen Gebrechen einer solchen Republik nicht unbekannt geblieben, um so weniger, als Kinder ein ganz eignes Erstaunen fŸhlen und zu emsigen Untersuchungen angereizt werden, sobald ihnen etwas, das sie bisher unbedingt verehrt, einigerma§en verdŠchtig wird. Der vergebliche Verdru§ rechtschaffener MŠnner im Widerstreit mit solchen, die von Parteien zu gewinnen, wohl gar zu bestechen sind, war mir nur zu deutlich geworden, ich ha§te jede Ungerechtigkeit Ÿber die Ma§en: denn die Kinder sind alle moralische Rigoristen. Mein Vater, in die Angelegenheiten der Stadt nur als Privatmann verflochten, Šu§erte sich im Verdru§ Ÿber manches Mi§lungene sehr lebhaft. Und sah ich ihn nicht, nach so viel Studien, BemŸhungen, Reisen und mannigfaltiger Bildung, endlich zwischen seinen Brandmauern ein einsames Leben fŸhren, wie ich mir es nicht wŸnschen konnte? Dies zu-


sammen lag als eine entsetzliche Last auf meinem GemŸte, von der ich mich nur zu befreien wu§te, indem ich mir einen ganz anderen Lebensplan, als den mir vorgeschriebenen, zu ersinnen trachtete. Ich warf in Gedanken die juristischen Studien weg und widmete mich allein den Sprachen, den AltertŸmern, der Geschichte und allem, was daraus hervorquillt.

Zwar machte mir jederzeit die poetische Nachbildung dessen, was ich an mir selbst, an anderen und an der Natur gewahr geworden, das grš§te VergnŸgen. Ich tat es mit immer wachsender Leichtigkeit, weil es aus Instinkt geschah und keine Kritik mich irre gemacht hatte; und wenn ich auch meinen Produktionen nicht recht traute, so konnte ich sie wohl als fehlerhaft, aber nicht als ganz verwerflich ansehen. Ward mir dieses oder jenes daran getadelt, so blieb es doch im stillen meine †berzeugung, da§ es nach und nach immer besser werden mŸ§te, und da§ ich wohl einmal neben Hagedorn, Gellert und anderen solchen MŠnnern mit Ehre dŸrfte genannt werden. Aber eine solche Bestimmung allein schien mir allzu leer und unzulŠnglich; ich wollte mich mit Ernst zu jenen grŸndlichen Studien bekennen, und, indem ich, bei einer vollstŠndigeren Ansicht des Altertums, in meinen eigenen Werken rascher vorzuschreiten dachte, mich zu einer akademischen Lehrstelle fŠhig machen, welche mir das WŸnschenswerteste schien fŸr einen jungen Mann, der sich selbst auszubilden und zur Bildung anderer beizutragen gedachte.

Bei diesen Gesinnungen hatte ich immer Gšttingen im Auge. Auf MŠnnern wie Heyne, Michaelis und so manchem anderen ruhte mein ganzes Vertrauen; mein sehnlichster Wunsch war, zu ihren FŸ§en zu sitzen und auf ihre Lehren zu merken. Aber mein Vater blieb unbeweglich. Was auch einige Hausfreunde, die meiner Meinung waren, auf ihn zu wirken suchten: er bestand darauf, da§ ich nach Leipzig gehen mŸsse. Nun hielt ich den Entschlu§, da§ ich, gegen seine Gesinnungen und Willen, eine eigne Studien- und Lebensweise ergreifen wollte, erst recht fŸr Notwehr. Die HartnŠckigkeit meines Vaters, der, ohne es zu wissen, sich meinen PlŠnen ent-


gegensetzte, bestŠrkte mich in meiner ImpietŠt, da§ ich mir gar kein Gewissen daraus machte, ihm Stunden lang zuzuhšren, wenn er mir den Kursus der Studien und des Lebens, wie ich ihn auf Akademien und in der Welt zu durchlaufen hŠtte, vorerzŠhlte und wiederholte.

Da mir alle Hoffnung nach Gšttingen abgeschnitten war, wendete ich nun meinen Blick nach Leipzig. Dort erschien mir Ernesti als ein helles Licht, auch Morus erregte schon viel Vertrauen. Ich ersann mir im stillen einen Gegenkursus, oder vielmehr ich baute ein Luftschlo§ auf einen ziemlich soliden Grund; und es schien mir sogar romantisch ehrenvoll, sich seine eigne Lebensbahn vorzuzeichnen, die mir um so weniger phantastisch vorkam, als Griesbach auf dem Šhnlichen Wege schon gro§e Fortschritte gemacht hatte und deshalb von jedermann gerŸhmt wurde. Die heimliche Freude eines Gefangenen, wenn er seine Ketten abgelšst und die Kerkergitter bald durchgefeilt hat, kann nicht grš§er sein, als die meine war, indem ich die Tage schwinden und den Oktober herannahen sah. Die unfreundliche Jahreszeit, die bšsen Wege, von denen jedermann zu erzŠhlen wu§te, schreckten mich nicht. Der Gedanke, an einem fremden Orte zu Winterszeit Einstand geben zu mŸssen, machte mich nicht trŸbe; genug, ich sah nur meine gegenwŠrtigen VerhŠltnisse dŸster, und stellte mir die Ÿbrige unbekannte Welt licht und heiter vor. So bildete ich mir meine TrŠume, denen ich ausschlie§lich nachhing, und versprach mir in der Ferne nichts als GlŸck und Zufriedenheit.

So sehr ich auch gegen jedermann von diesen meinen VorsŠtzen ein Geheimnis machte, so konnte ich sie doch meiner Schwester nicht verbergen, die, nachdem sie anfangs darŸber sehr erschrocken war, sich zuletzt beruhigte, als ich ihr versprach sie nachzuholen, damit sie sich meines erworbenen glŠnzenden Zustandes mit mir erfreuen und an meinem Wohlbehagen teilnehmen kšnnte.

Michael kam endlich, sehnlich erwartet, heran, da ich denn mit dem BuchhŠndler Fleischer und dessen Gattin, einer ge-


borenen Triller, welche ihren Vater in Wittenberg besuchen wollte, mit VergnŸgen abfuhr, und die werte Stadt, die mich geboren und erzogen, gleichgŸltig hinter mir lie§, als wenn ich sie nie wieder betreten wollte.

So lšsen sich in gewissen Epochen Kinder von Eltern, Diener von Herren, BegŸnstigte von Gšnnern los, und ein solcher Versuch, sich auf seine FŸ§e zu stellen, sich unabhŠngig zu machen, fŸr sein eigen Selbst zu leben, er gelinge oder nicht, ist immer dem Willen der Natur gemŠ§.

Wir waren zur Allerheiligenpforte hinausgefahren und hatten bald Hanau hinter uns, da ich denn zu Gegenden gelangte, die durch ihre Neuheit meine Aufmerksamkeit erregten, wenn sie auch in der jetzigen Jahrszeit wenig Erfreuliches darboten. Ein anhaltender Regen hatte die Wege Šu§erst verdorben, welche Ÿberhaupt noch nicht in den guten Stand gesetzt waren, in welchem wir sie nachmals finden; und unsere Reise war daher weder angenehm noch glŸcklich. Doch verdankte ich dieser feuchten Witterung den Anblick eines NaturphŠnomens, das wohl hšchst selten sein mag; denn ich habe nichts €hnliches jemals wieder gesehen, noch auch von anderen, da§ sie es gewahrt hŠtten, vernommen. Wir fuhren nŠmlich zwischen Hanau und Gelnhausen bei Nachtzeit eine Anhšhe hinauf, und wollten, ob es gleich finster war, doch lieber zu Fu§e gehen, als uns der Gefahr und Beschwerlichkeit dieser Wegstrecke aussetzen. Auf einmal sah ich an der rechten Seite des Wegs, in einer Tiefe, eine Art von wundersam erleuchtetem Amphitheater. Es blinkten nŠmlich in einem trichterfšrmigen Raume unzŠhlige Lichtchen stufenweise Ÿber einander, und leuchteten so lebhaft, da§ das Auge davon geblendet wurde. Was aber den Blick noch mehr verwirrte, war, da§ sie nicht etwa still sa§en, sondern hin und wider hŸpften, sowohl von oben nach unten, als umgekehrt und nach allen Seiten. Die meisten jedoch blieben ruhig und flimmerten fort. Nur hšchst ungern lie§ ich mich von diesem Schauspiel abrufen, das ich genauer zu beobachten gewŸnscht hŠtte. Auf Befragen wollte der Postillon zwar von einer solchen Er-


scheinung nichts wissen, sagte aber, da§ in der NŠhe sich ein alter Steinbruch befinde, dessen mittlere Vertiefung mit Wasser angefŸllt sei. Ob dieses nun ein PandŠmonium von Irrlichtern oder eine Gesellschaft von leuchtenden Geschšpfen gewesen, will ich nicht entscheiden.

Durch ThŸringen wurden die Wege noch schlimmer, und leider blieb unser Wagen in der Gegend von AuerstŠdt bei einbrechender Nacht stecken. Wir waren von allen Menschen entfernt, und taten das mšgliche, uns los zu arbeiten. Ich ermangelte nicht, mich mit Eifer anzustrengen, und mochte mir dadurch die BŠnder der Brust ŸbermŠ§ig ausgedehnt haben; denn ich empfand bald nachher einen Schmerz, der verschwand und wiederkehrte und erst nach vielen Jahren mich všllig verlie§.

Doch sollte ich noch in derselbigen Nacht, als wenn sie recht zu abwechselnden Schicksalen bestimmt gewesen wŠre, nach einem unerwartet glŸcklichen Ereignis einen neckischen Verdru§ empfinden. Wir trafen nŠmlich in AuerstŠdt ein vornehmes Ehepaar, das, durch Šhnliche Schicksale verspŠtet, eben auch erst angekommen war; einen ansehnlichen wŸrdigen Mann in den besten Jahren mit einer sehr schšnen Gemahlin. Zuvorkommend veranla§ten sie uns, in ihrer Gesellschaft zu speisen, und ich fand mich sehr glŸcklich, als die treffliche Dame ein freundliches Wort an mich wenden wollte. Als ich aber hinausgesandt ward, die gehoffte Suppe zu beschleunigen, Ÿberfiel mich, der ich freilich des Wachens und der Reisebeschwerden nicht gewohnt war, eine so unŸberwindliche Schlafsucht, da§ ich ganz eigentlich im Gehen schlief, mit dem Hut auf dem Kopfe wieder in das Zimmer trat, mich, ohne zu bemerken, da§ die anderen ihr Tischgebet verrichteten, bewu§tlos gelassen gleichfalls hinter den Stuhl stellte, und mir nicht trŠumen lie§, da§ ich durch mein Betragen ihre Andacht auf eine sehr lustige Weise zu stšren gekommen sei. Madame Fleischer, der es weder an Geist und Witz, noch an Zunge fehlte, ersuchte die Fremden, noch ehe man sich setzte, sie mšchten nicht auffallend finden, was sie


hier mit Augen sŠhen; der junge ReisegefŠhrte habe gro§e Anlage zum QuŠker, welche Gott und den Kšnig nicht besser zu verehren glaubten, als mit bedecktem Haupte. Die schšne Dame, die sich des Lachens nicht enthalten konnte, ward dadurch nur noch schšner, und ich hŠtte alles in der Welt darum gegeben, nicht Ursache an einer Heiterkeit gewesen zu sein, die ihr so fŸrtrefflich zu Gesicht stand. Ich hatte jedoch den Hut kaum beiseitegebracht, als die Personen, nach ihrer Weltsitte, den Scherz sogleich fallen lie§en, und durch den besten Wein aus ihrem Flaschenkeller Schlaf, Mi§mut und das Andenken an alle vergangenen †bel všllig auslšschten.

Als ich in Leipzig ankam, war es gerade Me§zeit, woraus mir ein besonderes VergnŸgen entsprang: denn ich sah hier die Fortsetzung eines vaterlŠndischen Zustandes vor mir, bekannte Waren und VerkŠufer, nur an anderen PlŠtzen und in einer anderen Folge. Ich durchstrich den Markt und die Buden mit vielem Anteil; besonders aber zogen meine Aufmerksamkeit an sich, in ihren seltsamen Kleidern, jene Bewohner der šstlichen Gegenden, die Polen und Russen, vor allen aber die Griechen, deren ansehnlichen Gestalten und wŸrdigen Kleidungen ich gar oft zu Gefallen ging.

Diese lebhafte Bewegung war jedoch bald vorŸber, und nun trat mir die Stadt selbst mit ihren schšnen, hohen und unter einander gleichen GebŠuden entgegen. Sie machte einen sehr guten Eindruck auf mich, und es ist nicht zu leugnen, da§ sie Ÿberhaupt, besonders aber in stillen Momenten der Sonn- und Feiertage, etwas Imposantes hat, so wie denn auch im Mondschein die Stra§en, halb beschattet, halb erleuchtet, mich oft zu nŠchtlichen Promenaden einluden.

Indessen genŸgte mir gegen das, was ich bisher gewohnt war, dieser neue Zustand keineswegs. Leipzig ruft dem Beschauer keine altertŸmliche Zeit zurŸck; es ist eine neue, kurz vergangene, von HandelstŠtigkeit, Wohlhabenheit, Reichtum zeugende Epoche, die sich uns in diesen Denkmalen ankŸndet. Jedoch ganz nach meinem Sinn waren die mir ungeheuer scheinenden GebŠude, die, nach zwei Stra§en ihr Gesicht wen-


dend, in gro§en, himmelhoch umbauten HofrŠumen eine bŸrgerliche Welt umfassend, gro§en Burgen, ja HalbstŠdten Šhnlich sind. In einem dieser seltsamen RŠume quartierte ich mich ein, und zwar in der "Feuerkugel" zwischen dem Alten und Neuen Neumarkt. Ein paar artige Zimmer, die in den Hof sahen, der wegen des Durchgangs nicht unbelebt war, bewohnte der BuchhŠndler Fleischer wŠhrend der Messe, und ich fŸr die Ÿbrige Zeit um einen leidlichen Preis. Als Stubennachbarn fand ich einen Theologen, der in seinem Fache grŸndlich unterrichtet, wohldenkend, aber arm war, und, was ihm gro§e Sorge fŸr die Zukunft machte, sehr an den Augen litt. Er hatte sich dieses †bel durch ŸbermŠ§iges Lesen bis in die tiefste DŠmmerung, ja sogar, um das wenige zu ersparen, bei Mondschein zugezogen. Unsere alte Wirtin erzeigte sich wohltŠtig gegen ihn, gegen mich jederzeit freundlich, und gegen beide sorgsam.

Nun eilte ich mit meinem Empfehlungsschreiben zu Hofrat Bšhme, der, ein Zšgling von Mascov, nunmehr sein Nachfolger, Geschichte und Staatsrecht lehrte. Ein kleiner, untersetzter, lebhafter Mann empfing mich freundlich genug und stellte mich seiner Gattin vor. Beide, sowie die Ÿbrigen Personen, denen ich aufwartete, gaben mir die beste Hoffnung wegen meines kŸnftigen Aufenthaltes; doch lie§ ich mich anfangs gegen niemand merken, was ich im Schilde fŸhrte, ob ich gleich den schicklichen Moment kaum erwarten konnte, wo ich mich von der Jurisprudenz frei und dem Studium der Alten verbunden erklŠren wollte. Vorsichtig wartete ich ab, bis Fleischers wieder abgereist waren, damit mein Vorsatz nicht allzu geschwind den Meinigen verraten wŸrde. Sodann aber ging ich ohne Anstand zu Hofrat Bšhmen, dem ich vor allen die Sache glaubte vertrauen zu mŸssen, und erklŠrte ihm, mit vieler Konsequenz und Parrhesie, meine Absicht. Allein ich fand keineswegs eine gute Aufnahme meines Vortrags. Als Historiker und Staatsrechtler hatte er einen erklŠrten Ha§ gegen alles, was nach schšnen Wissenschaften schmeckte. UnglŸcklicherweise stand er mit denen, welche sie kultivierten,


nicht im besten Vernehmen, und Gellerten besonders, fŸr den ich, ungeschickt genug, viel Zutrauen geŠu§ert hatte, konnte er nun gar nicht leiden. Jenen MŠnnern also einen treuen Zuhšrer zuzuweisen, sich selbst aber einen zu entziehen, und noch dazu unter solchen UmstŠnden, schien ihm ganz und gar unzulŠssig. Er hielt mir daher aus dem Stegreif eine gewaltige Strafpredigt, worin er beteuerte, da§ er ohne Erlaubnis meiner Eltern einen solchen Schritt nicht zugeben kšnne, wenn er ihn auch, wie hier der Fall nicht sei, selbst billigte. Er verunglimpfte darauf leidenschaftlich Philologie und Sprachstudien, noch mehr aber die poetischen †bungen, die ich freilich im Hintergrunde hatte durchblicken lassen. Er schlo§ zuletzt, da§, wenn ich ja dem Studium der Alten mich nŠhern wolle, solches viel besser auf dem Wege der Jurisprudenz geschehen kšnne. Er brachte mir so manchen eleganten Juristen, Everhard Otto und Heineccius, ins GedŠchtnis, versprach mir von den ršmischen AltertŸmern und der Rechtsgeschichte goldne Berge, und zeigte mir sonnenklar, da§ ich hier nicht einmal einen Umweg mache, wenn ich auch spŠterhin noch jenen Vorsatz, nach reiferer †berlegung und mit Zustimmung meiner Eltern, auszufŸhren gedŠchte. Er ersuchte mich freundlich, die Sache nochmals zu Ÿberlegen und ihm meine Gesinnungen bald zu eršffnen, weil es nštig sei, wegen bevorstehenden Anfangs der Kollegien, sich zunŠchst zu entschlie§en.

Es war noch ganz artig von ihm, nicht auf der Stelle in mich zu dringen. Seine Argumente und das Gewicht, womit er sie vortrug, hatten meine biegsame Jugend schon Ÿberzeugt, und ich sah nun erst die Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten einer Sache, die ich mir im stillen so tulich ausgebildet hatte. Frau Hofrat Bšhme lie§ mich kurz darauf zu sich einladen. Ich fand sie allein. Sie war nicht mehr jung und sehr krŠnklich, unendlich sanft und zart, und machte gegen ihren Mann, dessen GutmŸtigkeit sogar polterte, einen entschiedenen Kontrast. Sie brachte mich auf das von ihrem Manne neulich gefŸhrte GesprŠch, und stellte mir die Sache nochmals so freundlich, liebevoll und verstŠndig im ganzen Umfange vor,


da§ ich mich nicht enthalten konnte nachzugeben; die wenigen Reservationen, auf denen ich bestand, wurden von jener Seite denn auch bewilligt.

Der Gemahl regulierte darauf meine Stunden: da sollte ich denn Philosophie, Rechtsgeschichte und Institutionen und noch einiges andere hšren. Ich lie§ mir das gefallen; doch setzte ich durch, Gellerts Literargeschichte Ÿber Stockhausen und au§erdem sein Praktikum zu frequentieren.

Die Verehrung und Liebe, welche Gellert von allen jungen Leuten geno§, war au§erordentlich. Ich hatte ihn schon besucht und war freundlich von ihm aufgenommen worden. Nicht gro§ von Gestalt, zierlich aber nicht hager, sanfte, eher traurige Augen, eine sehr schšne Stirn, eine nicht Ÿbertriebene Habichtsnase, ein feiner Mund, ein gefŠlliges Oval des Gesichts: alles machte seine Gegenwart angenehm und wŸnschenswert. Es kostete einige MŸhe, zu ihm zu gelangen. Seine zwei Famuli schienen Priester, die ein Heiligtum bewahren, wozu nicht jedem, noch zu jeder Zeit, der Zutritt erlaubt ist; und eine solche Vorsicht war wohl notwendig: denn er wŸrde seinen ganzen Tag aufgeopfert haben, wenn er alle die Menschen, die sich ihm vertraulich zu nŠhern gedachten, hŠtte aufnehmen und befriedigen wollen.

Meine Kollegia besuchte ich anfangs emsig und treulich; die Philosophie wollte mich jedoch keineswegs aufklŠren. In der Logik kam es mir wunderlich vor, da§ ich diejenigen Geistesoperationen, die ich von Jugend auf mit der grš§ten Bequemlichkeit verrichtete, so aus einander zerren, vereinzelnen und gleichsam zerstšren sollte, um den rechten Gebrauch derselben einzusehen. Von dem Dinge, von der Welt, von Gott glaubte ich ungefŠhr so viel zu wissen als der Lehrer selbst, und es schien mir an mehr als einer Stelle gewaltig zu hapern. Doch ging alles noch in ziemlicher Folge bis gegen Fastnacht, wo in der NŠhe des Professor Winckler auf dem Thomasplan, gerade um die Stunde, die kšstlichsten KrŠpfel hei§ aus der Pfanne kamen, welche uns denn dergestalt verspŠteten, da§ unsere Hefte locker wurden, und das Ende derselben gegen


das FrŸhjahr mit dem Schnee zugleich verschmolz und sich verlor.

Mit den juristischen Kollegien ward es bald ebenso schlimm: denn ich wu§te gerade schon so viel, als uns der Lehrer zu Ÿberliefern fŸr gut fand. Mein erst hartnŠckiger Flei§ im Nachschreiben wurde nach und nach gelŠhmt, indem ich es hšchst langweilig fand, dasjenige nochmals aufzuzeichnen, was ich bei meinem Vater, teils fragend, teils antwortend, oft genug wiederholt hatte, um es fŸr immer im GedŠchtnis zu behalten. Der Schaden, den man anrichtet, wenn man junge Leute auf Schulen in manchen Dingen zu weit fŸhrt, hat sich spŠterhin noch mehr ergeben, da man den SprachŸbungen und der BegrŸndung in dem, was eigentliche Vorkenntnisse sind, Zeit und Aufmerksamkeit abbrach, um sie an sogenannte RealitŠten zu wenden, welche mehr zerstreuen als bilden, wenn sie nicht methodisch und vollstŠndig Ÿberliefert werden.

Noch ein anderes †bel, wodurch Studierende sehr bedrŠngt sind, erwŠhne ich hier beilŠufig. Professoren, so gut wie andere in €mtern angestellte MŠnner, kšnnen nicht alle von einem Alter sein; da aber die jŸngeren eigentlich nur lehren, um zu lernen, und noch dazu, wenn sie gute Kšpfe sind, dem Zeitalter voreilen, so erwerben sie ihre Bildung durchaus auf Unkosten der Zuhšrer, weil diese nicht in dem unterrichtet werden, was sie eigentlich brauchen, sondern in dem, was der Lehrer fŸr sich zu bearbeiten nštig findet. Unter den Šltesten Professoren dagegen sind manche schon lange Zeit stationŠr; sie Ÿberliefern im ganzen nur fixe Ansichten, und, was das einzelne betrifft, vieles, was die Zeit schon als unnŸtz und falsch verurteilt hat. Durch beides entsteht ein trauriger Konflikt, zwischen welchem junge Geister hin und her gezerrt werden, und welcher kaum durch die Lehrer des mittleren Alters, die, obschon genugsam unterrichtet und gebildet, doch immer noch ein tŠtiges Streben zum Wissen und Nachdenken bei sich empfinden, ins gleiche gebracht werden kann.

Wie ich nun auf diesem Wege viel mehreres kennen als zurechte legen lernte, wodurch sich ein immer wachsendes Mi§-


behagen in mir hervordrang, so hatte ich auch vom Leben manche kleine Unannehmlichkeiten; wie man denn, wenn man den Ort verŠndert und in neue VerhŠltnisse tritt, immer Einstand geben mu§. Das erste, was die Frauen an mir tadelten, bezog sich auf die Kleidung; denn ich war vom Hause freilich etwas wunderlich equipiert auf die Akademie gelangt.

Mein Vater, dem nichts so sehr verha§t war, als wenn etwas vergeblich geschah, wenn jemand seine Zeit nicht zu brauchen wu§te, oder sie zu benutzen keine Gelegenheit fand, trieb seine …konomie mit Zeit und KrŠften so weit, da§ ihm nichts mehr VergnŸgen machte, als zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Er hatte deswegen niemals einen Bedienten, der nicht im Hause zu noch etwas nŸtzlich gewesen wŠre. Da er nun von jeher alles mit eigener Hand schrieb und spŠter die Bequemlichkeit hatte, jenem jungen Hausgenossen in die Feder zu diktieren, so fand er am vorteilhaftesten, Schneider zu Bedienten zu haben, welche die Stunden gut anwenden mu§ten, indem sie nicht allein ihre Livreien, sondern auch die Kleider fŸr Vater und Kinder zu fertigen, nicht weniger alles Flickwerk zu besorgen hatten. Mein Vater war selbst um die besten TŸcher und Zeuge bemŸht, indem er auf den Messen von auswŠrtigen Handelsherren feine Ware bezog und sie in seinen Vorrat legte; wie ich mich denn noch recht wohl erinnere, da§ er die Herrn von Loewenich von Aachen jederzeit besuchte, und mich von meiner frŸhesten Jugend an mit diesen und anderen vorzŸglichen Handelsherren bekannt machte.

FŸr die TŸchtigkeit des Zeugs war also gesorgt und genugsamer Vorrat verschiedener Sorten TŸcher, Sarschen, Gšttinger Zeug, nicht weniger das nštige Unterfutter vorhanden, so da§ wir, dem Stoff nach, uns wohl hŠtten dŸrfen sehen lassen; aber die Form verdarb meist alles: denn wenn ein solcher Hausschneider allenfalls ein guter Geselle gewesen wŠre, um einen meisterhaft zugeschnittenen Rock wohl zu nŠhen und zu fertigen, so sollte er nun auch das Kleid selbst zuschneiden, und dieses geriet nicht immer zum besten. Hiezu kam


noch, da§ mein Vater alles, was zu seinem Anzuge gehšrte, sehr gut und reinlich hielt und viele Jahre mehr bewahrte als benutzte, daher eine Vorliebe fŸr gewissen alten Zuschnitt und Verzierungen trug, wodurch unser Putz mitunter ein wunderliches Ansehen bekam.

Auf eben diesem Wege hatte man auch meine Garderobe, die ich mit auf die Akademie nahm, zustande gebracht; sie war recht vollstŠndig und ansehnlich und sogar ein Tressenkleid darunter. Ich, diese Art von Aufzug schon gewohnt, hielt mich fŸr geputzt genug; allein es wŠhrte nicht lange, so Ÿberzeugten mich meine Freundinnen, erst durch leichte Neckereien, dann durch vernŸnftige Vorstellungen, da§ ich wie aus einer fremden Welt hereingeschneit aussehe. So viel Verdru§ ich auch hierŸber empfand, sah ich doch anfangs nicht, wie ich mir helfen sollte. Als aber Herr von Masuren, der so beliebte poetische Dorfjunker, einst auf dem Theater in einer Šhnlichen Kleidung auftrat, und mehr wegen seiner Šu§eren als inneren Abgeschmacktheit herzlich belacht wurde, fa§te ich Mut und wagte, meine sŠmtliche Garderobe gegen eine neumodische, dem Ort gemŠ§e auf einmal umzutauschen, wodurch sie aber freilich sehr zusammenschrumpfte.

Nach dieser Ÿberstandenen PrŸfung sollte abermals eine neue eintreten, welche mir weit unangenehmer auffiel, weil sie eine Sache betraf, die man nicht so leicht ablegt und umtauscht.

Ich war nŠmlich in dem oberdeutschen Dialekt geboren und erzogen, und obgleich mein Vater sich stets einer gewissen Reinheit der Sprache befli§ und uns Kinder auf das, was man wirklich MŠngel jenes Idioms nennen kann, von Jugend an aufmerksam gemacht und zu einem besseren sprechen vorbereitet hatte, so blieben mir doch gar manche tiefer liegende Eigenheiten, die ich, weil sie mir ihrer NaivetŠt wegen gefielen, mit Behagen hervorhob, und mir dadurch von meinen neuen MitbŸrgern jedesmal einen strengen Verweis zuzog. Der Oberdeutsche nŠmlich, und vielleicht vorzŸglich derjenige, welcher dem Rhein und Main anwohnt (denn gro§e FlŸsse haben, wie das Meeresufer, immer etwas Belebendes),


drŸckt sich viel in Gleichnissen und Anspielungen aus, und bei einer inneren menschenverstŠndigen TŸchtigkeit bedient er sich sprŸchwšrtlicher Redensarten. In beiden FŠllen ist er šfters derb, doch, wenn man auf den Zweck des Ausdruckes sieht, immer gehšrig; nur mag freilich manchmal etwas mit unterlaufen, was gegen ein zarteres Ohr sich anstš§ig erweist.

Jede Provinz liebt ihren Dialekt: denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schšpft. Mit welchem Eigensinn aber die mei§nische Mundart die Ÿbrigen zu beherrschen, ja eine Zeitlang auszuschlie§en gewu§t hat, ist jedermann bekannt. Wir haben viele Jahre unter diesem pedantischen Regimente gelitten, und nur durch vielfachen Widerstreit haben sich die sŠmtlichen Provinzen in ihre alten Rechte wieder eingesetzt. Was ein junger lebhafter Mensch unter diesem bestŠndigen Hofmeistern ausgestanden habe, wird derjenige leicht ermessen, der bedenkt, da§ nun mit der Aussprache, in deren VerŠnderung man sich endlich wohl ergŠbe, zugleich Denkweise, Einbildungskraft, GefŸhl, vaterlŠndischer Charakter sollten aufgeopfert werden. Und diese unertrŠgliche Forderung wurde von gebildeten MŠnnern und Frauen gemacht, deren †berzeugung ich mir nicht zueignen konnte, deren Unrecht ich zu empfinden glaubte, ohne mir es deutlich machen zu kšnnen. Mir sollten die Anspielungen auf biblische Kernstellen untersagt sein, sowie die Benutzung treuherziger ChronikenausdrŸcke. Ich sollte vergessen, da§ ich den Geiler von Kaisersberg gelesen hatte, und des Gebrauchs der SprŸchwšrter entbehren, die doch, statt vieles Hin- und Herfackelns, den Nagel gleich auf den Kopf treffen; alles dies, das ich mir mit jugendlicher Heftigkeit angeeignet, sollte ich missen, ich fŸhlte mich in meinem Innersten paralysiert und wu§te kaum mehr, wie ich mich Ÿber die gemeinsten Dinge zu Šu§ern hatte. Daneben hšrte ich, man solle reden wie man schreibt, und schreiben wie man spricht; da mir Reden und Schreiben ein fŸr allemal zweierlei Dinge schienen, von denen jedes wohl seine eignen Rechte behaupten mšchte. Und hatte ich doch auch im Mei§ner Dialekt man-


ches zu hšren, was sich auf dem Papier nicht sonderlich wŸrde ausgenommen haben.

Jedermann, der hier vernimmt, welchen Einflu§ auf einen jungen Studierenden gebildete MŠnner und Frauen, Gelehrte und sonst in einer feinen SozietŠt sich gefallende Personen so entschieden ausŸben, wŸrde, wenn es auch nicht ausgesprochen wŠre, sich sogleich Ÿberzeugt halten, da§ wir uns in Leipzig befinden. Jede der deutschen Akademien hat eine besondere Gestalt: denn weil in unserem Vaterlande keine allgemeine Bildung durchdringen kann, so beharrt jeder Ort auf seiner Art und Weise und treibt seine charakteristischen Eigenheiten bis aufs letzte, eben dieses gilt von den Akademien. In Jena und Halle war die Roheit aufs hšchste gestiegen, kšrperliche StŠrke, Fechtergewandtheit, die wildeste SelbsthŸlfe war dort an der Tagesordnung; und ein solcher Zustand kann sich nur durch den gemeinsten Saus und Braus erhalten und fortpflanzen. Das VerhŠltnis der Studierenden zu den Einwohnern jener StŠdte, so verschieden es auch sein mochte, kam doch darin Ÿberein, da§ der wilde Fremdling keine Achtung vor dem BŸrger hatte und sich als ein eignes, zu aller Freiheit und Frechheit privilegiertes Wesen ansah. Dagegen konnte in Leipzig ein Student kaum anders als galant sein, sobald er mit reichen, wohl und genau gesitteten Einwohnern in einigem Bezug stehen wollte.

Alle Galanterie freilich, wenn sie nicht als BlŸte einer gro§en und weiten Lebensweise hervortritt, mu§ beschrŠnkt stationŠr und aus gewissen Gesichtspunkten vielleicht albern erscheinen; und so glaubten jene wilden JŠger von der Saale Ÿber die zahmen SchŠfer an der Plei§e ein gro§es †bergewicht zu haben. ZachariŠs "Renommist" wird immer ein schŠtzbares Dokument bleiben, woraus die damalige Lebens - und Sinnesart anschaulich hervortritt; wie Ÿberhaupt seine Gedichte jedem willkommen sein mŸssen, der sich einen Begriff von dem zwar schwachen, aber wegen seiner Unschuld und Kindlichkeit liebenswŸrdigen Zustande des damaligen geselligen Lebens und Wesens machen will.


Alle Sitten, die aus einem gegebenen VerhŠltnis eines gemeinen Wesens entspringen, sind unverwŸstlich, und zu meiner Zeit erinnerte noch manches an ZachariŠs Heldengedicht. Ein einziger unserer akademischen MitbŸrger hielt sich fŸr reich und unabhŠngig genug, der šffentlichen Meinung ein Schnippchen zu schlagen. Er trank SchwŠgerschaft mit allen Lohnkutschern, die er, als wŠren's die Herren, sich in die Wagen setzen lie§ und selbst vom Bocke fuhr, sie einmal umzuwerfen fŸr einen gro§en Spa§ hielt, die zerbrochenen Halbchaisen, sowie die zufŠlligen Beulen zu vergŸten wu§te, Ÿbrigens aber niemanden beleidigte, sondern nur das Publikum in Masse zu verhšhnen schien. Einst bemŠchtigte er und ein Spie§gesell sich, am schšnsten Promenadentage, der Esel des ThomasmŸllers, sie ritten wohl gekleidet, in Schuhen und StrŸmpfen mit dem grš§ten Ernst um die Stadt, angestaunt von allen SpaziergŠngern, wo von denen das Glacis wimmelte. Als ihm einige Wohldenkende hierŸber Vorstellungen taten, versicherte er ganz unbefangen, er habe nur sehen wollen, wie sich der Herr Christus in einem Šhnlichen Falle mšchte ausgenommen haben. Nachahmer fand er jedoch keinen und wenig Gesellen.

Denn der Studierende von einigem Vermšgen und Ansehen hatte alle Ursache, sich gegen den Handelsstand ergeben zu erweisen, und sich um so mehr schicklicher Šu§erer Formen zu beflei§igen, als die Kolonie ein Musterbild franzšsischer Sitten darstellte. Die Professoren, wohlhabend durch eignes Vermšgen und gute PfrŸnden, waren von ihren SchŸlern nicht abhŠngig, und der Landeskinder mehrere, auf den FŸrstenschulen oder sonstigen Gymnasien gebildet und Befšrderung hoffend, wagten es nicht, sich von der herkšmmlichen Sitte loszusagen. Die NŠhe von Dresden, die Aufmerksamkeit von daher, die wahre Fršmmigkeit der Oberaufseher des Studienwesens konnte nicht ohne sittlichen, ja religišsen Einflu§ bleiben.

Mir war diese Lebensart im Anfange nicht zuwider; meine Empfehlungsbriefe hatten mich in gute HŠuser ein-


gefŸhrt, deren verwandte Zirkel mich gleichfalls wohl aufnahmen. Da ich aber bald empfinden mu§te, da§ die Gesellschaft gar manches an mir auszusetzen hatte, und ich, nachdem ich mich ihrem Sinne gemŠ§ gekleidet, ihr nun auch nach dem Munde reden sollte, und dabei doch deutlich sehen konnte, da§ mir dagegen von alledem wenig geleistet wurde, was ich mir von Unterricht und Sinnesfšrderung bei meinem akademischen Aufenthalt versprochen hatte, so fing ich an lŠssig zu werden und die geselligen Pflichten der Besuche und sonstigen Attentionen zu versŠumen, und ich wŠre noch frŸher aus allen solchen VerhŠltnissen herausgetreten, hŠtte mich nicht an Hofrat Bšhmen Scheu und Achtung und an seine Gattin Zutrauen und Neigung festgeknŸpft. Der Gemahl hatte leider nicht die glŸckliche Gabe, mit jungen Leuten umzugehen, sich ihr Vertrauen zu erwerben und sie fŸr den Augenblick nach BedŸrfnis zu leiten. Ich fand niemals Gewinn davon, wenn ich ihn besuchte; seine Gattin dagegen zeigte ein aufrichtiges Interesse an mir. Ihre KrŠnklichkeit hielt sie stets zu Hause. Sie lud mich manchen Abend zu sich und wu§te mich, der ich zwar gesittet war, aber doch eigentlich, was man Lebensart nennt, nicht besa§, in manchen kleinen €u§erlichkeiten zurecht zu fŸhren und zu verbessern. Nur eine einzige Freundin brachte die Abende bei ihr zu; diese war aber schon herrischer und schulmeisterlicher, deswegen sie mir Šu§erst mi§fiel und ich ihr zum Trutz šfters jene Unarten wieder annahm, welche mir die andere schon abgewšhnt hatte. Sie Ÿbten unterdessen noch immer Geduld genug an mir, lehrten mich Piquet, L'hombre und was andere dergleichen Spiele sind, deren Kenntnis und AusŸbung in der Gesellschaft fŸr unerlŠ§lich gehalten wird.

Worauf aber Madame Bšhme den grš§ten Einflu§ bei mir hatte, war auf meinen Geschmack, freilich auf eine negative Weise, worin sie jedoch mit den Kritikern vollkommen Ÿbereintraf. Das Gottschedische GewŠsser hatte die deutsche Welt mit einer wahren SŸndflut Ÿberschwemmt, welche sogar Ÿber die hšchsten Berge hinaufzusteigen drohte. Bis sich eine solche