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verlorenerkrieg.html 04.05.2011

Inform Verlag GmbH

Verlorener Krieg

Helmar Kloss
                                                            
    Ich bin mit dem Bewußtsein aufgewachsen, daß “wir den Krieg verloren hatten”. Mit vier Jahren wußte ich nicht genau, wer “wir” war, aber ich gehörte leider dazu. Und was “Krieg” war, wußte ich auch nicht so richtig, hatte aber einiges selbst erfahren, - zumindest in Ansätzen, und die hatten mir gereicht. Was “einen Krieg verlieren” heißt, wußte ich zwar auch nicht so genau, aber was es bedeutete, der Verlierer zu sein, konnte ich jeden Tag auf der Straße erleben: Man steckte Prügel ein! Je nach Lust und Laune des Überlegenen mal mehr, mal weniger. Und man durfte sich nicht einmal wehren, denn dann gab es noch mehr Prügel. “Verlierer” zu sein hieß: Kein Mensch zu sein, wie die anderen. Man hatte verschissen und war beschissen dran. Natürlich gab es Tricks, mit denen man sich wehren konnte. Meine wichtigste Masche war, mit meinem großen Bruder zu drohen. Manchmal zog sie, meistens zog sie nicht. Ich kannte meinen großen Bruder auch garnicht. Das heißt, ich konnte mich nicht an ihn erinnern. Aber meine Mutter konnte es und tat es dauernd. Auch meine Tante, die bei uns wohnte, sprach viel von ihm. Er mußte eine Art Wundertier sein. Und wenn ich auf der Straße von diesen Informationen Gebrauch machte, machte ich ihn noch wundertieriger. Der beste Trick war aber folgender: wegrennen! Und da ich gut rennen konnte – schneller als fast alle anderen auf der Straße – hatte ich gute Karten, wenn ich rechtzeitig die Flucht ergriff. Viel hing allerdings davon ab, ob Mutter oder Tante Frieda die Wohnungstür rechtzeitig aufmachten, denn sonst bezog ich die Prügel kurz vor der Rettung, und das war besonders schmerzlich.  

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